The British Breakfast


Wenn eine eine Reise tut, dann hat sie etwas zu erzählen. So wie Frau Anders zum Beispiel, die im Sommer ein Wochenende in London verbrachte.

Zu all‘ den wichtigen Sehenswürdigkeiten der Inseln gesellen sich dann noch Gebräuche und Riten. Am berühmtesten dabei kulinarisch: Das Britische Breakfast.

Oder, was davon in dem kleinen Hotelbuffet noch übrig ist….
Heute also über diese ganz besondere Mahlzeit in vier Kapiteln!


Musik: „Scarborough Fair“ von Mark Bodino / CC BY 3.0
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Skript zur Sendung


Ich war ja mit meinen Töchtern letztes Jahr auf einem Ausflug in die britische Hauptstadt. Nach London. Da gab’s für die Mädels bei strahlendem Wetter ein tolles Festival und ich war auch schon lange nicht mehr dort.

Was das Auffälligste an London mittlerweile ist, ist die Tatsache, dass es wirklich richtig teuer ist. Aber irgendwie stimmt das ja fast von allen Großstädten, oder? Aber unser Hotel war in Ordnung, klein, aber nicht zu fein. Das Zimmer hatte vielleicht 8 Quadratmeter, aber irgendwie haben sie da doch auch drei Betten reingekriegt. Und es war in einer ruhigen Seitenstraße, aber zentral und in der Nähe der Tube …

Kapitel eins: Erfahrungsbericht

Was ich hier natürlich unbedingt haben wollte, war das klassische British Breakfast. Das ist ja, so denken wohl viele Briten, die große kulinarische Leistung, die das Empire der Welt gegeben hat.

Auch, wenn es außerhalb der Britischen Inseln eigentlich nicht serviert wird. Anscheinend waren die Auswanderer davon sowenig angetan, dass sie diesen Menüpunkt, kaum in den USA oder in Australien angekommen, sofort von der Karte gestrichen haben…

Und, laut Website, gehörte zum Hotelpreis angeblich auch ein Full British. Sehr gut, sehr gut, dann kann ich den Mädels das Mal zeigen.

Schon am Abend vorher schürte ich die Vorfreude auf eine ganz besondere Frühstückserfahrung.

Die dann aber natürlich nicht eintrat. Das Frühstückszimmer war eine gekachelter, leicht dampfiger, fensterloser Raum im Keller. Recht lieblos waren alle Zutaten in einer Art Selbst-Bedienungs-Buffett zusammengestellt. Die Spiegel-Eier sahen so nach erhitztem Gummi aus, das da wohl schon seit Stunden vor sich hinschwitzt, das war deprimierend. Nichts desto trotz hätten wir gerne eine Kleinigkeit gefrühstückt, allerdings schaffte es niemand die nur nach gepresster Pappe schmeckenden Würstchen herunterzuwürgen. Das gelbliche Porridge, trauten wir uns nicht zu probieren.

Tja. Nutzte nichts. Wenn ich dieses Kulturgut vermitteln wollte, dann müsste ich wohl oder übel in die Saure Marmelade beißen und uns ein Frühstück außerhalb spendieren.

Das kostet in London, hat die Times 2016 ausgerechnet, die Kleinigkeit von 25 Pfund im Durchschnitt. Also momentan, sagen wir einmal 29 Euro.

Sollten wir also zu dritt fast hundert Euro auf den Tisch legen nur für das Full British Breakfast, wie es sich halt gehört?

Haben wir dann nicht gemacht. Das bringt uns dann direkt zur nächsten Frage: Was ist uns da denn eigentlich entgangen? Was ist dass eigentlich genau?

Kapitel 2: Vier Gänge

Das britische Frühstück besteht in Wirklichkeit aus vier Gängen. Das ist ein zuallererst schon ein entscheidender Unterschied zum lieblosen Hotelbuffet.

