Sophie Morigeau


Jeder hat schon einmal einen Western gesehen, selbst wenn es nur eine Folge „Bonanza“ war. Und wild war der Westen tatsächlich.

Viele Legenden sind an der Grenze zwischen Natur und Zivilisation entstanden und viele Namen klingen heute noch nach Freiheit und Abenteuer.

Aber das sind alles Männernamen. Gab es denn keine Westernheldinnen? Klar gab es die und Sophie Morigeau war so eine!


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Musik: „Nature World“ von Axel Antunes / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Jeder kennt solche Namen wie Buffalo Bill oder Daniel Boone oder James Bowie oder meinetwegen auch Billy, the Kid. Aber keiner kennt Frauen aus dem Wilden Westen. Oder habt ihr schon einmal von Sophie Morigeau gehört?

Eine der größten Lügengeschichten, die wir uns jeden Tag selber erzählen, ist die Geschichte unserer Identität. Wir verbringen viel Zeit damit, uns selber ein Bild von uns selber zu zeichnen. Was ist so eine Identität denn, bitteschön?

Es ist schon klar, dass wir nicht mehr die gleiche Identität haben, wie damals, als wir mit sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal eine Schule besucht haben. Jetzt, so viele Jahre später sind wir jemand anderes. Haben eine andere Identität.

Wie bastelt man sich aber so ein Bild von sich selber? Na, da sind natürlich die gemachten Erfahrungen. Mit der Einschulung ging die ganze Ausbildung ja erst los. Oft identifizieren sich Menschen ja völlig mit ihrem Beruf. Wer bist Du? Ich bin eine Köchin. Ich tue es nicht nur, sondern ich bin es sogar schon…

Aber, es gibt es natürlich auch Geschichte. Und Vorfahren. Und deren Geschichte vielleicht auch noch. Um alles noch komplizierter zu machen.

Und am Schluss identifizieren wir uns mit einem festgelegten Bild und versuchen das zu leben. Wie, als ob wir uns selber ein Drehbuch geschrieben hätten.

Manche Menschen machen sich aber über ihre Identität überhaupt keine großen Sorgen, sondern benutzen dieses gesellschaftliche Spiel einfach zu ihren Gunsten.

Im wilden, wilden Westen gab es eine Frau, die darin eine große Meisterschaft erreicht hat. Diese Frau hieß offiziell Sophie Morigeau. Und ihr Leben ist eine spannende Geschichte und eine Legende obendrauf.

Wir haben kein reales Foto von Sophie. Und auch nicht wirklich viele Quellen. Aber die paar Quellen, die man finden kann, zeichnen ein erstaunlich stimmiges Bild.

Wenn man sich Sophie als erwachsene Frau vorstellt, dann sieht man da eine äußerst selbstbewusste Frau, die sich von keinem Mann etwas sagen lässt.

In Zeiten, als der Westen noch richtig wild war und richtig rassistisch obendrein, wurde sie zu einer wohlhabenden Kauffrau. Auf Gepflogenheiten der Gesellschaft gab sie nicht viel und so wählte sie sich einen Mann nach dem anderen als ihr Sex-Spielzeug und legte sie genauso schnell auch wieder ab.

Doch, wenn man genau hinschaut, dann war ihr Leben wohl nicht so ein Kinderspiel. Denn hinter ihrer Brille mit den grünen Gläsern, kann man eine Augenklappe sehen, da wo ihr rechtes Auge sein sollte.

Und an ihrem Gürtel hängt nicht nur ein Biberschwanz als Symbol ihrer Händlertums, sondern auch ein komischer kleiner Knochen mit einer Schleife in pink. Wenn man sie fragen würde, was das ist, würde man erfahren, dass es eine ihrer Rippen ist.

War wohl nicht alles ein Leben auf dem Ponyhof für Sophie.

Geboren wurde sie wahrscheinlich so um das Jahr 1836. In Kanada. Als eine Métis. Das ist das französische Wort für Mestizin. Bedeutet, sie hatte Eltern, die einerseits weiß waren und andererseits indogen.

