Supermario



Wenn man an Fernsehserien denkt, die ihrer Zeit voraus waren, dann fällt einem oft Raumschiff Enterprise“ ein. Mag durchaus wahr sein.

Aber „The Twilight Zone“ wird gerne vergessen. Diese Serie lief von 1959 bis 1964 und hat mehr für die fantastische Literatur geleistet, als fluorodiertes Salz gegen Karies. Ohne „Twilight Zone“ kein Stephen King! Sagt Stephen King, und der muss es ja wissen…

Die heutige Geschichte spielt in einem Versicherungsgebäude, in dem auf einmal weder der Aufzug noch die Treppen richtig funktionieren und ist eine Hommage an „The Twilight Zone“.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „ It’s Time“ von Scaricà Ricascà / CC BY-NC-ND 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

„Es tut uns leid, aber die Aufzüge auf dieser Etage sind im Wartungsmodus. Der planmäßige Betrieb wird wahrscheinlich gegen 22.00 h wieder aufgenommen. Bitte haben Sie Verständnis für diese Maßnahme. Vielen Dank für Ihre Geduld!“

Danke schön, lieber Aufzug! Soll ich jetzt meine 180 Kilo Programmierermuskeln zu Fuß 50 Stockwerke hinuntertragen? Wäre ja nicht so, dass meine Knie komplett im Arsch sind oder dass ich normalerweise schon beim Husten außer Atem gerate…

Nein, wenn Du im Wartungsmodus bist, dann kann ich das verstehen! Die ganze Software in diesem Gebäude ist im Wartungsmodus! Ich muss das wissen, denn genau deswegen hänge ich ja hier rum!

Warum sollte Kathy nicht auch die Aufzüge anstecken mit ihrem Gezicke?

So fängt die Geschichte an. Da stand mein Luxuskörper also vor der Aufzugstür. Jedes Mal, wenn ich wieder den Knopf drückte, wiederholte der blöde Lift die gleiche Ansage.

Ich fühlte mich mit einem Mal sehr einsam. Es war 21:00 Uhr und in der ganzen Etage war kein Mensch mehr außer mir. Wahrscheinlich war überhaupt kein Mensch mehr im Gebäude, schließlich war heute Feiertag.

Wenn ich mehr Vorräte hier gehabt hätte, dann hätte ich mich wahrscheinlich umgedreht und hätte einfach weitergearbeitet. Aber ich hatte schon seit einer Stunde nichts mehr zu essen und zu trinken. Und, wie es der Teufel will, alle vending machines in dieser Etage waren leer!

Wahrscheinlich befanden sich die auch im Wartungsmodus. Auch von den Zicken von Kathy angesteckt. Oder aber, sie wurden einfach aufgefüllt mit frischen Sandwiches und Bagels und Donuts für morgen.

Meine Arbeit machte mich wohl schon leicht paranoid. Ich war hier einer der vier Chief Software Engineers. Wir und weitere 32 Mitarbeiter waren für die Implementation von künstlicher Intelligenz in die Software der Llyods Insurance Company verantwortlich.

Ja, DIE Versicherung. Llyods. Filliale Amerika in New York. DER Versicherungsmarkt mit den 50 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr. Wenn ich mit meiner Arbeit fertig sein werde, bekommen eine Menge Sachbearbeiter ein Schreiben, in dem ihnen herzlich gedankt wird für ihre Mitarbeit. Aber leider brauchten sie nicht mehr kommen, denn Kathy machte jetzt ihren Job.

Unsere Software kann viel genauer zwischen echten Schäden und Versicherungsbetrug unterscheiden als ein Mensch das je könnte. Zugegeben, wir reden dabei nicht wirklich von künstlicher Intelligenz, sondern von machine learning.

Ich habe das in mehreren Präsentationen auch sehr deutlich getrennt. Aber wenn der Kunde dazu lieber KI sagen will, was soll’s? Uns Entwicklern ist das egal, wir sagen Kathy zu unserem Programm.

Kathy läuft seit fast 10 Monaten hier im Testbetrieb. Über vier Monate hat sie – bei kompletter Auslastung unserer Serverfarm, das war so cool! – sie hat alle Fälle von Versicherungsbetrug gescannt und mit der kompletten Lloyds-Datenbank abgeglichen.

Seit fünfzehn Tagen bearbeitet sie schon ungefähr 5% der Schadensfälle, ohne dass ein Mitarbeiter das wüsste. Läuft eigentlich ganz gut soweit, aber bei Software ist es so: 95% des Voodoos passiert in den letzten 5% der Implementation.

Voodoo nennen wir Programmierer Bugs, die jeglicher rationalen Erklärung widersprechen.

