Die Stellvertreter-Hochzeit



Man kann viele Meinungen über die Ehe und das Heiraten hören. Seltener als früher hört man verzückte Romantiker, die kritischeren Stimmen werden dafür scheinbar immer zynischer.

Was man auch selber glauben mag: Die Hochzeit ist ein starker Mythos. Nicht mehr und nicht weniger. Aber Mythen nicht unwahr, sondern mächtige Instrumente der menschlichen Vorstellungskraft.

Daisy und Robert finanzieren sich mit diesem Mythos ihre Schulzeit, weil sie als Stellvertreter heiraten. Wieder und wieder. Sie werden ein professionelles Stellvertretungs-Hochzeitspaar.


Nach einer Kurzgeschichte von Maile Meloy: „Proxy Marriage
Download der Sendung hier.
Hintergrundmusik: „Sad Piano Melody“ von DDmyzik / CC BY-SA 3.0
Musiktitel: „Marche Nuptiale et Valse du Divorce“ von Fanfar Horns


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Skript zur Sendung

HW: Man kann in der Schule dumm sein, durchschnittlich oder intelligent. Die Dummen kriegen die schlechten Noten und die Intelligenten bekommen die guten Noten. Möchte man annehmen, das ist wohl das Konzept.

Robert hatte durchschnittliche Noten. Weil er so intelligent war, dass er wusste, sein Leben in der High School wäre viel einfacher, wenn er nicht auffällt. Nicht, dass er bei Prüfungen absichtlich Fehler gemacht hätte – obwohl auch das vorkam – aber stellte der Lehrer Fangfragen, dann tappte er immer absichtlich in die Falle. In seiner Vorstellung sah er seine Lehrer beim Korrigieren, wie sie sich diebisch freuten, während sie ihre Beute einsammelten.

High School ist im Kern eine Einführung in die Philosophie von Thomas Hobbes. Das Motto: Homo homini lupus. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Es sind nicht die Lehrer, es sind die Mitschüler, die dafür sorgen, dass am Ende menschliches Mittelmaß in die Arbeitswelt entlassen wird!

Es sei denn, man ist so begabt wie Robert. Der hatte seine Hochbegabung im Unsichtbar-Werden schon als kleines Kind entwickelt. Beim sich stundenlang unter der Treppe zusammenrollen, während die Eltern lautstark durch das kleine Haus stritten.

Robert war genau jenes unscheinbare Gesicht im Jahrbuch, an das sich nach ein paar Jahren keiner mehr erinnern kann. „Der? Keine Ahnung, wer das war. Kann mich nicht erinnern an das Gesicht.“

FA: Daisys Weg durch’s Leben war schnurgerade. Dessen war sie sich bewusst. Ihr Vater unterstützte sie bei allem, denn Daisys Mutter war eine Kurtisane am Hofe Ludwig XIV. In einem früheren Leben natürlich.

Hatte ihr der Mann mit den schulterlangen grauen Haaren gesagt, der sie von den grauenhaften Verspannungen in den Schultern befreit hatte. Um das Kurtisanendasein und den Mann mit den langen, grauen Haaren genauer zu erforschen, packte ihre Mutter die Koffer und flog nach Paris. Und kam nie wieder. Daisy war sechs.

Daisy würde Schauspielerin werden, so viel war sicher. Und weil sie davon überzeugt war, strahlte sie diese Sicherheit auch aus. Das ist an der High School ein so seltenes Charaktermerkmal, dass es wie ein Schutzschild wirkt.

Zu diesem Panzer aus Optimismus gesellte sich ein Aussehen, das gleichzeitig zwei verschiedene Stereotypen bediente. Zum einen ein roter, unberechenbarer Lockenkopf, der ihr etwas Lausemädchenhaftes verlieh und dann ein langes Gesicht mit einer schmalen Nase und braunen Augen.

Und während man sich noch fragt, für welches Vorurteil man sich entscheiden soll, hat Daisy einen schon mit ihrem breiten Lächeln überrumpelt. Das war hunderte Mal erprobt und das klappte immer.

