Teddybärlehrerin

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Eine Grundschullehrerin wird in ihrer neuen Klasse mit der Tatsache konfrontiert, dass die Jungs sich in einer Armee organisiert haben, um die galaktische Republik gegen die Seperatisten unter Count Dooku zu verteidigen.

Was wie Kinderspiel klingt, wird aber schnell zu realistisch und verlangt von der Teddybärlehrein eine Metamorphose.


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Download der Sendung hier.

Frei nach Micaela Blei: Fish out of Water

Musiktitel: „The Star Wars That I Used To Know“ von teddiefilms

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Die Geschichte zum Lesen

Ich bin mit Leib und Seele Grundschullehrerin! Menschen sind niemals mehr so … menschlich wie in der Grundschule. Da sitzt meine Klasse von Drittklässlern und kuckt mich am ersten Schultag an und ich denke mir: Das sind Lebewesen, die noch Gefühle empfinden für ihre Teddybären. So sollten alle Erwachsenen sein … nicht nur ich, oder?

In meiner Geschichte geht es also um Menschen, die acht Jahre alt sind und um mich und um Teddybären. Denn es gab da einen Jahrgang, wo es nicht mehr genügte, eine Teddybärenlehrerin zu sein.

Ich hatte gerade an dieser privaten Schule mit der hehren Pädagogik begonnen und wusste schon nach einer Woche, dass ich dieses Mal vielleicht ein bisschen überfordert war – obwohl ich schon damals eine erfahrene Lehrerin war.

Mein Problem in dieser Klasse waren natürlich nicht die Mädchen. Im Gegenteil: In dieser Klasse spielten alle Mädchen in den Pausen zusammen und hatten sich ein ‚Krankenhaus für Stofftiere und Puppen‘ gebaut – damit kann man als Lehrpersonal umgehen, damit kann man arbeiten!

Nein, das Problem waren die Jungs. Denn die spielten Krieg: Die Klon-Kriege, wie ich mir erklären lassen durfte.

Auch Kriegsspiele waren mir nicht neu, aber in diesem Jahrgang war die Sache deutlich heftiger. Diese Klassenarmee war militärisch tipp-top durchorganisiert. Und sie hatten einen leibhaftigen Gegner. Die unfreiwillige Rolle der ‚Separatisten‘ hatten die Kinder vom Hort, mit denen wir uns den Spielplatz teilten.

Wenn meine Jungs nicht in einer Schlacht kämpften – was alle Lehrenden auf dem Pausenhof zu verhindern suchten – dann bereiteten sie sich taktisch auf eine Schlacht vor oder drillten sich gegenseitig.

Das klingt zu abstrakt: Wenn sich die Kinder in der Mensa um das Essen anstellen, dann muss ein Lehrender in der Regel Dinge sagen wie:

„Wir schubsen uns nicht und wir drängeln nicht!“

Ich hingegen hörte mich so Sätze sagen, wie:

„Wir erschießen uns in der Schlange nicht von hinten!“

Im Werkunterricht benutzen sie das Kreppband, um sich gegenseitig an die Stühle zu fesseln, um zu üben, wie man bei Verhören durchhält, wenn man gefoltert wird!

Wenn die Kinder malten, dann kam ich gar nicht hinterher, die rote Plaka-Farbe nachzufüllen, denn alle Jungs entwarfen großformatige Schlachtengemälde und brauchten Rot wegen der Blutfontänen, die aus den Gegnern spritzten!

Mir persönlich ging das natürlich nahe, aber es war in diesen Dimensionen nicht wirklich pathologisch. Doch das ganze Kriegsspiel nahm bald Ausmaße an, die den Unterricht direkt betrafen.

Wenn ich eine neue Aufgabe verteilte, dann fingen die Mädchen sofort brav an, diese umzusetzen. Doch der ranghöchste Offizier im Raum erklärte mir:

„Nein. Machen wir nicht. Wir müssen uns taktisch vorbereiten.“

In keiner Weise in einem trotzigen, kindlichen Ton. Nicht wie in:

„Aber wir wollen spielen, buhäää!“, sondern in einem sachlichen, überlegenen Tonfall.