Programmierung ist eigentlich genau wie ein Buch schreiben. Der Unterschied ist nur: Wenn Du als Programmierer auf Seite 42 im vierten Absatz ein einziges Komma vergisst, dann ist das ganze Buch nur noch unlesbarer Buchstabenbrei – und das mit dem Komma, das passiert. Das passiert IMMER.

Also darf sich der Chief Software Engineer – das wäre ich – schon seit Silvester die Nächte hier um die Ohren schlagen.

Und, die Einführung wäre jetzt vorbei, der wichtige Chief hatte nichts mehr zu essen und nichts mehr zu trinken. Ohne Brennstoff funktioniert mein Gehirn aber nicht richtig. Das braucht unbedingt frische Glukose. Gebt mir Glukose! Ich brauche Zucker! Jetzt!

Ich stand also vor dem Aufzug und überlegte mir, wie dringend ich wirklich Glukose brauchte. Denn Bewegung ist mir ein Gräuel. Treppensteigen besonders. Auf meinem Spezialstuhl spürte ich mein Gewicht nicht, aber im Treppenhaus sehr wohl.

Ich kuckte also auf Supermario und dachte mir: Was hilft’s? Ich würde einfach ein einziges Stockwerk runtergehen in den 53sten Stock. Drei Meter vielleicht. Ich schätze zwanzig Stufen. Vielleicht geht da dort, eine Etage tiefer, der blöde Aufzug. Die Computerstimme hatte ja gesagt: „Auf dieser Etage“ – oder?

„Es tut uns leid, aber die Aufzüge auf dieser Etage sind im Wartungsmodus. Der planmäßige Betrieb wird wahrscheinlich gegen 22.00 h wieder aufgenommen. Bitte haben Sie Verständnis für diese Maßnahme. Vielen Dank für Ihre Geduld!“

Sagte die gleiche Stimme im 53sten Stock. Die Etage sah übrigens genauso aus wie die 54ste, von der ich gerade kam.

Also versuchte ich mein Glück noch eine Etage tiefer. Wieder genau der gleiche Look, wieder die gleiche Ansage.

Dasselbe Bild im 51sten Stock. Eine Etage würde ich noch versuchen, dachte ich mir. Doch dann fiel mir etwas auf. Supermario fiel mir auf. Über die gesamte Breite der Fenster auf der Westseite – die mit dem Blick auf den East River – sprang die Acht-Bit-Version von Supermario.

Während der Silvesterfeier vom Software-Team akribisch nachgestellt in Post-Its. Weil ich, der Boss, mit Vornamen auch Mario heiße.

Jeder Pixel des Gameboy-Spiels war ein Post-It. Das sah sehr, sehr cool aus und man konnte das Werk wunderbar vom Bryant-Park-Café gegenüber bewundern.

Wenn man im Bryant Park stand und auf Supermario schaute, dann sah man auch, dass er nur im 54sten Stock über die Fenster hüpfte. Aber nicht im 53sten oder 52sten oder 51sten. Nur hier, auf unserer Etage war er gebastelt worden.

Und wegen Supermario wurde mir klar: Ich war gar nicht im 51sten Stock! Sondern ich war immer noch im 54sten Stock. Hatte ich das mit dem Aufzug und mit meinem Abstieg im Treppenhaus nur geträumt?

„Es tut uns leid, aber die Aufzüge auf dieser Etage sind im Wartungsmodus. Der planmäßige Betrieb wird wahrscheinlich gegen 22.00 h wieder aufgenommen. Bitte haben Sie Verständnis für diese Maßnahme. Vielen Dank für Ihre Geduld!“

Na ja. Die Stimme war auf jeden Fall immer noch da. Das war Fakt.

Konnte es aber sein, dass ich vor dem Lift gestanden und nachgedacht hatte und mir dabei das Treppensteigen nur sehr, sehr lebhaft vorgestellt habe? Und der Glukosemangel mich das hat nur fantasieren lassen?

In der Voodoo-Phase einer Implementation passieren so viele verrückte Dinge, warum sollte es nicht so gewesen sein?

Ich würde also noch einmal meine Knie ins Treppenhaus schwingen, dieses Mal gleich fünf Stockwerke absteigen und den Fortschritt mit meinem Smartphone messen!

Als Programmierer habe ich natürlich eine Multi-Sensor-App, nämlich PhyPhox. Und die vergleicht die GPS-Daten mit der Änderung des barometrischen Drucks. Der müsste bei fünf Stockwerken abwärts um ca. 2 Hektopascal steigen.

Also Messung starten, ab ins Treppenhaus, fünf Stockwerke hinuntersteigen, ankommen, Messung beenden und kucken.

