Tot oder/und lebendig



Manchmal, wenn wir so eine Geschichte ausgraben, schaudert’s uns beide. Denn viele der Erfahrungen, die Menschen gemacht haben, sind aus heutiger Sicht unglaublich grausam.

In Schottland gibt es besonders viele dieser Geschichten, denn dort war das Leben eigentlich nie besonders leicht oder einfach. Man trotzte sich in dieser Landschaft das Leben von der Natur ab.

Maggie Dickson hat eine besondere Geschichte zu erzählen – die auch grausam ist – aber mit einer Art von Happy End: Denn Maggie ist am Ende ihrer Erzählung die freieste Frau Schottlands!


Link: Homepage von Clanadonia
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Clanadonia“ von Clanadonia


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Skript zur Sendung

FA: (aus dem Off) Hey, Sie da! Der lange Engländer!
HW: (ins Off) Meinen Sie mich?

FA: (außer Atem) Ja, Sie meine ich! Sie sind doch der Engländer!
HW: Ja, ich bin Engländer, so viel ist richtig, Gnädigste.

FA: Sie sind doch der verrückte Engländer, der Leuten Geld gibt für Lieder und Geschichten, oder?

HW: Mein Name ist Edward Alexander. Und ich bin Engländer, weil ich in England geboren bin. Und ich pflegte für eine gute Geschichte oder eine Legende oder ein Volkslied einen Schilling zu zahlen. Weil ich das dann mithilfe eines Phonographen aufgezeichnet habe, um es…

FA: Was für’n Ding?
HW: Ein Phonograph? Das ist eine Maschine aus Amerika, mit der man Sprache und Musik aufzeichnen kann und dann wieder abspielen!
FA: Ach, das Ding! Genau! Du bist der verrückte Engländer!

HW: Na gut. Ich gebe mich geschlagen. Darf ich fragen, wer Sie sind?
FA: Ich? Ich bin „Half Hangin‘ Maggie“! Ich bin eine Berühmtheit! Stimmt’s. Leute?

SFX: ambient_crowd_yes

FA: Siehst Du, verrückter Engländer? Ich bin eine Berühmtheit. Weil ich die verdammt beste Geschichte zu erzählen habe, die Du mit Deinen Segelohren je gehört hast!
HW: Das tut mir leid, das ist ein Mißverständnis! Ich habe aufgehört, schottisches Volksgut aufzuzeichnen. Und speziell hier, in Musselburgh, fange ich sicher nicht wieder damit an. So toll kann ihre Geschichte gar nicht sein.

FA: Was? Aber der dicke Sly hat gesagt, er hat von Dir sogar fünf Shilling gekriegt, für Lieder, die er sich extra für Dich ausgedacht hat! Da wird doch meine Geschichte mindestens genauso viel bringen!
HW: Das hat der dicke Sly gesagt – keine Ahnung, wer das ist – aber das bringt das Problem auf den Punkt. Ich habe versucht, das schottische Erbe an Liedern, Geschichten, Sagen, Mythen und Legenden aufzuzeichnen. Um es für die Nachwelt zu bewahren.

FA: Sehr löblich das! Das ist sehr löblich. Speziell für einen Engländer!
HW: Vielen Dank, äh… Maggie. Vielen Dank. Aber leider bin ich damit gescheitert.
FA: Ja, was? Ist Dein Punograf kaputt gegangen?
HW: Nein, es handelte sich nicht um ein technisches Problem, eher um ein schottisches.

FA: Meinste, weil wir so komisch reden, hat uns kein Engländer verstanden?
HW: Nein, ich meine, es war mir nicht möglich, echte Legenden und Lieder und Geschichten aufzuzeichnen, weil sich die Leute in einer Tour irgendetwas haben einfallen lassen, um den Shilling zu kassieren. Ratsch, Tratsch, Unsinn – alles nicht authentisches Volksgut! Wie der dicke Sly eben!

FA: Verstehe! So eine Geschichte muss also wahr sein?
HW: Das wäre nicht schlecht. Und wenn nicht wahr, dann wenigstens alt, wenn sie verstehen, was ich meine. Rotkäppchen ist ja nicht wahr, aber trotzdem eine sehr alte, keltische Erzählung.
FA: Ich verstehe Dich, Engländer. Da hast Du heute spezielles Glück. Denn Du siehst in der kleinen, betrunkenen Frau vor Dir eine lebende Legende. Und meine Geschichte ist auch noch wahr!

HW: Gnädigste, ich glaube Ihnen, dass Sie ihre Geschichte für faszinierend halten. Aber ich habe für dieses Projekt schon zu viel Geld verschwendet, es tut mir leid!

