So war Sex


Eigentlich ist die geschlechtliche Vermehrung ein so ungeheuer komplizierter Prozess, man kann sich beim besten Willen kaum vorstellen, warum Mutter Natur jemals auf Zytogonie oder Sprossung verzichtet hat.

Vielleicht deswegen scheinen wir uns auch in den westlichen Gesellschaften so langsam von diesen komplexen Fortpflanzungs-Ritualen zu entfernen.

Denkbar ist es sogar, dass einst in der Zukunft das Wissen um den Geschlechtsverkehr so abhanden gekommen ist, dass es der Bevölkerung erst wieder beigebracht werden muss.

So wie den beiden heutigen Protagonisten in unserer Hörspiel-Satire!


Download der Sendung hier.
Musik: „This is How You Load a Dishwasher – A Song“ von vlogbrothers


Skript zur Sendung

SFX: robot door

HW: Hallo!
FA: Hallo!

(Pause)

HW: Wie? Ach so! Händeschütteln! Muß ich mich noch dran gewöhnen.
FA: Kein Problem.
HW: Deine Hand ist warm.
FA: Ja, dieses Mal. Ich habe auch schon mal eine kalte Hand geschüttelt.
HW: Ach, echt?
FA: Ja. War einer aus Südwest.
HW: Ach so. Die machen das auch?
FA: Südwest, Südost. Überhaupt im Süden. Die machen das.
HW: O.k. Das ist interessant.

(Peinliche Stille)

HW: Die haben mir das Device abgenommen!
FA: Ja, mir auch! Was hattest Du denn?
HW: A-L-17. Schon mein ganzes Leben! Und Du?
FA: K-H-21. Auch mein ganzes Leben. Ich sollte nächstes Jahr eine 23 bekommen.
HW: Eine 23? Mit Doppel-Implantat?
FA: Genau.
HW: Cool.
FA: Ja, cool.

(Peinliche Stille)

HW: Warum haben die uns das Device abgenommen?
FA: Ich denke, wir sollen das hier nicht aufnehmen.
HW: Was? Warum denn nicht?
FA: Wird wohl geheim sein.

HW: Geheim? Meinst Du, das ist das Dunkle?
FA: Könnte schon sein. Weiß nicht.
HW: Wie läuft das ab? Hast Du eine Ahnung?
FA: Nicht mehr als Du. Aber das da an der Wand ist ein Monitor. Wahrscheinlich zeigen die uns ein Video.
HW: Video? Ist das Sehen-Hören oder nur Hören?
FA: Video ist Sehen-Hören. Also, bin ich mir eigentlich ziemlich sicher.

(Pause)

HW: Wann das hier wohl anfängt.

SFX: Computerpiepen

LZ: Willkommen beim Zentrum für Leben. Vielen Dank, Individuen, dass ihr euch bereit erklärt habt, an diesem Experiment teilzunehmen. Der Sozialkredit für euer Profil beträgt auch bei negativem Verlauf 150. Dieses Video ist Sehen-Hören. Sollte entweder kein Bild- oder kein Tonempfang möglich sein, kontaktieren Sie bitte den nächsten Mitarbeiter.
Würde jetzt bitte das Männchen seinen Namen sagen, um die Spracherkennung abzugleichen?

FA: Na, mach schon! Du bist das Männchen!

LZ: Spracherkennung abgeglichen. Würde jetzt bitte das Weibchen ihren Namen sagen, um die Spracherkennung abzugleichen?

HW: Sorry, das ist ein Fehler! Ich bin das Männchen!
LW: Spracherkennung abgeglichen. Liebe „IchbindasMännchen“ und lieber „DubistdasMännchen“, sollen wir jetzt mit dem Programm „Geschlechtsverkehr“ beginnen?

HW: Halt! Pause!

LZ: Programm angehalten.

HW: Sorry, ich komme immer so leicht durcheinander: Ist das Dein Körper eins?
FA: Na klar, Männchen und Weibchen ist der Körper eins. Das ist doch auch Dein Körper eins, oder?
HW: Ja. Mist.

FA: Sollen wir jemanden holen?
HW: Ich weiß nicht. Meinst Du es ist wichtig, wer Männchen ist und wer Weibchen?
FA: Kann ich mir nicht vorstellen, das ist doch völlig egal.
HW: Glaube ich auch. Aber weil der Computer schon so fragt.
FA: Na, wahrscheinlich hat das beim Geschlechtsverkehr halt eine Bedeutung.