Tja. Was soll ich sagen: Laut PhyPhox und laut der Sensoren meines Handys hat mein Körper während der Messung keinerlei Höhenänderung erlebt.

Hätte ich auch einfacher diagnostizieren können. Ein Blick auf Supermario hätte auch gereicht.

Warum war ich außer Atem? Warum schwitzte ich wie ein Schwein? Was war los? Hatte ich wieder zu lange gearbeitet? War in meinem Hirn jetzt eine Sicherung komplett durchgebrannt?

Beim nächsten Versuch würde ich gleich ZEHN Stockwerke absteigen und außer der Messung mit PhyPhox auch noch ein Video aufzeichnen.

Gesagt, getan. Das Ergebnis: Die Messung wieder ohne Höhenänderung. Und das Video zeigt nur Treppen. Und die Fensterfront zeigt wieder nur den beschissenen Supermario, wie er gutgelaunt über einen Scheiß-Pilz hüpft!

Ich schnappte nach Luft, wartete fünf Minuten und drückte noch einmal auf den Abwärtsknopf des Aufzugs.

„Es tut uns leid, aber die Aufzüge auf dieser Etage sind im Wartungsmodus. Der planmäßige Betrieb wird wahrscheinlich gegen 23.00 h wieder aufgenommen. Bitte haben Sie Verständnis für diese Maßnahme. Vielen Dank für Ihre Geduld!“

Hatte die Computerstimme 23:00 Uhr gesagt? Wie bitte? Tatsächlich: Ich verbrachte schon fast eine Stunde mit Verhungern, Verdursten und Supermario-Anstarren. Und eingebildetem Treppensteigen natürlich.

Dieses Mal wurde ich leicht… panisch. Ich bin einfach die Treppen so schnell hinuntergerast, wie man das mit 180 Kilo halt machen kann. Ohne Messung. Wenn ein Stockwerk drei Meter ist, würde ich pro Stockwerk… 180 mal 9,81 m/s² mal 3 m… Lassen wir das!

Ich weiß nicht mehr, wie viele eingebildete Stockwerke ich geschafft habe, bis mir das Herz im Hals schlug. Waren es zwanzig? Waren es vielleicht dreißig? Keine Ahnung.

War ja auch egal. Scheiß-Supermario konnte mir die Frage auch nicht beantworten!

„Es tut uns leid, aber die Aufzüge auf dieser Etage sind im Wartungsmodus. Der planmäßige Betrieb wird wahrscheinlich gegen 23.00 h wieder aufgenommen. Bitte haben Sie Verständnis für diese Maßnahme. Vielen Dank für Ihre Geduld!“

Ich sackte an der Aufzugstür zusammen. Und ich blieb dort sitzen, bis ich wieder normalen Puls hatte. Dann griff ich zu meinem Handy und rief Steve an. Der war als letzter vor mir gegangen und würde noch nicht schlafen. Der trank kein Alkohol und hatte einen Führerschein. Das machte ihn zum besten Rettungs-Kandidaten.

„Hi, Steve, ich bin’s! Nein, Dein Boss! Steve, ich habe ein Problem und ich brauch‘ Deine Hilfe. Nein, kein Problem mit Kathy. Die zickt natürlich rum, aber viel schlimmer ist, dass der Aufzug nicht funktioniert.

Nein, nein, das hab‘ ich probiert. Das geht auch nicht. Das geht nicht, weil…. weil… Weil ich ein künstliches Knie habe und Treppensteigen mir verboten wurde.

Ja, tut mir echt leid! Könntest Du mich abholen? Das wäre so toll! Das wäre wirklich total nett von Dir! Ich lade Dich auch zum Essen ein! Was? Ach so. Klar. Dann bekommst Du eine Switch von mir – ok? Doch, doch, das ist es mir wert! Mir ist das echt wichtig. Wie bitte? Von mir aus! Bis gleich!“

Hoffentlich funktioniert das Treppenhaus wenigstens nach oben, wenn es schon nach unten kaputt ist.

Wie bitte? Hab‘ ich das gerade wirklich gedacht? Das Treppenhaus ist „nach unten kaputt“? Oh, Mann, mir war wirklich eine Sicherung durchgebrannt.

Ich könnte ja einfach ein Stockwerk hoch gehen und es probieren. Aber das schaffe ich jetzt nicht mehr. Bin ja nicht Scheiß-Mario. Ich setze mich lieber auf meinen Arbeitsplatz. Auf meinen wunderschönen, geliebten Spezialstuhl. Egal, wo auf der Welt wir Kathy installierten, mein Stuhl war dabei. Meine eigentliche Heimat ist er.