FA: Nun gib‘ mal nicht so schnell auf, Engländer! Meine Geschichte ist unschlagbar! Und ich erzähle sie Dir. Nicht für einen Shilling, das wäre zu wenig. Sondern für einen Pfund! So gut ist die!

HW: Ich soll Ihnen das Vierfache geben, was ich dem dicken Sly gegeben habe? Der hat sich mit seinen erfundenen Kinderliedern wenigstens ein bisschen Mühe gegeben! Sie aber haben nur eine Geschichte und die ist nicht einmal alt!
FA: Aber dafür wahr! Und in hundert Jahren wird da draussen, vor diesem Pub eine Statue stehen, auf der dann draufgeschrieben ist: Hier hat die berühmte „Half Hangin‘ Maggie“ ihr Bier getrunken!

HW: Was sollte denn an der Geschichte eines Fischerweibs so spanndend sein, dass es ein Denkmal wert ist?
FA: Das ist ganz einfach. Denn ich, verrückter Engländer, ich bin die erste Frau, mit der Du redest, die tot ist. Und das mit amtlichem Siegel!

HW: Sie schauen in meinen Augen sehr lebendig aus, Gnädigste.
FA: Wenn ich’s Dir sag‘! Ich bin erhängt worden und bin jetzt tot. Und trotzdem steh‘ ich jetzt vor Dir und will zwei Pfund für meine Geschichte!

HW: Moment! So haben wir nicht gewettet! Ein Pfund! Und ich möchte die Geschichte jetzt hören, bevor wir sie dann aufzeichnen.
FA: Na gut. Ein Pfund. Aber den krieg ich vorher!

HW: Auf keinen Fall. Ich geben Ihnen fünf Shilling vorher. Und fünfzehn, wenn mir die Geschichte gefällt. Aber ich will sie jetzt hören.
FA: Na gut. Weil Du so schön fragen kannst. Dann erzähle ich Dir meine Geschichte. Ob wohl noch ein Pint Ale zu dem Deal gehört?

HW: (ins Off) Zwei Pint Ale für mich und die Lady hier, bitte!

FA: Na gut. Meine Geschichte ist die Geschichte einer armen aber immer ehrbaren, schottischen Seemannsfrau. Sie müssen wissen, Engländer, für uns bist Du hier vor allem eines: Ein reicher Mann!

Wir leben hier in Musselburgh schon seit Anbeginn der Zeit vom Meer. Vom Fischfang. Und viel hat sich seither auch nicht geändert. Auf jeden Fall nicht unsere Sitten und Gesetze. Als ich ein kleines Mädchen war, gab es noch kein Großbrittannien. Schottland gehört zur Union, da war ich sieben. Aber das hat hier genau überhaupt nichts geändert. Unsere Sitten und Gebräuche sind so alt, wie es wir Schotten selber sind.

Und ich habe mich immer an diese Gebräuche gehalten. So wie es sich gehört! Unsere Sitten sind manchmal sehr hart und gemein, aber manchmal auch gerecht. Erklär‘ ich Dir noch.

Kaum war ich erwachsen, habe ich auf jeden Fall geheiratet, einen kräftigen und sehr treuen lieben Mann. Das waren glückliche Tage, als wir jung waren. Natürlich war das keine Liebesheirat, wie bei Romeo und Julia, das kannst Du Dir ja denken, Engländer.

Aber wir haben uns trotzdem geliebt. Die Liebe kam mit der Übung. Und wir haben dann auch viel geübt, wenn Du verstehst, was ich meine, Engländer. Wir haben so viel geübt, dass ich in vier Jahren drei Kinder bekam. Jetzt verstehst Du besser, was ich meine, oder?

Ooch! Da musst Du doch keine roten Ohren bekommen! Ihr Protestanten seid immer so prüde! Wenn man verheiratet ist, dann darf man so viel Liebe üben, wie man will. Man darf nicht wollüstig werden, das nicht, weil das ist ein Todsünde! Aber ein bisschen Spaß darf man schon haben. Darfst Du doch auch, oder?

HW: Äh…

FA: Na, Du mußt ja nicht antworten. Aber kaum waren die Kleinen aus dem Allergröbsten raus, war ich sozusagen Witwe.

HW: Das tut mir leid zu hören…

FA: Nein, keine Angst. Nicht so richtig Witwe. Ein Nachteil von diesem vermaledeiten Großbritannien – tut mir leid, dass zu sagen, Engländer – ist ja, dass wir jetzt auch in eure Kriege ziehen müssen. Und deswegen werden immer gute Seemänner gesucht. So wie mein Johnny.

