The IKEA Horror Story


play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Beim Schreiben dieser Folge ist uns aufgefallen, dass diese Sendung schon die vierte ist, die IKEA thematisiert. So tief kann nur ein Trauma sein, dass durch das Aufbauen von Schränken mit Spiegelglas-Schiebetüren ausgelöst wurde!

Heute folgen wir einer Studentin der Linguistik und ihrem ach-so-heiteren Gefährten beim Irren durch die Wegplanung des beliebtesten Möbelhauses der Welt. Und können zuhören, wie mit einem Schlag der schiere Horror ausbricht!


Download der Sendung hier.

Hintergrundmusik: “The Elevator Bossa Nova” von Bensound

Musiktitel: „I Fear Ikea“ von The Lancashire Hotpots


Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

„Tapferer Tischler, mache er mir ein Bett! Ein Bett aus heimischen Hölzern, in dem noch meine Enkel schlafen können werden. Ein Bett, das gar niemals quietscht und zwei Norm-Matratzen Platz bietet. Hier, nehme er dafür diesen Beutel mit Talern!“

So sollte das sein, wenn man Möbel braucht! So wie früher eben. So können die Handwerker überleben und die Möbel sind nachhaltig. Besser für die Gesellschaft, besser für das Klima.

Oder aber so:

„Cleverer Klempner, es geht nicht an, dass das Wasserrohr so nackt aus der Wand ragt! Schließe er ein Spülbecken und eine Mischbatterie an! Wähle er ein Metall, das niemals altert und Dichtungen, die ewig dichten. Dafür werde ich Deinen Sohn heiraten!“

Na, o.k… Vielleicht war das früher doch nicht so toll mit dem Erwerb von Einrichtungsgegenständen. Aber als Studentin hat man sowieso keine Wahl. In meiner Bude zum Beispiel habe ich noch nie auch nur einen winzig kleinen Beutel mit Talern gefunden. Also muss der tapfere Tischler auf meine Aufträge verzichten.

Und: Lieber eine Beziehung mit einem geschickten Handwerker als wieder mit einem Intellektuellen voller Selbst-Hass. Aber für ein Spülbecken und eine Mischbatterie heirate ich aus Prinzip nicht. Da lasse ich lieber alles beim Alten und spüle halt erst ab, wenn wirklich alles Geschirr benutzt ist. Geht auch in der Badewanne.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge, auch wenn es uns als Zivilisation weh tun sollte: Studenten kaufen ihre Möbel bei IKEA!

Ich habe vor kurzem einen ganzen Tag damit verbracht, Videos auf YouTube zu kucken, statt an meiner Masterarbeit zu feilen. Übrigens über das Thema „Die Typifizierung der Lautbildung diverser Idiome anhand phonetischer Grundstrukturen.“

Rob Scallon hatte auf YouTube eine kleine Melodie veröffentlicht und zu einem Komponier-Wettbewerb aufgerufen. Über 500 junge Musiker buchstäblich aus der ganzen Welt haben das getan und Videos geschickt. Egal, in wessen Studentenbude man dabei kucken konnte: Immer sah man Möbel von IKEA!

Kein Studium ohne Expedit, Lack oder Pax. Darum spielt auch meine Geschichte bei IKEA. Außer mir spielt darin auch Bernhard eine kurze Rolle.

Das war damals mein Lebensgefährte. Modell „Intellektueller mit ausgeprägtem Selbstzweifel“ und leider kein Tischler oder Klempner. Aber, erstens war er unterhaltsam unter der Bettdecke und zweitens hatte er einen Bus. Was für einen IKEA-Shoppingtrip wirklich wichtig ist.

Trotz dieser zwei Charaktervorzüge hatte er auch einen massiven Nachteil: Bernhard hielt sich für sehr geistreich! Und IKEA und alle damit verbundenen Stereotype boten seinem Sarkasmus einen reichen Nährboden.

Darum kam er nicht am Etagenbett vorbei, ohne Scherze über dessen schwedischen Namen zu machen. Ich gebe es ungern zu, aber vielleicht hätte man sich für den deutschen Markt auch eine andere Typenbezeichnung erdichten können als „Gutvik“.

Und dass die Schuh- und Hutablage auch mit Geschlechtsverkehr zu tun hat, war eine weitere Einladung an Bernhard, sich zu amüsieren. Denn „Lustifik“ klingt noch bizarrer als „Gutvik“.

Sehr erheiternd auch, dass die Apfeltorte im Restaurant den Kindergarten-Namen „Äppelkaka“ trägt, aber muss man das fünfzehn Male laut wiederholen? Die anderen Besucher können ja schließlich selber lesen, oder?

Dann gibt es noch die hässliche, aber immerhin mundgeblasene Vase mit dem Namen „Kagge“ und den Computer-Tisch, der sich im Angelsächsischen wahrscheinlich schlecht verkauft. Denn „Jerker“ verrät wahrscheinlich zu viel von den Aktivitäten des Käufers an diesem Möbelstück.