HW: Für Robert war Daisy wie eine Leuchtboje im Sturm. Er konnte sie aus jeder Menschenmenge heraushören und auf dem Pausenhof in Bruchteilen von Sekunden orten. Es war nicht nur das rote Haar oder das freie, kehlige Lachen – es war die gesamte Daisy. Er wußte natürlich nicht, wie sie roch oder schmeckte, denn so nahe kam er ihr nie.
Vanille und Mandel, stellte er sich vor.

So komplett verliebt war Robert in Daisy, dass sich seine Eltern sorgten. Er war zwölf oder dreizehn, als seine Mutter ihn unter vier Augen sprechen wollte. Das war sicher ernst und Robert bereitete sich auf die Erzählung vom Spermium und der Eizelle vor. Er würde fasziniert zuhören. Die Robert-Methode.

Doch das Gespräch wurde sogar ungemütlicher, denn seine Mutter erklärte ihm tränenreich, dass es ihr und seinem Vater wirklich leid täte, dass er den schwierigeren Pfad durch’s Leben einschlagen müsste. Aber er sollte wissen, dass sie trotzdem hinter ihm standen und ihn genauso liebten wie zu dem Zeitpunkt, als sie noch nicht wussten, dass er schwul ist.

Ihnen wäre nicht entgangen, dass er sich nicht für Mädchen interessiere. Nie über Mädchen reden würde, nie Mädchen hinterherkucken würde, aber dafür seine Zeit so oft mit Spencer verbrachte.

Die Situation war bedrohlich! Robert konnte auf keinen Fall erzählen, wie sehr er in Daisy verliebt war, aber er wollte auch nicht so komplett unter seiner Tarnkappe leben, dass er seine Eltern in diesem Punkt belügen konnte. Er musste also seine Heterosexualität unter Beweis stellen.

Er würde wohl oder übel ein Mädchen um ein Date fragen müssen. Und natürlich konnte er nicht irgendein Mädchen fragen. Wenn es nicht Daisy wäre, die er mit nach Hause bringen würde, käme er sich vor wie ein Betrüger.

Er hatte beobachtet, dass Daisy immer mal wieder mit anderen Jungen über das Schulgelände streifte. Was ihm nichts ausmachte, denn seine Zeit würde ja noch kommen. Aber anscheinend war sie niemand, der Annäherungsversuche aus Prinzip vereitelte.

Bei allen Überlegungen über lange Wochen und in vielen unruhigen Nächten zeichnete sich nur eine Möglichkeit ab:

Er musste Daisy um ein Date fragen!

FA: Daisy würde Schauspielerin werden, so viel war schon einmal sicher. Und auf diesem Weg würde sie auch ihren Seelenverwandten treffen. Früher oder später. Aber nicht an dieser High School in diesem Kaff in Montana. Auch das war sicher.

Was aber nicht bedeuten musste, dass man einsam leben musste oder dass man keinen Spaß haben durfte. Mit diesem Selbstbewusstsein ausgestattet, stürzte sich Daisy in das Liebesleben.

Diese Kenntnis der Zukunft schützte sie davor ihr Herz an einen Teenager zu verlieren und ihre Offenheit sorgte dafür, dass sie schneller Kenntnisse über die männliche Anatomie erwarb als viele Gleichaltrige.

Sie genoss die Tatsache, dass die Bedürfnisse ihrer männlichen Spielkameraden ihr eine gewisse Macht verlieh. Selbst die Alphamännchen mussten ihre Unverwundbarkeit aufgeben, wenn sie Zeit mir ihr verbringen wollten.

Daisy kennen zu lernen atmete Leichtigkeit, so entwaffnend wie ihr breites Lächeln. Für sie war aber diese Position der Macht der Grund, dass in jeder Beziehung nach einiger Zeit eine gewisse Überraschungslosigkeit eintrat.

Nachdem sie ein Bündel an Erfahrungen gesammelt hatte, begann sie ihre Verehrer in bestimmte Typen einzuteilen. Und weil ihr nicht bewusst war, dass es ihre Langeweile war, die die Beziehungen prägte und bestimmte, fand sie ihre Vorurteile meist bestätigt. Das Spiel wurde ermüdend.

