Sommer ’88

play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Manchmal sind Geschichten gefährlich nahe an unseren eigenen Leben: So wie heute, als zwei Wilde in den Achtzigern ihre Ausbildung beginnen. Alles schien möglich mit einem Freund an der Seite. Bis es auf einmal nur noch zwei Alternativen gibt.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: “Make the Logo bigger!” von Mr. Chilliflakes
Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Ich zog mir den Schlapphut tiefer in die Stirn und schlang fest die Arme um den schwarzen Ledermantel. Trotz der Wärme des Spätsommers fror ich. Ich fror so sehr, dass meine Zähne aufeinanderschlugen und auch der bodenlange Mantel konnte keinen Schutz vor dieser Kälte bieten.

Ich wusste, dass diese Kälte nicht von außen kam, die mich frieren ließ. Doch nichts fiel mir ein, was ich dagegen hätte tun könnte. Ich wusste, ich war allein. Wieder einmal allein.

Allein an der Front des Alltags. Der Gegenwind schlug ungebremst in mein Gesicht.

Es war vorbei. Er war jetzt mein Freund. Und das war gut so.
“Wenn ich wüsste, dass das Kind sicher von mir wäre, würde ich vielleicht wollen, dass du es behältst.”

Niemand wollte dieses Kind, sein Vater nicht, seine Großeltern nicht, die Gesellschaft nicht und seine Mutter … die war zu schwach und zu verzweifelt, um es zu beschützen. Es hatte keine Chance. Niemals.

Über achthundert Bewerber waren es, die genau wie ich diesen Studienplatz haben wollten. Und genau wie ich, musste ein Teil derer für diese Aufnahmeprüfung erscheinen. Der andere, weitaus größere Teil hatte sich bereits unbeabsichtigt bei der Mappen-Abgabe verabschiedet.

Die Jury war gnadenlos radikal, indem sie ganz einfach zeichnerisches Talent von zeichnerischem Talent gepaart mit minutiösen Fleißarbeiten trennte. Punkt. Aus. Fertig.

Achthundertfünfzig hoffende, bangende Menschen. Gut, darunter vielleicht auch einige, die glaubten, unentdeckte Nachfolger eines Neville Brody oder David Carson zu sein. Mag sein.
Nervös saßen wir alle in der riesigen Aula der „Freien Akademie der Künste.“

Jetzt war noch etwa ein Zehntel der anfänglichen Wettkämpfer für die nächsten Hürden nominiert. Fünfundzwanzig der immer noch knapp einhundert hatten die Chance auf einen dieser begehrten Studienplätze.

Als ich einige Monate später zum ersten Mal in den Klassensaal trat, wusste ich, dieser Studiengang war die falsche Entscheidung! Nicht weil meine Eltern meine Wahl nicht tolerierten. Es war vielmehr die Konformität meiner Kommilitonen, die mich unmittelbar erstarren ließ: Innerlich nickende, kleine Ja-Sager. Gerade ihr Abitur geschafft, um jetzt auf ihre Füße zu starren, wie in einem Vorstellungsgespräch für eine hochbegehrte Ausbildungsstelle. Verunsichert an ihrem blass-blauen Kostümröckchen zupfend.

Ich spürte, wie mir die Luft wegblieb und unkontrollierbare Wut in mir aufstieg. Als ich mich in die hinterste Bank setzte, fehlte mir schier die Luft. Ich suchte den größtmöglichen Abstand, um nicht mit der Farblosigkeit dieser Nesthäkchen kontaminiert zu werden.

Das waren sie also: die Design-Revolutionäre der nahen Zukunft. Die Style-Anarchisten, die der Gesellschaft den Weg zum anerkannten, elitären Geschmack für ihren nächstes Luxusgut weisen sollten. Von dem diese, bis jetzt, nicht einmal eine Ahnung hatte.

Irgendwie fühlte ich mich gefangen in einer Realsatire … verzweifelt schaute ich mich um.

Was hätte ich für eine Hand voll narzisstischer Hochstapler gegeben! Doch weit und breit nur trostlose Einöde. Bis auf den rothaarigen Strubbelkopf, der mich immer wieder verstohlen von der Seite ansah. Wenigstens ein lebendes Subjekt bei dieser Totenmesse!