Der erste Gang ist der einfachste. Klassischerweise ist das eine halbe Grapefruit, die man dann selber filettiert. Dafür gibt es ein eigenes Werkzeug, so eine Art kleines Löffelchen mit ein Säge dran. Eine Gentlewoman süßt die Pampelmuse natürlich nicht. Ich würde an dieser Stelle vielleicht auch noch frisch gepreßten Orangensaft gelten lassen.

Aber auf keinen Fall die klebrige Limo aus dem noch klebrigeren Limo-Automaten in unserem Hotel. Die darf sich hier nämlich, untermauert durch eine unbeugsame Realitätsverweigerung, als Orange-Juice bezeichnen.

Der zweite Gang sind die Cerealien. Cereals. Das sind in der Regel mittlerweile Corn Flakes oder, wenn’s hart auf hart kommt, andere Süßigkeiten der Marke Kellogs. Wenn’s ganz schlimm kommt, vielleicht auch noch Fruit Loops, im Grunde also reiner raffinierter Zucker mit chemischen und gefärbten Zusatzstoffen.

Corn Flakes würde ich da noch als einziges durchgehen lassen, aber die dann bitte nicht süßen. Denn eigentlich stehen die hier nur als Platzhalter für Porridge.

Eigentlich ist der zweite Gang Porridge. Das ist eine Art Haferbrei, der in seiner schottischen Heimat gerne einmal mit Salz gekocht wird. Also nur Haferflocken und Wasser und dann sanft kochen, bis der Brei sämig wird.

Hier könnte ich mich breitschlagen lassen, zum Beispiel braunen Zucker zu verwenden, aber das ist schon die Grenze meiner Meinung nach.

Das die ersten beiden Gänge nicht so intensiv sind vom Geschmack dient der Vorfreude auf den dritten Gang. Das ist der, der oft für das Gesamterlebnis gehalten wird.

Also, was gehört auf die Platte?

Fangen wir mit dem Bacon an. Der hat hauchdünn und knusprig zu sein. Das kriegt man hin, indem man den frisch gebackenen Bacon abtropfen läßt. Die wabbeligen Speckscheiben aus dem Hotel, die da in ihrem eigenen Fett treiben, haben nichts mit Bacon zu tun.

Der heißt, wenn man ihn in England selber kaufen würde higher-welfare smoked dry cured back bacon. Das higher welfare bedeutet das Wohlergehen der Schweine, die für ein geniales Frühstück sterben durften.

Die Scheiben, die man bei uns als „Frühstücksspeck“ kaufen kann, sind eigentlich zu fett und zu dünn geschnitten, die kriegt man nicht so british hin, wie sie sein sollten, die sind eher amerikanisch.

Dann wenden wir uns als nächstem den Würstchen zu. Mit denen habe ich ja sowieso meine Probleme. Denn oft sind es einfach nur kleine bangers, und die schmecken oft mehr nach der Zellulose, die sie tatsächlich bis zu 5% enthalten dürfen, als nach irgend etwas anderem.

Das Original sind die „cumberlands“ und die dürfen auch in der Variante mit Lauch gekauft werden. Kriegt man in Deutschland praktisch nur online. Ich empfehle die Website „Britwurst“.

Habe ich jetzt die Nicht-Vegetarischen Zutaten durch? Ach, leider nein. Es fehlt ja noch das Schlimmste. Der „black pudding“. Müsste man in deutscher Sprache wohl Blutpudding nennen. In der englischen Variante mit einem recht hohen Mehlanteil und wenig gewürzt.

Traditionell ist der black pudding ein Frischeprodukt, dass man umgehend nach dem Kaufen beim Metzger, zubereiten sollte. Black pudding aus der Dose oder der Tiefkühle zählt auf jeden Fall nicht.

Ein bisschen einfacher sind da natürlich die baked beans. Die vom Heinz, mit den türkisfarbenen Dosen, sind ziemlich authentisch. Die muss man unbedingt separat in einem Töpfchen erhitzen und nicht aufkochen lassen, ganz smooth erwärmen diese kleinen Böhnchen.