Bis dieser Junge zu ihr kam, den sie noch nie in der Schule gesehen hatte. Sie hatte schon beobachtet, wie er sich über Umwege anschlich und wie er immer wieder stehen blieb, um tief durchzuatmen.

Um dann zu stammeln:
„Darf ich Dich auf ein Chilli im Green House einladen?“
„Das klingt cool! Ist das ein Date?“
„Ich glaube schon. Wäre das für Dich in Ordnung?“
„Klar! Danke!“

Und dann verschwand der Junge wieder in der Menschenmenge, als ob er unsichtbar geworden wäre. Ohne etwas Konkretes auszumachen oder seine Nummer dazulassen.

Einfach verschwunden.

HW: Die Schultoiletten waren letztes Jahr frisch renoviert worden. Trotzdem war die Kabine schon wieder komplett mit Graffitis bedeckt, als Robert sich in die Kloschüssel erbrach. Diese Graffitis würde er im Gedächtnis behalten, aber nicht, wie Daisy ausgesehen hatte bei dieser ersten Begegnung.

Für die restliche Schulzeit waren Robert und Daisy offiziell ein Paar. Es war ein einfacher Deal. Und ein gerechter. Daisy musste nicht mehr ihr Spiel spielen, dessen sie bereits überdrüssig war. Und Robert konnte seinen Eltern belegen, dass er nicht schwul war.

Zu zweit waren sie das bessere Team und sie beendeten die Schulzeit mit sehr guten Noten. Weil Robert sich nicht mehr hinter Mittelmäßigkeit verstecken musste und weil Daisy endlich Geometrie erklärt bekam.

Der Deal sorgte an allen möglichen Fronten für Ruhe. Allerdings gehörten viele Paragrafen eines normalen Beziehungsvertrags nicht dazu: Zum Beispiel Schmetterlinge im Bauch, stundenlange Telefonate, Liebesbriefe, Küsse, Umarmungen oder jegliche Art von körperlicher Berührung.

Für Robert trotzdem ein ausgezeichneter Handel. Er war Daisy nahe. Während sie Hausaufgaben machte, konnte er stundenlang daneben Piano üben – Daisy war das nicht nur egal, sie mochte das. Und ihre Selbstsicherheit strahlte auch auf ihn ab. Er würde sich bei verschiedenen Konservatorien bewerben, um Musik zu studieren.

Beziehungen sind niemals symetrisch, dachte er sich. Ein Partner liebt immer intensiver als der andere. Alles andere wäre ein unwahrscheinlicher Zufall. Und beim Deal mit Daisy war eben er derjenige, der mehr liebte. Das war in Ordnung.

Das ist doch der bessere Part, oder?

FA: Daisys Vater war Friedensrichter und Rechtsanwalt und hatte eine lukrative Gesetzeslücke entdeckt. Im Zweiten Weltkrieg hatte man in den USA die sogenannte Stellvertreter-Ehe eingeführt. Die ermöglichte es den Soldaten aus der Ferne zu heiraten, selbst wenn sie nicht anwesend waren.

Sie konnten einen Stellvertreter ernennen, der an ihrer Statt das Jawort sprach und die Unterlagen – im Auftrag – unterzeichnete. Das wär ein gängiges Verfahren, dass nach dem Krieg wieder abgeschafft wurde. Nur ein Bundesstaat hatte diese Regelung wohl übersehen. Montana.

Nachdem 2010 mehr amerikanische Soldaten über den Globus verteilt waren, als jemals zuvor, bestand wieder ein Bedürfnis für diese Form der Eheschließung. Und in den Paragrafen fand sich auch keine Einschränkung: Es konnten auch zwei Stellvertreter gewählt werden, die vor dem Friedensrichter heirateten.

So interpretierte auf jeden Fall Daisys Vater die Lage und hatte schon bald für ein erstes Experiment zwei Officer gefunden. Ein Sergeant in Afghanistan und eine Gefreite im Irak. Und als Stellvertreter für diesen Testballon hatte er an Daisy und Robert gedacht. Fünfzig Dollar pro Nase.

