Das Noch-Nicht-Totenbuch



Das sogenannte „Tibetische Totenbuch“ erfreut sich in esoterischen Kreisen hoher Beliebtheit. Allerdings in Übertragungen, die mit dem Original oft nur noch wenig zu tun haben, denn jenes ist alles andere als leicht genießbar.

Warum sollten wir das nicht auch einmal machen? Dachten wir uns und schrieben die heutige Hör-Geschichte, die mit dem alten, tibetischen Text rein gar nichts mehr zu tun hat.

Denn: Kann es wirklich sein, dass wir wiedergeboren werden? Und müssen wir auf dem Weg dorthin wirklich alles Negative noch einmal hören, was je über uns gesagt wurde? Was würde das wohl mit uns machen?


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Tashi Yudon


Wegen der DSVGO ist uns eine eigene Kommentarfunktion zu zeitaufwändig.
Ihr könnt diesen Artikel unter diesem Facebook-Post oder diesem Tweet kommentieren. (Link folgt noch…)


Skript zur Sendung

FA: „Kein böses Wort, das einmal gesagt, bleibt ohne Wirkung. Kein Gedanke der Missgunst ist je vergessen. Ablehnung hat ein Echo. Neid und Eifersucht schlagen ewige Wurzeln.“

HW: Zwei Wochen Arbeit für diese vier albernen Sätze! Und wie plump sie das ausgedrückt hatte! Das würde sie nie schaffen! Die Übersetzung des Bardo Thödröl würde noch Jahre dauern!

In Tibet war eine Abschrift der Tibetischen Totenbuchs aufgetaucht, die um das Jahre Null unserer Zeitrechnung geschrieben war. Damit war es nicht nur 800 Jahre jünger als die bisher bekannte Version, sondern wahrscheinlich der älteste buddhistische Text überhaupt.

Der Ausdruck „Totenbuch“, den wir benutzen, ist nur eine sehr oberflächliche Übersetzung. Bardo Thödröl müsste man eigentlich mit „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“ übersetzen. Aber das geht natürlich nicht. Kann man nicht machen.

FA: „Um sie zu verbrennen, wirst Du sie wieder hören. Alle bösen Wörter, die jemals gesagt wurden. Jeden Gedanken der Missgunst. Und Neid und Eifersucht.“

HW: Konnte man das wirklich so übersetzen? Wörter und Gedanken, die verbrennen? War das nicht ein bisschen zu nahe am christlichen Fegefeuer? Dabei hatten die tibetischen Vorstellungen rein gar nichts zu tun mit den Erfindungen von Papst Gregor.

Vor der Erfindung des Fegefeuers waren die Christen eher von einer Art Tiefkühltruhe ausgegangen, in der die Seelen bis zum Jüngsten Gericht warten. Refrigerium heißt das bei Tertullian.

Aber sie schweifte schon wieder mit den Gedanken ab. Weil sie einfach zu dumm war für diesen Text! Also. Noch ein letzter Versuch heute:

FA: „Nach Deinem Tod wirst Du alles Schlechte, was über Dich gesagt wurde, noch einmal hören, um Dich davon zu reinigen.“

HW: Neee… Das war zu weit vom Text entfernt! Zu umgangssprachlich. Und das mit dem Reinigen ist ja schon wieder so ein jüdisch-christliches Ding, oder?

Das war das Grundproblem mit dem Bardo Thödröl. Es ist einfach einer der sehr seltenen Texte, die wir besitzen, indem explizit vom Sterben, dem Leben nach dem Tod und der Wiedergeburt gesprochen wird.

Diese Texte wurden im frühen tibetischen Buddhismus bei der Sterbebegleitung gelesen, damit die Seele sich nach dem Tod besser zurechtfindet, sozusagen. Aber das wäre wieder zu umgangssprachlich ausgedrückt.

Sie saß wohl schon zu lange an diesem Text. Und war wahrscheinlich auch zu müde, um das heute noch zu packen. Wenn sie das überhaupt kann…

Aber, ein Versuch geht noch. Also, komm, was will der Text eigentlich sagen?

