Supermarktweisheit


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Kennt ihr jemanden, den ihr weise nennen würdet? „Weisheit“ ist keine Tugend mehr – heute bleibt man lieber ein Leben lang jugendlich. Weisheit klingt nach Rheumapflaster und Korega Tabs, igitt!

Billie Lee glaubt auch nicht an Weisheit. Vor allem nicht, wenn es um ihren Vater geht. Denn der ist eher verrückt. Eröffnet der doch glatt einen Supermarkt!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Supermarket Love Affair“ von Lynda Trang Dai


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Die Geschichte zum Lesen

In der chinesischen Kultur ist „Weisheit“ ein hohes Gut. Eine Charaktereigenschaft, die man dort auch noch üben muss. Im Westen ist der Begriff etwas in die Jahre gekommen und klingt angestaubt. Alte Männer mit langen weißen Bärten, die ihr Leben in Höhlen verbracht haben, die können weise sein. Gandalf, Dumbledore oder so. Googelt man „weise Frau“ stößt man hauptsächlich auf Trivialliteratur, in der die Heldin eine Hexe ist.

Ich persönlich dachte lange, ich kenne niemanden, den ich “weise” nennen würde. Und nie im Leben hätte ich meinen Vater für weise gehalten. Für mich war der nicht weise, sondern völlig verrückt.

Als wir von Hongkong in die Staaten ausgewandert sind, da hatte er die weise Idee, wir sollten uns neue, amerikanische Namen geben. Sehr weise, oder? Und darum heißt unsere Familie seitdem nicht mehr Lee – ein ehrenhafter Name in Hongkong – sondern Ming. Nicht Smith, Jones oder Miller, sondern Ming. Ist das weise oder verrückt?

In Boston, wo wir schließlich landeten, war das Wetter völlig anders als in Hongkong. Viel kälter und viel regnerischer. Wir Kinder brauchten Regenmäntel. Aber warum viel Geld ausgeben, dachte sich mein verrückter Vater. Und entwirft selber Regenmäntel für seine Kinder. Im Prinzip waren das leuchtend gelbe Plastikfolien-Ponchos.

Mit denen durften wir dann in die Schule laufen. Wir schämten uns sehr, aber mein Vater war völlig begeistert und überlegte ernsthaft, sich seinen Entwurf schützen zu lassen. Schließlich war das der einfachste, kostengünstigste Weg in Boston trocken in die Schule zu kommen. Ist das weise? Oder ist das verrückt?

Eines Tages kam er stolz vom Flohmarkt nach Hause. Er hatte sich einen Gürtel gekauft, dessen Gürtelschnalle mit einem großen roten „A“ verziert war und hüpfte damit stolz durch die Wohnung. „Warum steht auf Deinem Gürtel „A“? Wir heißen doch Ming?“

„Das verstehst Du falsch, Kind! „A“ ist “Das Ass”. Der erste Buchstabe. Die beste Note. „A“ ist das Zeichen dafür, dass man der Beste der Besten ist, verstehst Du jetzt?“ So ist sie, die Weisheit meines Vaters.

In der chinesischen Kultur gibt es eine gewisse Besessenheit damit, durch Namen seine Überlegenheit auszudrücken. Wenn man zum Beispiel ein Restaurant eröffnet, dann gibt es die Vorstellung, dass die Namenswahl die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg ist.

Egal, in welche Chinatown man in den Staaten kommt, alle Restaurants heißen irgendwie „Golden“, „Imperial“, „Lucky“ oder „Dragon“, oft alles wild kombiniert.

Die nächste verrückte Idee meines Vaters war es dann, mitten in Chinatown einen kleinen Supermarkt zu eröffnen. Der hieß ganz schlicht „Ming’s Supermarket“. In Englisch. In Chinesisch stand da einfach: „Billiger Supermarkt“.

Ich kann mich gut erinnern, als Kind neben ihm durch die Regale zu gehen, während er Preisschildchen aufklebte. Das machte er einfach aus dem Bauch. “Das hier kostet fünf Cent und das dort nur vier Cent.” Wie die Preis-Fee flog er durch die Regale.

Und als ob das nicht schon irrational genug wäre: Bald war der Supermarkt voller Leute, die sich dort trafen, nur um sich zu treffen. Man musste sich durch manche Gänge richtig durchquetschen, weil sich die Leute prächtig unterhielten. Das machte das Geldverdienen natürlich noch schwieriger.

Einmal verfolgte mein Vater einen zehnjährigen Jungen durch den Laden, der sich in jedem Regal bediente und sich die Taschen vollstopfte. Als er einen Riegel Nougat fand, nahm er sich den, setzte sich gemütlich auf einen Stuhl und genoss ihn hemmungslos. Meinen Vater hielt er für einen normalen Kunden.

„Und?“, fragte mein Vater, „schmeckt’s Dir?“

Der Kleine rieb sich den Bauch und sagte: „Lecker!“.

