The Devil’s Blues

play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Wer hätte gedacht, dass der Teufel so meisterhaft Mundharmonika spielt? Dann könnte die Zeit in der Hölle ja doch angenehmer werden als gedacht! Denn das am Ende alle erlöst werden, gehört doch zu den Spieleregeln, oder?


Download der Sendung hier.

Musik in der Sendung: Paul Lassey – „Delta Blues“ & „Blues in F“
Musik im Outro: Matej TataMata – “Pink Panther
Musiktitel: Sonny Boy Williamson – „Bye Bye Bird“ 1963

Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Unterstützer)


Die Geschichte zum Lesen

Ich sitze in einer Höhle. Und ich höre dem Teufel zu. So etwas habe ich noch nie gehört. Ich wusste überhaupt nicht, dass es ein Instrument gibt, dass solche Töne machen kann!

Ich glaube, er hat mich noch nicht einmal bemerkt. Er sitzt da auf einem Fels, hat die Augen geschlossen und spielt sein Instrument. Manchmal stampft er den Rhythmus mit seinem Huf mit, aber er schaut nicht, ob jemand zuhört.

Das ist ihm egal. Da ist nur er, der Teufel, und diese Melodie, die gerade geboren wird.

Die Mundharmonika schaut in seinen Händen winzig aus. Doch er spielt sie so laut und so meisterhaft, dass man den Eindruck hat, ein Orchester zu hören.

Ich lehne mich zurück und lasse mich treiben. Auf einmal habe ich das Bild eines alten Segelschiffs vor Augen. Es steht unter voller Takelung und der Wind jagt es vor sich her wie einen Pfeil. Ich stehe auf der Brücke, am Steuerrad und ich breite meine Arme aus. Es ist, als ob ich fliege!

Vor mir die Unendlichkeit des Ozeans und ein großer, blauer Mond!

Die Melodie wird schneller und der Teufel verändert die Stimmung beim Spielen. Er kombiniert Töne, die man so nicht miteinander kombiniert. Er baut Dissonanzen auf, die nicht zufriedenstellend aufgelöst werden.

Und ich höre, wie große Wellen gegen den Rumpf des Schiffs schlagen. Und ich sehe, wie sich noch größere Wellen vor uns aufbauen. Wie der Horizont auf einmal näher rast und vor uns eine Wand aus Salzwasser wartet. Wie sich violette Wolken vor die Blässe des Monds schieben und ihn in rotes Licht tauchen.

Doch wieder ändert der Teufel die Melodie, die Spannung wird mit seeligen Harmonien aufgelöst. Mein Schiff schneidet durch die Wellen wie ein Messer. Die Gefahr war keine, die Wolken verziehen sich. Nichts kann uns stoppen, nichts kann meinen Flug beenden.

Wenn da nicht in der Melodie andere unheimliche Töne lauerten. Wenn nicht unter dem Schiff, in den Tiefen des Ozeans, ein Wesen wäre, das uns bemerkt hat. Riesengroß. Ewig alt.

Ein Wesen, dass aus den Tiefen des Meeres aufsteigt, um uns zu begleiten. Mit der Gelassenheit von Jahrtausenden an Meisterschaft hält es unsere Geschwindigkeit. Und die Melodie lässt keinen Zweifel: Das Wesen und das Schiff sind aneinander gekettet auf alle Ewigkeit.

Dann hört die Melodie auf. Der Teufel horcht den letzten Akkorden nach, bis völlige Stille eingetreten ist und öffnet erst dann seine Augen.

Ich weiß nicht warum, aber ich klatsche. Ich klatsche, weil ich in meinem Leben so etwas noch nie gehört habe. Weil ich noch nie so etwas empfunden habe. Weil Musik mich bislang nicht so bewegen konnte.

Ich kann nicht anders. Da sitze ich und klatsche dem Teufel Applaus!

Der lächelt müde: „Willkommen!“

„Das war das Unglaublichste, dass ich je …“

„Schon gut! Das ist nichts Besonderes. Ich habe eine Ewigkeit geübt.“

Und ich Blödmann nicke, als hätte ich nur den Schimmer einer Ahnung, was er mir damit sagen will. Aber dann fällt mir eine Frage ein, die eigentlich noch dringender ist:

„Bin ich tot?“

„Ja, Mann. Du bist tot.“

„Und Du bist …“ – und ich flüstere jetzt, denn ich habe Angst, einen Fehler zu machen. Ich bin kein religiöser … Ich war kein religiöser … Ich kenne mich mit den Regeln nicht gut aus – „Du bist … Satan?“

Der Teufel lacht: „Ja, Mann. Ich bin der Teufel.“

„Das bedeutet, dass ich in der Hölle bin.“

„Stimmt.“

„Ewige Verdammnis. Was habe ich angestellt, dass ich das verdiene?“, frage ich empört.