FA: „Bevor Du wirklich gehen darfst, musst Du alles Negative, was jemals über Dich gesagt wurde, noch einmal hören.“

SFX: Trenner

HW: Es war gar nicht schlimm gewesen, am Schreibtisch zu sterben, dachte sie sich kurz, als sie ihren Leib verließ und ihren Körper betrachtete. Einfach kollabiert über den getrockneten Palmblättern.

Sie hatte nichts gespürt! Tut denn so ein Herzinfarkt nicht furchtbar weh?

Gibt’s da nicht sogar einen Ausdruck dafür? „Herzpanik“ oder „Herzenge“ oder so…

Während sie sich von ihrem Körper fortbewegte, wurde das Licht um sie herum immer heller. Und auf einmal hatte sie den Wunsch, sich zum Licht zu drehen und die ganze Fülle der gleißenden Wärme in sich aufzusaugen.

FA: „Mein Gott! Wie kann man nur so fette Beine haben? Kaum Schultern, kaum Oberweite, aber Beine wie Baumstämme! Du brauchst Dir echt nie mehr eine Jeans zu kaufen, Du blöde Kuh!“

HW: Auf einmal übermannten sie böse Worte. Diese Missgunst und diese Abscheu ihr gegenüber! Ihrem Körper gegenüber. Da war jemand, der sie wirklich für abstoßend hässlich hielt!

Und sie erkannte auch genau, wer diese Worte gesprochen hat.

Das war sie selber gewesen. Vor dem Spiegel.

Wie alt war sie damals gewesen? Dreizehn? Vierzehn?

FA: „Kein Wunder, dass Dich keiner beachtet! Schau Dir die Sabine an! Die hat’s drauf! Die kann blitzschnell witzig antworten und alle lachen. Und wenn Du was sagst, dann dauert das drei Minuten! Weil Du halt doof bist!“

HW: Auch diese Worte verletzten sie so tief wie beim ersten Mal. Und auch das waren Worte, die sie selber über sich gesagt hatte.

Und weiter strömte das Negative durch sie hindurch. Kein böses Wort, das einmal gesagt ist, bleibt ohne Wirkung. Ablehnung hat ein Echo. Kein Gedanke der Missgunst wird je vergessen!

FA: „So kannst Du das Haus nicht verlassen! Wie schaust Du denn aus? Mein Gott, planst Du Dein Geld als Nutte zu verdienen! Wie wenn es bei Dir da etwas Hübsches zu entdecken gäbe – über dich lachen ja die Leute!“

HW: Das war ihre Mutter. Und das war böse. Richtig böse. Damals hatte sie das gar nicht so empfunden. „Sie macht sich halt Sorgen um mich“ – das war es, was sie gedacht hatte.

FA: „Warum musst Du Dich eigentlich immer so anziehen, dass alle Leute im Dorf sich das Maul zerreißen? Du machst uns hier nur zum Gespött der Leute! Wir sind doch keine dahergelaufenen Zigeuner! Hast du denn keinerlei Geschmack?

Wieder Mutter. Wieder böse. Warum hatte sie diese Worte nur gesagt? Das waren keine gut gemeinten Ratschläge gewesen! Es ging gar nicht um sie, sondern es ging Mutter eigentlich nur um Mutter!

FA: „Mein Gott, wie Du wieder ausschaust! Du hast echt keinerlei Geschmack! Du solltest lieber aufpassen, dass keiner bemerkt, wie scheiße Du ausschaust!“

HW: Hoppla! Das war aber nicht Mutter! Das war wieder sie selber! Das waren beinahe genau die gleichen Wörter, die ihre Mutter benutzt hatte? Warum betete sie denn diesen Unsinn nach?

FA: „Wenn Du immer so laut lachst und deinen Mund so weit aufreißt, wirst Du niemals für einen Mann attraktiv sein! Du bist doch kein Bierkutscher! Du bist doch eine Frau! Bewege Dich ein bisschen eleganter!“

HW: Das war Sabine. Das war ihre beste Freundin gewesen, als sie um die achtzehn war. Und auch diese Worte hatte sie damals nicht als negativ empfunden. Das waren doch nur Ratschläge! Sabine war attraktiv und die Jungs umschwärmten sie: Da konnte sie schon das eine oder andere lernen!

