The Great Smog of London


Wir haben uns ja dummerweise ein Diesel-Auto gekauft. Bevor das Thema „Feinstaub“ aufkam und das noch eine umweltschonende Technologie war. Pech gehabt.

Aber die Sorge um die Reinhaltung der Luft ist verständlich und so auch der Ärger um den Diesel-Antrieb. Die Luft, die man atmet, sollte so sauber sein, wie es geht.

1952 dachte man da noch anders. Nicht, weil Zigaretten noch als gesund galten. Sondern, weil man den Smog auch dann noch klaglos aushielt, als er Tausende von Menschen das Leben kostete. Wie z.B. beim „Great Smog of London“ eben.


Download der Episode hier.
Musik: „A Foggy Day in London Town“ von Carroll Gibbons & The Savoy Hotel Orpheans, Anne Lenner
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Skript zur Sendung


Ich bin ja immer noch ein bisschen auf der Suche, wann der Mensch begonnen hat, zu kapieren, dass er sich seine Umwelt kaputtmacht. Denn dann kann man vielleicht verstehen, warum die alten Strukturen immer noch ein nachhaltiges Wirtschaften für unmöglich halten.

Und ein sehr frühes Beispiel gibt es in London. Nämlich im Jahre 1306. Das ist nun wirklich früh. Damals herrschte König Edward in England. Nur Edward, weil er der erste mit diesem Namen war. Ein kränkliches Kind, aber ein stattlicher Mann von 1.90 m.

In London heizte man schon damals mit Kohle. Schon die Römer, die die Stadt gegründet hatten, hielten die Kohle für den einzigen Stein, der in Brittanien überhaupt etwas wert war. Edwards Mama hielt bald den Gestank und den Dreck nicht mehr aus und floh nach Nottingham.

Vielleicht deswegen verbot König Edward kurzerhand das Heizen mit Kohle. Wegen des unerträglichen Smogs in London. Eine Entscheidung, die freilich nicht lange hielt. Denn 1306 gabe es einfach keine Alternativen. Ein kurzes Gesetz, aber vielleicht das erste Gesetz gegen Luftverschmutzung.

London wurde dann berühmt für seinen Smog. Es ist so gelegen, dass sich manchmal eine Inversionslage bildet, die verhindert, dass es über Tage zu einem Luftaustauch kommt. Und im Laufe dieser Zeit sammelt sich der Dreck in der Luft. Dreck, also Soot + Fog, also Nebel = Smog.

Man kann sich das viktorianische London und seine dunkeln Gassen ohne Smog kaum vorstellen. Das geht soweit, dass es Fremdenführungen gibt, die heute künstlich mit Trockeneis Nebel machen, wenn sie Szenen mit Jack, the Ripper oder Sherlock Holmes nachstellen.

Aber so richtig schlimm wurde der Smog dann 1952. Im Winter. Die fünf Tage im Dezember heißen im Englischen „The Great Smog of London“. Great wie in Great Britain. Sehr britisch. Wir Deutschen nennen das meistens „Die Smog-Katastrophe von London“. Das ist dafür sehr deutsch.


London 1952. Nachkriegs-England. Armes England. Zwar hatte man sieben Jahre vorher den Krieg gegen Nazi-Deutschland gewonnen. Aber dafür mussten die Briten ihr Weltreich verkaufen. Denn die Schulden aus diesem Sieg waren enorm.

In Deutschland das wirtschaftete es Wunder. Löhne und Einkommen hatten das Vorkriegsniveau erreicht. Wohlstand und Lebensniveau waren höher als jemals in der Geschichte.

In London wurden Nahrungsmittelgutscheine an Arbeiter verteilt. Es war schwierig, damals seinen Optimismus zu bewahren.

Alleine die Krönung einer blutjungen Königin am 7. Februar hatte ein paar Monate lang etwas vom Glanz vergangener Glorie aufscheinen lassen. Doch auch dieser Pomp war im Dezember schon lange vorbei.

Bisher war der Dezember einfach nur saukalt gewesen für Londoner Verhältnisse. Ein ausgeprägtes Hochdruckgebiet sorgte dann bald dafür, dass auch kein Lüftchen mehr wehte.

Am 5. Dezember stieg dann morgens der übliche Nebel von der Themse auf. Und ging den ganzen Tag nicht mehr weg. Aber das waren die Londoner ja gewöhnt. Kein Grund zur Aufregung.

Natürlich hatte sich seit dem Jahre 1306 aber viel verändert. Aber eines hatte sich nicht geändert. Der normale Londoner Haushalt heizte mit Kohle. Und zwar mit Braunkohle.

Lange waren die U-Bahnen und Busse Londons elektrisch betrieben worden. Aber erst vor kurzem hatte man das geändert und einige Nahverkehrslinien sowie die gesamte Busflotte umgestellt auf Kohle und Benzin.