Aber freiwillig hat er sich nicht gemeldet, um auf so einem beschissenen Kriegsschiff zu dienen, das kann ich Dir aber schriftlich geben! Einen Scheiß hat er sich gemeldet! Versteckt haben wir ihn sogar. In Tauen und Netzen.

Aber die verdammten Rotröcke haben ihn gefunden und mitgeschleppt. Für den Dienst am Vaterland. Pah! Dass ich nicht lache! Dienst am Vaterland macht man im Vaterland und nicht in Amerika, wenn Du mich frägst, Engländer! Einen Scheiß gebe ich auf Dein Empire!

HW: Das ist nicht wirklich MEIN Empire, Gnädigste, nicht jeder Engländer ist mit jeglicher Politik der Krone völlig im Einklang, müssen Sie…

FA: Keine Ahnung, was Du meinst. Aber unterbrich‘ mich nicht dauernd! Das wird schon noch sehr spannend. Habe ich Dir eigentlich schon von dem Schandstuhl erzählt?

HW: Nein. Keine Silbe.

FA: Das ist auch so eine alte Sitte. Das ist ein einzelner Schemel in der Kirche. Der steht weit weg von den Bänken. Und wer da sitzt, der nimmt nicht an der Kommunion teil. Sondern, auch nicht gut, der ist das Thema in der Predigt. Nee, das klingt zu harmlos.

Der wird in der Predigt nach allen Regeln der Predigerkunst zur Sau gemacht. So klein mit Hut kommen die Frauen da raus. Die kuckt danach keiner mehr an.

Und nach dem Gottesdienst muss man da sitzen bleiben. Und jeder in der Gemeinde darf kommen und einen auch zur Sau machen, verstehst Du, Engländer? Und die dürfen Dich anspucken und ohrfeigen und Dich beschimpfen, ganz wie sie lustig sind, verstehst Du, Engländer?

Danach gehörst Du nicht mehr richtig dazu. Jeder hat alles von Dir erfahren. Jede kleine Sünde und auch die große Sünde. Am meisten sitzen da Frauen auf dem Schandstuhl. Und dann meistens, weil sie Liebe geübt haben, aber nicht verheiratet waren. Oder mit jemand anders geübt haben, als mit ihrem Mann.

(erregt) Und es ist völlig egal, ob der Mann die Frau schlägt oder aber überhaupt nicht mit ihr Liebe üben will. Der kann ein brutales Monster sein, oder aber kein Ding mehr haben, um zu üben, das ist egal! Keiner fragt die Frau nach den Gründen!

Das ist so furchtbar, das kannst Du Dir als Mann gar nicht vorstellen! Und dann kommst Du wahrscheinlich noch aus London, wo eh‘ keiner mehr einen kennt. Aber hier kennt jeder jeden. Und dann ist es unerträglich, wenn man einfach der letzte Müll ist.

Frauen haben so furchtbar Angst vor dem Schandstuhl, dass sie sich uneheliche Kinder lieber selber mit’m Haken aus dem Bauch reißen, als da zu landen! Was keine gute Idee ist. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die das überlebt hätte.

FA: Mann, das war jetzt aber anstrengend. Also, ist wichtig, dass Du das kapierst, Engländer. Schandstuhl ist so eine alte Sitte, die wirklich furchtbar ist. Voll ungerecht ist das und gemein.

Also, wir waren dabei, dass ich eine Witwe war. Weil, jetzt, wo mein Johnny weg war, war ich ganz alleine. Keiner konnte sagen, wieviele Jahre er auf dem Kriegsschiff dienen musste. Und ob er überhaupt wieder kommt. Und für uns, als seine Familie, gab es ein paar Penny zum Ausgleich.

Das reichte nicht einmal für Brot für alle. Also musste ich arbeiten gehen, obwohl meine Kinder ihre Mutter – das bin ich, verstehst Du? – obwohl meine Kinder mich gebraucht hätten.

Und der einzige Job, den ich ergattern konnte, war als Hausdienerin. Verrückt, oder? Ich machte Hausarbeiten für andere, um Geld zu verdienen, um meine Kinder zu ernähren. Und, wenn ich nach einem langen Tag nach Hause kam, dann machte ich noch einmal Hausarbeiten. Aber für ohne Geld.

Auf jeden Fall waren in dem Haushalt, in dem ich arbeitete… Ich nenne jetzt keine Namen, Engländer. Aber Du kannst irgendwem hier im Pub fragen, welche Leute das waren, das weiß hier jeder! Waren die reichen Engländer hier am Ort. Aber ich nenne keine Namen!