FA: „Mein Gott, jetzt ist er wieder weg! Musstest Du so bescheuert über seine Witzchen lachen! Jetzt hast Du den mit deinem Bierkutscher-Wiehern auch wieder vertrieben! Du bist so ein Trampel!“

HW: O.k. Langsam verstand sie, was ihr widerfuhr. Denn das war wieder ihre eigene Stimme. Das war wieder sie selber, die über sich urteilte.

Sie versank in all diesen Worten, die sie umgaben, als ob ihre eigene Verzweiflung ein Sumpf wäre.

Der Strom an Bösem und Negativem riss nicht ab und sie drohte schier zu ersticken. Doch, immerhin: Die Stimme ihrer Mutter wurde seltener.

Doch da war schon eine neue, andere Stimme.

FA: „Ich kann es wirklich nicht mehr ertragen, dass Du die ganze Zeit an mir rumnörgelst! Passt Dir eigentlich auch irgendetwas, was ich mache? Du bist genauso biestig wie Deine Mutter!“

HW: Diese neue Stimme war David. Kommilitone, Freund, Liebhaber und am Ende auch ihr erster Ehemann.

FA: „Jetzt reiß‘ Dich aber am Riemen – kannst froh sein, dass Du David hast! Willst Du wirklich einen Streit vom Zaun brechen, bloß weil er mit seinen dreckigen Schuhen ins Wohnzimmer gelatscht ist! Du bist wirklich schon so verbittert wie Deine Mutter!

HW: Das war sie wieder selber. Und das Gewicht der eigenen Worte drückte sie tiefer in den Sumpf, als David das jemals hätte tun können.

FA: „Wenn Du mich schon fragst: Ich glaube, mit der Entbindung sind die Tage vorbei, an denen Du einen Bikini tragen kannst!

HW: David wieder! Mein Gott, drehen sich alle bösen Erinnerungen wirklich um ihr Aussehen!

Sie war etwas entsetzt, dass sie so… so…

FA: „Oberflächlich! Das ist es, was Du bist! Mein Gott, drehen sich eigentlich alle Deine Gedanken um Dein Aussehen? Hast Du nicht wirklich genug andere Problem, Du eitle Gans!“

HW: Moment! Das war sie wieder selber. Was passiert denn da? Drehte sie sich schon im Kreis?

FA: „Immer sagst Du alles, was Du denkst, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was das bedeutet! Wenn ich Dich nicht besser kennen würde, würde ich denken, Du bist oberflächlich!“

HW: David wieder. Klar.

FA: „Mein Gott! Pass halt auf, was Du sagst! Du wirst genauso ein Waschweib wie Deine Mutter, wenn Du nicht aufpasst! Du solltest lieber froh sein, dass Du einen Mann wie David abgekriegt hast! Reiß Dich halt am Riemen!“

HW: Sie selber wieder. Klar.

FA: „Das solltest Du wirklich machen, wenn Du das willst. Ich stehe voll und ganz hinter Dir. Aber ist das nicht ein bisschen viel, was Du Dir da vorgenommen hast? Kann man Alt-Tibetisch in Zeiten des Internet nicht genauso in Düsseldorf studieren? Ich weiß nicht, ob Du das schaffst, alleine zwei Jahre in Tibet. Du bist ja schon eher der zerbrechliche Typ!“

HW: David.

FA: „Das packst Du nie! Niemals! Wie kommst Du nur immer auf so blöde Ideen! Und wenn Du dann zwei Jahre weg bist, dann wird sich David natürlich Ersatz suchen. Und bemerken, dass Du in Wirklichkeit eine Versagerin bist. Dann hast Du doppelt verloren!“

HW: Sie selber wieder.