Die Stromversorgung Londons funktionierte mit… ihr ahnt es… Braunkohle. Mehrere Kraftwerke verbrannten Kohle, um ihre Turbinen anzufeuern. Am berühmtesten wahrscheinlich das Battersea-Kraftwerk, das auf dem Cover von Pink Floyds Album „Animals“ verewigt ist.

Und natürlich war London, die Hauptstadt Englands schon 1952 mit dem ständigen Autoverkehr völlig überlastet. Londoner Taxis spuckten den schlecht verbrannten Dieseldreck den ganzen Tag in die Luft.

Macht aber eigentlich nichts. Denn tatsächlich herrscht ja auch in London in der Regel ein leichter Wind vom Meer her, so daß die paar Tage mit Smog in Kauf genommen wurden. Wegen des Fortschritts. Und wegen der Wirtschaft natürlich.

Doch als die Londoner am 6. Dezember aufstanden und zur Arbeit gingen, war der Nebel immer noch da. Und in ihm hatte sich die gesamte Luftverschmutzung von 24 Stunden bewahrt.

Normalerweise nannte man das die pea-soup. Also die Erbsensuppe. Weil die Farbe des Londoner Smogs so ein ekliges Dunkelgrün ergab. So berühmt war diese Farbe, das tatsächlich Claude Monet, der berühmte Impressionist, im Jahr 1900 nach London gefahren ist, um diese gründen Schwaden auf einem seiner Bilder zu verewigen.

Doch schon an diesem 6. Dezember war das dreckige Grün sehr viel dunkler als sonst. Passt ja auch ins Stadtbild. Denn alle Fassaden in London waren schwarz. Egal, in welcher Farbe ein Haus gebaut war, nach einigen Jahren war die Fassade schwarz.

Der Buckingham Palace war… schwarz. Downing Street 10 – offizielle Residenz des Premierministers – schwarz. Äh. Moment mal, sorry. Downing Street 10 ist ja heute immer noch schwarz.

Der ganze Straßenzug war im 17ten Jahrhundert gebaut wurden und niemand in London konnte sich erinnern, welche Farbe das Gebäude vorher hatte. Als die Fassade dann doch einmal gereinigt wurde, war man sehr überrascht. Die Ziegel des Hauses der mächtigsten Person im British Empire waren alle kanariengelb – das war wohl 300 Jahre vorher der letzte Schrei.

Doch das interessierte in London gerade niemand, denn obwohl es vormittag war, blieb die Stadt an diesem 6. Dezember im Halbdunkel. Und mit jeder Stunde Luftverschmutzung wurde es dunkler und dunkler. Drei weitere Tage lang sollte die Sonne nicht mehr scheinen in London. Spätestens am 8. Dezember konnte man den Tag nicht mehr von der Nacht unterscheiden.

Und mit jeder Stunde nahm die Sichtbarkeit ab. Bald war sie unter einen Meter gesunken. In einigen Gegenden Londons sogar auf 30 Zentimeter.

Die Straßenlampen Londons waren einfache Glühlampen, die bald nicht mehr in der Lage waren, die Straßen zu erleuchten. Bei solchen Sichtweiten konnte der normale Spaziergänger seine eigenen Füße nicht mehr sehen. Navigation in der Stadt war nur möglich, wenn man sich an den rußverschmierten Fassaden entlang tastete.

Schon am siebten wurde der Straßenverkehr in London einfach verboten. Kein Privatmann durfte sein Auto durch die Stadt lenken. Aber auch kein Taxi. Und kein Bus. Nichteinmal Rettungswagen erhielten bei diesen Sichtweiten die Erlaubnis durch die Stadt zu fahren.

Alleine die elektrifizierten Strecken der U-Bahn fuhren noch. Wer krank wurde, der hatte sich selber zum Krankenhaus zu schleifen, egal wie bedrohlich seine Symptome waren. Und es gab genug Menschen, denen es nicht gut ging. Innerhalb von Stunden waren bald alle Notaufnahmen voll mit hustenden Menschen.

Kein Wunder. Denn schwarzer Ruß senkte sich auf alles. Die Schaufenster wurden blind, aber es hatte sowieso kaum jemand Lust einzukaufen. Das berühmte Kaufhaus Harrods schloß, denn der Nebel schlich sich durch die großen Türen auch ins Haus hinein und der Ruß ruinierte die Waren.

Auch in Kinos oder in Theater schlich sich die giftige Erbsensuppe. Vorstellungen machten bald keinen Sinn mehr. Denn schon in der ersten Reihe war nicht mehr richtig zu erkennen, was auf der Bühne passierte.