HW: Mann, hätten mir die nur das Device nicht abgenommen, da hätten wir einfach fragen können.
FA: Wie stellst Du Dir das vor: „Device, bin ich ein Männchen?“
HW: Nein, ich meine, wie das hier weitergeht!
FA: Wird schon irgendwie weitergehen. 150 Creds haben wir ja schon einmal sicher.
HW: Hast wahrscheinlich recht.
FA: Computer: Fortfahren!

LZ: Programm fährt fort. Die Initialzündung für coitus-freie Reproduktion waren sozio-ökonomische…

HW: Halt.
LZ: Programm angehalten.
HW: In einfacher Sprache, bitte!

LZ: Programm fährt fort. Bevor die menschliche Arterhaltung durch mechanische Leihmutterschaft und Gen-Kauf die Regel war, wurden Babies auf biologischem Weg durch Geschlechtsverkehr hergestellt. Dazu benötigte man ein Weibchen und ein Männchen.
Das Ergebnis der großen Wang-Studie von 2080 kam zu dem Schluss, dass…

HW: Stop!
LZ: Programm angehalten.
HW: Definiere Wang-Studie!

LZ: Ich bin nicht an Datenbanken angeschlossen, dieses Programm trägt Geheimhaltungs-Stufe IV.
HW: Was soll das heißen?

FA: Das heißt, dass dieser Computer alleine ist. Und nicht vernetzt.
HW: Wie soll das denn gehen?
FA: Früher waren alle Computer nicht vernetzt.
HW: Aber das macht doch überhaupt keinen Sinn!

FA: Die Wang-Studie ist eine große Untersuchung des Forschungsminister Lang-Feng Wang. Über 50 Jahre hat er die neuen Individuen untersucht und festgestellt, dass unsere Methode gefährlich ist, weil die genetische Vielfalt wichtig ist.

HW: Und was hat das mit uns zu tun?
FA: Weiß ich auch noch nicht, lass uns einfach weiterkucken.
HW: O.k.
FA: Fortfahren.

LZ: Programm fährt fort. Das Ergebnis der großen Wang-Studie von 2080 kam zu dem Schluss, dass Spontan-Mutationen respektive Erbfehler für ein kollektives Erbgut unumgänglich sind.

Das Programm „Geschlechtsverkehr“ untersucht, ob der biologische Weg der Fortpflanzung mit Hilfe von Archivmaterial gelehrt werden kann.

Hierzu spielen wir ein antikes Video vor, dass in der Vergangenheit als Stimulanz zum Geschlechtsverkehr benutzt wurde und die biologischen Prozesse dabei darstellt.

„IchbindasMännchen“ und „DubistdasMännchen“, seid ihr bereit?

HW & FA: Ja.

SFX: Pornomusik

FA: Computer, anhalten!

LZ: Programm angehalten.

FA: Erkläre die Lokalität.

LZ: Wir sehen einen Raum in einem Haus nahe einer Großstadt. Der Film setzt die damals typische Rollenverteilung zwischen Männchen und Weibchen voraus. Damals war eine lebenslange monogame Bindung gesellschaftlich üblich. Statistisch war der Arbeitsplatz vieler Weibchen im Haus eingerichtet. Man nannte diese, in der Regel unbezahlte Tätigkeit „Hausfrau“.

Der abgebildete Raum heißt „Küche“ und war zur Nahrungszubereitung vorgesehen. Es war üblich, dass jede Individuen-Gemeinschaft, genannt „Familie“ Nahrung nur für sich zubereitete.

Dabei verwendete Nahrungsaufnahme-Geräte wurden in einer Maschine namens „Spülmaschine“ gereinigt.

Die Hausfrau in diesem antiken Video hat einen Schaden an dieser Maschine diagnostiziert und eine Fachkraft zur Reparatur dieses Maschinentypes per Audio-Botschaft angefordert.

Der anwesende Mann ist diese Fachkraft und nicht der Lebenspartner der monogamen Beziehung. Diese Konstellation wurde allerdings als unmoralisch bewertet. Psychologen vermuten heute, dass dies eine spezielle erotische Wirkung hervorgerufen hat.

Das Weibchen beabsichtigt mit der ihr fremden Reparatur-Fachkraft Geschlechtsvekehr auszuüben.

