Der Sonnenschein



Es gibt in der Netzkultur ein öfter wiederkehrendes Streitthema: Diese dämlichen Kettenbriefe! „Unterbrich‘ nicht die Kette, sonst…“ – „Nachweislich alle glücklich und reich, die das geteilt…“ – „…sonst wirst Du krank und kriegst Fußpilz!“. Ihr kennt das, oder?

Es hilft auch nicht, wenn man immer wieder laut verkündet, dass man chronisch solche Dinge nicht weitermailt oder gar Facebook-Freunden in die Chronik postet – immer wieder tauchen sie auf und immer wieder muss man diskutieren.

Doch da war, vor langer Zeit, diese eine Geschichte, die klang so seltsam authentisch. Und – siehe da – jedes Wort ist wahr. Auch wenn die Autorin der Geschichte, die bei uns „Der Sonnenschein“ heißt, überhaupt nicht wollte, dass sie als Kettenmail endet.


Download der Sendung hier.
Musik: „Strong“ von JekK / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

FA: Vielleicht habt ihr meine Geschichte ja schon einmal gehört. Ich werde immer wieder gebeten, sie zu erzählen. Die Menschen hören speziell diese Geschichte gerne.

Also erzähle ich sie euch auch heute und hier. Sie spielt schon vor längerer Zeit, vor mehr als fünfzig Jahreb und aufgeschrieben habe ich sie erst vor ungefähr zwanzig Jahren.

Sie handelt von meinem ersten Jahr als Lehrerin. Auf einer katholischen Schule. Da unterrichtete ich auch eine dritte Klasse, die hatte 34 Schüler. Glaube ich.

Die waren alle wirklich herzensgut und ich mochte meine Neunjährigen, aber ein Schüler fiel mir besonders auf.

Er sah immer recht gepflegt und aufgeräumt aus und er hatte diese chronische, gute Laune. Dieses Grundgefühl, als ob alleine die Tatsache, dass man am Leben ist, irgendwie Anlass genug ist, sich zu freuen!

Das war so ansteckend, dass man ihm seine Fehlerchen sofort vergeben musste.

Mark Eklund hieß er, jetzt fällt mir auch der Name wieder ein. Und weil er so ein Sonnenschein war und sich seines Lebens so freute, musste er das auch ununterbrochen mitteilen. Oder, mit anderen Worten: Er schwätzte in einer Tour!

Und das war noch in den Fünfzigern – da ging es noch viel autoritärer zu. In der Klasse zu reden, ohne dazu vom Lehrer aufgefordert worden zu sein, das war schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Ich musste das unterbinden.

Also ermahnte ich Mark. Und das immer wieder und immer wieder. Aber, was mich auch immer wieder beeindruckte, war seine wirklich ernst gemeinte Antwort: „Danke, dass Sie mich auf meinen Fehler hingewiesen haben, Schwester!“

Wirklich, das meinte er ernst! Denn er konnte halt nicht anders, der Sonnenschein! Naja… Fünf Minuten später begann er dann halt wieder zu schwätzen…

Und so gewöhnte ich mich so langsam auch an die höfliche Antwort. Man gewöhnt sich eben an alles, wenn man es jeden Tag immer wieder zu hören bekommt.

Eines Morgens war ich nervlich wohl schon etwas angeschlagen und mein Geduldsfaden war fast am Reissen. Und ich musste ich Mark mal wieder ermahnen, er möge doch bitte nicht schwätzen! Bitte!

Wahrscheinlich deswegen machte ich einen furchtbaren Anfängerfehler. Ich stellte mich vor Mark und sagte erbost: „Wenn Du nur noch ein einziges Wort sagst, dann werde ich Dir den Mund zukleben!“ Ein dummer Fehler, ich weiß…

Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Es dauerte keine zehn Minuten, schon hörte ich seinen Banknachbarn Chuck petzen: „Schwester, Mark schwätzt schon wieder!“

Natürlich hatte ich niemandem angehalten, er möge mir sagen, wenn Mark schwätzt. Menschen so einen Autoritätsglauben zu vermitteln, dass sie ihre Nachbarn anzeigen, war sicher kein wünschenswertes Erziehungsideal!