Ähnlich war es natürlich auch in den meisten Fabriken oder in den Schulen. Es machte wenig Sinn zu unterrichten, wenn die Schüler nicht einmal mehr die Tafel erkennen konnten.

Wer es sich leisten konnte, der kaufte sogenannte „Fog Masks“ beim Chemist. Chemist ist am ehesten etwas wie unser Apotheker. Und eine Fog Mask schaut aus wie eine Mischung aus Sack und Rüssel. Oder wie eine Gasmaske eben. Bloß ohne Gas, stattdessen mit Luftfiltern.

Die U-Bahn-Strecken, die elektrisch waren und oberirdisch verlegt waren, nannte man „fog working“. Aller Verkehr fokussierte sich auf diese Strecken. Doch die mussten alle nachgerüstet werden, denn Passanten sahen einen solchen Zug mittlerweile erst Sekundenbruchteile, bevor sie von ihm erfasst wurden.

Darum wurden diese Gleise mit „detonators“ ausgerüstet. Das sind kleine Zündkapseln, die man auf einen Gleisstrang schnallt. Rollt ein Zug darüber, gibt es eine kleine Explosion und einen lauten Knall.

Die gibt es schon fast so lange, wie es die Eisenbahn gibt. Und eigentlich dienen sie dazu, denn Zugführer zu wecken oder auf Gefahren hinzuweisen.

Doch in dieser Hechtsuppe war der Zweck ein anderer: Fußgänger konnten so einen kommenden Zug hören. Weite Teile Londons waren also sehr, sehr still. Der Nebel schluckt den Schall.

Aber in regelmäßigen Abständen knallte ein Detonator. Wie wenn in ganz London die Jagdsaison eröffnet worden wäre und in jedem Stadtteil jemand mit einem Schrotgewehr auf Jagd gehen würde.

Das öffentliche Leben kam im Großen und Ganzen zum Erliegen. Die Menschen blieben, wenn sie es nur irgendwie konnten, lieber zu Hause.

Doch natürlich war das auf Dauer auch kein Schutz. Durch die schlecht isolierten Fenster und durch Türen, Dächer, Spalten kroch der Nebel in jede Wohnung. Auch in den Wohnungen legte sich auf alles ein schmieriger grauer Film.

Überall reichte der Nebel hin, selbst Unterwäsche färbte sich im Lauf des Tages langsam immer schwärzer und schwärzer.

Der einzige Platz in einer Wohnung, an die der Nebel nicht hinreichte, war der Kamin. Wenn man ordentlich anfeuerte, dann konnte man ein Wohnzimmer durchaus entfeuchten. Da war es egal, dass man die Smog-Katastrophe damit nur verschlimmerte.

Bis zum 9. Dezember sollte der Smog dauern. Erst dann kam ein Lüftchen auf und verjagte den Nebel. Schon der Zehnte war ein klarer, heller Tag.

Zeitzeugen berichten auf viele Arten von The Great Fog. Die meisten wählen die Formulierung: Es war, als wäre man blind.

Doch niemand beschwerte sich. Keine Panik brach aus. Keine Demonstrationen bildeten sich. Nicht einmal die Presse klagte zu sehr über die Umstände. War halt der Londoner Smog. Bloß in der Ausführung „rather dense“. Very dense, indeed.

Doch die Statistiken, die bald veröffentlicht wurden, waren erstaunlich. Hatte doch die Influenza genau in diesem Zeitraum in London zugeschlagen und eine erstaunliche Menge an Menschen dahingerafft.

So auf jeden Fall die offizielle Version der Dinge, als die ersten Berichte über die Toten des Smog auftauchten. Die Influenza – was für ein dummer Zufall.

Doch der Deckel auf Pandoras Schachtel ließ sich nicht lange dicht halten. Die allerkonservativsten und vorsichtigsten Schätzungen gehen immer noch davon aus, dass in diesen Tagen 4000 Menschen erstickt sind am Londoner Smog.

Und, wieder vorsichtig und konservativ: In den nächsten Monaten würden noch weitere 12.000 Menschen an den Folgen erkranken und versterben.

Insgesamt wurden 25.000 weiteren Menschen in London wegen gesundheitlicher Schäden mehr oder weniger unter der Hand staatliche Unterstützung gewährt. Für britische Verhältnisse sehr unbürokratisch und schnell.

Damit es wieder ruhig wird in London. Und man nichts weiter ändern muss.

Forscher begannen aber natürlich trotzdem nachzugraben, warum dieser spezielle Smog soviel tödlicher war als andere. Woher kommt das? Wie funktioniert das?

Und tatsächlich konnte das lange niemand so genau sagen. Wie der exakte chemische Prozeß abläuft, der den Menschen die Lungen verklebt und die Atemwege verätzt. Denn genau so schaut das Krankheitsbild aus.

