The Happiness I Seek


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Man möchte hoffen, dass in unserer Gesellschaft Klassenunterschiede nicht mehr wichtig wären und einer Beziehung nicht mehr im Wege stehen können.

Unser Erzähler heute hat auf jeden Fall beschlossen, seiner Flamme diesen einen, ganz besonderen Raum in seiner Seele zu zeigen. Diesen Raum, in den man sonst niemanden läßt – der Vertrauensbeweis schlechthin.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Cheek to cheek“ von Irving Berlin, gesungen von Fred Astaire

Ganz am Ende: “Franzbrötchen” von Duo Lismones


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Die Geschichte zum Lesen

Da sitzen wir in meinem Wohnzimmer, Rebekka und ich. Es hat eine Raufasertapete, die der Freund meiner Mutter gelb geraucht hat und einen Fußboden aus Linoleum, der versucht, auszusehen wie Birke. Der Teppich vor dem Sofa wurde öfter mit Bier geduscht als gesaugt.

Ich habe die Wohnung übernommen, als meine Mutter und ihr Freund sich vor acht Jahren mit ihrem Auto um einen Baum gewickelt haben. Ich habe wenig daran verändert. Zum einen, weil ich nicht die Kohle gehabt hätte, zu renovieren und zum anderen, weil ich finde, die Wohnung passt, so wie sie ist, prima zu mir.

Ich sitze links auf der Couch. Meine Jeans ist verblichen wie der Teppich. Nicht, weil ich sie stonewashed gekauft hätte, sondern, weil ich sie im wirklichen Leben schon oft gewaschen habe, völlig ohne Stones. Mein T-Shirt ist weiß und hat unter der linken Achsel ein Loch. Das weiß nur ich, Rebekka nicht.

Sie sitzt rechts auf der Couch. Rebekka trägt ein knallgelbes Sommerkleid mit afrikanischem Muster und Creolen im Ohr, Armbänder aus Birma, eine Kette aus Brasilien und einen Ring, den sie einer Navajo in Nevada abgekauft hat. Rebekka passt nicht zu meiner Wohnung, aber ich finde, sie passt zu mir. Sie will meinen Innenraum sehen und ich werde das erlauben.

Kennengelernt habe ich sie auf der Hochschule, wir studierten beide Anthropologie, sie war vier Semester höher. Sie hatte eine Leidenschaft entwickelt für Mitmenschen, die „vom Glück wenig begünstigt waren“ und diese Neigung in ihre Forschung eingebracht.

Ihre Doktorarbeit, die sie während des Studiums zu planen begonnen hatte, widmete sich dem Thema „Armut“. So lernten wir uns kennen. Sie suchte per Kleinanzeige im Netz und in lokalen Anzeigenblättchen Gesprächspartner, die sie über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleiten wollte.

Ein einstündiger Termin die Woche für 100 Euro im Monat! Sie konnte sich kaum retten vor Bewerbern. Mit fünfzig Probanden fing sie die Studie an, ich war Nummer 43. Ihre Praxis, war klein, aber fein. Wenige Möbel, aber von namhaften Designern, an den Wänden nicht Filmposter, sondern abstrakte Malerei. Echte Kunst!

Ich war beeindruckt und hatte mich in ein Bild im Wartezimmer verliebt. Ein grauer Hintergrund mit einem zarten Verlauf. Schwarze Sprenkel überall, als hätte die Künstlerin das mit der Zahnbürste gemalt. In der Mitte eine orangerote Linie, die wie ein Horizont funktionierte und im rechten Drittel zu einem bunten Ball explodierte.

Als Rebekka mich in ihr Behandlungszimmer rief, trug sie ein Sommerkleid in Grasgrün. Sie schüttelte mir die Hand und erfasste erst einmal meine Daten. Hochprofessionell und ohne Gefühl, Wärme war nicht Rebekkas Ding.

Sie erklärte mir das Prozedere, ließ sich meine Kontonummer geben und erfragte die Namen meiner Angehörigen sowie den Grund, warum ich auf ihre Anzeige geantwortet hatte.