Er sah trotzig, frech und ziemlich verwildert aus. Wenn ich Glück hatte, war er das vielleicht auch. Wenigstens ein bisschen! Es dauerte keinen zwei Kaffee lang und es war klar, wir mochten uns. Mehr noch, wir waren gleich getaktet und gleich verrückt.

Kai war ein Philosoph und ein Verrückter. Und ein Künstler, ein Lebenskünstler!

Für ihn war das Leben bunt und leicht. Eine Art Spiel, bei dem es vor allem darum ging Spaß zu haben und um die Freiheit, jederzeit das zu tun, was man gerade für das Richtige hielt, auch wenn es das Falsche war.

Kai lebte einfach so wie es ihm passte, dachte und sagte was ihm passte und debatierte, wenn es sein musste, stundenlang mit einem Prof, wenn er dessen Ansichten nicht teilen wollte.

Kai erklärte mir: “Für mich zahlt nur die Wahrheit. Und dabei gibt’s nur eine Regel, keine Regel!”

Natürlich waren wir bald ein Paar. Wie verbrachten lange schweigende Tage beim Malen und noch längere Nächte beim heißen Diskutieren. Genauso extrem liebten wir uns auch, nur um uns zwei Stunden später wieder zu streiten. So verrückt wie Kai lebte, so waren auch wir verrückt nacheinander!

Kai wusste, dass ich Tiere liebte, aber mir keine leisten konnte. Zu meinem 22. Geburtstag schenkte er mir zwei Kaninchen, ein weißes und ein schwarzes. Und meinte, die beiden seien ein Pärchen, das man keinesfalls trennen dürfte. Und: Die zwei seien genauso unterschiedlich und genauso ähnlich wie wir.

Es gab einfach nichts, was Kai nicht schaffte. Wenn es irgendwo ein Problem gab oder etwas, das für mich eine unüberwindbare Hürde zu sein schien, kam Kai und regelte es.

Mein Motorrad stand seit Monaten im Schuppen, weil es nicht mehr anspringen wollte und ich sehnte mich danach, endlich wieder damit den Sommer zu genießen: Kai reparierte es!
Ich brauchte noch zwei Wochen, die mir als Praktikumsnachweis fürs Studium fehlten:
Kai besorgte mir sie!
Ich wollte seit Jahren unbedingt einmal den Atlantik sehen, also fuhren wir an den Atlantik! Wir setzen uns in seinen uralten Käfer und tuckerten los, einfach irgendwie Richtung Südenwesten – einfach der Sonne nach.

Alles war intensiv, aufregend und ungewöhnlich. Wir waren sehr verliebt. Noch nie fühlte ich mich so unglaublich lebendig wie in diesem Sommer. Und noch nie so glücklich.

Und: Noch nie fühlte ich mich gleichzeitig so verletzt.
Es tat sehr weh, als ich begriff, dass Kai alle attraktiven Frauen liebte! Und diese ihn.

Besonders, wenn er lässig und freundschaftlich den Arm um eine seiner Kommilitoninnen legte, um dann den restlichen Abend um sie herum zu stolzieren wie ein aufgeblasener Gockel.

Natürlich kam es später am Abend regelmäßig zu Streit, weil ich mich in solchen Situationen gedemütigt fühlte. Aber auch weil ich Angst um unsere Beziehung hatte. Ich fühlte mich auf eine Art betrogen, obwohl es wahrscheinlich keinen triftigen Grund dafür zu geben schien und machte ihm schwere Vorwürfe.

Darüber wurde Kai sehr wütend und der Machtkampf gipfelte eines Nachts darin, dass ich kurzerhand seinen geliebten Plattenspieler aus dem Fenster warf. Aus dem offenen Fenster allerdings, denn es war Hochsommer und noch tief in der Nacht drückend heiß.

Glücklicherweise landete das unbemannte Flugobjekt direkt im Heuvorrat unseres Kaninchengeheges. Weshalb zwar die Kaninchen kurzzeitig unter Schock standen, der Plattenspieler allerdings ohne Verletzungen davonkam.

Doch nur zwei Stunden später liebten wir uns wieder. Diesmal im Garten unter den uralten Kastanienbäumen und der Streit war Vergangenheit.

Das zweite Semester hatte gerade begonnen, als mein Frauenarzt sagte ich sei etwa in der achten Schwangerschaftswoche.

„Kinder? Aber ich bin doch selber noch ein Kind?“

„Und du bist sicher, dass das Kind von mir ist?“

Das war das letzte was er sagte, bevor ich einen Heulkrampf bekam.