„Kommst Du oft zum Essen hierher?“

„Nur, wenn ich nach der Schule nach Hause komme und niemand da ist.“

„Warum das?“

„Bei uns ist niemals etwas im Kühlschrank. Und dann komme ich rüber und esse hier.“

„Weißt Du, dass man hier für die Sachen bezahlen muss? Wenn man sich Sachen nimmt und nicht bezahlt, dann gilt das in Amerika als Diebstahl. Es gibt Menschen, die dafür eingesperrt werden!“

Dem Kleinen wurde ganz blass um die Nase, erst jetzt begriff er, dass mein Vater kein Besucher war, sondern sozusagen zum Personal gehörte. Er versuchte, schnell abzuhauen, aber mein Vater griff ihn sich.

Und sagte: „Du darfst nicht stehlen! Wenn Du das nächste Mal Hunger hast, dann komm gleich zu mir oder frage nach mir, dann geb’ ich Dir etwas. Aber Du darfst nicht mehr stehlen, verstehst Du?“

Mir blieb das Geschäftsmodell meines Vaters völlig rätselhaft. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie mein Vater das gemacht hat, aber sein Supermarkt war ein großer Erfolg. Das war Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, in Amerika war Rezession.

Bei meinem Vater im Supermarkt gab es frische Lebensmittel, die sich die Leute leisten konnten. Er gab auch den Arbeiterfamilien und Rentnern die Möglichkeit gut zu essen. Und das ist keine Kleinigkeit. So gut lief sein Geschäft, dass er bald vergrößern musste.

Er mietete zusätzlich den ganzen ersten Stock an. Damals war das der größte asiatische Laden in ganz Neu-England. Jeder in Chinatown kannte den Supermarkt und fast jeder kaufte dort ein. Viele Dinge gab es nur bei meinem Vater. Und man traf dort ständig Freunde und Bekannte.

Der Vermieter freute sich auch prächtig über seine Mieteinnahmen im ansonsten leerstehenden Gebäude und verwandte das Geld, um das Haus Stock für Stock zu renovieren. Aber natürlich auf die denkbar billigste Weise.

Da arbeiteten keine ausgebildeten Handwerker, da holte man sich keine Erlaubnisse von der Gemeinde, sondern da wurde gepfuscht und gemurkst. Kein Wunder, dass das früher oder später zu einem Problem wurde.

Zum Beispiel an dem Tag, als im Haus ein Feuer ausbrach, weil irgendwer mit dem Schweißgerät Experimente durchgeführt hat. Sofort wurde die Feuerwehr gerufen und das Gebäude evakuiert. Immerhin 150 Leute, aber alles kein Problem. Bis das erste Feuerwehrauto ankam, standen alle vor dem Supermarkt und schauten auf die Flammen.

Die Feuerwehrleute schlossen den Schlauch an den Hydranten, drehten auf und: nichts! Komisch. Nächster Hydrant: nichts. Der Hydrant einen Block weiter: nichts. Es stellte sich heraus, dass man ein halbes Jahr vorher wegen Straßenbauarbeiten den Haupthahn für die Hydranten ausgedreht hatte und nie wieder angemacht.

Bis endlich Wasser aus der Leitung kam, von einem Hydranten zehn Blocks weit weg, war das Feuer schon auf das nächste Gebäude übergesprungen. Ein Gebäude, in dem auf zehntausenden von Quadratmetern illegal Feuerwerkskörper eingelagert waren. Das war ein Hauptexportartikel in Chinatown.

Während also mein Vater und seine Angestellten auf der Straße standen und zusehen mussten, wie ihr geliebter Supermarkt abbrennt, hatten sie im Hintergrund auch noch das aufwendigste Feuerwerk, das Boston je gesehen hatte. Feierlich war ihnen trotzdem nicht.

Ich kam erst am nächsten Tag von der Uni, um mir die Ruinen anzuschauen. Da qualmten die Überreste nur noch. Ich bemerkte drei alte Frauen auf dem Gehsteig, die aufgeregt miteinander redeten, immer wieder auf die Trümmer zeigten und alle furchtbar weinten.

Ich fragte: „Ist alles in Ordnung? Brauchen Sie Hilfe? Warum weinen Sie denn so?“ Und sie sagten: „Der Supermarkt ist kaputt! Was sollen wir denn jetzt machen? Jetzt haben wir kein Zuhause mehr! Das ist furchtbar!“

Und auf einmal verstand ich. In Chinatown gibt es keine Parks, keine öffentlichen Plätze und auch sonst keine Gemeindeeinrichtungen. Für die alten Damen war es völlig normal, sich bei meinem Vater eine Tasse Tee zu kaufen und sich dort zu unterhalten. Jetzt war ihr Treffpunkt weg.

Da begann ich zum ersten Mal etwas von der Weisheit meines verrückten Vaters zu ahnen. Zum ersten Mal verstand ich, dass es hier überhaupt nicht um Gewinn geht.

