Staubsauger-Neurose


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Unsere Erzählerin bekommt von ihrer Lehrerin eine Staubsauger-Neurose vermittelt, die sie ihr ganzes Leben nicht mehr loslässt. Gehören Putzmittel und Waschmittel und Staubwedel und Sagrotan nicht zu einer normalen Existenz?

Gibt es vielleicht Dinge, die wichtiger sind für das Überleben? Wie zum Beispiel Lebensfreude, Wärme, Tanzwettbewerbe, Kissenschlacht, Gelächter und Liebe?


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „I’ve No More Fuckss To Give!“ von Thomas Benjamin Wild


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Gibt es das? Eine Staubsauger-Neurose? Gibt es außer mir jemanden, der aus tiefstem Herzen sagen kann: Ich HASSE Staubsauger? Oder ist das für euch ein Alltagsgegenstand, den man benutzt. Völlig emotionslos?

Meine Neurose begann in der vierten Klasse. Ich war eine gute Schülerin und unendlich wissensdurstig. Meine Lehrerin mochte mich, da war ich mir sicher. Eines Tages sagte sie zu mir:

„Ich habe da ein ganz spezielle Aufgabe für Dich. Bei mir zu Hause. Ist auch schon mit Deiner Mutter besprochen. Am Samstag. Willst Du mitmachen?“

Ich war Feuer und Flamme und stand um 10:00 h vor ihrem Häuschen. Sie hatte einen gepflegten Vorgarten mit einer Gartenbank, die niemand benutzte. Und Bäumchen, die in Kugelform geschnitten waren. Da stand auch ein Frosch aus Ton, ein buntes Windrad und an der Tür ein Schild aus Salzteig, auf dem stand: „Hier wohnen die Lehmanns“.

Zu meiner Überraschung war die spezielle Aufgabe, die meine Lehrerin für mich hatte, ihr beim Hausputz zu helfen. Sie hatte am Abend eine Party und wollte alles aufräumen. Sie würde mich auch bezahlen.

Aufräumen? Putzen? Ich? Wie kam sie darauf, dass Putzen eine meiner Stärken war? Im Vergleich zu unserer Hütte war das Reihenhaus meiner Lehrerin ein Palast! Wir wohnten in unserem Häuschen. Wir lebten dort. Was wir nicht taten, war „Putzen“.

Meine Lehrerin ließ sich von meinem Blick nicht aus der Ruhe bringen.

„Ich fange im ersten Stock an und Du kannst ja erst einmal hier Staubsaugen!“

Während sie das verkündete, holte sie aus einem Schränkchen den Staubsauger, stellte ihn mir vor die Füße, lächelte aufmunternd und flatterte in den ersten Stock.

Hier war es blitzsauber. Auf dem Boden lag nichts, dass man aufsaugen konnte. Warum sollte ich hier saugen? Und – wie funktioniert bitte ein Staubsauger?

Ich und mein Bruder lebten mit meiner Mama in einem kleinen Häuschen, dass sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie war Krankenschwester und arbeitete oft nachts. Meistens nachts, das brachte mehr Lohn. Mein Bruder und ich waren tagsüber oft auf uns selber angewiesen.

Aber das war in Ordnung. Wenn wir von der Schule kamen, mischten wir uns aus allem Essbaren, dass wir in der Küche fanden ein Gericht und schoben das in die Mikrowelle. Mal schauen, ob man das essen könnte!

Danach setzten wir uns im Wohnzimmer auf den Boden, die Sofas waren meistens zu voll, um sich einen Platz frei zu schaufeln. Wir kuckten fern und ließen das Geschirr stehen, der Hund würde es sauber lecken.

Unser Vorgarten war eine Wüste, ein Fenster im Erdgeschoss war seit Jahren kaputt und mit Wellpappe zugeklebt. Das Geländer konnte man nicht benutzen, ohne sich Splitter einzuziehen.

Im Garten wuchsen von selber Klee, Brennnesseln, Disteln und jedes andere Gewächs, das man allgemein Unkraut nennt.

Aber es war unser Haus und unser Leben und es war bisher genug. Wir Kinder hatten im Wohnzimmer alle Schränke bemalt. Am Wochenende hatten wir Tanzwettkämpfe mit meiner Mutter oder Kissenschlachten oder richtig wilde Schießereien mit den billigen Wasserpistolen von der Drogerie. Im Haus!