Dann hätten wir noch die hash browns, das ist so etwas wie unsere röstis. Da finde ich jetzt die Tiefkühlversion die bessere, die dehydrierten, halb vorgebackenen hash browns sind allerdings nicht zu empfehlen.

Pilze und Tomaten gehören eigentlich klassischerweise auch in die Pfanne. Wer aber einen kleinen, leistungsfähigen Grill hat, kriegt die in einer weniger fetten Version hin, als allgemein üblich. Das schmeckt deutlich besser, finde ich.

Bleiben dann noch die eggs. Da gibt es mittlerweile auch viele Arten der Zubereitung, aber klassisch sind scrambled eggs. Also das Rühreier.

Die macht der Brite aber nicht mit Milch oder Sahne, gibt’s ja bei uns auch, sondern einfach nur pur. Also vorher in einem Schüsselchen verschlagen und dann in eine nicht zu heiße Pfanne geben. Ein Teelöffel Butter sollte da schon geschmolzen warten.

Das mit dem Nicht-Zu-Heiß ist übrigens für alle Zutaten ein guter Tipp. Nichts darf verbrannt sein. Ungeübte Köche wie ich zum Beispiel, verbrennen klassischerweise die Würstchen schon, bevor die Tomaten überhaupt bräunen.

Die wahre Kunst ist es natürlich, alles auf den Punkt fertig zu bringen. Das schafft übrigens sehr gekonnt unser Herr Wunderlich!

Oke, Dann würde ich noch zwei Scheiben Toast für jeden rechnen. Das übrigens, was in unseren Supermärkten Toast heißt, hat mit dem Britischen wenig zu tun. Da bekommt man die besten Ergebnisse mit den extra dicken Sandwich-Scheiben, die auch schon öfter auf Herrn Wunderlichs Einkaufsliste fand.

Ach, und beim dritten Gang gibt es übrigens auch Tea. Gewöhnlicherweise mit einem Schuss Milch. Und nicht mit Zitrone. Es sei denn, es ist ein Earl Grey.

Der vierte Gang ist dann einfach Toastbrot und Marmelade. Wobei: Manchmal ist das Brot kein Toast, sondern fried bread, also in der Pfanne geröstetes Brot.

Aber die Marmelade sollte schon Marmelade sein. Also aus Orangen, Limetten oder Zitronen sein. Das am besten mit Fruchtstückchen und einen leicht süß-bitteren Geschmack. Jam, also das, was wir als Marmelade kennen, ist bei den Briten vieler Orts einfach verpönt.

Bei uns im Hotel gab’s sogar Nutella. Und das geht ja nun überhaupt gar nicht.
Wenn man sich also an diese Jahrhunderte alte Tradition…

Moment mal? Jahrhunderte alt? Limetten? Bohnen aus den USA? Tee aus Indien? Wieviel Jahrhunderte können das sein?

Das führt uns zu Kapitel drei: History

Die „English Breakfast Society“, die es natürlich auch gibt, behauptet dieses Frühstück sei in genau dieser Form schon in den frühen 1800 ern entwickelt worden. Vom Adel. Und sei dann zum Allgemeingut geworden seit rund 200 Jahren also.

Doch dank des Internets haben wir ja Zugang zu einer ganzen Reihe von Kochbücher aus dem viktorianischen England. Da wären zum einen, hochinteressant „Twice Around the Clock“ von George Sala aus dem Jahre 1859. Das gibt es kostenlos im Internetarchiv.

Bei Sala finden sich in der Liste mit Frühstückszutaten tatsächlich Brot, Butter, Bacon und Rühreier. Daneben aber auch pochierte oder gekochte Eier, Rinderzunge, Sardellenpaste, gekochte Blöscher und geräucherter Schellfisch.

Und die zweite, sehr sympathische Quelle ist „Madam Beeton’s Book of Household Management“ aus dem Jahr 1861. Die kocht schon sehr viel deutlicher für die Mittelklasse als Mr. Sala.