Nächsten Donnerstag in der Kanzlei.

HW: Klar, es war nur eine Stellvertreter-Hochzeit. Aber Robert hatte sich trotzdem einen Anzug und eine Krawatte zugelegt. Auf die Schuhe musste er noch sparen. Und so stand er am Donnerstag vor der Kanzlei, eine rote Rose in der Hand und Tennisschuhe an den Füßen.

Daisy wartete im Besprechungszimmer, die Beine auf dem Tisch und tippte irgendwas auf dem Handy, bis ihre rosa Kaugummiblase die Sicht verdeckte. Sie hatte das gleiche Sweatshirt an wie gestern und ihre weite Jeans mit dem Loch am rechten Knie.

Sie lehnte die Fotos des Soldaten und der Soldatin an ihre Wasserflasche und betrachtete sie.
„Das wird nie ‚was mit den beiden. Das erkennt man schon an den Fotos!“

Ihr Vater ermahnte sie, dass jeder der beiden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit niemals zurückkehren würde und ließ sie den Kaugummi ausspucken.

„Nimmst Du, Robert Mason als Stellvertreter von Nolan Michaels diese Sandra Rodriguez zu Deiner angetrauten Frau und schwörst ihr als Stellvertreter von Nolan Michaels die ewige Treue, im guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet? Dann antworte mit: Ja, mit Gottes Hilfe!“

„Und nimmst Du, Daisy Ward als Stellvertreterin von Sandra Rodriguez diesen Nolan Michaels zu Deinem angetrauten Mann und schwörst ihm als Stellvertreterin von Sandra Rodriguez die ewige Treue, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet? Dann antworte mit: Ja, mit Gottes Hilfe!“

Fertig. Fünfzig Dollar für Daisy. Fünfzig Dollar für Robert.

Vierhundert Dollar für den Friedensrichter.

FA: Daisy war es nicht entgangen, dass Robert auf die Scheinhochzeit mit einem neuen Anzug gekommen war. Und dass er eine rote Rose in der Hand hielt. Mit der er dann übrigens die Kanzlei auch wieder verließ. Sie hatten sich im Green House verabredet, um bei ihrem rituellen Chilli den coolen, neuen Job zu feiern.

Diese dumme Rose, die natürlich eigentlich für sie war, würde ihr das Date aber deutlich erschweren. Sie müsste Robert mit der Tatsache konfrontieren, dass sie ab Sommer in New York Schauspielerei studieren würde. Und damit ihr bequemer Deal natürlich vorbei war.

Ihre Mutter hatte ihr am Telefon von diesen „Flausen“ entschieden abgeraten. Und obwohl sie eigentlich seit ihrem sechsten Lebensjahr keine Ahnung mehr von Daisys Leben hatte, gelang es der alten Hexe doch, einen Keim an Selbstzweifel zu säen.

„Du bist nicht hübsch genug für eine Schauspielerin. Keiner wird wissen, ob Du das naive Dummchen spielen sollst oder lieber die Charakterrolle. So funktioniert das nämlich.“

So wartete sie auf Robert. Sehr erstaunt hörte sie aber ihn berichten, dass er sich entschlossen habe, nicht ein Instrument zu studieren, sondern Komposition. Und das würde er in Indiana machen.

Eine unverständliche Entscheidung. Von Montana zu fliehen und nach Indiana zu ziehen.

Nachdem sie sich ihre Pläne offenbart hatten, kämpften beide gegen das Schweigen, dass sich ungewöhnlich heftig in ihr Gespräch drängeln wollte.

HW: Bis zum Anfang des Studiums wurden die Stellvertreter-Hochzeiten zur Fließbandarbeit. Die juristische Geschäftsidee von Daisys Vater war ein durchschlagender Erfolg, so dass Daisy und Robert sich oft bis zu sieben Mal am Tag als Stellvertreter das Ja-Wort gaben.

Sie wurden zu abgebrühten Hochzeitsprofis. Deren Wege sich bald trennen würden.