Einmal veranstalteten wir einen Wettbewerb, wer die meisten Ikea-Hot-Dogs essen konnte. Unser Hund gewann. Wir hatten alles, was man zum Leben braucht.

Aber wir hatten keinen Staubsauger. Wenn die vom Jugendamt vorbeischauten, um zu schauen, wie es mir und meinem Bruder ging, machten wir schnell gemeinsam Ordnung. „Ordnung“ hieß, alles, was an Müll rumlag, in die Tonne zu stopfen.

Und da stand ich mit dem Staubsauger. Ein Riesending. Ich hatte begriffen, dass man den an den Strom anschließen musste. Und wie man ihn einschaltet.

Dann wurde er laut und saugte Luft an. Ich hielt meine Hand an das Rohr und konnte sie nicht mehr wegziehen, der Sauger wurde immer lauter.

Nach einer Viertelstunde war ich so weit, dass ich mit dem Gerät Kreise auf dem Teppichboden drehen konnte. Aber ich sah keinen Unterschied zwischen den Stellen, über die ich rollte und denen, über die ich noch nicht gerollt war.

Komische Sache das? Macht man das? Etwas sauber machen, was schon sauber ist? Warum macht man das? Meine Lehrerin hatte gesagt, ich werde für diesen Unsinn bezahlt! Also sollte ich etwas Nützliches machen, oder?

Und man saugt Sofas, oder? Vielleicht war auf dem Sofa mehr Schmutz als auf diesem Fliesenboden oder diesem wunderschönen Teppich?

Ich stemmte den Staubsauger kraftraubend auf die Couches, die das Wohnzimmer dominierten. Dann schaltete ich den Apparat an, das hatte ich schon gelernt.

Es funktionierte nicht gut. Dauernd saugte sich das Ding so fest, dass es nicht mehr zu bewegen war. Die drolligen Sofakissen wollte es komplett auffressen.

Zweimal habe ich mich in den Vorhängen verfangen, beim zweiten Mal waren schwarze Striemen auf dem blütenweißen Stoff.

Ich warf auch ein paar Vasen um. In meiner Panik rannte ich auf’s Gästeklo und holte die Handtüchlein, um die Sauerei aufzusaugen. Klatschnass hängte ich sie wieder an ihre Haken. Dann drapierte ich die überlebenden Blumen so hübsch ich konnte.

Mir war klar, dass ich Unheil anrichtete. Mehr Schaden als Nutzen, wenn man mich als Putzfrau engagierte. Ich wollte das alles nicht! Ich verstand nicht, was ich hier sollte! Ich verstand vor allem nicht, was man saubermachen sollte, wo doch alles spuckesauber war.

Ich wollte nach Hause!

Zum Glück kam mich meine Mama abholen. Meine Lehrerin drückte mir 50 Mark in die Hand für die Verwüstung, die ich angerichtet hatte.

Ich war verstört. Meine Mutter wirkte auch nervös, sie lachte nicht, unterhielt sich kaum mit meiner Lehrerin. Sie war unglücklich, das fühlte ich.

Auf dem Weg zu unserem Auto sah ich zum ersten Mal, was unser Mitsubishi für eine Rostlaube war im Vergleich zu dem blitzenden Golf, der bei meiner Lehrerin vor der Garage stand.

Ich hatte meinen Blick auf die Dinge verändert. Ich bemerkte, dass die Leute über uns redeten. Weil unser Haus schäbig war. Wir hatten keinen Staubsauger. Manchmal, wenn eine Lampe kaputt ging, dauerte es Monate, bis wir eine neue Glühbirne kauften.

Es kam vor, dass uns der Strom gesperrt wurde oder das wir aus Sparsamkeit im Winter nicht richtig heizten. In unserer Küche stank es, während die Küche meiner Lehrerin nach Zitronen geduftet hatte.

Ich begann mich zu schämen. Für unser Haus zu schämen, für unsere Unordnung, für die Art, wie wir lebten – für die Art, wie wir waren.

Unser Pausenbrot war in der Regel das billige Mischbrot vom Aldi. Oft genug nur mit Senf oder Tomatenmark bestrichen und eingewickelt in Zeitungspapier, auf das meine Mutter Cartoons für uns gezeichnet hatte.

