Strafe muss sein!


Kinder zu haben, ist ein Abenteuer. Denn man lernt da ja völlig wildfremde kleine Wesen kennen, die einem aber automatisch ans Herz angeschlossen sind. Und mit denen man interagieren muss.

Ohne die sogenannte „Erziehung“ geht das wohl nicht. Kinder müssen an die Hand genommen werden, um ihnen die Welt zu eröffnen. Völlig anti-autoritär geht das nicht.

Aufpassen sollte man bloß, dass man das Strafen nicht zum selbstverständlichen Instrument der Erziehung macht. Das funktioniert eine Zeit ganz hübsch, ist aber die sicherste Methode, die Beziehung zum Kind zu zerstören.


Download der Sendung hier.
Musik: „The Power of Zoo“ von Distintivo Blue / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Wenn ich so die jungen Eltern hier in der Nähe beobachte und wenn ich so mitbekomme was junge Eltern zum Teil auf Twitter diskutieren, dann muss ich schon sagen: Das ist echt anders als vor etwa 25 Jahren, als unsere Kinder Babies waren.

Muss ja auch so sein. Wir hatten kein Problem bei der Diskussion, ob Dreijährige schon am Tablet oder iPad spielen dürfen. Weil es das nicht gab. Handys waren brandneu und wenn man aus Versehen ins Internet geriet, hat man aus Angst vor hohen Kosten schnell den Riesen-Akku aus dem Gerät gerissen…

Die heutige Generation von Müttern und Vätern steht im Generalverdacht, dass sie alle Helikopter-Eltern sind. Für manche ist es selbstverständlich, ihre Kinder per App zu verfolgen. Wieder andere machen per WhatsApp Termine aus für das Spielvergnügen am Sandkasten. Spaß genau von 15:15 h bis 15:42 h, dann ist der nächste Termin.

Und, zugegeben, so stellt sich das für uns Alten schon manchmal ein bisschen dar. Da mache ich kein Hehl draus. Trotzdem ist jedes Pauschalurteil erst einmal falsch.

Wie jede Generation wird auch diese sich einfach jede Mühe geben, aber keinen Schimmer haben, von dem, was sie da überhaupt machen. Denn alle Erziehungsratgeber und alle Krabbelgruppen und alle Gespräche mit Freundinnen und Freunden können einen nicht auf die emotionale Wucht vorbereiten, wenn das eigene Kind leidet… oder genauso dumm, man selbst.

Spätestens dann gilt für alle: Improvisieren und auf die eigenen Gefühle achten.

Also: Wir hätten geklärt, dass ich keine Ahnung habe. Und wir hätten auch geklärt, dass ich die jungen Eltern nicht verurteile dafür, dass sie für eine veränderte Welt andere Lösungen finden, als wir für unsere damaligen Umstände gefunden haben.

Das große Aber ist: Ich glaube, das Bestrafen ist zurück. Und damit auch Erpressung und Bestechung. Es ist nicht lange her, dass ich eine junge Mutter den denkwürdigen Satz sprechen gehört habe:„Strafe muss sein!“

Und da lief es mir wirklich eiskalt den Rücken runter. Ich hörte meine Mutter. Das hat meine Mutter gesagt. Während sie die Rollos runtergelassen hat und mich im Dunklen eingesperrt hat, wo ich warten musste, bis mich mein Vater abends dann – allerdings gegen seine Willen das muss ich doch betonen – verprügelte.

Weil sie genau wusste, was für eine furchtbare Angst ich alleine in einem kleinen schwarzen Raum hatte. Weil sie wusste, dass das für mich die maximal Strafe war.

Denn eines war ja ganz klar: Strafe muss sein!

Wegen dieser Erziehungsmethoden bin ich mir ganz sicher: Das stimmt einfach nicht! „Strafen“ ist in der Erziehung völlig überflüssig. Ebenso wie Bestechung und Erpressung. Das sind nämlich die beiden kleinen Brüder der Strafe.