FA: O.k. Ich verstehe.
HW: Wow, wie alt sind denn diese Aufnahmen? Ich meine, jeder kocht sein eigenes Essen? Wie unwirtschaftlich ist das denn bitte?
FA: Ich glaube, das hat mit dem Geschlechtsverkehr nichts zu tun.
HW: Wer weiß? Computer, fortfahren!

LZ: Programm fährt fort.

SFX: Pornomusik

HW: Computer, stop!

LZ: Programm angehalten.

HW: Computer trenne Musik und Stimmen und schalte die Musik aus.

LZ: Das ist aufgrund des Alters der Quelle nicht möglich.

HW: Dann schalte das Audio ganz aus!
FA: Aber, was ist, wenn die Musik wichtig ist?

HW: Das ist mir egal! Wenn ich diesen Lärm hören muss zum Geschlechts-verkehren, dann mache ich bei dem Programm nicht mit!
FA: Und verzichtest auf die Creds?
HW: Wenn ich das hören muss, dann verzichte ich lieber auf die Creds!

FA: Meinetwegen. Computer: Ohne Audio fortfahren!

LZ: Programm fährt fort. Das Weibchen entledigt sich ihrer Bekleidung, um der Fachkraft ihre Paarungsbereitschaft zu signalisieren.

HW: Warum reibt sie sich an ihm?
FA: Na, wegen der Paarungsbereitschaft halt.
HW: Das ist dazu nötig?
FA: Das ist, damit sein Ding auch paarungsbereit ist.
HW: Aber, wenn er sein Ding hart haben will, kann er doch ein Orgasmotron verwenden.
FA: Die gab es damals noch gar nicht.
HW: Wow, ich staune immer mehr, wie primitiv unsere Ahnen gelebt haben!

FA: Ach, schau‘ mal, das ist ja interessant!
HW: Was denn?
FA: Ich dachte nicht, dass das Ding in den Mund gehört!

LZ: Nach Beendigung der Stimulation der primären Geschlechtsmerkmale beginnt die Aufnahme des Geschlechtsverkehrs.

FA: Ach so! Das macht jetzt schon mehr Sinn!
HW: Was denn?
FA: Na, ist doch das andere Loch wichtig beim Geschlechtsverkehr.

HW: Ach, darum dreht sie sich weg. Das Loch habe ich aber auch. Wahrscheinlich bin doch ich das Weibchen.
FA: Nein, Weibchen haben da unten zwei Löcher, schau halt genau hin.

HW: Warum ist eigentlich sein Ding so groß?
FA: Ist Dein Ding nicht so groß?
HW: Nein, höchstens halb so groß. Meinst Du, das reicht?
FA: Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Vielleicht war das früher halt so. Das die Dinger größer waren. Wurden vielleicht mehr benutzt ohne Kristall.

HW: Wie? Kristall hatten die auch nicht?
FA: Nein, das war damals noch richtig gefährlich. Da wurde man völlig süchtig danach.

HW: Sag‘ mal, ich dachte immer Geschlechtsverkehr hat ‚was mit Küssen zu tun.
FA: Dachte ich auch!
HW: Aber so können die sich ja gar nicht küssen, der Reperateur sieht ja nur ihren Rücken.

FA: Ja, so kann das Weibchen ihm ja gar keine Emojis senden!
HW: Die haben nicht einmal Devices, siehst Du das nicht? Die Gefühle spielen denen keine Rolle.
FA: Das ist aber eine herzlose Zeit! Woher weiß das Männchen dann, was das Weibchen empfindet?

HW: Da müssen wir unbedingt nachher danach fragen.
FA: Und Küssen sollte schon sein.
HW: Das wollte ich auch unbedingt ausprobieren!

FA: Ich glaube, Geschlechtsverkehr tut ganz schön weh.
HW: Meinst Du? Wieso?
FA: Schau‘ doch mal in die Gesichter!
HW: Die sieht man ja praktisch nie. Immer nur das Ding und das Loch.
FA: Aber, wenn man sie sieht – Jetzt! Da! Kuck‘ doch mal!
HW: Stimmt! Aber ist vielleicht einfach die Anstrengung.

FA: Aber das Weibchen selber bewegt sich ja fast nicht. Und die kuckt ganz besonders so, als ob das wehtun würde.
HW: Auch wieder wahr. Ich finde das auch, ehrlich gesagt, ein bisschen langweilig.
FA: Ja, komisch. Mit dem Orgasmotron brauche ich keine zwanzig Sekunden, aber das dauert ja schon mindestens fünf Minuten…

LZ: Filmende. Der Mann erreicht den Orgasmus und damit ist der Geschlechtsverkehr beendet.