Meine Klassenkameradinnen hatten Brotzeitboxen mit der blöden Diddl-Maus oder der blöden Lillifee oder dem blöden Drachen Tabaluga drauf. Vollkornbrot mit Käse und Obst und eine kleine Süßigkeit.

Wir tranken Wasser aus dem Hahn in der Schultoilette und nicht Multivitaminsaft aus einer Trinkflasche mit hübschen Mustern.

Ich schämte mich. Ich lud nie wieder andere Kinder zu mir ein. Und ich bin mir sicher, dass war die pädagogische Absicht meiner Lehrerin gewesen! Mir zu zeigen, wie MAN lebte. Wie schön es war, normal zu sein. Mir zu zeigen, was mir entging.

Und ich verstand meine Lektion. Nur zu gut. Ich begriff, was gemeint war. Ich wollte sein wie alle anderen. Ich wollte auch eine Gartenbank, auf der niemals jemand saß, vor unserem Haus. Ich wollte, dass unsere Küche auch nach Scheiß-Zitronen riecht und nicht nach Hundefutter und den Essenresten eines Monats.

Meine Lehrerin hatte mir die Augen geöffnet. Ja, ich wollte einfach so sein wie alle anderen. Ich wollte, verdammt noch einmal, auch einen Staubsauger. Es musste doch ein Grundrecht sein für ein Kind, dass die Eltern einen Staubsauger haben!

(Pause)

Heute bin ich 35 Jahre alt und habe einen Master und ein Häuschen und zwei eigene Kinder. Ich bin völlig normal.

Aber ich weiß, was mir meine Lehrerin damals gezeigt hat, war nicht die Wahrheit. Es war eine Lüge.

Meine Lebensverhältnisse waren nicht schlecht, schmutzig, unordentlich. Wir waren vielleicht für den Durchschnitt der Bevölkerung Messies. Und unser Häuschen war chaotisch, um es vorsichtig auszudrücken. Und manchmal war es nicht geheizt, weil meine Mutter nicht genug Geld verdiente.

Trotzdem war es bei uns niemals kalt. In unserem Häuschen gab es laute Musik und wir sangen aus voller Kehle mit, während wir uns gegenseitig coole Dance-Moves beibrachten. Es gab am Sonntagmorgen verlässlich eine Kissenschlacht, die sich über das ganze Haus ausbreitete. Manchmal gab es keine sauberen Teller oder Besteck, aber wir hatten Spaß am Essen.

Unser Haus war immer warm! Es war ein schmuddeliges Haus. Aber voller Gelächter und voller Leben und voller Liebe. Und ich schäme mich, dass ich mich geschämt habe!

Und ich schäme mich, dass ich mich immer noch schäme. Seit diesem Tag mit dem Staubsauger habe ich nie mehr Freunde eingeladen! Auch jetzt nicht, wo ich selber Mutter bin und ein eigenes Häuschen abbezahle.

Denn auch in meinem Haus liegt die Couch voller Schmutzwäsche und man muss sich ein Loch graben, wenn man sich hinsetzen will. Klar, ich lasse keine Teller mehr auf dem Boden stehen. Ich weiß, der Platz für gebrauchtes Geschirr ist die Spüle.

Und ich weiß, dass man manche Pfanne wochenlang einweichen muss.

Und ich habe einen Staubsauger.

Eines Tages werde ich so erwachsen sein, dass ich Freunde einladen kann. Dann kommst Du zu mir nach Hause und nimmst Dir eine Pause von der ganzen Sauberkeit und den Staubsaugern und den Putzmitteln und dem Haushaltsreiniger.

Wir machen dann eine Kuhle in der Schmutzwäsche auf der Couch und veranstalten ein Picknick. Den Teller und das Besteck heben wir auf, das benutzen wir noch einmal, wenn wir abends eine Pizza backen.

Und dann machen wir einen Tanzwettbewerb und hören dabei laut Musik. Aber ich warne Dich! Meine Kinder haben einige Moves drauf, da wirst Du Dich ganz schön ins Zeug legen müssen!

Und man nächsten Tag nimmst Du Dir vielleicht ein bisschen Zeit, ja?

Dann kannst Du mir vielleicht erklären, wie mein Staubsauger funktioniert.

Das wäre nett.