Strafen stammt aus der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“. Das klingt zurecht so wie „Schwarze Magie“, denn es ist böse. In dieser Form der Erziehung gilt es, dass Kind gnadenlos der Gesellschaft anzupassen… koste es was es wolle.

Denn das Kind an und für sich hat etwas Animalisches, dass bezwungen werden muss. Etwas Böses, dass ausgetrieben werden muss. Vor allem aber, mhmmmhh, hat das Kind einen eigenen Willen – und der, der muss gebrochen werden.

Darum gibt es ein komplexes Regelwerk mit Strafen und Prügeln, mit Demütigung und mit Beschimpfung. Bis das Kind gelernt hat, dass es sich bedingungslose dem Willen der Eltern unterwerfen muss. Und unbedingten Gehorsam leistet.

Und später dem Willen des Vorgesetzten oder des Feldwebels. Die „Schwarze Pädagogik“ hat uns eine Generation nach der anderen beschert, die so verbogen waren, dass sie sich auf Befehl freiwillig in den Schützengräben erschießen haben lassen.

Der Untertanengeist, den schon Heinrich Mann beschrieben hat, entsteht zuhause, bei Mama und Papa. Die Schule setzt das nur fort. Sein Roman „Der Untertan“ beginnt mit den Worten: „Diederich Heßling war ein weiches Kind“. Der Kontrast weich und hart wird dann Thema im Buch bleiben. In Wirklichkeit ist naturgemäss jedes Kind ein weiches Kind – und je weniger hart es durch’s Leben kommt, desto besser für das Kind.

Jedes Gramm Mitleid, jeder Funken Sensibilität und das kleinste Glühen Zärtlichkeit muss geschützt werden wie ein heiliges Feuer.

Das Zweite und das Dritte Reich gingen unter, aber das änderte nichts an der Erziehung. Aus „Die deutsche Mutter und ihr Kind“ wurde einfach „Die Mutter und ihr Kind“. Am Inhalt hat man nichst geändert, die Nazi-Erziehung im neuen Umschlag verkaufte sich prima weiter bis in die Achtziger. Und so ging das Watschen, demütigen, lächerlich machen, das Einsperren und Anschreien munter weiter bis 1968 – etwas zu spät leider für meine Generation.

Nach 1968 folgte das Probieren. Man versuchte Kinder ohne Autorität zu erziehen. Anti-Autorität. Weil man die Autoritäten als das Problem ausgemacht hatte. Man liest immer wieder, dass diese Experimente alle gescheitert wären. Aber ich kann nicht viele Belege dafür finden. Die Kinder, die konsequent anti-autoritär erzogen wurden, sind sehr, sehr selten.

Die meisten wurden in einer Mischform groß. Wo das neue Denken in die alte Denkschule schwappte. So hatten wir moderne Lehrer, die wir Duzen sollten und alte Lehrer, die noch das Lineal benutzten, um uns auf die Finger zu hauen.

Aber das Bestrafen bekam zumindest einen schlechten Ruf. Wenn Eltern dann verzweifelt nicht mehr weiter wussten, dann packten sie die Strafe aus. Weil sie ja selber so groß geworden sind. Aber immerhin hatten wir dabei irgendwie ein schlechtes Gewissen.

Mittlerweile sind Stubenarrest und Handyverbot und Fernsehverbot und Taschengeldentzug und beleidigt Schweigen scheinbar aber wieder völlig in Ordnung. Kommt mir so vor.

Es ist wichtig, Grenzen aufzuzeigen, bekomme ich erzählt. Und besonders wichtig ist es, konsequent zu sein, höre ich. Und Kinder sind in der Pubertät unerträglich – Pubertiere – und in den Trotzphasen auch. Und Trotzphasen gibt es irgendwie immer.

Als jemand, dessen eigene Erziehung auf Strafen basierte, kann ich euch sagen: Strafen ist seelische Verletzung.