Als sie weiter durch die Zeit treibt, werden die Stimmen von David wieder leiser. So wie vorher die Stimmen ihrer Mutter. Nach der Scheidung und ihrem Abschluss brauchte sie David auch nicht mehr. So wie sie ihre Mutter nicht mehr brauchte.

Denn sie hatte gut aufgepasst. Sie hatte alles auswendig gelernt.

Und jedes böse Wort, das einmal gesagt wurde, hatte Wirkung gezeigt. Keinen Gedanken der Missgunst hatte sie vergessen. Die Ablehnung hatte ein Echo gefunden – in ihr selber. Neid und Eifersucht hatten Wurzeln geschlagen – in ihr – und würden sie auf ewig begleiten.

Und sie versank im Sumpf aus Verzweiflung.

(leise) Vielleicht musste sie dann wenigstens nie mehr etwas hören.

Unbarmherzig fuhr der Chor in ihrem Kopf fort.

Lauter und lauter:

FA: „Ich bin nicht gut genug!

Ich schaffe das nie! Das kann Ich nieeemals!

Die anderen müssen immer gut von mir denken, immer!

Ich bin hässlich!

Ich bin einfach nur dumm!

Keiner braucht mich! Mich kann einfach keiner lieben!

Das Leben ist zu schwer! Zu unfair! Ich habe immer nur Pech!

Ich gebe auf! Das einzig Vernünftige ist: Ich gebe einfach auf!

SFX: Trenner

HW: Als sie wieder aufwachte, fühlte sie sich wie eine Ertrunkene. Wie erstickt und erdrückt.

Doch da war etwas anderes.

Das hier war ihr Schreibtisch. Sie lebte!

Plötzlich erfüllte sie ein stilles Glück, wie sie es noch nie gespürt hatte.

Für eine einzige, kleine Sekunde war alles perfekt! Oder für zwei. Oder drei.

In ihr war eine neue Quelle, aus der vorsichtig etwas Neues tropfte: Freude!

Schnell, bevor sie den Traum wieder vergaß!

Sie schnappte einen Stift und machte Notizen. Für sich selber. An sich selber:

FA:

„Wenn Du Dich wieder schlecht fühlst, dann erinnere Dich wieder an den Traum vom 8.November 2018:

Die Stimme in Deinem Kopf, die Dir alle diese schlechten Dinge über Dich erzählt, ist nicht echt! Sie erzählt nicht die Wahrheit!

Du hast alles gehört, was jemals Schlechtes über Dich gesagt wurde und Du hast gelernt, dass das alles nicht wahr ist. Höre nicht zu!

Erinnere Dich:

Du musst nicht aufgeben.

Das Leben ist nicht zu schwer, es gibt Freude.

Du wirst gebraucht und geliebt, es gibt Vertrauen.

Du bist wunderschön und weise!

Kümmere Dich nicht darum, was andere über Dich denken!

Du schaffst das! Du kannst das!

Sei das was du bist!

Du bist genug!

HW: Erleichtert lässt sie den Stift fallen und schaut auf ihre Notizen.

Als sie sich umschaut, entgeht ihr nicht, dass sie in ihrem totengleichen Schlaf wohl auf ein Palmblatt des 2000 Jahre alten Bardo Thödröl gesabbert hat.

Doch statt sich zu schämen, muss sie lachen.

Wie ein Bierkutscher.

Dann hat sie auf einmal eine Idee! Diese Texte ließen sich wahrscheinlich nur direkt an der Quelle übersetzen! Sie würde nach Tibet fahren. Jetzt. Oder vielleicht morgen.

Und so entfernt sie den Sabber vom Totenbuch, packt alles vorsichtig zusammen und denkt über ihren Traum nach. Bevor sie ins Bett geht, schreibt sie noch eine Zeile in ihre Notizen an sich selber:

FA: „Ohne Wirkung kann ein Wort nicht böse sein. Ohne Erinnerung vergehen Gedanken der Missgunst. Ein Echo ist nie gesprochen worden. Wurzeln sind kein Baum.“

HW: „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“ – das machte tatsächlich Sinn!