Ich antwortete: „25 Euro sind klein schlechter Stundenlohn und ich kann das Geld wirklich brauchen.“

„Würdest Du sagen, dass Du arm bist?“

„Das würde ich schon denken. Ich meine, ich bekomme gerade Bafög, also bin ich flüssiger als jemals zuvor in meinem Leben und kann eigentlich nicht klagen; aber ich stamme aus Verhältnissen, wo man jeden Cent umdrehen musste. Mein Leben lang.“

„Warum bist Du arm?“

„Na ja, ich habe mir das nicht ausgesucht. Und meine Mutter auch nicht. Die ist halt Verkäuferin, genau wie ihre Mutter. Und mein Vater, der war halt Alkoholiker, genau wie sein Vater. Armut ist auch eine Erbkrankheit.“

Sie blickte mich sehr konzentriert an und machte sich einen Haufen Notizen auf ihrem iPadPro. Sie inspizierte mich und schien zu taxieren, was sie als nächste Frage stellen konnte. Dann beugte sie sich vor und flüsterte etwas sehr Überraschendes:

„Wie fühlt sich das denn an?“

„Was? Arm zu sein?“

„Ja, wie fühlt sich das an? Ich wollte das schon immer wissen, ehrlich!“

„Du machst jetzt Witze?“

„Nein! Überhaupt nicht! Ich will mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass die Vorurteile, die wir als Gesellschaft über Armut haben, abgebaut werden. Aber ich berichte immer von außen. Ich habe mir schon überlegt, mir von meinen Eltern nur noch 350 Euro überweisen zu lassen, so wie Hartz IV.“

„Das wäre ja bescheuert! Das würde doch nichts ändern! Du bist ja so etwas von naiv! Das ist nicht Armut! Was kann Dir denn passieren? Wenn es Dir dann zu viel wird, Hartz IV zu spielen, dann holen Dich Mama und Papa wieder vom Spielplatz ab und ihr fahrt alle zur Erholung erst einmal vier Wochen in die Karibik, oder?“

„Genauso ist es!“ Sie lachte ihr großes Lachen. Wo man ihre Mandeln sehen konnte.

„Du bist ziemlich reflektiert. Was studierst Du denn?“

So kamen wir uns langsam näher, Rebekka und ich. Nach einem halben Jahr waren nur noch 12 Probanden übrig, die sich jede Woche mit ihr unterhielten; nach einem Jahr nur noch zwei.

So lange dauerte es auch, bis wir zum ersten Mal gemeinsam fortgingen. Sie tanzte sehr gerne und nach einer langen Nacht standen wir auf dem Olympiaberg, starrten aus roten Augen auf den Sonnenaufgang und küssten uns zum ersten Mal. Seitdem bekam ich für die Interviews keine Kohle mehr.

Vier Wochen später lernte ich ihre Eltern und ihren Bruder kennen. Sie entsprachen genau meinen Vorurteilen über reiche Menschen. Seltsam, dass wir aus Film und Fernsehen so vieles über Reichtum und nichts über Armut wissen, oder?

Rebekka war anderer Meinung. In ihren Augen waren meine Beobachtungen Projektion und ich hätte keine Ahnung davon, wie es ist, mit so viel Geld aufzuwachsen.

Als ich zu offensichtlich Mitleid heuchelte, kam es zum Streit. Zu einem richtig heftigen Streit, mit Porzellan-an-die-Wand-werfen und wegrennen und tagelang nicht miteinander reden.

Vier Tage später hatten wir den besten Sex, den ich oder sie jemals erlebt hatten. Wir fühlten uns verbundener als vor dem Streit. Die Beziehung hatte eine neue Tiefe erreicht. Wir erkannten unsere Wurzeln an, nahmen uns aber vor, die Gräben zwischen uns zu überwinden.

Da entstand der Vorschlag, uns gegenseitig in unsere Innenräume einzuladen. Ihr wisst schon, diesen einen Ort in eurer Seele, den ihr betretet. Diesen Ort, der alles reflektiert, was ihr seid: eure Begierden und Geheimnisse und Wünsche und Träume. Das ist so intim, dass man niemanden dorthin einlädt.

Weil wir aus so verschiedenen Verhältnissen stammten und den Eindruck hatten, der Graben zwischen uns sei besonders groß, wollten wir dagegen etwas unternehmen, dass einen hohen Symbolwert hatte. Wir beschlossen uns gegenseitig in unseren Innenraum einzuladen!

Und da sitzen wir nun, auf meiner alten Couch. Sie rechts und ich links und wir schauen aus Verlegenheit Löcher in die Rauputztapete. Ich soll anfangen, hatten wir ausgemacht.

Also gut. Ich nahm Rebekkas Hände in meine Hände und schaue ihr in die Augen und atme tief durch. Wir warten, bis wir im gleichen Rhythmus atmen, dann schließen wir die Augen und sind mit einem Schlag in meinem Innenraum.

