Tarzan


Es ist für Menschen in der westlichen Welt seit über 100 Jahren schwierig, ohne eine seltsame Kunstfigur groß zu werden.

Selbige ist fast nicht angezogen, jodelt und schwingt sich in Afrika an Lianen von Baum zu Baum.

Und weil er ungefähr eine ähnliche Pigmentierung hat wie der durchschnittliche Europäer, kennen wir Tarzan.

Dessen erster Film vor ziemlich genau 100 Jahren ins Kino kam.


Download der Episode hier.
Musik: Tarzan, On the Topic of Your Stepmother… (Zach Fleury) / CC BY-NC-ND 4.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


 

Skript zur Sendung


Kapitel eins: Der Tarzanschrei

Weil eben vor 100 Jahren der erste Tarzanfilm in die Kinos kam. Beginnen wir also mit dem ersten Tarzanschrei aus dem ersten Tarzanfilm.

(Pause)

„Tarzan of the Apes“ aus dem Jahre 1918 war natürlich ein Stummfilm. Also gab es keinen Tarzanschrei. So einfach ist das.

Für echte Tarzanfans gilt der Film immer noch als die beste Umsetzung der Romanvorlage von Edgar Rice Borroughs. Wir werden noch darüber reden, ob das überhaupt eine gute Idee ist.

Der erste Tarzan war aber somit Elmo Lincoln. Und sein Tarzanfilm war so erfolgreich, dass man im gleichen Jahr den zweiten Teil hinterherschob, jetzt mit Jane und mit dieser berühmten Ich-Tarzan-Du-Jane-Szene. Bloß halt auch ohne Ton.

Viele Jahre später, in einer Fernseh-Show durften wir dann erfahren, was Herr Lincoln für Geräusche gemacht hat, als 1918 die Szene mit dem Tarzanschrei aufgenommen wurde.

Clip /Elmo

Der nächste berühmte Tarzan nach Elmo Lincoln war dann der etwas vergessene Hermann Brix, obwohl der ungefähr zeitgleich mit Johnny Weissmüllers Version produziert wurde. Herrmann Brix Version des Schreis geht so

Clip /Herrmann

Klingt lächerlich, kommt aber dem Buch sehr nahe, denn tatsächlich ruft Tarzan in den Büchern Tarmangani. Das Wort selber bedeutet Menschen-Affe. Aber nicht wie in Menschen-Affe, sondern wie in gleichzeitig Mann und Affe. Das Wort stammt aus der Sprache Mangani, die sich Edgar Rice Borroughs ausgedacht. Die Sprache der Affen halt. Nuff said….

Nun aber zum echten und wahren Tarzanschrei. Aus dem berühmtesten aller Tarzanfilme. Tarzan, der Affenmensch. Mit dem charmanten, etwas hölzernen Johnny Weißmüller in der Hauptrolle. Der im ganzen Film nichts spricht außer die zwei Worte Jane und Tarzan. Aber er konnte halt einfach himmlisch jodeln.

Clip/ johnny

Und das ist kein Witz. Er hatte schon als junger Mann Jodel-Wettbewerbe gewonnen. Und so ist dieser patentierte und rechtlich hochgeschützte Schrei nicht kompliziert aus Tiergeräuschen gemischt, wie zum Beispiel das Gegrunze von Chewbacce, sondern echt und analog gejodelt.

Lustigerweise gibt es noch eine Weißmüller-Version des Schreis. Denn seine Tarzankarriere hat zwei Teile. Einen guten Teil bei der MGM, man erkennt die Filme daran, dass Maureen O’Sullivan die Jane ist und einen schlechten Teil bei der RKO.

Für die musste er einen neuen Tarzanschrei einsingen, wegen erwähnter Rechtsprobleme. Der klingt dann juristisch bedingt ein bisschen anders.

Clip /rko

Na ja. Es kamen und gingen viele Tarzans. Zu erwähnen sind auf jeden Fall Buster Crabbe, den wir ja auch aus der drolligen Flash-Gordon-Fernsehserie kennen und natürlich Lex Barker, der auch keine schlechte Figur abgegeben hat, bevor er dann unser aller Lieblings-Old-Shatterhand wurde.

Und dann dürfen wir natürlich nicht Ron Ely vergessen. Der hat den Tarzan in der Fernsehserie gegeben, die unsere Generation in der Kindheit kennengelernt hat. Für mich eigentlich der ursprüngliche und echte Tarzan. Ich war dann, ehrlich gesagt, von Johnny Weißmüller, rein ästethisch ein bisserl enttäuscht.

Allerdings hat Mr. Ely gar keinen eigenen Tarzanschrei, man hat für ihn Johnny Weißmüller recyclet.

Darum bleibt uns aus chronologischen Gründen nur noch der Disney-Tarzan zu erwähnen. Irgendwie hat es eigentlich nur dieser Zeichentrickfilm geschafft, Tarzan in die Moderne zu transportieren. Und dann noch das Musical auf dessen Basis obendrauf. Da klingt Tarzan dann so:

Clip /disney

Gut. Hätten wir das mit dem Tarzanschrei. Ich hätte ja noch zwei Ausreißer…

Clip /hoerspiel

Dieses opernhafte Falsetto ist der Tarzanruf einer ziemlich erfolgreichen Hörspielserie in den USA. Und da gäbe es noch…

Clip /guitarzan

Guitarzan. Aber… Na ja.. Wir waren jung und wir brauchten… Wechseln wir das Thema…

Kapitel 2: Das Buch

Das Buch „Tarzan, der Affenmensch“ von Edgar Rice Burroughs erschien 1912. Sechs Jahre vor dem Film. Man geht sichern nicht fehl in der Annahme, dass es einen beträchtlichen Erfolg hatte.

