Speer und Krone

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Herr Wunderlich trägt heute ein Märchen vor von einem König, der eines Tages auf sein Pferd springt, davon galoppiert und niemals mehr gesehen ward. Aber, weil das langweilig wäre, geht es darum, was er dann so gemacht hat, nach dieser spektakulären Flucht.


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Musiktitel: Eivør Pálsdóttir: Tròdlabùndin

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Die Geschichte zum Lesen

Mit einem Stöhnen ließ das alte Männlein sich in sein Bett sinken. Das Stroh, welches die Matratze ersetzte, gab unter ihm nach und stach ihn durch die Decke hindurch.
Er zupfte sich sein langes, schmutziges Hemd zurecht, dass schon so oft geflickt war, dass man nicht sagen konnte, welche Farbe es ursprünglich hatte.

„Ich habe nicht ein Hemd. Nein, ich habe sieben Hemden, sie sind bloß alle zu einem zusammengenäht!“, pflegte er zu sagen.
Nicht, dass jemand das hören konnte, seit Anne tot war. Weder die Kühe, noch das Pferd, nicht das Schwein und auch nicht die Hühner widmeten ihm einen Blick, wenn er wieder mit sich selber redete.

Er deckte sich mit dem Schaffell zu.

Der alte Mann atmete tief durch. Es war sehr ermüdend gewesen, sich auf das Bett zu setzen, aber nur halb so anstrengend wie vor einer Stunde das Aufstehen.
Durch das Fenster sah er, wie die ersten Schneeflocken über den Acker getrieben wurden. Die Vorhut des Winters. Noch kann sich die Kälte aber nirgends festkrallen.

Er presste eine Hand an die Mauer seiner Hütte. Dicke Mauern hatte er gebaut. Mauern, die die Wärme seines Herdfeuers speichern konnten. Mauern, die ihn vor dem Winter schützten.

Er sah sich selber, wie er – damals – die Steine über den Acker schleppt. Einen Brocken nach dem anderen. Er hatte quer zum Weg Holzbretter ausgelegt, damit er nicht ausrutschte – so viel schwitzte er bei der Plackerei!
Ein junger Mann war er damals und stark. Ganz alleine war er hier angekommen, mitten in der Wildnis. Keiner hatte seine Flucht gesehen, keiner hatte die Krone erkannt, keiner den Speer.

Überhaupt: der Speer. Er lehnte am Abzug seines Herdfeuers. Der Schaft war mit einer rötlichen Patina überzogen, aber die Spitze – eine zweischneidige Klinge – scharf wie am ersten Tag. Nur der Stock war mit der Zeit immer kürzer geworden – an zwei Stellen war er dürftig zusammengeflickt.
Einst ein prächtige Waffe, immer noch beeindruckend. Sein einziger Besitz, der noch an den Hof erinnerte. Mit diesem Speer hatte er sich verteidigt, als im ersten Winter die Wölfe kamen und das Zelt zerrissen. Mit dieser Waffe hatte er den Bären vertrieben, der seinen Hund mit einem Schlag seiner Pratze in zwei Teile zerrissen hatte. Und mit dieser Waffe verscheuchte er die Krähen, wenn sie seine verendende Beute vor ihm fanden.

In den letzten Tagen jedoch hatte er ihn als Krücke benutzt. Das Fieber hat ihn so geschwächt, dass er nicht mehr aufrecht stehen kann.
Der fürstliche Speer, ein abgenutzter Gebrauchsgegenstand.

So wie die Krone. Als er vom Hofe geflohen war, hatte er nur den Speer und die Krone bei sich. Er war auf seinen Wallach gestiegen und hatte ihm die Sporen gegeben, als ginge es ums blanke Überleben.
Als dieser nicht mehr galoppieren konnten, blickte er zurück auf die Burg, die ihn in dreißig Jahren seine Menschlichkeit gekostet hatte.
Ein feines Tier war er gewesen, sein Wallach! So froh war er, nicht mehr im Stall stehen zu müssen und so geduldig, wenn man ihn vor einen Pflug spannte. Wenn er sich nur an den Namen erinnern könnte!

Als er den Ort gefunden hatte, an dem jetzt die Hütte steht, hatte er mit seinem Messer die Juwelen und Edelsteine aus der Krone entfernt und in der Stadt – fünf Tagesritte im Westen – zu Münzen getauscht.

So konnte er sich die wichtigsten Dinge leisten, die er brauchte, vor allem: Werkzeug! Pflug, Hammer, Amboss, Bogen, Pfeile, Schaufel und Nägel. Dann ein kleiner Wagen und ein Zelt für den ersten Winter. Später eine Blende für den Kamin des Herds, einen großen Topf und Schürhaken und noch mehr – der Schmied wurde fast zu einem Freund, so ein guter Kunde war er.