Nein, Chuck hat nur gepetzt, weil ich so dumm war und so eine Drohung in den Raum gestellt hatte! Nun wollten sie halt prüfen, ob ich auch zu meinem Wort stehe. Darum ist das ja auch ein dummer Fehler!

Ich kann mich an diese Szene erinnern, als wäre es gestern passiert und nicht in den Fünfzigern irgendwann. Ich fühlte die Spannung im Klassenraum, es war ein Showdown wie bei einem Western.

Verzweifelt öffnete ich die Schublade, in der Hoffnung, darin KEIN Klebeband zu finden, aber leider hatte jemand eine Rolle darin zurück gelassen. Also musste ich handeln.

Ich nahm die Rolle, riss zwei große Streifen Klebeband ab und klebte Mark damit den Mund zu. Mit einem großen X über beide Backen. Und dann schlich ich zurück zum Lehrerpult und versuchte sehr beherrscht und erwachsen zu wirken.

Als ich mich umdrehte, saß Mark da auf seinem Platz und man sah sein Grinsen unter dem Klebeband und er zwinkerte mir frech zu, der Sonnenschein!

Da war es um mich geschehen! Und ich musste so furchtbar lachen, dass ich kaum noch gerade stehen konnte! Die ganze Klasse schüttete sich vor Lachen aus, während ich zu Mark ging und versuchte, das Klebeband schmerzfrei wieder zu entfernen.

Ich entschuldigte mich bei ihm, kaum dass ich fertig war. Aber er zuckte nur mit den Schultern und meinte: „Danke, dass Sie mich auf meinen Fehler hingewiesen haben, Schwester!“ Dieser Mark! Unglaublich…

Am Ende des Schuljahres wurde ich dann eingeteilt an der Junior High School Mathe zu unterrichten. Da sind die Kinder schon 16 oder 17 Jahre alt. Und acht Jahre flogen nur so dahin, als Mark auf einmal wieder in meinem Klassenzimmer saß.

Er war immer noch so hübsch anzusehen wie früher und auch immer noch so gut erzogen und höflich. Und weil der Lehrstoff schwieriger war und alle schon fast erwachsen, schwätzte er auch nicht mehr so oft wie früher.

Es war an einem Freitag, da merkte ich in der Klasse eine große Unzufriedenheit. Sie hatten aufmerksam versucht, ein neues Konzept zu verstehen, dass ich ihnen erklärt hatte, aber noch hat es wohl noch nicht vielen so richtig gedämmert.

Es ging ihnen nicht gut, sie hatten irgendwie eine miese Laune und konnten sich selber nicht ausstehen und ihre Mitschüler auch nicht. Wenn ich das nicht irgendwie auffangen konnte, dann würde es noch übel ausgehen.

Also dachte ich mir auf die Schnelle etwas aus. Ich sagte den Schülern, jeder solle eine Liste seiner Klassenkameraden anfertigen. Und unter jedem Namen zwei Zeilen frei lassen. Und dann, so war der Auftrag, sollten sie unter dem Name jedes Mitschülers das Positivste, was sie über ihn oder sie zu sagen hatten, aufschreiben.

Das dauerte den Rest der Schulstunde. Und die Schüler und Schülerinnen konzentrierten sich so sehr auf diese Aufgabe, dass ich bequem dabei etwas Anderes korrigieren konnte.

Am Ende der Stunde gaben sie alle ihre Blätter bei mir ab. Charlie lächelte mich zum Abschied an und Mark sagte wie immer am Freitag: „Danke für den Unterricht, Schwester! Und schönes Wochenende!“

Am Wochenende nahm ich mir für jeden und jede ein neues Blatt und schrieb ihnen in schöner Handschrift alles auf, was ihre Klassenkameraden über sie gesagt hatten.