Auf jeden Fall waren in dem Haushalt viele Kinder. Und das älteste der Kinder war eigentlich ein junger Mann. Denn, wenn man reich ist, dann ist man länger Kind, wußtest Du das, Engländer?

Der war auf jeden Fall so an die 20 Jahre alt und wurde von seiner Mutter und seinem Vater behandelt wie ein Kind. Und ich war 21 Jahre alt und war selber schon dreifache Mutter. Das ist lustig, oder?

Auf jeden Fall war der Engländer gerade so ein Mann und er war nicht schlecht zu mir. Sogar sehr gut war er zu mir. Er hat mich behandelt, als wäre ich ein wertvoller Mensch. Als würde ich nicht eine einfache Magd sein, die sein Zimmer putzt und seine Wäsche wäscht und die seine Geschwister hütet.

Und weil ich ja praktisch Witwe war, war ich auch sehr alleine. Und man hat ja als Frau auch seine Bedürfnisse, musst Du wissen, Engländer. Das wissen viele Männer nämlich nicht. Und eines Tages, da haben wir miteinander geredet und dann kam das eine zum anderen – denn der kleine Engländer hatte auch Bedürfnisse, musst Du wissen! Eigentlich noch dringendere Bedürfnisse als ich, musst Du wissen!

Auf jeden Fall habe ich dann mit dem kleinen Engländer auch einmal Liebe geübt. Weil ja mein Johnny nicht da war und vielleicht auch nie wieder kam. Und dabei habe ich daran denken müssen, dass er vielleicht WIRKLICH nicht wieder kam und ich habe weinen müssen und der kleine Engländer hat gedacht, er hat mir weh getan und ich…

(reißt sich zusammen) Egal. Ich schäme mich nicht mehr. Ich habe mit dem Engländer Liebe geübt und dann war ich auch schon schwanger. Zack.

Und bald konnte ich das auch nicht mehr gut verbergen, dass ich schwanger war. Die Nachbarn haben schon geredet. Aber ich habe immer gelogen.

Weil, wenn ich schwanger war und Johnny schon ein Jahr weg war, dann war ich Ehebrecherin und dann wäre ich auf den Schandstuhl gekommen und dann hätten mich alle angespuckt!

Und darum habe ich gelogen. Reine Notwehr! Aber dann habe ich schon viel zu früh Wehen bekommen. Und habe mich dann nachts, nach der Arbeit, an die Esk geschlichen und dann ist das Baby gekommen. Ganz klein war es und ganz blau und sein Herzchen hat nicht geschlagen.

Es tat mir so leid, das kleine Kind vom kleinen Engländer, aber ich habe es dann einfach in den Fluss gleiten lassen. Damit keiner es mitbekommt.

Aber das hat nicht geklappt, Engländer. Meine Nachbarn haben mich gesehen. Und haben die Polizei gerufen. Und jemand hat die Leiche von dem Baby aus dem Fluss gezogen. Und dann bin ich angeklagt worden. Nicht wegen zuviel Liebe üben, sondern, weil ich eine Mörderin bin.

Und dann kam ein Arzt und hat gesagt, die Lungen von dem Baby sind voller Wasser. Also hat es geatmet, also war es am Leben, also bin ich eine Mörderin.

Und ich habe immer nur geschrien: „Nein, das Baby war tot! Es war tot! Es hat nie gelebt! Ich bin unschuldig!“

Na ja, das habe ich dann auch noch geschrien, als ich auf einem Wagen nach Edinburg zum Galgen gefahren wurde. Die ganze Fahrt. Aber keiner hat mir ein Wörtchen geglaubt.

Die hatten sogar meine Kinder mitgenommen, damit die sehen, wie ihre Mutter gehängt wird! Die saßen während der Fahrt auf dem Sarg, in dem ich dann wieder zurück fahren würde! Kann man sich das vorstellen! So böse sind unsere Gebräuche manchmal, verrückter Engländer!

Und dann musst ich auf einen Hocker steigen und hab‘ immer noch gebrüllt, dass ich unschuldig bin. Und dann stoßen die den Hocker weg und dann schnürt Dir das Seil den Hals zu und dann kannste nicht mehr schreien! Und so lassen die Dich dann baumeln, bist Du tot bist.

Und wenn Du nicht mehr atmest und nicht mehr zuckst, wenn sie Dich mit einem Messer stechen, dann schneiden sie das Seil durch und legen Dich in den Sarg und dann fahren sie wieder nach Musselburgh zurück, wo sie Dich in einem Loch verscharren.