Als ich mich setze, sehe ich, dass auf meinem Rechner eine Versicherungs-Akte geöffnet ist. Das ist sehr seltsam, ich kann mich nicht daran erinnern, die geöffnet zu haben. Aber nach gefühlt 150 Stockwerken im Treppenhaus ohne Zucker traute ich meinem Gehirn alles zu.

Die Akte war von einer Jennifer Brown. Mit einem Foto der Versicherten. Hübsch! 34 Jahre alt. Selbstmord. Ist aus dem Fenster im 80sten Stock gesprungen. Keine Auszahlung der Lebensversicherung über 300.000 Dollar an den Witwer und die zwei Jungs.

Kann man überhaupt aus einem Fenster im 80sten Stock springen? Seit dem Börsencrash von 1929 gibt es Fenster, die man öffnen kann nur noch bis zum sechsten Stock. Dachte ich. Oder ist das nur eine urban legend?

Schnell gegoogelt: Mit dem Crash hat das nichts zu tun, und Bauvorschrift ist es auch nicht. Hat etwas mit den Klimaanlagen zu tun. Trotzdem ist es so – in Hochhäusern kann man die Fenster nicht öffnen.

Auf jeden Fall nicht in dem modernen Hochhaus, in dem Jennifer mit ihrer Familie lebte. Ihr Mann sagte bei der Polizei aus, sie hätte sich ans Fenster gelehnt und wäre mit dem kompletten Rahmen, der Füllung und dem Fenster abgestürzt. Baufehler. Krass! Man stelle sich das vor! In einem Moment ist sie da und dann – schwupps – ist sie weg. Tot.

Seltsam. Kathy hat den Antrag von Jennifers Mann abgelehnt und geht von Betrug aus. Selbstmord, so lautet die Analyse unserer Software. Warum bloß?

Das muss ich mir einmal genauer anschauen. Ah. Hier! Kathy hat gleich drei Flags gesetzt. Warum bloß? Was bedeutet Fehlercode 15f8c? Moment. Das ist in Dezimal 89996, mal im Code schauen, was in dieser Zeile steht…

Eine Konditionalschleife. Wo fängt die denn an, die ist ja einen Meter eingerückt… Mal schauen…

If… If… Else… Else… Mein Gott, das ist ja unglaublich doof geschrieben. Und ohne jeden Comment natürlich. Logisch! Könnte ja sonst ein anderer Mitarbeiter kapieren!

Hm. Ach so. Oh Gott! Das kann ja gar nicht sein! Ich probiere das mal mit 81. Zack. Durch.

Und mit 79. Und zack – auch durch. Das ist ja ein richtig schlimmer Bug.

Mein Gott, wenn das rauskommt, dann sind wir den Auftrag los!

Kathy hat den Antrag abgelehnt, weil in New York noch niemals jemand aus dem achtzigsten Stockwerk gestürzt ist. Aber aus dem 81sten oder 79sten schon – hätte Jennifer da gewohnt, hätte ihr Mann jetzt 300.000 Dollar mehr.

Das muss ich ändern. Aber wie? Das ist eine wichtige Subroutine im Code. Da kann ich nicht drin rumhacken. Da mach ich mehr kaputt als ich repariere. Hm. Ich ändere einfach das Stockwerk in Jennifers Akte und schicke ihr das auf Wiederprüfung.

Zack! Das war’s! Schon ist Jennifers Mann 300.000 Dollar reicher! Wow. So einfach.

Ich komme mir ein bisschen vor wie Robin Hood – nur ganz kurz…

Genau in dem Moment, in dem ich die Akte wegklickte, klingelte der Aufzug und Steve war da, um mich abzuholen. Und, weil er ein ganz besonderer Schatz ist, hatte er sogar M&Ms und eine Coke Zero für mich dabei!

Der Aufzug ging wieder! Ein Wunder! Ich packte mein Zeug und blickte noch ein Mal auf Post-It-Supermario. Ich würde zu Hause meinen Gameboy aus der Vitrine nehmen und Supermario einlegen und dann testen, ob mein Blender wirklich alles kleinkriegt. Könnt ihr dann auf YouTube sehen.

Eine wirklich seltsame Geschichte, oder? Spooky.

Und was wirklich unglaublich ist: Steve meinte zu mir, der Aufzug hier im Lloyds-Hochhaus hat gar keine weiblich Computerstimme. Wäre ihm nie aufgefallen. Der Aufzug hätte gar keine Stimme.

Und noch unglaublicher als unglaublicher: Ich habe das gecheckt! Er hat recht. Der Aufzug hat nicht einmal Lautsprecher!