Am Montag morgen teilte ich die Blätter dann aus und es dauerte nicht lange und die ganze Klasse lächelte über beide Backen. „Wirklich?“, flüsterte jemand. Oder „Ich wußte nicht, dass das für jemand anderen wichtig sein könnte“ oder „Ich hätte nie gedacht, dass mich andere so lieb haben!“

Es war ein zärtlicher und intimer Moment. Was man auch daran erkannte, dass niemand jemals wieder über diese eine besondere Schulstunde sprach. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, ob sie das nachher miteinander besprochen haben oder vielleicht mit ihren Eltern! Ob sie das überhaupt nachhaltig berührt hatte oder nicht. Der Alltag war wichtiger!

Aber eigentlich war es mir auch egal, denn die kleine Übung hatte ihren Zweck erreicht: Die Schüler waren wieder mit sich und den anderen einigermaßen zufrieden.

Das Jahr ging vorbei und dieser Jahrgang verließ dann bald die Schule. Es war schon einige Jahre später, dass ich während der Ferien meine Eltern besuchte und diese mich am Flugplatz abholten.

Auf der Rückfahrt fragte mich meine Mutter die üblichen Quizfragen: Wie die Reise denn so war und wie denn das Wetter so war und einfach überhaupt, was für Erfahrungen ich so in letzter Zeit gemacht hatte. Aber da war eine komische Spannung in den Fragen, so ein Unwohlsein.

Und richtig: Kaum war mir das aufgefallen, da kuckte meine Mutter so komisch zu meinem Vater und räusperte sich. Und das machte mein Vater dann auch ausgiebig. Wie immer, wenn er etwas Wichtiges oder Unangenehmes zu verkünden hatte.

„Die Familie Eklund hat gestern abend bei uns angerufen“, sagte er.
„Ach, was? Das ist ja nett! Von denen habe ich ja schon seit Jahren nichts gehört! Wie es wohl Mark geht?“

Mein Vater wurde auf einmal kleinlaut: „Er wurde in Vietnam erschossen. Morgen wird er beerdigt und seine Eltern wünschen sich, dass Du dabei bist!“

Ich war so perplex, ich könnte Ihnen auch heute noch genau die Stelle an der Interstate 494 zeigen, die ich aus dem Fenster sah, in jener Sekunde, als mein Vater mir davon erzählte. Davon, dass Mark jetzt tot ist.

Ich war vorher noch nie auf einem Militärbegräbnis. Ich hatte noch nie einen toten Soldaten in einem Sarg gesehen. So ansehnlich sah er aus, mein kleiner Mark und so erwachsen. Und alles, was ich denken konnte, als ich ihn da in seinem Sarg sah, war: „Ich würde Dir alles Klebeband der Welt geben, wenn Du nur noch ein einziges Wort zu mir sagen würdest!“

Die Kirche war rappelvoll. Die Schwester von Chuck – das war die Petze aus der dritten Klasse – die sang sehr ergreifend die sogenannte Schlachthymne der Republik. Und natürlich musste es auch noch regnen, als ob die Stimmung nicht so schon komplett erdrückend gewesen wäre.

Dabei war es so schon schwierig genug, da zu stehen, an dem Grab von Mark. Der Pfarrer sprach die üblichen Bibelworte und dann spielte ein Trompeter den Zapfenstreich, wie es so üblich war beim Militär.

Dann nahmen seine geliebten Menschen Abschied von ihm. Eine Person nach der anderen trat vor, gedachte seiner und sprenkelte Weihwasser auf den Sarg. Im strömenden Regen.

Als ich vor dem Loch in der Erde stand, in das gleich Marks Leichnam hinabgelassen werden sollte, sprach mich einer der Soldaten an, die den Sarg getragen hatten: „Sind Sie vielleicht Marks Mathe-Lehrerin?“

Ich nickte nur stumm. Komische Frage, oder? „Mark hat viel über sie geredet“, meinte er noch.

Nach der Beerdigung traf sich die Gesellschaft noch in Chucks Haus zum Leichenschmaus. Als ich dort ankam, schienen Marks Eltern schon auf mich zu warten. „Wir wollten Ihnen etwas Wichtiges zeigen“, sagte Marks Vater und holte seine Brieftasche aus der Hosentasche.

