Sklaven der Emotion


Jeder Tag unseres Lebens wird bestimmt von unseren Emotionen. „Wie geht’s? Danke, gut! Und Dir?“

Innerlich wissen wir aber, dass da ganz andere Emotionen in uns werken. Und beeinflussen und uns kontrollieren.

Diesen Emotionen sind wir völlig hilflos ausgeliefert. Es sind die Neuronen, oder die DNA oder die Evolutionsbiologie, die unsere Emotionen steuern.

Aber ob das wirklich stimmt? Herr Wunderlich hat da Zweifel…


Links: 
Lisa Feldman Barretts Forschungsarbeiten
TED-Talk: You aren’t at the mercy of your emotions — your brain creates them von Lisa Feldman Barrett


Download der Episode hier.
Musik: „Memory Replaced“ von Josh Woodward / CC BY 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


Der Mensch ist dem Menschen ein Rätsel. Schon immer. Nicht nur, dass wir uns gegenseitig ein Rätsel sind, wir können uns alle selber nicht verstehen.

Wir wollten schon immer hauptsächlich wissen, warum wir so sind, wie wir sind. Und warum die anderen so sind, wie sie sind, natürlich auch. Warum fühlen wir uns so verbunden und so abgeschnitten gleichzeitig? Warum empfinden wir so? Warum haben wir Emotionen?

In der Moderne gibt’s dann gleich eine Handvoll von Erklärungen. Da wären zum Beispiel einige Evolutionsbiologen, die unser Verhalten aus Reflexen erklären, die wir, vom Säbelzahntiger gejagt, entwickelt haben. Oder Hirnforscher, die immer wieder gerne genau die Areale aufzeigen können, wo bestimmte Reize zu bestimmten Reaktionen führen. Oder die Genetiker, die lange behauptet haben, dass wir, unser Empfinden und unsere Emotionen in der DNA abgespeichert sind.

Ciao, freier Wille! Hallo, Determinismus! Alles ist vorherbestimmt. Wir sind die Sklaven unserer DNA, unserer Neuronen, der Evolution und unserer Emotionen auch noch.

Und die Emotionen, das ist dabei das Schlimmste.

Ahnungslos steht man da. An der Bushaltestelle. Denkt sich nichts Böses, und – zack – schon wird man von wilder, menschenfeindlicher Wut übermannt. Wegen diesem Scheiß-Autofahrer, der so durch die Pfütze gerast ist! So eine Sau! Ich bin ganz nass! Der ganze Tag ist verdorben! Alle Autofahrer sind Idioten! Denken die, wir Fußgänger sind Müll? Mann, mann, mann! Es gibt echt keine Hoffnung mehr für die Menschheit! Und der Bus kommt auch nicht!

So sind sie, die Emotionen. Wahrscheinlich haben wir alle solche Emotionen schon einmal gehabt. Kommt eindeutig von der DNA oder der Amygdala oder so, so tief sitzt diese – allzu verständliche – Wut. Leuchtet ein.

Wir glauben heute alle, dass Emotionen auf rätselhafte Weise in uns entstehen. Irgendetwas brodelt da im Unbewussten und kocht uns eine Emotion hoch und die muss man dann halt ertragen.

Ich kucke zum Beispiel am Montag kaum noch in meine Twitter-Timeline, weil alle kollektiv schlecht drauf sind! Wegen Montag. Das sogenannte Montagsgrauen. Emotionen. Kollektiv-Emotionen. Unausweichliches Schicksal.

Doch, unbemerkt von den meisten, belegen viele Forschungsarbeiten, eigentlich seit Jahrzehnten etwas Anderes als diese Vorstellung von Emotion. Zwei besonders schöne Papers zu dem Thema werde ich verlinken auf morgenradio.de Diese Folge basiert lose auf einem TED-Talk zum Thema, verlinke ich auch.