Wer aber wer war, das ist schon unklarer. Je nach Hautfarbe des Fragenden, konnte Sophie da viele verschiedene Geschichten erzählen.

Für Weiße war ihr Vater Francois Baptiste Morigeau und ihre Mutter eine Cree. Für Indianer war ihr Vater aber Patrick Finley, der selber eine Mischung aus Chippewa und Schotte war, aber in hohem Ansehen stand.

Die meisten Biografien gehen davon aus, das Patrick der biologische Vater war und Francois der Stiefvater – aber auch das spielte keine große Rolle für die kleine Sophie.

Ihre Geschichte wäre eine ganz normale Frauengeschichte, wenn sie jetzt mit 16 Jahren heiratet und brav an der Seite ihres Gatten ihr hartes Schicksal fernab der Zivilisation erduldet. In einer kleinen Blockhütte. Und Kinder gebärt, während ihr Gatte Fallen aufstellt und mit Fellen handelt.

Und so wird sie tatsächlich verheiratet, wie es sich gehört. Mit 16 Jahren. Aber natürlich wäre das keine spannende Geschichte, wenn sie jetzt brav in ihrer Blockhütte sitzen bleiben würde.

Wie praktisch alle Männer im Westen war auch ihr Mann für heutige Verhältnisse ein Alkoholiker. Also brach die gerade einmal 18 Jahre alte Sophie auf, um ihr Glück zu suchen und ließ ihren Angetrauten mit seinem Whiskey in der Blockhütte zurück.

Das, was wir den Westen nennen, hatte sich in Sophies Lebenszeit dramatisch verändert. Vor 1848 war Kalifornien eine sehr verlassene Gegend. Ab und zu gab es dünne Ansiedlungen von Farmern. Wie zum Beispiel Johann August Sutter, der am American River eine große Farm betrieb.

Am 24. Januar 1848 entdeckte ein gewisser James Marshall in diesem Fluß einen glänzenden Stein. Ein Nugget. Gold. In der Kleinstadt San Francisco machte dann ein Journalist namens Samuel Brennan eine Riesengeschichte daraus und es kam zum Goldrausch. The Gold Rush. Wobei Rush ja eigentlich nicht Rausch bedeutet, sondern eher Hetze.

Innerhalb weniger Monate kamen über 80.000 Menschen nach Kalifornien, um auf der Farm von Sutter ihr Gold zu schürfen. Mit dieser Menschenmenge war Kalifornien dann so dicht besiedelt, dass es 1850 zum 31. amerikanischen Staat wurde.

Und nach diesem berühmtesten Goldrausch von 1848 folgten noch viele andere. Der Colorado Gold Rush, der Black Hills Gold Rush oder der Klondike Gold Rush.

Im Nordwesten der USA und im Westen Kanadas waren immer arme Menschen unterwegs, um durch einen plötzlichen Goldfund reich zu werden. Fernab jeglicher Zivilisation und jeglicher Rechtsprechung war der Westen wirklich wild und die Lebenserwartung kurz. Vor allem, wenn man tatsächlich Gold gefunden hat.

In diesen Menschen – die da meist ohne Vorbereitung und Planung in der Wildnis und der Kälte ihr Dasein fristeten – in diesen Menschen erkannte Sophie ihre neue Kundschaft.

Und so wurde sie eine reisende Händlerin, die immer genau das im Angebot hatte, was die Goldgräber so brauchten. Für ihre Kunden war sie eine weiße Frau und für ihre indianischen Helfer und Helferinnen eine rote.

Innerhalb von ein paar Jahren hatte sie soviel Geld verdient, dass sie eine kleine Handelsstation bauen konnte. Einen Outpost. Ein Holzhaus, das nicht nur ihr Laden war, sondern auch über ein paar einfache Zimmer zur Vermietung verfügte.

Und das mehr oder weniger von ihr selber gebaut wurde. Mit nicht einmal dreißig Jahren hatte sie sich ihr erstes Stückchen Land gekauft. Als erste Frau in Kanada, die sich das traute.