„Das wurde bei Mark gefunden, als er erschossen wurde. Und wir dachten, Sie würden es vielleicht wieder erkennen.“

Als er die Brieftasche öffnete, zog er ein Blatt Papier heraus, dass ziemlich mitgenommen aussah. Sichtlich wurde es schon sehr oft auf- und zugefaltet und gelesen, so oft war es schon repariert und geklebt worden.

Ich erkannte es natürlich sofort. Das war das Blatt, auf dem ich alles gelistet hatte, was Marks Klassenkameraden über ihn Positives geschrieben hatten.

„Vielen Dank, dass Sie das getan haben damals“, sagte Marks Mutter. „Wie Sie sehen, war es ihm der vielleicht wertvollste Schatz.“

Natürlich heulte ich Rotz und Wasser. Marks alte Klassenkameraden sammelten sich bald um uns herum. Und Charlie lächelte etwas schüchtern, als er sagte: „Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten Schublade meines Schreibtischs daheim!“

Chucks Ehefrau meinte: „Chuck wollte unbedingt, dass wir die Liste ins Hochzeitsalbum kleben. Das haben wir dann auch gemacht.“

Und Marylin meine: „Meine Liste steckt als Lesezeichen in meinem Tagebuch!“ Und dann war da noch Vicky. Die nahm ihre Handtasche und aus der ihre Brieftasche und da war ihre Version der Liste. Auch schon ziemlich abgenutzt.

„Ich trage die Liste immer bei mir. Ich bin mir sicher, wir alle haben uns die Liste damals aufgehoben!“

Das war dann einfach zuviel. Ich konnte nicht mehr und musste mich hinsetzen. Und ich heulte und heulte und heulte. Um Mark natürlich. Um den Sonnenschein, der nun nicht mehr scheint.

Aber auch um seine Freunde und um mich, die wir ihn nie mehr sehen würden, nie mehr mit ihm reden könnten.

Ich weinte, weil wir es alle immer so furchtbar wichtig haben mit diesem Alltag, dass wir vergessen, dass unser Leben jederzeit – mit einem Schlag – vorbei sein kann!

Mein Gott! Bitte, tut mir alle einen Gefallen: Nur heute! Auch, wenn es noch so banal und kitschig klingt: Sagt den Menschen die ihr liebt und für die ihr euch sorgt, dass ihr sie lieb habt und dass sie wichtig sind für euch! Denn morgen könnte es vielleicht zu spät sein!

HW: Das ist eine kitschige Geschichte, zugegeben. Vielleicht kennt ihr die schon aus dem Internet. Wenn ihr Pech habt in einer Version, die dazu auffordert, dass anderen Personen auch noch aufzudrängen.

Halt so eine typisch amerikanische Happy-Kettenmail-Story.
Glaubt eh‘ keine Sau, oder? Ich auf jeden Fall nicht.

Und dann ergab es sich vor kurzem, dass ich eine Sendung praktisch schon fertig hatte und sie dann aber so scheiße fand, dass ich sie weg geworfen habe. Das passiert uns schon manchmal.

In meiner Verzweiflung bin ich dann die Liste durchgegangen mit Sendungsideen. Irgend ‚was Positives brauchte ich. Und da hing diese Geschichte rum. Die wollte ich immer schon ‚mal übersetzen. Irgend ‚was an dem Tonfall dieses Textes wirkte… authentisch. Und sehr nett.

Und darum hab‘ ich hinterher recherchiert.
Und, was soll ich sagen? Die Geschichte ist wahr.

Die Frau, die das geschrieben hat, heißt Schwester Helen Mrosla und sie ist eine Fransziskaner-Nonne. Ihre Klasse unterrichtete sie in Morris, das liegt in Minnesota. Und die Story schrieb sie im Jahre 1998 für das Magazin „Proteus“, das sie um eine Geschichte zum Thema Erziehung gebeten hatte.

Von dort landete die Story dann bei Readers Digest und von da fand sie dann ihren Weg in die Mailboxen der Welt…

Mark Eklund hieß auch in Wirklichkeit so.
Er wurde am 3. Juni 1951 geboren und starb am 6. August 1971 in Vietnam.