Weil keiner von beiden beim letzten Chilli den Mut gefunden hatte, den Deal aus der Schulzeit aufzukündigen, machten sie aus, sich an jedem ersten Samstag im Monat zum Kaffe zu verabreden. Am Telefon. Um sich zu erzählen, was sie erlebt hatten.

So erfuhr Daisy von Roberts erster Freundin, einer Flötistin aus dem gleichen Jahrgang und er erfuhr, wie hart die Konkurrenz in der Schauspielerei war. Sie konkurrierte mit Mädchen, die bereits hunderte von Wettbewerberinnen aus dem Rennen geworfen hatten, während sie – im ländlichen Montana – gerade einmal die Beste von fünf war.

Robert erzählte von seinem ersten Werk, eine kleine Suite für Kammerorchester, das ein komplettes Fiasko geworden war. Streicher zu arrangieren war nicht schwierig, aber die Bläser hatte er mit seiner Notierung schlicht an die Grenzen des anatomisch Machbaren gebracht.

Daisy erzählte von ihren ersten kleinen Jobs im Werbefernsehen und ihrer Weiterbildung im Gesang. Sie hatte sich bis zu Beginn der ersten Stunde für begabt gehalten und musste nun erst einmal lernen, wie man richtig steht und richtig atmet.

Und dann brach der Kontakt langsam ab. Erst für einen Monat. Und dann für ein paar Monate. Und dann für ein Jahr. Als er an Weihnachten wieder nach Montana kam, erzählte ihm seine Mutter, Daisy habe geheiratet.

„Du hättest es ihr früher sagen müssen!“ meinte sie.
„Was denn?“
„Das Du sie liebst, Du Trottel!“
„Mama, so war unsere Beziehung nicht! Mach‘ Dir da keine falschen Vorstellung! So war das wirklich nicht!“

FA: Daisys Mutter machte Karriere. Sie war mittlerweile nicht mehr eine Kurtisane am Hof des Sonnenkönigs, sondern die Wiedergeburt von Kleopatra höchstpersönlich. Und war mit dem Mann mit den langen grauen Haaren nach Alexandria gezogen.

Daisy machte keine Karriere. Dieser eine Satz ihrer Mutter, der ihr vor Jahren das Selbstvertrauen genommen hatte, wirkte wie ein Fluch. Denn genau diese Worte hörte sie von einem Castingdirektor nach dem anderen. „Du bist wirklich toll, meine Liebe! Wir würden dich so gerne casten, aber wir wissen nicht, wo wir dich hintun sollen!“

Geduld sollte sie haben, sagten die. Mit den Jahren würde sie in die Charakterrolle hineinwachsen, hieß es. Jetzt sähe sie einfach zu jung aus mit ihren roten Locken und dem unverbrauchten Gesicht mit der schmalen Nase und den braunen Augen.

Aber Geduld heißt nicht, einfach warten. Geduld kostet Geld. Und Geld war genau das, was sie nach der Scheidung nicht mehr hatte. Denn ihr Seelenverwandter entpuppte sich einfach als Süchtiger. Die Empfindsamkeit war dem Alkohol geschuldet und die großartigen Zukunftspläne dem Speed.

Sie kehrte zurück in das verschlafene Nest, in dem sie groß geworden war. Ihre Aufgabe war es jetzt, all‘ die alten Weiber glücklich zu machen, die das Kaff niemals verlassen hatten. Denn natürlich hatten die es schon vorher gewusst. Und natürlich machte das ihren bescheidenen Lebensentwurf zur einzig gültigen Methode als Frau die Existenz zu fristen. Als Bedienung im Café. Wie Daisy.

Als sie eines Morgen einem athletischen jungen Mann den Kaffee in den Becher goß, erkannte sie Robert gar nicht wieder. Der unsichtbare kleine Junge, der sich auf dem Pausenhof in Luft auflösen konnte, war zurück in Montana, weil seine Eltern nach Florida gezogen waren und er in ihrem Haus kostenlos leben konnte, bis sie es verkaufen würden.

Nach Dienstschluss saßen die beiden wieder im Green House und bestellten sich ihr klassisches Chilli.