Bei ihr finden wir einen Haufen von Zutaten. Im Prinzip einmal alles, was ein Metzger zu bieten hat. Kalter Schinken, Rinderzunge, Wild, Rumpsteak-Pastete?, Hammelkotelett, gebratene Schafsnieren und eben Schweinespeck. Nix veggie!

Dazu noch einmal die Nordsee halb-leergeschifft: Jeglicher Gebratene Fisch, wie z.B. Makrele, Wittling, Heringe oder getrockneter Schellfisch sind für Madame Beeton unerläßlicher Bestandteil.

Toastbrot und Eier finden wir auch erwähnt. Aber weit und breit keine Bohnen und keine Tomaten.

Auch in zwei weiteren Werken, „Our Daily Fare and How to Provide It“ von 1893 und „Modern Cookery for Private Families“ von 1864 finden sich, ganz klar Brot, Eier und Bacon als die Stützen des Britischen Breakfast.

Aber ansonsten war die Bandbreite sehr groß und es war in keinster Weise nur das eine und wahre und richtig britische Breakfast, wie ich es euch gerade beschrieben habe.

Die Bohnen zum Beispiel kommen in keinem Buch aus dem 19ten Jahrhundert vor, die stammen dann wohl aus dem zwanzigsten. Auf dem ersten Foto eines British Breakfast, das ich gefunden habe, sind sie auch noch nicht dabei.

Doch eigentlich ist es so, dass wir hierbei natürlich nur von der Middle bis Upper Class reden. Mr. George Sala berichtet, was die einfachen Arbeiter in Covent Garden so um 1850 gegessen haben:

„Und auf dem Markt selbst gibt es Wirtshäuser, wo man sich um sieben Uhr früh Hammelfleisch zum Frühstück kaufen kann! Heißer Kaffee und riesige Haufen Butterbrote verschwinden mit erstaunlicher Schnelligkeit. Es wird massenweise Bier getrunken und Schnäpschen „um die Kälte draußen zu halten“ Und dass, obwohl es Mai ist!“

Soviel zur Geschichte…

Kapitel vier: Ist das jetzt gesund?

Das ist eine berechtigte Frage. Tatsächlich findet man beim von Dir so geschätzten Jamie Oliver auf der Webseite auch ein sehr klassisches Rezept für das klassische britische Breakfast, dass, wie wir gerade bewiesen haben, keine hundert Jahre alt ist….

Und der hat bei seinem 2-Personen-Rezept so eine Tabelle. Da kommt er auf 1200 Kalorien. Und die empfohlene Tagesmenge an Fetten, gesättigt und ungesättigt, Salz und Proteinen hat man dann auch schon einmal intus.

Genau genommen ist das also kein gesundes Frühstück. Aber eine einzelne Mahlzeit ist nie generell gesund oder ungesund. Wer sich jeden Morgen sechs Eier reinpfeift, lebt genauso ungesund wie jemand, der sich nur von Haferflocken ernährt.

Wir sind da in Deutschland oft ein bisschen eingebildet und arrogant, ja. Zum Beispiel auf unser deutsches Brot ( niemeand auf der Welt kann so ein Brot backen) oder unsere Wurst und unsere ganze, super gesunde Ernährung. Das ist alles etwas übertrieben und auch etwas geheuchelt.

Was das durchschnittliche Übergewicht und die Lebenserwartung angeht, stehen wir in den Statistiken der WHO recht solide genau zwischen Großbritannien und den USA.

Die Mischung im Laufe des Lebens machts. Und wichtig ist natürlich auch der Spaß am Essen.

Obwohl. Hm. So gesehen war das traurige, traurige Überbleibsel von British Breakfast, dass da im Keller unseres Hotels gegen seinen Willen warm gehalten wurde, wahrscheinlich schon extrem ungesund. Für Leib und die hungrige Seele…

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