Erst in den letzten Jahren gibt es dazu neue Theorien. Denn in Peking haben wir eine Metropole gebaut, die momentan anscheinden die gleichen Fehler macht wie die Londoner schon vor mehr als sechzig Jahren.

Die erste Vorraussetzung für so einen tödlichen Nebel ist natürlich die Inversionslage. Das bedeutet auch Normaldeutsch dass sich bei einem Hochdruck gebiet kalte Luft unter einem Deckel aus wärmerer Luft bewahrt, ohne dass es zum Austausch kommen kann, weil kein Lüftchen Bewegung herrscht.

In die kalte Luft steigt dann der Nebel auf. Also feinste Wassertröpfchen aus der noch kälteren Themse. Und diese Wassertröpfchen können nicht mehr weg. Und in diesem Nebel speichert sich der ganze Dreck, der in der Luft liegt. Und kommt aus dem Wasser nicht mehr raus.

Und der Dreck, der da jeden Tag in die Luft gepumpt wurde, war ganz beachtlich! Das waren täglich tausend Tonnen Ruß und 140 Tonnen Chlorwasserstoffsäure. Klingt harmlos. Aber wir nennen das eigentlich Salzsäure.

Dazu noch einmal 14 Tonnen verschiedener Fluor-Verbindungen. Verbindet man mit Zahnpasta und mit Gesundheit, ist aber für eine Lunge ziemliches Gift.

Und dann kommt der Hauptschuldige: 370 Tonnen Schwefeldioxid lagerten sich jeden Tag in den Tröpfchens des Nebels ein. Und verbanden sich wohl zu mehr als 800 Tonnen Schwefelsäure. Jeden Tag.

Mit jedem Atemzug also ein bisschen Lungenschaden. Ganz junge Menschen und ganz alte Menschen leiden darunte natürlich am meisten, weil deren Atemorgane eh‘ nicht so prima saubermachen können.

Natürlich lässt sich dieser chemische Zusammenhang für den Great Fog of London nicht mehr nachweisen, aber für Peking ist er belegbar. Nicht umsonst ist der Grenzwert für SO2-Belastung bei uns 0.5 mg pro Kubikmeter und war am 6. Dezember 1952 in London achtfach überschritten.

Aber, mei: So war das also mit dem Umweltschutz 1952. Da liegt die Hauptstadt einer großen europäischen Nation für vier Tage komplett im Dunkeln. Das Leben kommt zum Erliegen. Fußgänger tasten sich an den Häusern entlang. London hustet und mehr als 10.000 Menschen sterben.

Und was hat man dann geändert? Tja. Erst einmal hat man nichts geändert. Gar nichts. Man hat sich beraten. Man hat Gutachten eingeholt. Und man hat diskutiert. Und sich noch einmal wählen lassen. Und dann immer noch nicht gehandelt.

Wegen des Fortschritts. Und wegen der Wirtschaft.

Es dauerte ganze vier Jahre, bis man mit dem sogenannten „Clean Air Act“ begonnen hat, Konsequenzen zu ziehen. Musste die Industrie Filter einbauen? Nein! Wurde Battersea dicht gemacht? Nein? Wurde der Verkehr beschränkt? Nein! Die Busse wieder elektrifiziert? Nein!

Man förderte den Durchschnittslondoner, wenn er sein Haus umrüstete. Weg von den offenen Kaminen, hin zu Kachelöfen oder anderer, modernerer Lösungen. Und man belegte die Braunkohle mit Steuern, so daß Steinkohle-Koks erschwinglich wurden. Die rußen nicht und setzen fast kein SO2 ab.

Doch das half nur wenig. Und London brauchte noch einmal, fast genau zehn Jahre später, eine Smog-Katastrophe, bevor man ernsthaft an der schlechten Luft atmete.

Und, wie schon erzählt, die Fassaden reinigte. Und aus der black city ein London machte, wie wir es kennen. Wenn man von einem Gebäude absieht.

Nämlich von der Downing Street Number 10. Da war man so entsetzt von dem grellen Gelb, dass man beschloß, das nicht zu lassen. Und so stellte man die Verschmutzung durch die Luftverschmutzung nach. Jedes Jahr seit 1958 wird der Regierungssitz ordentlich nachgestrichen. Die Ziegel schwarz, der Mörtel dazwischen weiß.

Damit alles so aussieht wie auf den frühesten Fotos, die man von dem Gebäude hat. Damit alles noch so aussieht, wie nach Jahrhunderten von Luftverschmutzung halt.

Man ist in Great Britain halt gerne traditional, selbst wenn es um Pollution geht. Und wenn man schon eine Umweltkatastrophe hat, dann ist auch das halt immer noch great. The Great Smog of London eben.