HW: Nachdem sowohl Daisy als auch Robert wieder vor Ort waren, beschloß Daisys Vater, das Geschäft mit den Stellverteter-Hochzeiten wieder anzukurbeln und es dauerte keine zwei Tage, bis sich die beiden im Besprechungszimmer der Kanzlei wiedersahen.

Die Zeiten hatten sich geändert, aber hier waren alle Möbel die gleichen geblieben. Die Zeiten hatten sich geändert und deswegen wollte das Paar, das heute heiraten wollte, bei der Zeremonie gerne per Skype anwesend sein.

Diese technologische Veränderung stellte die ganze Zeremonie völlig auf den Kopf. Während Daisy sich die Haare zurechtzupfte, versuchte Robert auf dem Laptop von Daisys Vater Skype zu installieren.

Und schon erschien sein Gesicht auf dem Laptop und – als sie nah genug gerutscht war – bald auch Daisys. Es klingelte zweimal und dann erschien in zwei verschiedenen Fenstern das eigentliche Hochzeitspaar. Er war in Afghanistan und sie war in Deutschland.

Während nun Robert und Daisy als Stellvertreter der beiden echten Menschen auf dem Bildschirm ihre Schwüre sprachen, war ihnen jegliche Professionalität beim Heiraten vor Aufregung abhanden gekommen.

Der junge Mann in Afghanistan schaute sehr ernst in die Kamera, während Robert an seiner Stelle das Jawort sprach. Und weinte ein bisschen.

Und die junge Frau in Deutschland hielt sich die ganze Zeit die Hände vor’s Gesicht, während Daisy ihren Eheschwur an ihrer Stelle sprach. Und weinte auch.

Es war seltsam nah dieses Mal, wo die beiden Stellvertreter sich beinahe einen Stuhl teilen mussten. Skype machte aus einem juristischen Akt auf einmal ein emotionales Ereignis.

„Ich mache das nie mehr! Das war das letzte Mal“ flüsterte Robert Daisy ins Ohr.

FA: „Und jetzt müsst ihr euch küssen!“ knarzt Skype aus dem Laptop. „Ja, küsst euch!“

„Das gehört nicht zum Deal!“ sagt Daisy so schnell sie kann in die Kamera.

„Ich bin altmodisch! Ohne Kuss ist diese ganze Veranstaltung für mich nur eine Farce“, meint der Mann.

„Wir können uns nicht küssen! Und vielleicht nie mehr, wenn es einen von uns erwischt“, meint die junge Frau.

Und so küssen sich Daisy und Robert. Zum allerersten Mal.

HW: Der Kuss ist lange und ein bisschen zu fest und ein bisschen zu feucht. Im Hintergrund hört man das frisch verheiratete Paar johlen.

Man verabschiedet sich höflich. Daisys Vater klappt den Laptop zu und drückt lächelnd jedem der beiden eine Fünfzigdollarnote in die Hand. Dann sind sie alleine im Besprechungszimmer.

FA: „Robert, ich weiß gar nicht, was gerade passiert ist. Warum willst Du das hier nicht mehr machen?“

HW: „Ich kann nicht mehr, Daisy. Es tut weh.“

FA: „Als ich Dich geküßt habe, das war so seltsam. Es war, als würde sich mein ganzes Leben auf einmal auf diesen Moment konzentrieren. Es war, als würde ich Dich zum ersten Mal richtig sehen.“

HW: „Dann war das vielleicht so.“

FA: „Nein, im Ernst. Robert, da war viel mehr in diesem Kuss, als ich erwartet hatte. Auf einmal warst Du wieder da. Aber so, wie Du noch nie da warst!“

HW: „Ich war die ganze Zeit da, Daisy! Ich wollte das hier schon immer! Ich wollte das, seitdem ich elf Jahre alt bin.“

FA: „Warum hast Du nie ‚was gesagt?“

HW: „Weil ich da noch unsichtbar war.“

Dann küssen Sie sich noch einmal. Dieses Mal steckt Robert seine Hand in die roten Ringellocken und Daisy greift nach seinem Hals, um ihn zu sich zu ziehen.

Mandel und Vanille! Robert hatte es doch immer schon geahnt.