In und um ihren kleinen Outpost arbeiteten eine ganze Reihe an Kutenai-Indianern. Die kümmerten sich um die Wäsche, die Zimmer, pflegten die Tiere und einige gruben sogar für Sophie selber nach Gold.

Die Kutenai sind sieben Indianerstämmer gewesen, die eine eigene Kultur und Sprache hatten. Von den anderen Plains-Indianern wurden sie der „sanfte“ Stamm genannt. Sie selber nannten sich Tu-Na-Ha, die vom See. In Kanada gibt es heute noch 1000 Kutenai.

In diese Zeit ihres Lebens fallen die meisten der Abenteuergeschichten, die man sich über Sophie Morigeau erzählt. Die würden lässig ausreichen, das Lebenswerk eines Karl May zu füllen. Aber weil viele der Geschichten halt vielleicht oder auch wahrscheinlich erfunden sind, lassen wir die hier lieber einmal weg.

Obwohl, zwei Geschichten sollte man schon erzählen. Da wäre die eine Geschichte, wie Sophie durch die Wälder reitet und ihr Pferd durchgeht. Und ein Ast ihr das rechte Auge aussticht. Eine sehr dumme Sache. Wenn man alleine im Wald liegt. Was genau jetzt passierte, wissen wir nicht mehr. Aber wir wissen, dass Sophie mit einer Augenklappe, aber ohne Pferd wieder daheim ankam.

Das mit den Pferden war wohl ein regelmäßig auftretendes Problem. Denn die zweite Sophie-Geschichte handelt wieder von einem Pferd, das durchgeht. Und Sophie, die hinten in dem kleinen Buggy sitzt. Der Wagen überschlägt sich und rollt über die Unternehmerin, die mit zahlreichen Knochenbrüchen liegen bleibt. Eine Rippe ragt aus ihrem Oberkörper. Wieder weit und breit niemand da, der ihr helfen konnte.

Auch dieses Mal kommt sie wieder alleine zurück in ihren Outpost. Wieder ohne Pferd und auch ohne Kutsche. In der Hand nur die Rippe, die sich selber ausgerissen hat, um überhaupt wieder gehen zu können.

Diesen kleinen Knochen wird sie mit einer pinken Schleife versehen und ab diesem Tag immer am Gürtel mit sich herumtragen.

Aber berühmt wurde unsere Heldin nicht für ihre Härte oder ihre Tapferkeit, sondern eigentlich für ihr Liebesleben. Denn sie wechselte die Lebenspartner so, wie die Goldwäscher die Pfannen. Regelmäßig gab es einen neuen Herr Morigeau.

Sie nannte jeden ihrer Partner Ehemann, obwohl nur sie selber glaubte, dass es reichte, wenn man einfach frech behauptete, dass man verheiratet ist. Ihren Namen gab sie natürlich nicht auf.

Keiner der Gatten hatte geschäftlich ein Mitspracherecht oder durfte sich außerhalb des Betts in ihre Belange einmischen. Sonst wurde der Göttergatte schnell abserviert. Das konnte Sophie einfach nicht ertragen.

Eine der Räuberpistolen um Sophie beginnt doch tatsächlich mit dem Satz“ …sie war gerade dabei, ihren 13ten Mann abzuservieren, was einfacher ging als erwartet, war doch der Zwölfte eines Tages mit einer Kugel im Kopf nicht mehr aufgewacht.“ Also wirklich und wahrhaftig genau so, wie man sich eine schaurig stereotype Geschichte aus dem Wilden Westen ausmalt!

Wie buchstabentreu man solche Geschichten verstehen soll, ist natürlich eine andere Frage. Wir wissen aber auf jeden Fall von einem der Nachfolger namens Tom Clark ein bisschen mehr Details.