Sehr lustig das alles. Aber es ging mir auch ungeheuer auf die Nerven. IKEA ist schon an und für sich stressig, aber warum nennen die ihre Klobürste „Viren“ oder ihr Bettgestell „Rekdal“? Was soll diese Obsession? Und lasst mich gar nicht erst von „Kackling“, „Sylt-Kaka“, „Slut“, „Penisbeäker“ oder „Hamar-Vik“ anfangen!

Es war die humoristische Hölle! War es Bernhards Bus wirklich wert, den Samstag bei IKEA mit diesem Bastardkind von Mario Barth und Monika Gruber zu verplempern?

Wir waren eigentlich ja nur da, um mir einen Fernsehtisch zu kaufen. Ich hätte nie gedacht, einmal so etwas zu brauchen. Aber Bernhard hatte mir seinen alten 54-Zoll-Fernseher geschenkt, weil er sich einen noch größeren gekauft hatte.

Und das nicht, um richtig gute Filme zu kucken und dabei Kino-Feeling zu haben. Sondern, um mit seinen Kumpels „Mario Kart“ zu zocken! Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht in den Kackling!

Und so folgten wir den Irrwegen, die die Pfeile auf dem Boden wiesen, bis wir bei den kleinen Studentenbuden-Simulationen ankamen, die mit hohlen Computern und leeren Büchern dekoriert sind. Und da befand sich tatsächlich ein Fernsehtisch, bei dem ich nicht gleich „Kagge“ rufen musste.

Und auch hier, wie bei jedem anderen Möbelstück bisher, begann nun der unvermeidliche Bernhard-Monolog.

„Hjöltsjög! Wie kann man einen Tisch „Hjöltsjög“ nennen? Mit zwei Ö? Das klingt wirklich seltsam, wenn man es öfter sagt. Musst Du ‘mal probieren: Hjöltsjög. Hjöltsjög. Hjöltsjög…“

Als er den Namen das dritte Mal hintereinander ausgesprochen hat, veränderte sich die Stimmung auf einmal. Da musste man nicht empathisch sein, um das zu bemerken. Oder besonders sensibel.

Denn zum einen ging das Licht aus und wurde durch eine rote Notbeleuchtung ersetzt. Und zum anderen ertönte auf einmal im ganzen Gebäude ein durchdringender Alarm. Bernhard konnte das auch nicht entgehen, auch wenn er weiter den Namen des Tischs vor sich her brabbelte…

Aber die wirklich besorgniserregende Veränderung fand in Hjöltsjög statt. Also im Fernsehtisch. Denn hinter den Glasscheiben war es auf einmal rabenschwarz.

Es war nicht das Schwarz wie in den anderen Möbeln, schließlich war ja das Licht aus. Sondern es war schwarzer als Schwarz. Es war das dunkelste Schwarz, dass ich jemals wahrgenommen hatte. Es war, als würde der Fernsehtisch das ganze Licht im IKEA aufsaugen.

Und dann wuchs das ganze Möbel plötzlich. Die Glastüren zersplitterten und der Press-Span begann auf einmal zu glühen und sich zu entzünden. Doch die Flammen und das Holz wurden einfach in ein Loch gezogen, dass genau dort war, wo früher der Tisch stand.

Als ob auf einmal ein Programmierfehler im Raumzeit-Kontinuum wäre, zog die Schwärze alle zu sich. Ich spürte, wie eine Kraft auch mich auf das Loch hinzog.

Mein Verstand versuchte das alles zu verarbeiten und Fluchtpläne zu entwerfen, als das Geschehen in der nächsten Sekunde für mein Gehirn einfach zu absurd wurde. Tilt!

Denn mit einem Mal griff ein riesiger schwarzer Arm aus dem Loch hinaus in unsere Realität. Der Arm war alleine schon größer als Bernhard, der nur doof auf die Klauen starrte, die sich in den Beton gebohrt hatten.

Dann schob sich noch ein Arm durch das Loch und danach das Maul. Ein schwarzes Loch voller spitzer Zähne mitten in dem schwarzen Nichts. Es ertönte ein ohrenbetäubendes Brüllen, als sich das Maul in unsere Welt zog.

Auf dem Maul waren rundum Augen. Große, halbrunde, feuerrote Kugeln mit Pupillen die wie verrückt hin- und her zuckten.

Maul blickte sich um im IKEA und dann packte ein Arm den armen Bernhard und schob ihn mit einer schnellen Bewegung in das schwarze Loch mit den Zähnen drum ‘rum. Weg war meine Mitfahrgelegenheit!

Zu dem allgemeinen Kreischen von Maul und den anderen Kunden dröhnte auf einmal eine Durchsage: „Demon Slakteren in Etage 2, Raum 15! Demon Slakteren in Etage 2, Raum 15!“

Das Adrenalin in meinem Körper hatte mich gelähmt und ich starrte auf die Kreatur vor mir. Sie wand sich und drehte sich und zog mit aller Kraft und befreite plötzlich ein Bein aus der anderen Dimension, hinter dem Schwarz.

Die Krallen des Beins fuhren in den Betonboden, als wäre dieser aus Butter. Meine letzte Sekunde hatte wohl geschlagen, zuckte es noch einmal durch mein Gehirn, als auf einmal ein Riese von einem Mann auf uns zu gerannt kam.