Als der Karren wieder in Musselburgh war, haben sich die Polizisten erst einmal im Pub gestärkt. Ist ja für die auch kein Kinderspiel. War sehr heiß. Die waren nicht einmal böse zu mir auf der langen Fahrt zum Galgen! Die durften schon einmal erst ein Bier trinken. Oder, Engländer?

HW: Das ist eine völlig unglaubliche Geschichte, das ist sehr barbarisch! Aber sie leben ja noch, oder?

FA: Du bist einer der ganz Schlauen, stimmt’s, Engländer! Und Du hast recht! Wie die wieder aus dem Pub kommen, da fallen ihnen fast die Augen raus! Denn ich war gar nicht tot und saß in meinem Sarg, während meine Kinder mir das Seil vom Hals pflückten und wir alle lachten und weinten gleichzeitig!

Die waren vielleicht blass, die Armen! Die waren noch blasser als Du, Engländer! Wenn die vor ’ner Wand gestanden hätten, da hätte man gedacht, da bewegt sich eine Uniform von selber!

HW: Aber, hatte keiner geprüft, ob sie wirklich tot waren?

FA: Aber das habe ich doch erzählt. Der Arzt in Edinburgh hat mein Herz nicht gehört, der Spiegel ist nicht angelaufen und ich habe nicht gezuckt, als er mich in die Seite gestochen hat. Ich war tot, sagt der Arzt!

HW: Dann hat er sich wohl geirrt?

FA: Nach den Gebräuchen hier bin ich tot. Ich habe das sogar schriftlich, mein verrückter Engländer. Und nach den Gebräuchen kann man mich auch nicht mehr für eine Tat anklagen, denn ich habe ja schon die schlimmste Strafe bekommen! Nie mehr der Schandstuhl für mich! Nie mehr!

Ich bin die einzige Frau in Schottland, die man nicht bestrafen kann. Die freieste Frau in Schottland! Das bin ich!

Und ich gelte als unschuldig! Vor dem Gesetz und vor der Kirche! Weil Gott meine Unschuld bewiesen hat, weiß jetzt jeder, dass ich das kleine Baby vom kleinen Engländer nicht ersoffen habe.

Du siehst, unsere Gebräuche haben auch gute Seiten!
Und weißt Du, was das Verrückteste ist, Engländer?

HW: Nein. Kann mir nicht vorstellen, dass das noch unglaublicher wird!

FA: Mein Johnny ist im gleichen Herbst wieder zurück gekommen. Da hinten steht er (ins Off) „Johnny, komm her!“ – „Johnny!“ Ach, der hört nichts, weil er so laut am Singen ist.

Johnny ist zurück gekommen und hat der Augen gemacht, als er erfahren hat, dass er Witwer ist. Weil ich ja offiziell tot war! Und wissen Sie, was der gemacht hat, als er das gehört hat?

HW: Nein. War er sehr böse?

FA: Kein bisschen böse war er, Du verrückter Engländer! Doch nicht mein Johnny! Der hat mich auf der Stelle noch einmal geheiratet! Ist das die verrückteste Geschichte, die Du jemals gehört hast, Engländer?

HW: Na ja. Um ehrlich zu sein, ich habe sehr viele verrückte Geschichten gehört. Der dicke Sly hat einmal zwei Riesen im Ringen besiegt, hat er mir erzählt. Zweimal erzählt, genau genommen. Und der alte Mann, der da hinten am Kamin schläft, der ist eigentlich ein Elf, den Prospero nicht zurückkehren lässt in sein Reich.

Aber, von allen Geschichten, die ich glaube, ist das mit Abstand die verrückteste!

FA: Du glaubst mir also, Engländer?

HW: Ich sehe ja die Narben, an ihrem Hals, Mrs. Dickson.
FA: Aber Du kennst ja meinen Namen?

HW: Ja, jeder kennt ihren Namen in Musselburgh, Mrs. Dickson. Und ich habe Ihre Geschichte schon längst aufgeschrieben und protokolliert. Denn jeder zweite Mensch in Musselburgh hat sich von mir bereits einen Shilling geben lasssen für diese unglaubliche Geschichte.

FA: Und warum hast Du mich dann die Geschichte erzählen lassen?

HW: Weil ich Sie persönlich kennenlernen wollte. Und ich würde mich auch freuen, wenn ich Sie und ihren Mann und ihre Kinder morgen fotografieren lassen könnte.

FA: Heißt das nicht phonugrafiern?
HW: Ein Bild machen. Keine Tonaufnahme. Ein anderer Apparat. Dauert nur ein halbe Stunde.

FA: Na klar! Gerne! Kost‘ aber ein Pfund extra!
HW: Abgemacht!
FA: Abgemacht!