Superboy & Mary Jane

play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Unsere Erzählerin ist heute noch stolz, dass sie sich in der Schule den begehrtesten aller Jungs geangelt hat. Nämlich ihren Mann Patrick, der damals genauso ausgesehen hat wie Tom Welling in der Fernsehserie „Smallville“. Daher auch sein Spitzname „Superboy“. Lassen wir uns also erzählen, wie es dem Dreamteam von damals heute so geht: Alles noch immer super?


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Sweet SuperHero“ von DOUNE / CC BY-SA 3.0

Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Unterstützer)


Die Geschichte zum Lesen

Ich habe das Glück, mit Superboy verheiratet zu sein. Oder eigentlich mit Clark Kent, wenn man es genau nimmt. Denn mein Mann sah in unserer Schulzeit genau aus wie Tom Welling in der Fernsehserie „Smallville“!

Und natürlich waren faktisch alle Mädchen auf unserer Schule in Tom Welling verliebt. Und damit auch in Patrick, wie mein Mann mit Vornamen heißt.

Genau wie Tom Welling strahlte er etwas Zerbrechliches aus oder vielleicht sogar etwas Zerbrochenes. Das wirkte aber nicht wehleidig oder schwach, sondern verlieh ihm eine mysteriöse Aura. Durch und durch ein good boy, aber mit Untiefen. Sehr erotisch! Fanden die Anderen. Fand ich!

Umso aufregender war es, dass sich Superboy für meine Avancen interessierte, obwohl er rein faktisch freie Auswahl in unserem Jahrgang und allen darunter gehabt hätte.

Dabei sah ich weder aus wie Lois Lane oder Lana Lang. Eher wie Mary Jane Watson aus den Spiderman-Comics, bloß ohne die Figur. Und meine Haare waren kürzer, aber immerhin auch knallerot.

Aber ich will hier jetzt nicht stundenlang rum-nerden, Du hast ja nie Comics gelesen, oder?

Wichtig ist nur die Tatsache, dass sich der hübscheste junge Mann an der Schule tatsächlich für mich interessierte! Das musst Du Dir merken.

Und dass wir dann auch ein Paar wurden. Ich war seine Erste und er war mein Erster – das verbindet!

Wenn man so lange zusammen ist wie wir zwei, so viel miteinander durchgemacht hat wie wir zwei, wenn man zwei Leben gezeugt hat – dann lernt man sich sehr, sehr gut kennen, das kann ich Dir sagen!

Dann kennt man am anderen nicht nur die hervorstechenden Eigenschaften, sondern auch die kleineren Charaktermängelchen. Und die nervigen Angewohnheiten und die neurotischen Ticks. Die können ja auch sehr niedlich sein.

Eine Sache an meinem süßen kleinen Superboy liebe ich ganz besonders! Er redet im Schlaf! Nicht ab und zu, wenn er krank ist oder zuviel getrunken hat, sondern annähernd jede Nacht! Patrick hasst es übrigens wie die Pest, wenn ich davon erzähle!

Aber ich liebe das! Schon immer. Schon seit der ersten Nacht, die wir heimlich miteinander verbrachten, liebe ich es, wenn er im Schlaf redet! Es ist ein Einblick in seine Psyche. Das macht ihn so offen und so verletzlich.

Egal, wie es ihm geht, ich erfahre es. Wenn er in der Arbeit gestresst ist oder sich aufregt, wenn er sich vor dem Besuch bei seinen Eltern fürchtet oder vor dem nächsten Spiel mit seiner Mannschaft, ich erfahre das. Denn in der Nacht davor wird er mir davon erzählen!

Wenn er da liegt und mit mir redet, obwohl er im Tiefschlaf ist, da ist er mir so verbunden, so nahe – so ausgeliefert war mir noch nie ein Lebewesen!

Ich liebe es, dass er im Schlaf redet. Oder, um es genauer zu sein: Bis vor einer Woche liebte ich es. Seitdem nicht mehr.

Eine Woche ist es her, da passierte etwas Unglaubliches: Da stöhnte er doch im Schlaf den Namen einer anderen Frau. Er wälzte sich im Bett und krallte sich in die Sommerdecke und stöhnte „Marie! Marie, wo bist Du?“

Unglaublich, oder? Und das, obwohl wir uns schon achtzehn Jahre kennen! Marie also. Na warte nur, Bürschchen, dachte ich mir in der einen Sekunde. Und in der nächsten war ich am Boden zerstört: Liebt er mich nicht mehr? War ich zu abweisend? Macht ihm der Sex keinen Spaß mehr? Bin ich zu dick geworden?

Doch nach diesem kleinen Nervenzusammenbruch fing ich mich wieder und erklärte das Ganze nur zu einem statistischen Ausbrecher. Ein komischer Traum, vielleicht durch irgendeine Serie oder einen Film bedingt. Ich fragte ihn, ob er denn eine neue Kollegin in der Redaktion hätte – aber nein, keine Neue.

Gut. Wäre das geklärt.

Wenn es nicht in der nächsten Nacht weitergegangen wäre. Doch nicht mit der sexy Marie, sondern dieses Mal war es eine „Tine“, die meinen Gatten in den Schlaf verfolgte. Das war schon besorgniserregender, aber wäre wahrscheinlich auch noch irgendwie zu erklären.

Ich hatte erst den Eindruck, etwas tun zu müssen, als am nächsten Abend noch eine „Sabine“ dazu kam. Das war dann schon ein bisschen viel, oder?

Hatte mein Gatte, hatte Superboy, heimlich eine Affäre mit der Frauennationalmannschaft im Synchronschwimmen? Oder mit einem ganzen Jahrgang junger Frauen, die von der Journalistenschule in den Sender gespült wurden?