Man kann sich doch nicht wirklich mit so Kleinigkeiten wie dem Ausmalen von Verkehrsschildern beschäftigen, wenn da draußen ein Krieg tobt – das muss doch jedem vernünftig denkenden Menschen eigentlich klar sein!

Ganz ehrlich: Ich war völlig am Ende mit meinem Latein. Ich bin doch die Teddybärlehrerin! Ich weiß nicht, was man macht, wenn sich die Kinder dauernd prügeln mit allem, was sich als Waffe eignet.

Auch die Eltern und das Lehrerzimmer und das Direktorat waren verzweifelt. Die Schule verfolgte als Privatschule die richtigen pädagogischen Ziele! Es geht darum, die Kinder zur Neugier zu erziehen und sie bei allem zu unterstützen, was sie selber, aus sich heraus, machen wollen!

Doch wenn das, was sie selber machen wollen, die Gefangennahme und das Foltern der Kinder vom Hort ist, dann stoßen die großen pädagogischen Visionen von kindlicher Selbstbestimmung an harte Grenzen!

Übrigens war das keine Armee, zu der alle eingezogen wurden. Das war mehr eine Söldnertruppe, zu der man berufen wurde. Manche Jungs werden nicht angenommen.

Robert zum Beispiel. Ein süßer kleiner Mensch, der immer noch ein wenig so wirkt, als wäre er erst gestern mit seiner Schultüte zum ersten Mal im Schulgebäude angekommen.

Während sich die anderen Jungs über Dinge wie „Sturmies“, „Weißschalen“, „Blechheinis“ oder „Sitzende Mynocks“ unterhalten, würde Robert gerne mit jemanden darüber reden, was das zeitsparendste Feature des neuen Betriebssystems von Apple ist. Und eigentlich sollte ich mich vielleicht wirklich mit ihm einmal darüber austauschen!

Aber natürlich muss Robert auch in die Armee. Schließlich ist er ein Junge und alle Jungs wollen in diese blöde Armee – andere Rollenbilder bietet die Klasse der Teddybärlehrerin leider nicht an, sehr sorry!

In einer Pause bekomme ich folgenden Dialog mit:

„Kann ich in der großen Pause bei der Armee mitspielen?“, fragt Robert Daniel, der einer der ranghöchsten Offiziere ist.

„Klar. Wenn Du willst!“, antwortet Daniel, „Du kannst ja Selbstmordattentäter werden!“

Und Robert antwortet, mit Tränen in den Augen: „Warum?“

„Na, Dich will einfach jeder tot sehen!“

Und ich greife natürlich ein! Das geht zu weit und ich sage zu Daniel:

„Hey! Das geht nicht! So behandelt ein Mensch einen anderen nicht! Entschuldige Dich sofort bei Robert!“

General Daniel sieht mich an, aber er sieht auch durch mich durch. Und dann dreht er sich wortlos um und geht.

Ich bin so überrascht und entsetzt, dass ich gar nichts mache. Ich stehe da, den rechten Zeigefinger in der Luft und handele nicht. Schweige.

Weil ich hier einfach völlig falsch bin!

Das sind nicht Achtjährige, mit denen ich hier jeden Tag umgehen muss, das sind Söldner! Ich kann einfach nicht mehr! Wenn man jeden Tag, acht Stunden lang, mit Menschen umgeht, die sich als Soldaten verstehen, dann glaubt man das selber irgendwann!

Ich heule, wenn ich von der Schule nach Hause komme. Ich beginne einen Kalender mit einem Countdown, um zu sehen, wie viele Tage ich noch mit dieser Armee verbringen muss. Im Februar!

Ich will einfach nur wieder mit Kindern arbeiten, die ich verstehen kann! Mit menschlichen Wesen, die sich mit acht Jahren für Teddybären interessieren und nicht für den Krieg der galaktischen Republik mit den Separatisten unter Count Dooku!

Es ist, glaube ich, April und ich bin die Lehrerin, die mit dem Patrouillengang eingeteilt ist. So nennen wir die Pausenaufsicht mittlerweile im Lehrerzimmer. Denn es gilt zu verhindern, dass die Armee Schlupflöcher findet, die es ihr ermöglicht, auf das Gelände des Horts zu kommen.