Heute war er besonders schön! Ein großer Saal aus weißem Marmor. Von der Decke hängen Kronleuchter aus Kristallglas, in denen sich das Licht der unzähligen Kerzenständer spiegelt.

Der Raum ist voller Menschen in feinster Garderobe. Die Männer tragen Smokings und Gamaschen und die Frauen rote Ballkleider voller Pailletten. Alle Männer sind gut gebaut, haben volle schwarze Haare und blaue Augen und lächeln. Alle Frauen sind schlank und blond und haben grüne Augen und lächeln.

Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen, aber auf elegante Art.

Kellner tragen aufmerksam Tabletts mit Champagner und Amuse-Gueule durch den Saal. Auf einer Empore sitzt eine Big Band und spielt auf Originalinstrumenten der Benny Goodman-Band, leise Swingmusik. Gerade „Moonglow“ aus dem Jahre 1934!

Im schwarzen Marmor des Bodens spiegelt sich die Szenerie, die direkt aus einem Fred-Astaire-Film stammen könnte.

Rebekka und ich nehmen uns ein Glas Champagner von einem Tablett: russische Eier mit weißem Trüffel. Auf der Tanzfläche finden sich die ersten Paare ein und tanzen cool zu „In the mood“. Sie sagt:

„Die Smokings sind schon ein bisschen cheesy, muss ich Dir sagen, mein Lieber.“

„Wie meinst Du das?“

„Gibt’s eigentlich noch andere Räume hier?“

„Nein, das ist alles.“

„Verstehe.“

Ich führe sie in meinem Innenraum herum und stelle ihr den Dirigenten des Orchesters vor. Sie erklärt ihm, dass es sich bei den Instrumenten der Big Band nicht um Originale aus dem Jahre 1934 handelt, sondern um banal normale, die man in jedem Laden kaufen könne.

Speziell die Klarinette des Solisten sei eine Billigversion für Kinder und Benny Goodman hätte niemals „In the mood“ gespielt, das wäre von Glenn Miller.

Es stellt sich heraus, dass die Tanzenden ziemlich unbegabt sind. Sie hält ein Paar an, dass sich zufrieden dreht und schnappt sich den männlichen Tänzer. Ohne die Miene zu verziehen demonstriert sie, wie man wirklich elegant zu Swing-Balladen steptanzt.

Der Champagner entpuppt sich als billiger Sekt, der Kaviar ist vom Seehasen, die Trüffel sind Champignons, der Lachs in Wirklichkeit Red Snapper. An den Kerzenständern hängen noch die Schildchen von Ikea, alle Frauen sind nur blond gefärbt und alle Männer tragen Toupets.

Jetzt, wo ich das alles sehe, klingt die Musik wie im Aufzug vom Karstadt, die Musiker bewegen ihre Instrumente nicht mehr im Takt zum Voll-Playback. Die Tänzer sind, wenn man aufpasst, alle schmerbäuchig und keine der Tänzerinnen ist nüchtern.

Das russische Ei in meiner Hand stinkt nach Schwefel, ich kann es beim besten Willen nicht essen und lasse es auf den Boden fallen.

„Sehr interessant ist das alles!“, sagte Rebekka. „Lass uns gehen!“

Auf einmal sitzen wir wieder auf meinem Sofa in meiner Wohnung.

„Vielen Dank!“, sagt sie. Ihre Stimme ist so kalt und professionell wie bei unserem ersten Gespräch. „Ich rühre mich wieder bei Dir!“

Das ist gelogen. Seit diesem Tag vor vielen Jahren habe ich sie nie mehr gesehen und kein Wort mehr mit ihr gewechselt.

Die Anthropologie habe ich an den Nagel gehängt, stattdessen meinen Master in Molekularbiologie gemacht. Rebekka hat angeblich den Sohn eines berühmten Firmengründers geheiratet und dem Klan drei Kinder geschenkt. Einmal, im Rausch, habe ich ihr eine lange Nachricht geschickt, aber sie hat nie geantwortet.

Ich weiß nicht, wie mein Innenraum aussehen würde, wenn ich sie nie eingeladen hätte. Das kann man schlecht mit Gewissheit sagen. Um ehrlich zu sein, war ich, seit ihrem Besuch vor vielen Jahren, kein einziges Mal wieder da.

Übrigens wohne ich immer noch in der Wohnung, in der vor mir meine Mutter gewohnt hat. Und ich habe gestrichen und den Teppich entsorgt. Aber die Couch ist noch genau die, auf der ich an diesem Tag mit Rebekka saß.

Fred Astaire mag ich auch immer noch.


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