FA: Was?
HW: Wie bitte?
FA: Das war Geschlechtsverkehr? Das ist ein Witz, oder?
HW: Und das Weibchen?

LZ: Zur Reproduktion ist der Orgasmus des Weibchens irrelevant und durch Penetration praktisch auch nicht zu erreichen.

FA: Wie bitte?
HW: Ich hätte aber schon gerne einen Orgasmus!
FA: Vielleicht bist doch Du das Männchen!

HW: Ach ja, stimmt. Wegen dem Ding wahrscheinlich. Du hast ganz sicher keines, oder?
FA: Nein, habe ich nicht.

HW: Das ist trotzdem echt blöd.
FA: Das finde ich allerdings auch!
HW: Ich glaube, ich verstehe das alles nicht! Die machen das, obwohl es langweilig ist, ewig dauert und scheinbar weh tut nur wegen den Eiern?

FA: Wie meinst Du das?
HW: Na, damit das Männchen die Eier überträgt!
FA: Das Weibchen hat die Eier, das Männchen den Samen.
HW: Ach so. Aber, trotzdem: Es geht nur um den Samen?

FA: Scheinbar! Und anscheinend muss das Weibchen ihre Eier auch nicht hergeben, die bleiben anscheinend im Körper!
HW: Das ist ja unheimlich! Wo wächst dann das neue Individuum?
FA: Das muss dann wahrscheinlich innendrin im Weibchen wachsen!

HW: Igitt! Das kann doch nicht sein! Da muss das Weibchen ja irgendwann platzen!
FA: Das kann ja auch nicht sein! Rechne doch einmal nach! Das wäre ja keine Vermehrung! Dann würde die Zahl an Individuen ja genau gleich bleiben.
HW: Barbarisch ist das alles! Wahrscheinlich muss man das neue Individuum aus dem Weibchen operativ entfernen.

FA: So muss das sein! Das funktioniert ja sonst nicht!
HW: Ich war das Weibchen? Oder du?
FA: Ich bin das Weibchen und ich will sicher nicht operiert werden!
HW: Für zehn Minuten Schmerzen und ohne Orgasmus.
FA: Computer: Ich möchte das Programm verlassen.

LZ: Bist Du Dir da sicher „DubistdasMännchen“?
FA: Ich bin das Weibchen!
LZ: Die Stimmerkennung führt Dich als das Männchen, „DubistdasMännchen“.
FA: Das ist aber ein Fehler.
LZ: Bist Du dann das Männchen, „IchbindasMännchen“?
HW: Ich glaube schon. Aber ich will das Programm auch verlassen.

LZ: Bei Fertigstellung des Geschlechtsverkehrs erhält jedes Individuum zusätzliche 1000 soziale Kredite für das Profil.

HW: Wow!
FA: Tausend Creds! Das ist ja unglaublich! Das schaffen einige ihr Leben lang nicht!
HW: Dafür könnte man sich das echt überlegen, oder…
FA: Hm. Ich weiß nicht…
HW: Soo schlimm war das auch nicht, oder?

LZ: Programm bereitet Einleitung des Geschlechtsverkehrs vor.

SFX pornomusik

HW & FA: Computer, Musik aus!

FA: Ich glaube, ich will trotzdem nicht.
HW: Tja. Schade. Aber kann ich schon verstehen. Wenn Du dann platzt, dann helfen Dir 1000 Kreds auch nicht mehr.
FA: Eben! Lassen wir das, oder?
HW: Lassen wir das! Das ist die Schmerzen dann auch wieder nicht wert.

FA: Computer, wir wollen das Programm verlassen.

LZ: Programm wird verlassen. Ihr erhaltet 400 soziale Kredite.
FA: 400? Das ist ja auch schon ganz gut!

HW: Wofür denn, Computer?
LZ: Bis jetzt haben wir noch keine Individuen gefunden, die das gesamte Video angeschaut haben. Vielen Dank, „DubistdasMännchen“ und „IchbindasMännchen“!

FA: Computer, eine Frage noch?
SFX: computer frage

FA: Wie haben sich eigentlich die Menschen vermehrt, als es noch gar keine Spülmaschinen gab?

SFX: computer