Ich komme an die sogenannte Sandgrube, in die man erst kucken kann, wenn man an deren Rand steht. Und in der Sandgrube sehe ich Robert. Mein Robert. Apple-Robert.

Er kniet in der Sandgrube, mit dem Kopf im Dreck und hält freiwillig die Hände verschränkt auf dem Rücken, als würde er Handschellen tragen.

Um ihn herum stehen drei hochrangige Offiziere der Armee – Daniel unter ihnen – und einer ist gerade dabei, Robert lebendig zu begraben. Mit dem Kopf hat er angefangen, wer weiß, wie lange die Hinrichtung schon läuft!

Und dann geht etwas in mir kaputt. Mir wird gleichzeitig heiß und kalt und ich springe in die Grube und hebe Robert mit einem Arm raus, keine Ahnung, wo die Kraft herkommt!

Und ich brülle die drei Jungs an: „Ihr stellt euch sofort da drüben an die Wand!“

Ich weiß, dass keiner der anderen Lehrer da hinschauen kann und ich stelle mich vor den Dreien auf und ich sage, voller kalter Wut, aber sehr gefasst:

„Wenn ihr euch wie Drittklässler benehmt, dann behandele ich euch auch so. Als Grundschullehrerin. Aber, wenn ihr SO etwas macht, was ich gerade sehen musste, dann handelt ihr wie erwachsene Folterer. Dann bin ich nicht mehr eure Lehrerin, dann handele ich wie eine Erwachsene, die die Menschenrechte verteidigen muss!

Und ich kann euch sagen: Ich bin in meinem Leben noch NIE so wütend gewesen und ich weiß nicht, was das für euch bedeuten wird!“

Gebannt hängen die drei Offiziere an meinen Lippen und hören mir zum ersten Mal in diesem Schuljahr zu. Ich kucke so böse, wie ich nur kann. Ich versuche, auszusehen wie Jack Nicholson in „Shining“, wenn er die Tür zerhaut.

„Wenn ich das noch einmal sehen muss, dann gelten hier keine Regeln mehr. Dann weiß ich beim besten Willen nicht, was ich tun werde!

Keine Ahnung, was ich dann tun werde.

Keine. Ahnung …“

Ich fixiere jeden der Jungs einzeln und blicke sie an, ohne einen Gesichtsmuskel zu bewegen. Und ich sehe in ihren Augen echte Angst.

Ha! Da habt ihr’s, ihr Soldaten! Da habt ihr den General, den ihr wolltet! Die verdammte Vorgesetzte eurer Vorgesetzten! Und dann sage ich:

„Und, nebenbei erwähnt, dieses Gespräch hat nie stattgefunden.

Verstehen wir uns?

Ich sagte: Verstehen wir uns!“

Jetzt bin ich der durchgedrehte General, der sich über das Gesetz stellt und das ist für Soldaten noch schlimmer als ein normaler General!

Ich gebe zu, ich habe diese Situation genossen, auch wenn es eigentlich eine pädagogische Bankrotterklärung ist. Denn, was passiert ist, als ich der durchgedrehte General wurde: Zum ersten Mal in diesem Schuljahr sah ich normale Achtjährige vor mir!

Ich habe mich herabgelassen, ihr dummes Spiel mitzuspielen, und ich war ihnen auf Anhieb dabei überlegen. Ich kann das blöde Armee-Spiel – nur besser!

In diesem Moment weiß ich, dass sich die Regeln geändert haben.

Tja, man kann halt keine Teddybärlehrerin sein, wenn da draußen ein Krieg tobt – das muss doch jedem vernünftig denkenden Menschen eigentlich klar sein!

Schlagartig verwandele ich mich wieder zurück in die Lehrerin, die sie kennen, denn es stehen Jungs vor mir und keine Söldner. Doch ich bin – ab jetzt – dieser Typ von Teddybärlehrin, die sich in einen durchgedrehten General verwandeln kann. Gefährlich!

Dann sage ich das, was Grundschullehrer schon seit Generationen sagen. Und ich sage es mit einem mütterlichen Lächeln, damit die Kinder wissen, dass ihnen nicht nur vergeben ist, sondern, dass ich sie noch immer lieb habe:

„Geht spielen, Kinder!“


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