Mein Vater war nach dem Feuer praktisch mittellos. Der Schaden betrug 20 Millionen Dollar und die Versicherung zahlte bei weitem nicht alles.

Da gab es so Arrangements, dass sich mein Vater von jemanden Apparate geleast hatte, um seine Keimlinge zu ziehen. Die hätte er sich auch kaufen können, aber so kam dieser Jemand zu einem regelmäßigen Einkommen.

Jetzt waren die natürlich kaputt und fielen mit ihren vollen Kosten meinem Vater zur Last. Es war ein Debakel. Aber er wollte es noch einmal versuchen.

Dieses Mal war sein verrückter Plan, sein restliches Geld zu nehmen und alle Angestellten anzupumpen. Das waren immerhin 90 Menschen, die jetzt auch arbeitslos waren und zusammen brachten sie so viel Geld auf, Chinatowns „Billiger Supermarkt“ noch einmal zu eröffnen.

Ganz am Rande von Chinatown, was damals, in den Neunzigern ein schlimmes Viertel war. Da gabe es Gewalt, Prostitution und Drogen, aber darum waren auch die Mieten erschwinglich. Ich fand diese Entscheidung alles andere als weise. Da war wieder die Verrücktheit meines Vaters. Dieses Mal würde er sich finanziell das Genick brechen.

Aber, was dann geschah, könnte man ein kleines Wunder nennen. Denn seine Stammkunden kamen zurück. Sie waren bereit, die Extrastrecke zu laufen. Und bald kamen auch Menschen aus den Suburbs, denn hier, vor den Toren Chinatowns konnte man bequem im Parkhaus gegenüber parken.

Dann machte bald ein Zeitschriftenladen in der Nähe auf, eine Buchhandlung und immer mehr kleinere Geschäfte. Es folgten bald Büros oder Praxen. Die Verbrechensrate sank währenddessen kontinuierlich. Bald zogen auch die ersten Familien wieder ins Viertel, dass mittlerweile zu den beliebteren Ecken Bostons gehört.

Und Mings Supermarket florierte. Er war wieder ganz der Alte. Vielleicht nicht mehr so chinesisch wie vorher, aber doch kein herzloses Franchisemonster, wo alle Angestellten mit dem Firmenlogo durch die Gegend laufen mussten.

Mein Vater hatte es schon wieder gegen jede geschäftliche Logik geschafft. Zusammen mit seinen Angestellten, die mittlerweile auf 120 Stück angestiegen sind, haben sie sich wirklich, am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen.

Und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages flatterte meinem Vater die Kündigung für Ming’s Supermarket in die Post. Der Besitzer wollte den Supermarkt abreißen und stattdessen einen Wohnblock mit Luxuswohnungen hochziehen.

Schon wieder stand also mein verrückter Vater vor dem Aus. Opfer des eigenen Erfolgs. Und dieses Mal war er schon über siebzig Jahre alt. Er sagte zu mir: „Ich kann diesen Kampf nicht mehr kämpfen, Billie, ich bin zu alt. Auch wenn er es wert wäre, gekämpft zu werden.“

Also habe ich den Kampf aufgenommen. Seine Angestellten und seine Kunden, seine Geschäftskollegen und auch die Konkurrenten, alle zogen an einem Strang, um Mings Supermarket zu retten. Um das ganze Viertel zu retten.

Wir gründeten die ‘Chinatown Resident Association’, um die Rechte der Einwohner, von denen viele unter der Armutsgrenze leben, in der Stadt zu repräsentieren.

Wir organisierten Demonstration und Streiks und erreichten schnell eine hohe Bekanntheit. Die Presse berichtete gerne über unseren kreativen Streit mit Spekulanten und Immobilienhaien.

Bei einer Anhörung im Stadtrat geschah dann ein kleines Wunder. Selbst der Bürgermeister wechselte auf unsere Seite und es gelang allen Beteiligten Anfang der 2000er das Ruder herumzureißen.

So dass Chinatown und die Nachbarviertel nicht komplett zu Tode gentrifiziert werden können, wie es so vielen Vierteln in so vielen Städten schon widerfahren ist.

Und der Ausgangspunkt für diesen Erfolg waren Menschen, die im Supermarkt meines Vaters arbeiteten oder dort immer billig einkaufen konnten. So fing alles an.

Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, was mein Vater da so die ganzen Jahre im Geschäft mit Namen „Billiger Supermarkt“ betrieben hat. Er war verrückt genug, nicht auf die Zahlen zu schauen und auf den Umsatz und die Gewinne, sondern darauf zu achten, dass er nicht Kunden hatte, sondern Freunde.

Mein Vater hat keinen Supermarkt betrieben. Er hatte eine Gemeinschaft gegründet. Das finde ich kein bisschen verrückt, sondern wirklich weise.