Wenn man sich die Namen einzeln anschaut, dann wirken sie ja unschuldig genug. Sabine, Tine und Marie sind alles keine seltenen Vornamen, speziell nicht in unserer Generation. Dass sie aber in dieser Kombination auftraten und so kurz hintereinander, das war schon sehr beunruhigend.

In der nächsten Nacht wartete ich ab, bis Patrick in seinen Tiefschlaf versunken war. Darum hatte ich ihn diesen Abend auch zu einem Extra-Glas Rotwein überredet.

Statt zu lauschen, ob er der Liste noch einen Frauennamen zufügte schlich ich zurück ins Wohnzimmer. Ich griff mir sein Handy und gab seinen Code ein. Ist der Geburtstag unserer Tochter. Dann durchsuchte ich seine Nachrichten.

Da gab es eine Sandra, eine Kollegin aus der Redaktion, mit der er auffallend viele Nachrichten austauschte. Doch auf den allerersten Blick waren die zumindest nicht störend intim.

Doch es gab keine Chats zu den Namen Sabine, Tine oder Marie auf WhatsApp. In den Kontakten gab es natürlich eine Christine und auch eine Maria, aber dazu gab es keine Nachrichten in keinem Messenger oder aber zum Beispiel Bilder, die zu den Accounts gehören. Das hatte er alles sehr gut getarnt.

Also startete ich Safari auf seinem iPhone und schaute mir den Browserverlauf an.

Und richtig, da hat er viel Zeit damit verbracht nach der Maria aus unserer Jahrgangsstufe zu suchen.

Die war eine sehr auffällige junge Frau gewesen und auch politisch aktiv. Patrick war mit ihr bei den Jusos. Doch Marie wurde eines Nachts auf dem Nachhauseweg von einem Unbekannten überrollt und verstarb noch am Unfallort. Den Täter hat man nie gefunden.

Und auch die Sabine, der er nachforschte, war diejenige Sabine, die wir beide kannten. Eine lebenslustige junge Frau, die jeder im Studium kannte und liebte. Ihre Parties waren legendär und keiner hätte jemals damit gerechnet, dass sie sich eines Tages die Pulsadern aufschneidet und ihr Leben beendet. Nicht Sabine! Aber es war so. Wir waren beide bei der Beerdigung. Es war Sabine, die dort im Sarg lag.

Besonders viel Zeit hat er mit der Suche nach Tine verbracht. Genau genommen mit der Suche nach Christine Thäler. Auch eine Bekannte, auch aus dem Studium. Das war ein junge Schweizerin, die für zwei Jahre mit uns studierte. Dann wurde sie schwanger, so wurde gelästert und kehrte zurück in die Schweiz.

Aber eigentlich weiß keiner genau, was mit ihr geschehen ist. Sie war einfach von heute auf morgen weg, keiner hat jemals wieder von ihr gehört.

Tja. Da muss man keine Sherlockine Holmes sein. Das Geheimnis liegt nun offen vor mir. Ich nehme noch einmal einen großen Schluck aus dem Rotweinglas.

Es ist schon so, wie ich gesagt habe: Es ist die Kombination dieser drei Namen, die so besorgniserregend ist.

Tine, Sabine und Marie. Alles Frauen, die mich und Patrick durch das Leben begleitet haben und die nun für immer weg sind. Angenommen, auch die Tine wäre tot: Wäre das dann statistisch normal, mit Ende Dreißig so viele tote Gleichaltrige im Freundeskreis?

Ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Mit leerem Blick starre ich vor mir hin. Ich stelle mir Patrick am Steuer eines Autos vor. Bei Marie. Und mit einem Skalpell bei Sabine. Und, wie er Tine erwürgt.

Ich sage mir zur Beruhigung schnell, dass meine Phantasie mit mir durchgeht und beschließe, die Bewältigung dieses Problems auf den nächsten Tag zu verschieben.

Ich räume den Browserverlauf auf, damit er nicht mitbekommt, dass ich ihm auf der Spur bin. Und ich putze das iPhone an meiner Hose. Macht er auch immer so, bevor er zu Bett geht, ich kenne ihn genau. Dann lege ich es ganz exakt an den Ort zurück, von dem ich es genommen habe.

Vielleicht bin ich auch verdorben durch die ganzen True-Crime-Podcasts, die ich immer so höre! Wahrscheinlich ist alles dummer Zufall und ich sollte mich nicht verrückt machen. Patrick ist doch schließlich Superboy!

Ja, wahrscheinlich sollte ich mir eher um diese Sandra sorgen machen. Und wie mir der Name durch den Kopf schießt, verkrampft sich in mir alles. Meine Hand droht das Weinglas zu zerdrücken. Das wäre schlecht! Dann wäre alles voller Flecken und ich würde mich wieder schneiden. Selbstbeherrschung!

Ich atme tief durch. Tief ein. Kurz anhalten. Ausatmen.

Langsam löst sich die Hand wieder vom Glas.

Um diese Sandra musste ich mir keine Sorgen machen, sage ich mir selber.

Um diese blöde Kuh werde ich mich auch noch kümmern!

Ich meine, auf eine mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an, oder?


Ähnliche Geschichten:

  • Der frühe Vogel
  • Die Zeit kann man spüren. Oder? Kann man auch das Muster erkennen, dass die Zeit webt? Und wenn man das könnte, wie würde man dann leben?


  • The Devil’s Blues
  • In der Hölle haben sich die Regeln geändert und der Teufel hat nicht mehr viel zu tun, außer Mundharmonika spielen. Bis eine arme Seele auftaucht …


  • Das Double Date
  • Eine normale Liebesgeschichte aus den Datingräumen der Welt, wo aus einem normalen Date schnell ein Double Date werden kann.