Die Frau des Schmieds machte übrigens die beste Räucherwurst im ganzen Land. Mit so viel Knoblauch, dass niemand bei Hofe sich ihr auch nur genähert hätte!
Was für Narren diese Höflinge waren! Gutes Essen war für diese Blinden einfach nur Gerichte, die selten waren oder schwierig zu besorgen.
Dabei war das Einfachste – ein frisch gebackenes Brot – die größte Delikatesse! Wenn man dann noch frischen Schafskäse dazu hatte und kalte Milch – das Paradies auf Erden! Der Höhepunkt der Woche! Ein Grund, das Leben zu feiern! Pure Ekstase!
Kaviar essen nur Idioten!

Ein Hustenanfall schüttelte seinen Körper und ließ seine Lungen leer zurück – er schnappte nach Luft wie ein Fisch an Land.

Er hatte sich vorgenommen, nicht an Hunger zu sterben. In den ersten Jahren hatte er viel hungern müssen, weil es zu Missernten kam und sich kein Jagdglück einstellen mochte. So hungrig war er gewesen, dass er seinen Gürtel in Salzwasser gekocht hatte – stundenlang – bis man ihn kauen konnte. Das sollte nicht noch einmal passieren.
Also hatte er alle seine Vorräte um das Bett herum ausgebreitet. Wurst, Speck, Käse, Brot, Beeren, Karotten, Äpfel – es war eine gute Ernte gewesen – alles nur eine Armeslänge entfernt. Wenn er zu schwach geworden sein würde, um aufzustehen, würde er trotzdem nicht verhungern!

Sein Blick blieb am Fußende seines Betts hängen. Er atmete noch einmal so tief ein, wie er konnte und seine Erinnerung zauberte gnädig kurz einen Schatten an die Wand. Als würde sie noch dort sitzen, wie beim ersten Mal.

Er war eines Tages vom Acker gekommen, da fand er sie in seiner Küche, wie sie sich über das Brot und den Honig hermachte. Sie erschrak noch mehr als er und für eine Minute starrten sie sich nur an.
Keiner der beiden hatte in Jahren mit anderen Menschen geredet und es fiel ihnen schwer. Er rang nach Worten, doch sie fiel vor ihm auf die Knie und entschuldigte sich für den Mundraub und sie bekräftigte, sie würde jede Arbeit dafür verrichten, wenn er sie nur nicht wieder in die kalte Nacht davonjagen würde.
Er schaffte es immer noch nicht, etwas zu sagen, als er bereits das heiße Wasser von der Feuerstelle nahm und einen Tee aufsetzte. Dafür redete sie umso mehr. Die Arme breitete ihr ganzes Leben vor ihm aus. Tagelang.

So setzte sie sich eines Abends eben auf das Fußende des Betts und erzählte von ihrem Mann und ihren Kindern und von der Pest. Wie sie eines Morgens das Haus verlässt, weil der Leichengeruch ihrer Lieben nicht mehr zu ertragen ist, und wie sie ihr ganzes Dorf verlassen, menschenleer vorfindet.
Sie erzählt, wie sie mit den Fingern die gefrorene Erde aufkratzt, um zumindest ihre Tochter und ihren Sohn zu begraben, und wie sie auf allen vieren aus dem Dorf krabbelt, weil das Weinen sie so schüttelt, dass sie nicht mehr gerade gehen kann.

Anne hieß die Frau und die beiden teilten sich die Arbeit, die Sorgen und das Brot für mehr als zehn Jahre. Eine einfache Frau – Bauerntrampel hätte man am Hof geschimpft – mit einem Herz, das so groß war, dass es für sogar für ihn reichte und für sein großes Geheimnis.
Eine Frau, die sich an einem sonnigen Herbsttag beim Kartoffelschälen in den Finger schnitt und drei Tage später am Wundbrand verstarb. Er wusste nicht, ob sie den einen, ersten und letzten Kuss, den er ihr gegeben hat, überhaupt gespürt hatte.

Niemand am Hofe hätte erkannt, dass sie nicht nur eine geflohene Leibeigene war mit verfilztem Haar und Erde unter den Fingernägeln, sondern der Schatz, den er gesucht hatte; der Schatz, für den er bereit gewesen war, sein Reich aufzugeben.

Und noch einmal nimmt er alle Kraft zusammen und atmet tief ein. Er schließt die Augen. Er sieht seine Hütte von oben, noch nass vom Gewitter. Er sieht sich selber davor in der prallen Sonne sitzen. Er schnitzt Pfeile.

Anne läuft über den Hof, füttert die Hühner und ruft mit glockenheller Stimme die vier Kühe vom Feld, wie an jedem Abend.

Die Sonne scheint, das frisch gemähte Gras duftet und eine Lerche verschwendet ihr Leben beim Singen.

Alles ist gut, alles ist wahr. Raum und Zeit genug.

Als der Bär, vom Geruch der Wurst angelockt, die Tür der Hütte aufbricht, ist das alte Männlein schon seit Tagen eingeschlafen.
Der König ist tot, es lebe der König!


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