Eigentlich dachte ich, dass ich kein Monster gewesen bin in meinem Leben. Eigentlich habe ich doch ganz gut gelebt. Klar, nicht wie der heilige Franz von Assisis, aber auch nicht wie Hitler, Mao oder Stalin. Oder?

„Das wird Dir schon noch einfallen. Aber, keine Panik, Mann! Die Ewigkeit ist nicht mehr das, was sie einmal war.“

„Was soll das bedeuten?“

„Na, Gott hat die Regeln geändert. Hast Du nicht das Neue Testament gelesen? Er vergibt jetzt grundsätzlich alle Sünden. Nur ich muss in dieser Höhle bleiben. Auf ewig.“

„Das heißt, ich kann auch in den Himmel?“

„Na klar, jeder kann in den Himmel. Sogar solche wie Du!“

Und der Teufel schaut mich abschätzend an und lächelt wieder. Satanisch nennt man das wohl. Der Teufel lächelt satanisch.

„Was soll das denn heißen?“, frage ich.

„Ist doch egal! Mach‘, dass Du fortkommst. Lass mich hier in Ruhe. Ich will Dich echt nicht aufhalten. Ab in den Himmel mit Dir, da warten schon die anderen Spielkameraden!“

Ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, wedelt er mit seiner Mundharmonika in Richtung eines Lochs in der Höhlenwand, aus der diffuses Licht wabert. Und dann schließt er wieder seine Augen. Und d ann spielt er wieder auf der Mundharmonika.

Ich gehe nicht. Ich bleibe. Ich höre zu.

Dieses Mal bin ich nicht auf einem Schiff. Ich fahre in einem Auto. Ich fahre sehr schnell mit dem Auto. Es ist wieder fast so, als würde ich fliegen. Ich fühle mich angeregt und gleichzeitig betäubt.

Es ist mein Auto, das ich da fahre. Und ich bin angeregt, weil ich die ganze Nacht gekokst habe. Und ich bin betäubt, weil ich die ganze Nacht gesoffen habe.

Und ich rase durch die Nacht und fühle mich so frei, weil mein Auftritt in dieser Fernsehshow so unsagbar cool war. Ich war cool. Alles, was ich gesagt habe, war cool.

Ich drücke auf das Gas und lehne mich zurück und schließe die Augen.

Und da ist dieses dumpfe und hohle und schmatzende Geräusch. Und da wird das Auto herumgerissen. Und da zerbirst die Windschutzscheibe in tausend Splitter. Und ich sehe ihren Körper, sehe die zerbrochenen Glieder und sehe den Aufprall auf der Mauer.

Ich habe diese Frau umgefahren und getötet!

Auf einmal weiß ich alles wieder! Alle Erinnerungen sind wieder da.

Ich bin ein Mörder!

Und ich habe nicht einmal angehalten. Ich sehe den zerstörten Körper, sehe diesen anderen Menschen und rase einfach weiter.

Ich habe ihr Leben beendet. Genau so, wie ich nur drei Wochen später mein Leben beendet habe.

Alles ist wieder da.

Ich falle auf die Knie und kauere mich zusammen.

Die Musik, die der Teufel spielt umhüllt mich wie eine Decke.

Die Musik ist für mich.

Fast fühle ich mich getröstet.

Doch ich bin ein Mörder.

Als er aufhört zu spielen und die Augen wieder öffnet, sieht er mich auf dem Boden kauern. Er ist sichtlich überrascht, dass ich immer noch da bin.

„Was machst Du denn noch hier?“

„Ich habe sie getötet. Meine Eitelkeit und Dummheit hat sie getötet.“

„Na und?“

„Ich verdiene den Himmel nicht. Ich verdiene Gottes Gnade nicht.“

„Das ist egal. Das spielt keine Rolle, ob Du das verdienst.“

„Doch. Für mich spielt das eine Rolle.“

Stille. Zwei gefallene Engel in der Ewigkeit.

„Bring mir bei, so zu spielen wie Du.“

„Was?“

„Ich will so spielen wie Du. Ich will, dass meine Seele durch meine Musik schimmert. Ich will meine Gefühle durch die Harmonika singen.“

„Das dauert eine Ewigkeit, bis Du so spielen kannst wie ich!“

„So ein Zufall. Ich habe gerade eine Ewigkeit Zeit.“

Und der Teufel lächelt mich an.


Ähnliche Geschichten:

  • Dachbodengeruch
  • Wenn man sich nach Jahren auf den Dachboden wagt, dann ist man den Erinnerungen ausgeliefert. Das kann gut laufen oder nicht so gut.


  • Temporalkunde bei Kostas
  • Kathi und dieser seltsame, ein bisschen zu fürsorgliche, junge Mann haben beim Griechen ihr drittes Date. Und da kommen die Karten auf den Tisch!


  • Sophies Liebe
  • Sophie hat sich in die Schale geworfen! Heute wird sie ein ganz besonderes Video aufnehmen. Weil sie jemanden liebt! Hörspiel.