Wir glauben, dass das Hirn praktisch schon mit bestimmten Emotionen fest verschraubt ist. So, als ob es in uns bestimmte Schaltkreise gäbe, die durch äußere Einflüsse ausgelöst werden und dann automatisch ablaufen.

Doch das ist einfach nicht wahr. Kein Mensch hat Emotions-Schaltkreise, mit denen er ausgeliefert wurde. Oder die er erwirbt. Es gibt überhaupt keine Emotions-Schaltkreise im Gehirn.

Emotionen sind etwas anderes. Emotionen sind Vermutungen. Prophezeiungen. Schätzungen. Mutmaßungen. Mehr nicht.

Unser Hirn erklärt uns unsere Gefühle und produziert Emotionen. Es erkennt gewisse Umstände, schaltet seine Mustererkennung ein und reproduziert bereits Erfahrenes noch einmal.

Aus diesem Grund haben wir viel mehr Kontrolle über unsere Emotionen, als wir meinen.

 

Es ist wie bei optischen Täuschungen auch. Die nehmen wir erst einfach nur wahr. Wir sehen sie, aber wir sehen nichts. Plötzlich erkennen wir, was sie darstellen. Und ab dann durchblicken wir sie sofort.

Wir haben also eine Wahrnehmung, dann eine Phase der Ungewissheit und plötzlich eine Mustererkennung.

Das ist ganz wichtig: Das Gehirn erfährt gar nicht die Welt. Wir nehmen nicht unmittelbar die Realität wahr.

Das Gehirn konstruiert uns die Welt, basierend auf unserer Mustererkennung. Aufgrund unseres riesigen Speichers mit Musterkennungen konstruieren wir uns die Welt.

Das leuchtet bei akustischen oder optischen Illusionen ein. Weil wir die Phase der Ungewissheit spüren. Wenn aber unser Gesicht sich mit einem anderen Gesicht unterhält, dann sind unsere Speicher mit Mustererkennung so prallvoll gefüllt, dass wir die Ungewissheit gar nicht mehr wahrnehmen.

Aus den Bewegungen der Gesichtsmuskulatur unseres Gegenübers, aus dem Verlauf der Falten, der Position von Mundwinkeln, Augenbrauen basteln wir in Millisekunden die Emotion, die für uns zu diesem Gesicht passt.

Und viele, viele andere Eindrücke kalkuliert es gleich mit ein. Tageszeit, Ort, Gerüche, Art der Bindung zum Gegenüber, die Umstände. Wir alle wissen, dass man aus Freude weinen kann und ein Lächeln auch Trauer ausdrücken kann.

Doch in Wirklichkeit hat unser Gehirn seine Mustererkennung genommen und hat nur geraten. Geschätzt. Prophezeit.

Und damit in Wirklichkeit nicht die Realität des Anderen erkannt, auch nicht dessen Emotionen, sondern natürlich nur die eigene. Wir sehen im anderen Emotionen, die nur aus uns selber stammen. Alles nur ein Spiegel unserer Erfahrungen und unserer Emotionen.

Gut. Das leuchtet soweit ein, oder? Soweit sind alle noch an Bord, oder?
Das wirkt noch kein bisschen esoterisch, stimmt’s?

Dann zum zweiten Schritt:
Genau das Gleiche gilt auch für unsere eEmotionen. Unser eigenen Emotionen.

Eine interne Mustererkennung macht aus unseren Gefühlen, aus dem Rätsel an Eindrücken durch Ausprobieren, Raten, Prophezeien erst eine Emotion. Unsere Emotion.

Ein Beispiel, ein bisschen konstruiert, also falsch, aber vielleicht verständlich.
Ein Baby, behaupte ich aus didaktischen Gründen, hat keine Emotionen.
Ein Baby hat durchaus Gefühle. Die basieren auf den Wahrnehmungen, die es hat.
Neugeborene können selig ruhig sein oder erregt. So wie ihre Nerven.
Oder sie können entspannt sein oder angespannt. So wie ihre Muskeln.

