Slapstick


Wenn Frau Anders und Herr Wunderlich ein sehr dringendes Bedürfnis haben, einmal wieder zu lachen, dann gibt es ein Rezept, das bei beiden anschlägt: Die Kurzfilme von Laurel und Hardy.

Diese beiden haben in unserem kollektiven Gedächtnis überlebt, während die anderen Fürsten des Slapstick langsam verblassen. Kennt jemand noch Harry Langdon hier?

Uns ist der Spaß an diesem etwas gewalttätigen Humor abhanden gekommen. Während wir also den Wurzeln des Slapsticks folgen, fragen wir uns: Was war eigentlich schlecht an dieser kindischen Schadenfreude?


Musik: Chaplins Version von „Je cherche après Titine“ aus „Modern Times“
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Wir haben ja schon einmal eine Sendung gemacht über Stan Laurel und Oliver Hardy. Ist schon lange her, schlummert im Archiv. Wir verlinken die noch einmal in dieser Sendung. Da ging es aber eher um das Privatleben der beiden. Und die Frauen in ihrem Leben. Beides eher ernste Themen.

Aber die beiden sind ja nicht berühmt, weil sie ein tolles Privatleben haben. Sie sind berühmt, weil sie Fürsten des Slapsticks sind. Ganz besonders wichtige Clowns. Über die wir beide uns ja auch prächtig schlapplachen können.

Das Genre der beiden ist der sogenannte Slapstick-Film. Also eine Art von Komödie, wo Sachen kaputt gehen. Wo man auf Bananenschalen ausrutscht. Wo man Sahnetorten ins Gesicht bekommt. Wo am Ende Wohnungen und Autos oder gar ganze Kaufhäuser kaputt gehen.

Comedy, die unsere kleinen, alltäglichen sozialen Verträge bricht. Wo der Anstand überschritten wird. Wo Höflichkeit keinen Wert hat und auch nicht der angemessenen körperliche Abstand, für den wir ja sonst einen eingebauten Radar haben.

Eigentlich ist Slapstick gewalttätiger Humor. Brutaler Humor. Körperlicher Humor. Einer der Gründe, warum wir so lachen, ist: Schadenfreude. Und Schadenfreude haben wir mittlerweile geächtet.

Aber fangen wir von vorne an. Beim Slapstick selber. Das kann man mit Klatschstock übersetzen. Das ist ein schmales Brett, auf das ein kleineres am Griffende mit einem Scharnier geschraubt ist. Wenn man das einem Schauspielerkollegen scheinbar auf die Birne haut, kommt das laute Geräusch von dem Stock und nicht vom Schädelknochen. Der Stick macht Slap. Ein Slap Stick.

Wenn es also um die Geschichte dieser Art von Humor geht, muss man nur dem Slap Stick verfolgen. Und damit landet man bei der Commedia dell’arte. Auf die stößt man immer wieder, denn ihr verdankt unsere Kultur so einiges.

Das waren die ersten Schauspieler, die überhaupt professionell auftraten. Deren Theaterstücke waren alle in ihrer Dramaturgie festgelegt. Es gab feste Figuren wie den Harlekin, den Pierrot, die Colombina, den Dottore und viele mehr. Alle an ihrem Kostüm und ihren Masken deutlich erkennbar.

Der Reiz des Zusehens bestand darin, dass die Schauspieler die immer gleiche Handlung variierten. Spontan für ihr Publikum improvisierten. Und obwohl es meistens um Standesunterschiede ging und oft natürlich um die Liebe, war ein wichtiger Teil, das Prügel ausgeteilt wurden.

Meistens vom Arlecchino verteilt und meistens vom Pagliacci empfangen. Aber gerne auch einmal dem reichen Kaufmann, dem Pantalone verabreicht.

Aus Italien wanderte diese Theaterform dann nach Frankreich. Moliere machte damit die Komödie der Tragödie endlich ebenbürtig. Der berühmte eingebildete Kranke ist Commedia dell’arte. Eine Komödie, die mit dem Tod spielt. Wo wir über den Tod lachen können. Es ist eine grausame Ironie der Geschichte, dass Moliere selber in der Rolle des eingebildeten Kranken verstarb.

Von Frankreich war es dann nur ein Katzensprung nach England, wo die Commedia eine Jahrmarktsattraktion wurde. Allerdings verzichtete man auf viele Schauspieler und verwendete Handpuppen. Kasperlpuppen heißen die in Bayern.