Wirklich, kein Scherz – mein Unbewusstes würde heute noch behaupten, Dwayne Johnson kam zu meiner Rettung! Er trug ein knallgelbes Kettenhemd mit IKEA-Logo und brüllte fast genauso laut wie Maul, als er einen unglaublichen Satz machte.

In Zeitlupe riss er ein gut zwei Meter großes Schwert in die Höhe und ließ es direkt auf Mauls – naja, auf Mauls Maul – krachen!

Er spaltete den Schlund der Kreatur einmal in der Mitte und diese begann wild zu zucken. Ein Arm peitschte durch die Luft und so wie Dwayne Johnson gekommen war, so flog er auch wieder fort.

Nun konnte mich nichts mehr retten und der Sog des schwarzen Lochs hinter Maul begann mich langsam zu dem Dämon zu ziehen, als wäre ich mit Ketten an ihn gefesselt.

Ich stürzte hart auf meinen Rücken und suchte hektisch nach Halt. Ich krallte mich an der Schlafcouch fest, aber „Flottebo“ wurde einfach mit mir mitgezogen. Meine Hände suchten den Boden ab, bis sie sich an etwas Scharfem verletzten.

Dwayne Johnson hatte sein Schwert verloren! Ich griff nach dem Schwert. Dafür, dass es 2 Meter Schwedenstahl war, war es seltsam leicht. Mit beiden Händen klammerte ich mich an dem Griff der Waffe fest.

Ich muss zwischendurch erklären: Ich bin ungefähr das Gegenteil von Madonna. Also jung und komplett ohne Muskeln und ohne Ausdauer und unsportlich. Und singen kann ich auch nicht.

Gerne würde ich lügen, dass ich eine Heldin bin. Die Wahrheit ist: Je näher ich auf das schwarze Loch mit dem Maul zu rutschte, desto stärker wurde der Sog. In Panik ließ ich also das Schwert einfach wieder los und versuchte wieder nach „Flottebo“ zu greifen.

Und das war schon die ganze Heldentat. Das Schwert segelte mit der Spitze voran ins Schwarze. Mauli schluckte es und erstarrte kurz und kollabierte mit einem Schlag. Das Nichts hinter ihm verpuffte und trennte das vierte Bein, das noch nicht in unserer Realität war, einfach dabei ab.

Im selben Moment schaltete die Beleuchtung wieder um von Rot auf Normal und der Alarm verstummte. Dwayne Johnson kam auf mich zu und half mir, mich aus den Trümmern der simulierten Studentenbude zu befreien.

Er strahlte über beide Backen. „Nicht schlecht für so eine kleine schmächtige Studentin!“ Und ich lächelte wahrscheinlich zurück. Ich glaube, ich wurde sogar ein bisschen rot.

„Das ist ein ausgewachsener Yggdrassil-Baumdämon gewesen, vielen Dank für die Unterstützung!“

Dwayne – oder, wie er eigentlich hieß, Ingmar – lud mich zu Köttbollar ein und machte dabei nicht eine Bemerkung über die seltsame schwedische Namensgebung für Hackfleischbällchen. Weil er eben Schwede war.

Der Zweimetermann mit der IKEA-Uniform aus Kettenhemd erläuterte, dass IKEA schon seit vierzig Jahren das Problem mit der versehentlichen Dämonenbeschwörung hat.

Man gab sich alle Mühe, die Möbel so zu benennen, dass das Risiko minimiert wird, aber keiner konnte vorhersehen, wie Menschen rund um die Welt die schwedischen Vokabeln aussprechen würden.

Immerhin wusste man nach dieser langen Zeit, dass es keine Dämonen gibt, in deren Namen Wörter wie „Fiken“ oder „Kaka“ vorkommen. Und man arbeitete an einem umfangreichen Regelwerk für die Benennung von Produkten.

IKEA beschäftigt für Notfälle in jeder Filiale einen Dämonentöter und ein ganzes Team von Spezialisten, um solche traurigen Dinge zu verhindern, wie zum Beispiel das rasche Ableben von Bernhard, dem Busbesitzer.

Ich meinte kurz, dass ich als Linguistin durchaus in der Lage wäre vorherzusagen, wie schwedische Wörter von Menschen mit anderen Sprachen ausgesprochen werden und verwies auf meine Masterarbeit.

Tja. Nur zwei Wochen später gab ich meine Arbeit ab und zog um nach Delft in den Niederlanden, wo aus seltsamen Gründen das Headquarter von IKEA ist. Ich leite eine Arbeitsgruppe, die für alle Filialen an dem Anti-Dämonen-Regelwerk arbeitet.

Jeder neue Produktname geht erst einmal durch unsere Hände. Eigentlich arbeiten wir also daran, Ingmar alias Dwayne Johnson überflüssig zu machen, um Männer wie Bernhard zu retten. Aber das kann ich mit meinem Gewissen gut vereinbaren. Denn Ingmar ist auch ganz nett unter der Bettdecke und einen Bus kann ich mir jetzt selber kaufen!