Denn, wenn man sagt: „Du hast jetzt Handyverbot, weil Du wieder die Meerschweine nicht gefüttert hast, obwohl Du’s versprochen hast“ – dann besteht da überhaupt kein Sinnzusammenhang für das Kind. Weil da ja auch keiner ist. Das eine hat mit dem anderen nicht im Geringsten zu tun.

Für ein Kind ist das einfach elterliche Willkür. Wenn es einigermaßen seelisch gesund ist. Es wird dann die Strafe erleiden und die Eltern hassen. Weil das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.

Wenn das öfter passiert, dann nimmt die Seele Schaden. Und früher oder später bezieht das Kind die Strafen auf sich. Ich bin böse, ich mache alles falsch, Mama und Papa mögen mich nicht, weil ich böse bin.

Das Ergebnis von übertriebenen Strafen ist immer, dass man die nächste Generation von Lügner, Diebe und Betrüger erzieht. Denn ein Mensch muss seinen eigenen Willen entwickeln und muss auch lernen, seine eigenen Interessen hin und wieder gegen andere durchzusetzen. That’s the way of fucking life.

Und so führt der Taschengeldentzug, weil man eine Fensterscheibe zerdeppert hat, früher oder später dazu, dass halt der Geldbeutel der Eltern beraubt wird. Und früher oder später wird aus dem Kind mit dem Stubenarrest ein Ausreißer.

Und das Kind, dass ohne Abendessen ins Bett muss, weil es so lange rumgenölt hat, dass es wieder keine Fischstäbchen gibt, das wird halt Nahrung als Waffe erkennen. Und dann in der Pubertät vielleicht magersüchtig. Wer freiwillig nichts isst, den kann man nicht hungern lassen. Das gegenteil könnte natürlich genauso der Fall sein.

Die eine, die eigentliche, die wirklich wichtige Lektion für’s Leben, die Kinder lernen, wenn man sie dauernd bestraft, ist die: Man wird nur bestraft, wenn man erwischt wird!

Komplexe Bestrafungs-Systeme sind meiner Meinung nach sogar strafrechtlich verfolgungswürdig. Aber Juristin bin ich auch nicht. Doch da steht im BGB, §1631, Absatz 3: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafung, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Ach, bevor ich’s vergesse: Da wären noch Bestechung und Erpressung. Die gehören zum Strafen natürlich genauso dazu. „Bestechung“ geht in etwa so: „Wenn ihr die nächste halbe Stunde leise seid im Auto, dann bekommt ihr ein Eis.“ Macht jede Mama und jeder Papa mal, oder? Geht fast nicht ohne. Oder wenn du jetzt brav bist, dann darfst du später auch Fernschauen…

Das Problem ist, dass man da einen Vertrag aufsetzt. Und wenn die Kinder sich nicht daran halten, dann gibt es halt keine Belohnung für braves Verhalten. Das ist schon wieder eine kleine Strafe. Ein Grenzfall zumindest. Eigentlich nur eine positive Strafe.
Und außerdem, wenn ihr euch nicht daran haltet lernt das Kind gleichzeitig wie inkonsequent ihr seit. Beides blöd!

Erpressung zum Beispiel geht so: „Wenn ihr nicht die nächste halbe Stunde leise seid im Auto, dann nehmen wir euch das iPad weg. Könnt ihr halt nicht mehr Videos kucken.“ Da sag‘ ich nichts dazu, das ist einfach Ankündigung einer Strafe. Nicht so schlimm wie unangekündigte Strafe, aber schon irgendwie einfach demonstrative Machtausübung.

Das Fazit: Strafen ist meistens scheiße. Manchmal macht man das, aber wenn man sich dabei schlecht fühlt, dann hat man recht. Ich glaube, Mama und Papa sollten das wirklich vermeiden, wo sie nur irgendwie können.

Aber natürlich brauchen Kinder eine Anleitung und eine Anweisung. Aber man kann vielleicht auch Wege finden, die nicht die Bindung kaputt machen. Die nicht die Beziehung belasten und nicht emotionale Verletzungen verursachen.