Und das waren sie auch. Der englische Harlekin heißt Punch. Die englische Colombina heißt Judy. Und Punch dürfen wir uns gerne als den Kasperl vorstellen. Und dieser Kasperl gebraucht einen Slap Stick. In der britischen Version des Kasperltheaters auch gerne lange und heftig, bis alle anderen Puppen scheinbar tot über dem Bühnenrand hängen.

Fürst Pückler besuchte England 1826 und schreibt über den britischen Kasperl: „Er ist der gottloseste Komiker, der mir noch vorgekommen, und so komplett ohne Gewissen, wie das Holz, aus dem er gemacht ist, und ein wenig auch die Klasse der Nation, welche er repräsentiert.“

Graf Pocci hat dann unseren heutigen Kasperl geschaffen. Den Kasperl Larifari. Der haut zwar auch gerne mit dem Klatschstock zu, aber meistens trifft es das böse Krokodil. Öfter ‚mal auch den Zauberer oder aber den Dorfgendarmen. Im Herzen aber ist der Larifari ein guter Kerl. Gerissen, faul, aber auch geschickt und immer auf der Seite der Schwächeren.

Kleiner Ausflug nach Deutschland. Aber der war unnötig. Bleiben wir in England. Da erfreuen sich Vorstellungen mit Punch and Judy auch im 18ten und dem 19ten und auch am Anfang des 20ten Jahrhunderts immer noch großer Beliebtheit.

Allerdings gab es mittlerweile durchaus Konkurrenz. Die sogenannten Vaudeville-Bühnen. Was dieses Wort übrigens genau bedeutet, weiß keine Menschenseele. In seiner britischen Ausprägung waren das kleine, einfache Theaterbühnen, auf denen ununterbrochen performt wurde. Non-Stop-Theater.

Es wurden Opernarien geträllert, aber auch Volklieder und Zoten oder Trinklieder. Zauberer traten auf und Artisten, Jongleure und Pantomimen. Zwischendurch wurden Theaterstückchen gespielt. Und weil man dabei gerne ein Bierchen trank und Snacks verspeiste, passten zu der lockeren Atmosphäre am besten kleine Sketche.

Es ist dann wohl dem Komiker Fred Karno zu verdanken, der selber Impresario mehrerer Bühnen war, in diese Sketche Elemente aus Punch-and-Judy-Stücken eingebaut zu haben. Eben zum Beispiel wieder das Artefakt, das wir verfolgen: Den Slap Stick.

Doch schnell merkte er, dass dieses wortlose Spielen von Stücken voller Schadenfreude noch viel mehr möglich machte. Wortlos waren die subversiven Stücke, weil sie so nicht zensiert werden konnten. Das eine besorgte Mum ihren Sohn trickreich aus dem Knast schmuggelt wäre als Drehbuch verboten worden. Aber wortlos wurde aus „Jail Mom“ eine der ersten Slapstick-Comedies.

Karno und seine Truppe – genannt Karno’s Army – entwickelten die Tortenschlacht, das theatralische Auf-die-Schnauze-fallen, aber auch das gründliche Ruinieren von Theatermöbeln. Manche Quellen behaupten auch, dass sie das Zuckerglas entwickelt haben. Also das Glas, das niemanden verletzt, wenn man es über die Rübe bekommt.

Zu dieser Armee von Fred Karno gehörten zum Beispiel Stan Laurel und Charlie Chaplin. Die dann – auf dem gleichen Schiff – nach Amerika auswanderten, weil sie von der Filmindustrie in Hollywood gehört hatten. Wo man richtig Geld verdienen konnte, nicht nur ein paar Pennies jeden Tag plus Verpflegung.

Und von hier aus erzählt sich die Geschichte eigentlich selber. Charlie Chaplin wurde zum Superstar der Stummfilm-Ära. Stan Laurel zum Kopf hinter Laurel & Hardy, die sogar den Sprung in den Tonfilm schafften und das ganze Genre Slap Stick noch für ein paar Jahrhehnte am Leben hielten.

Dick und Doof hieß das Komikerpaar in unserer Kindheit. Und schon damals haben deren Filme noch gut funktioniert. Und für uns beide klappt das ja auch immer noch ausgezeichnet, obwohl sie zum Teil schon neunzig Jahre auf dem Buckel hatten.