„Ich meine… in diese Welt überhaupt ein Kind zu setzen, ist doch komplett unverantwortlich! Willst Du das wirklich, willst du jetzt und hier alles aufgeben, dein ganzes Leben wegschmeißen, für vollgekackte Windeln? Du bist eine der Besten im Semester und wenn du jetzt schwanger wirst, musst du abbrechen oder zumindest mal einige Zeit aufhören!

Ich glaub’ das nicht. Das kann einfach nicht dein Ernst sein! Unsere ganze Zukunft, unsere Freiheit… Das alles aufgeben? Lass uns doch unser Leben genießen… So wie wir leben, da ist doch überhaupt kein Platz für ein Kind! Das kann doch niemals funktionieren!“

Drei Tage später hatte ich mich einigermaßen beruhigt und fühlte mich wieder in Lage, noch einmal mit Kai zu sprechen.

„Ja, was soll ich sagen, also ich hab sehr lange nachgedacht. Und bin umso mehr der Meinung, das es unverantwortlich ist, in dieser Zeit Kinder zu bekommen… ich meine, ich brauche dir ja wohl nicht die ganzen Listen von Gründen aufzuzählen… diese Welt, … ich meine, diese Welt ist einfach überhaupt nicht mehr dazu …“

„Aber es geht überhaupt nicht darum wie diese Welt ist.“
„Was?“

„Es geht nicht darum wie die Welt ist, sondern wie du bist!“
„Wie ich bin? Was, was meinst du damit…? Was soll das denn bedeuten…?“

„Du glaubst doch nur an dich selbst. Du lebst nur für sich selbst und vertraust niemandem. Verdammt noch mal Kai, zieh doch mal deine Brille aus. Hast du überhaupt den Mut dazu?“

„Mut? Wozu?“

„Ja, Mut die Welt ohne deine bunte Brille anzuschauen? Ohne deine arrogante Selbstgerechtigkeit. Immer musst du im Mittelpunkt und im Zentrum von Allem stehen. Aber ein Kind, ja ein Kind, würde das alles unmöglich machen, schon klar. Ändere doch einfach mal deine Sichtweise! Interessierst du dich nur für dich und dein privates, kleines, spaßgeiles Leben? Das darf einfach nicht wahr sein. Ich will das nicht glauben! Und jetzt, jetzt fängst du aus Selbstmitleid auch noch an zu flennen, weil dir jemand damit droht dein Spielzeug wegzunehmen!“

Für einige Momente war Stille, niemand sagte etwas.

“Naja, wenn ich wüsste, dass das Kind sicher von mir wäre, würde ich vielleicht wollen, dass du es behältst.”

„Kai, halts Maul! Sei einfach still, bitte! Und du willst auf der Suche nach der Wahrheit sein? Einen Scheiß willst du, du willst vielleicht Alles aber ganz sicher willst DU keine Wahrheit in deinem Leben. Wozu auch, du sprichst dich ja ständig selber frei!“

Alleine rannte ich aus dem Cafè und lief los. Irgendwohin. Die Tränen hörten erst auf, als ich nicht mehr wusste in welchem Stadtteil ich war. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was danach passierte oder wie ich nach Hause gekommen bin.

Die Tage bekamen wieder ihr gewohntes Grau und es dauerte etwa eine Woche, bis ich wieder aufstehen konnte, um an den Vorlesungen teilzunehmen.

Niemand wollte dieses Kind, sein Vater nicht, seine Großeltern nicht, die Gesellschaft nicht und sogar ich, seine Mutter, war zu schwach, um es zu beschützen. Es hatte keine Chance.

Wie ich.

Naja. Wenigstens waren wir damit schon zu zweit!


Ähnliche Geschichten:

  • Im Dunkeln pfeifen
  • Wenn es ganz dunkel ist im Wald und sich ein Werwolf anschleicht, dann hilft nur eines: Weitergehen und ein Liedchen pfeifen! Hilft echt!


  • Siri 2020
  • Hörspiel darüber, wie Siri den Alltag bald verändert haben wird. Vorgestellt am Beispiel von Lukas und seiner digitalen Assistentin.


  • Katerfrühstück
  • Thorsten wacht mit einem ausgewachsenen Kater auf, aber statt Kaffee zu kochen, will seine Mutter mit ihm reden! Mütter können so anstrengend sein!