Der versuchte Sophie klarzumachen, dass er als Mann das Sagen hatte. Und er behandelte auch die Kutenai in der Gemeinschaft rund um den Outpost nicht besonders gut. Bis er eines Tages rätselhafterweise gefunden wurde, wie er so mausetot im Fluß trieb – war wohl spontan ertrunken, der Arme. Konnte wohl nicht schwimmen…

Und so lebte Sophie Morgeau ihr selbst-bestimmtes Leben. Als einzige weiße Frau in der Prärie, wie sie sich manchmal nannte. Auch wenn sie halbe Indianerin war – aber wir hatten ja schon darüber gesprochen, dass sie sich ihre Identität immer so hinbastelte wie sie wollte.

Sie errichtete einen eigenen Waschplatz für „native Americans“ ihrer Gemeinschaft. Es ist nicht ganz klar ob sie es tat, um eine ethnische Trennung aufzuzeigen oder deren intimen Bereich zu gewährleisten. Vielleicht beides. Aber sie hatte nie ein Problem damit, dass die Bude immer rappelvoll mit Kindern der Kutenai war. Auf ihrem Land war jedes Tipi willkommen.

Ein Nachbar hat angeblich einmal eine Süßigkeit abgelehnt, die ihm eine Kutenai schenken wollte. Weil sie halt eine dreckige Indianerin war – das hat Sophie ihm nie verziehen und ihr langjähriger Streit vor Gericht über jede nur erdenkbare Kleinigkeit füllt Bände.

Die meisten realistischen Geschichten aus dem Wilden Westen enden damit, dass der Wilde Westen halt einfach aufhört, wild zu sein. Mehr und mehr Menschen zogen in den Westen, Recht und Gesetz zogen ein und das, was wir als Zivilisation bezeichnen.

Damit kommen auch die Rechtsanwälte und die Trickbetrüger und diejenigen, die von dem Kleingedruckten unter Verträgen leben und sich nicht an ein Wort gebunden sehen.

Und so kam es, dass unsere Sophie bald ihren ganzen gesammelten Reichtum verloren hätte, weil sie gleich einer ganzen Reihe von halbseidenen Geschäftspartnern auf den Leim ging.

So kompliziert waren die Dinge geworden, dass sich die nun Siebzig-Jährige tatsächlich rechtlichen Beistand suchen musste, um ihren kleinen Outpost weiter betreiben zu können. Sophie stellte einen Geschäftsführer an, der sich in der neuen, komplizierten Welt besser auskannte als sie.

So konnte sie wenigstens einen Teil dessen behalten, was sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit über Jahrzehnte einem ungastlichen Stück Kanadas abgetrotzt hatte.

Ich habe keine Biografie gefunden, in der nicht stehen würde, dass sie mit 80 Jahren sanft entschlafen wäre. Es war kein Bär, der sie tötete und keine Kugel, auch kein eifersüchtiger Ex-Liebhaber oder eine grausame Naturgewalt. Das würde man sich fast gerne so vorstellen.

Nein, sie starb satt und zufrieden als alte Dame aus dem Wilden Westen einfach in ihrem Bett. Eingeschlafen. Dieses eine Mal kam sie nicht wieder zurück in ihren kleinen Outpost.

Ich stelle mir Sophie Morigeau, von der es nicht ein eiziges Foto gibt, gerne so vor, wie sie Jason Porath auf seiner Website gezeichnet hat.

Da steht sie auf dem Kutschbock mit ihren langen schwarzen Haaren gebändigt zu einem Pferdeschwanz und ihrem weiten Rock und hat natürlich die Zügel in der Hand.

Hinter ihrer Brille mit den flaschengrünen Gläsern sieht man die Augenklappe. An ihrem Gürtel hängt natürlich die Rippe mit der pinken Schleife. Und dann noch Biberschwänze, Messer, Whiskey – halt die Dinge, mit denen sie Handel getrieben hat.

Sophie hätte es auf jeden Fall mehr verdient, eine moderne Legende zu sein, wie zum Beispiel der Psychopath Billy, the Kid oder der Maulheld Buffalo Bill.

In einem Nachruf stand: „Ihr Leben war so voller Schwung und so voller Farben – würde man das vollständig aufschreiben, würde es jeden modernen Roman in den Schatten stellen.“

Das glaube ich allerdings auch.

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