Im Falle der lärmenden Kinder im Auto muss man wohl tatsächlich Grenzen aufziehen. Zum Schutz aller an Bord.

„Wenn ihr hier im Auto so laut streitet, dann kann ich nicht gut Autofahren. Das ist gefährlich. Seid bitte ruhig, sonst muss ich rausfahren und warten, bis es im Auto wieder ruhig ist.“ Nicht gerade einfach zu sagen, ohne gereizt zu sein.

Und dann fährt man wirklich raus und parkt. Und wartet, bis es still ist. Ohne Eis an der Tanke zu kaufen. Einfach warten. Und wenn’s still ist, fährt man weiter. Und wenn’s wieder zu laut ist, dann parkt man wieder.

Bei uns ein anderes Thema war das Rechtzeitig-zum-Kindergarten-Anziehen. Ich war ja berufstätig und eh‘ schon immer unter Druck, weil ich auf die Minute aus der Agentur musste. Das sorgte sowieso schon überall für böses Blut. Im Kindergarten und in der Agentur.

Aber eine meiner Töchter wollte partout nicht den Schlafanzug ausziehen. Weil sie richtig erkannte, dass ich da einen wunden Punkt hatte. Dann ist sie halt mit dem Schlafanzug in den Kindergarten. War kein großen Problem. Und mein Ruf war ja schon ruiniert. Die Diskussion hatte sich übrigens danach völlig erledigt.

Wenn das Kind nicht zum gemeinsamen Abendessen kommt, dann kommt es halt nicht. Jetzt wird gegessen, wir können nicht mehr warten. Und wenn dann die Fischstäbchen eiskalt sind, dann ist das einfach die logische Konsequenz des Verhaltens. Da muss man nicht einmal schlau sagen: „Siehst Du? Ich hab’s Dir doch gesagt! Das hast Du jetzt davon“ – um schnell doch noch eine Strafe draus zu machen.

Jetzt ist das aber schon lange hier, mein Vortrag. Kurze Zusammenfassung: Ich als wirklich viel gestraftes Kind glaube, dass Strafen und Belohnung und Erpressung Methoden der schwarzen Pädagogik sind. Weil man im Prinzip mit demonstrativer Macht den blinden Gehorsam des Kinds erreichen will. „Weil ich weiß ja schließlich was das Beste ist für mein Kind.“

„Erziehung“ muss wohl sein, aber „Beziehung“ ist wichtiger. Und man belastet mit kompromissloser Konsequenz und fiesen Strafen die Beziehung mehr, als es der Erziehung nutzt.

Bei der „Erziehung“ finde ich zum Beispiel sollte das Kind sollte auch Kind sein dürfen… Im Kaufhaus, hörte ich eine Mutter die Farbe eines Kleides für ihre Tochter sehr vernünftig und komplex diskutieren. Das Gespräch dauerte bereits mehrere Minuten. Als ich allerdings sah das ihre Tochter allerhöchstens vier Jahre alt war, tat mir das Kind wirklich leid.

Und auch der wütende, strampelnde kleine Vincent (schätzungsweise maximal drei Jahre alt) auf dem Boden des Supermarktes ließ sich trotz einer semantisch schlüssigen Argumentationskette nicht wieder sofort wieder beruhigen.

„Erziehung“ sollte ein altersgerechtes Beraten und ein Mitfühlen, ein Begleiten und ein Richtung zeigen sein. Das meiste, was Eltern an Erziehung leisten, tun sie mit ihrem eigenen Vorbild. Wer denkt, die Kinder verbringen zu viel Zeit mit den neuen Medien, tut meistens gut daran, erst einmal das eigene Verhalten zu überprüfen… gelle?!

Was „Erziehung“ nicht sein soll, das ist Dressur. Strafen und Belohnen, das ist die Methoden, die man anwendet, um seinem Hund „Sitz“ und „Platz“ und „Pfötchen“ beizubringen.
Ein Kind ist aber nunmal kein Hund.

Strafe ist die Gerechtigkeit der Ungerechten.
Strafen ist Dressur.