Aber wir müssen vielleicht gerade deswegen doch einmal darüber reden. Weil ich das halt gelesen habe. So wie zum Beispiel auch die James-Bond-Romane von Ian Fleming. Wo der Held Alkoholiker ist und Kettenraucher.

Tarzan aber ist der Bastard vom Edlen-Wilden-Mythos und das Symbol des weissen Kolonialisten, schließlich ist er ja EIGENTLICH englischer Lord.

Auch wenn er unter Affen aufwächst, kommen seine menschlichen Instinkte durch und er schwingt sich – um ehrlich zu sein: Weil er ein Messer benutzen kann – schnell zum König des Dschungels auf. Issja klar – ein weisser Mann halt, wir wissen, das bedeutet einfach Krone der Schöpfung!

Er ist, so Burroughs, Caucasian, athletisch, groß gewachsen, handsome und braun gebrannt. Mutig, hochintelligent und treu.

Klar lernt er auch, sich in der verweichlichten, britischen Nobilität elegant zu bewegen, doch Lendenschurz und Messer bevorzugt er und so kehrt er mit Jane in den Dschungel zurück und da bleibt er dann auch.

Seien wir mal ehrlich: Unter dem dünnen Schleier der Zivilsisation liegt das rohe, eherne Gesetz der Natur. Das Gesetz überhaupt halt. Eben. Im Innersten sind wir Männer alle Tarzan!

Als Tarzan auf Jane trifft z.B. rechnet es ihm sein Erfinder besonders hoch an, dass er den „natürlichen, männlichen Impuls zur Vergewaltigung“ unterdrückt. Auch wenn er selber keine Gewalt gegen Frauen anwendet, hilft er dem Stamm der Alali z.B. großzügig mit Waffen, damit diese ihre patriarchische Ordnung wieder herstellen können. Passiert halt manchmal, denen waren die Frauen aufmüpfig geworden.

Und nicht nur dort hat der halbnackte Angelsachse die Hosen an. Auch diesen sabbernden, wild gestikulierenden Schwarzen muss erst beigebracht werden, wie das so geht mit Recht und Gesetz. Als er sich im Buch Jane vorstellt – die blond ist und aus Amerika, in den Filmen komischerweise schwarzhaarig und aus England – tut er das als „Tarzan, der Mörder von Bestien und vieler schwarzer Männer.“ Auch, was er empfindet, als er die Kannibalen vom Stamm der Mbongans erhängt, ist – sagen wir ‚mal — problematisch.

Der Vollständigkeit halber: Alle Araber sind schmierige Diebe, alle Russen Betrüger und alle Schweden ungepflegt.

Meint Edgar Rice Borroughs aus Oak Park, Illinois, einer Sundown Community.
Die heissen so, weil da Schilder aufgestellt waren „No Coloreds after Sundown“.

War als ERB – wie wir Fans sagen – Rassist? Faschist? Nazi gar? Die eigentliche Antwort ist natürlich: Ja! Er war Rassist. Aber halt mehr oder weniger in dem Rahmen, in dem das damals in der westlichen Welt so handelsüblich war. Musss man leider dazu sagen.

Klar waren Schwarze Menschen, die weniger wert waren. Hey- wäre Tarzan ein Schwarzer – und die Geschichte, dass jemand seine Eltern verliert und von Gorillas aufgezogen wird, wäre auf einmal wahrscheinlicher – wäre Tarzan also ein Schwarzer…

Dann hätte das damals keiner gekauft. Und auch heute wäre der Disney-Zeichentrickfilm kein Erfolg. Oder?

Aber der Mann im Lendenschurz hat ja mehrere Probleme…

Kapitel drei: Tarzans Probleme

1) Tarzan ist weiss. Und König des Dschungels. Eine Karriere, die die schwarzen Eingeborenen irgendwie nicht hinkriegen.

2) Tarzan ist ein Mann. Frauen spielen die übliche Rolle.
„Tarzan, heute muss ich ‚mal die intelligenten Gorillas besiegen – könntest Du heute bitte Korak in den Kindergarten bringen und beim Metzger die Alligatorensteaks abholen. Danke – aiaiaiai“

3) Der Dschungel ist nicht mehr das, was er einmal war. Kein weisser Fleck mehr auf der Karte, keine Terra Incognita mehr über. Die verschwundene Zivilsitaion von Opal würde schon längst jemand auf GoogleMaps gefunden haben und die verlorene Expedition im Dickicht Zentralafrikas hat natürlich GPS und Handy.

4) Sex. Tarzanfime waren für ihre Zeit war schül erotisch. Hitze, Schweiss, nackte Leiber. Das ist eine Spezialität von ERB – auf dem Mars, siehe John Carter, gibt es für Frauen überhaupt keine Kleidung. Und unter den männlichen Jugendlichen war der erste Weissmüller-Tarzan-Film Kult, da man wohl kurz Maureen O’Haras primäre Geschlechtsorgane unter dem Lendenschurz sah. Das wurde dann rausgeschnitten. Funktioniert heute eben auch nicht, siehe den unsäglichen, peinlichen Tarzan mit Bo Derek.