Laurel & Hardy sieht man es nicht mehr so an. Aber die Kunstfigur von Charlie Chaplin, der sogenannte Tramp, das ist Punch. Der Kasperl. Der Clown an sich. Darum ist er vielleicht auch schlechter gealtert.

Andere wichtige Größen des Slap Stick müssen hier noch genannt werden, bevor der Tonfilm ihnen den Garaus macht. Da wären der großartige Harald Lloyd. Wie er in „Safety Last“ an den Zeigern einer Uhr an einem Wolkenkratzer hängt, ist eines der berühmten Bilder des Kinos.

Zu erwähnen sind auch die Keystone Cops. Eine Polizeitruppe, die noch inkompetenter ist als alle Figuren in „Police Academy“. In deren Filmen immer die sympathischen Bösewichte gewinnen. Ich bin mir nicht sicher, ob man das heute noch so aufführen könnte.

Oder der geniale Buster Keaton. Größter Stuntman aller Zeiten, Drehbuchschreiber, Regisseur und Hauptdarsteller seiner Filme. Am unvergessensten in „Der General“. In dem auch die Szene vorkommt, wo die umstürzenden Hauswand ihn zu erschlagen droht. Ungerührt und ohne zu zucken, bleibt er stehen und passt dann, Gott sei Dank, genau durch das kleine Fenster.

Mit dem Tonfilm kam die Screwball Comedy, in der die Dialoge witzig waren. Alleine Cary Grant, der seine Ausbildung auch im Vaudeville gemacht hat, kann in seinem gespielten Ungeschick Slap Stick-Elemente bewahren.

Aber dann wird es erst einmal ruhig um den Humor, der auf Schadenfreude basiert. Zu kindisch ist das. Zu lächerlich. Zu billig. Riecht nach Zuckerwatte. Aber Hollywood erfindet gerade das aufwendige Kinospektakel mit den Special Effects. Was will man lieber sehen? Wie Ben Hur durch die Arena jagt oder wie Charlie Chaplin böse wird, obwohl er es selber ist, der sich aus Versehen mit dem Spazierstock hinten auf den Kopf haut?

Es braucht dann schon das nächste Genie, nämlich Jerry Lewis, um den Slap Stick wieder Leben einzuhauchen. Er kennt seine Vorbilder und versteht den Humor. Er hatte richtig analysiert, dass wir mit den Helden des Slap Stick über uns als Kind lachen. Slap Stick ist Kinderhumor. Chaplin, Laurel, Hardy, Keaton, Lloyd – alles Verkörperungen von Kinderseelen in erwachsenen Körpern.

Jerry Lewis Kunstfiguren sind genau das. Kinder in Erwachsenenkörpern. Das macht er so deutlich, dass es richtig wehtut. Aber das muss er machen, damit die anarchische Kraft nicht auffällt. Damit wir, wenn wir aus Schadenfreude lachen, wenn er ein Büro demoliert, wissen, dass er ja nur ein unschuldiges Kind ist.

Das ist aber nicht mehr der Clown, nicht mehr der Harlekin. Jerry Lewis schlägt auch niemanden mit dem Klatschstock, dem Slap Stick. Lewis ist der Paggliaci. Es ist Dean Martin, der den Weißclown gibt, den Arlecchino.

Auch heute noch gibt es Slap Stick. Da würde mir einfallen: Der Partyschreck, Pink Panther, Kevin allein zu Hause, Die nackte Kanone, Mr. Bean, Dumm und Dümmer, die meisten Chevy Chase-Filme oder die Farrelly-Comedies oder die Zucker-Brüder-Filme allgemein.

Und natürlich ist Slap Stick ein Teil der meisten Animationsfilme. In den Minions hat sich zum Teil sogar ein klein bisschen das Anarchische bewahrt.

Aber alles in allem bekommen wir heutzutage nur eine sanfte Version des Slapstick serviert. Die heutigen Komiker schaffen es, dass wir über sie selber lachen. Die brillieren nicht mit Erfindungsreichtum wie Charlie Chaplin. Die seifen auch nicht andere ein wie Oliver Hardy.

Die Filme haben auch keine soziale Botschaft. Wie die Commedia dell’arte, die ihren Humor daher hatte, dass der Pantalone und der Dottore, die gehobenen Stände also, eigentlich die Dummen waren, weil die einfachen Leute am Ende halt doch die Fixeren und Gewiefteren sind.

Auch der Tramp von Charlie Chaplin steht über dem Gesetz. Er dient eigentlich nur sich selber und versucht sich durchzutricksen. Jeder Polizist, der irgendwo auftaucht, ist eine Gefahr für ihn. Aber er übertölpelt die dummen Bullen jedes Mal. Und wir freuen uns für ihn, wenn er mit seinem Diebstahl, seinem Mundraub, seiner Sachbeschädigung und seinen zahlreichen Körperverletzungen durchkommt.

Auch deshalb vielleicht sind Chaplin-Filme heute weitgehend vergessen. Magische Momente, wenn er in „Gold Rush“ im Traum ein Tänzchen aufführt. Mit zwei Brötchen und zwei Gabeln. Oder traumwandlerisch in „Modern Times“ blind im Kaufhaus Rollschuh fährt.

Denn Chaplin ist eigentlich auch nur ein Zirkus-Clown. Und wir leben in Zeiten, in denen nicht nur der Zirkus stirbt, sondern der Clown als Figur auch sterbenskrank ist.

Der Clown ist heute nicht mehr der Freund der Kinder. Ronald McDonald ist im Untergrund verschwunden. Der Clown ist heute eine Figur, vor der man Angst hat.

Glaubt ihr nicht? Hier ein Zitat aus einem Tweet der Polizei vom Oktober 2016:

„Wie soll ich mich verhalten, wenn ich einen Clown sehe?
► Bleiben Sie ruhig und verständigen Sie sofort den Polizeinotruf 110
► Sprechen Sie den „Clown“ nicht an und provozieren Sie nicht (im Normalfall will dieser „nur“ einen Streich spielen)
► Verlassen Sie die Örtlichkeiten und sprechen Sie ggfs. umstehende Passanten an um diese um Hilfe zu bitten
► Zur Verwendung von Pfefferspray oder Reizstoffsprühgeräten raten wir ab, da die Gefahr groß ist, dass diese Geräte gegen Sie verwendet werden können.“

2016 war der Wandel vollzogen. Der Clown ist mittlerweise eine böse Figur, vor der wir uns schützen müssen.

In Wirklichkeit hatte man natürlich immer ein bisschen Angst vor Clowns. Alle guten Clowns sind auch ein bisschen fies. Der Hanswurst überwindet am Schluss den Weißclown. Till Eulenspiegel brüllt die Wahrheit ‚raus, auch wenn es wehtut.

Das hat schon immer für ein Unwohlsein in uns gesorgt. Genauso, wie uns Oliver Hardy, wenn er die Treppe runterfällt, nicht nur zum Lachen bringt, sondern wir haben auch Mitleid mit ihm. Gleichzeitig. Das ist ein ambivalentes Gefühl. Und das halten wir heute nicht mehr aus.

Schadenfreude ist nicht gut. Da sollen die Kinder nicht darüber lachen. Das vermittelt nicht wirklich wichtige Werte. Wir haben deswegen ja auch die April-Scherze verlernt. Und wir spielen auch nicht mehr Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Nicht, dass die Kleine oder der Kleine sich gekränkt fühlt, wenn Papi oder Mami seine Spielfigur vom Brett würfeln.

Doch das Geheimnis hinter dem Slap Stick ist, dass diese kindlichen Clowns für uns stellvertretend gesellschaftliche Verabmachungen übertreten. Das wir uns in Wirklichkeit mit ihnen identifizieren, wenn sie auf die Nase fliegen – und wir also über uns selber lachen.

Denn das Leben selber ist eben auch eine manchmal grausame Veranstaltung und wir manchmal unsere eigenen Opfer. Schadenfreude ist kindlich und kindisch. Und Kinder sind ganz natürlich und ohne Bosheit manchmal in Erwachsenenaugen auch grausam.

Wer über Laurel und Hardy lachen kann, der hat irgendwo, in einer verborgenen Ecke seiner Seele noch ein bisschen Kind bewahrt. Und eben auch die grausame Seite des Kindes auch. Der kann sich freuen, wenn da jemand eine Sahnetorte ins Gesicht kriegt. Ohne betroffen zu reagieren.

Ich behaupte: Wer die Schadenfreude unterdrückt, der wird an sich erleben, dass er innerlich sarkastisch wird. Oder hämisch. Oder höhnisch.

Und das erklärt eigentlich schon fast zu viel zur Lage des Humors im heutigen Deutschland.

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