Ganz simple Gefühle. Aber keine Emotion. Uns geht es übrigens natürlich auch allen so. Immer jeden Tag. Eine heiße Herdplatte fühlt sich heiß an. Und Zucker schmeckt süß. Gefühle. Keine Emotion.

Soweit noch alles gut. So. Das hätten wir. Aber jetzt muss irgendjemand entscheiden, was mit diesen Gefühlen zu tun ist. Muss ich handeln? Oder muss ich mich ärgern? Oder verzweifeln?

Da ist sie wieder, diese kurze Phase der Ungewissheit. Und nun arbeitet das Hirn und holt aus seinen Muster-Erkennungs-Speichern Informationen. Und gleicht das ab mit dem, was um uns passiert. Es beginnt das Raten, Vermuten, Prophezeien. Und das Ergebnis ist dann die Emotion. Emotionen sind, wie gesagt, nur Vorhersagen des Hirns. Das Hirn erklärt uns die Welt und bereitet uns auf das noch kommende vor.

Wir mögen Babies und Kleinkinder auch dafür, dass sie ihre Mustererkennungs-Speicher erst noch füllen müssen. Und mit großen Augen staunend durch die Welt laufen.

Doch zurück zu Erwachsenenwelt. Der grauen, harten Welt der überfüllten Speicher.

Als wir da an der Bushaltestelle standen, im Regen, waren wir erst guter Dinge. Und trocken. Und plötzlich registriert die Haut, dass wir nass geworden sind. Wir fühlen uns nass. Und wir sind… …überrascht! Zuerst nur überrascht!

Überraschung ist übrigens nur ein anderes Wort für die Phase der Ungewissheit.

Unser Hirn rast, sammelt alle Eindrücke, ruft alle Mustererkennungsspeicher auf, und beginnt sein Ratespiel. Vermuten, Prophezeien und eine Sekunde später ist alles klar!

Die Pfütze schwappt noch, der Raser ist noch zu sehen – ich bin beschmutzt worden, beleidigt worden! Das kenne ich! Muster erkannt, Welt erklärt, Prophezeiung läuft ab!

Und – na ja – die ganze Schimpfspirale geht von vorne los. Der Tag ist auf jeden Fall verdorben.

Soweit immer noch an Bord? Gut! Denn jetzt kommt die gute Nachricht! Wir denken zwar, solche Emotionen widerfahren uns, aber in Wirklichkeit machen wir sie. Und das bedeutet: Wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. Wir können das beeinflussen.

Wir können die Verantwortung für unsere Emotionen übernehmen.

Das klingt jetzt dann schon esoterisch. Aber ich verspreche hier nicht, dass wir alle nach dieser Sendung erleuchtet sind und im Zustand des Super-Kosmos-Orgasmus schweben.

Was wir aber machen können, ist die Mustererkennung zu stören. Und wenn man die stört, dann schafft man Platz, um neue Mustererkennungen abzuspeichern.

Der Moment der Überraschung im Fall der Bushaltestelle bietet tatsächlich für einen winzigen Zeitraum auch die Möglichkeit über den Vorfall zu lachen statt zu wüten. Wir müssen diesen kleinen Moment nur wahrnehmen.

Wir müssen uns selber in diesem Moment wahrnehmen und spüren. Und dann, mit Übung und mit ein bisschen Glück, gelingt uns das vielleicht einmal. Und beim übernächsten Mal bietet es uns das Hirn das als Muster an und es wird viel leichter, nicht wütend zu werden.

Oder nehmen wir doch das Montagsgrauen.

Der Wecker klingelt, wie immer zu früh. Wir wachen auf und blinzeln zweimal, dann fällt es uns ein. Es ist wieder Montag!

Oh, mein Gott, heute habe ich diesen Vortrag und muss zur Behörde und tausend Emails schreiben und Gassi gehen und die Steuerberaterin anrufen und das Kind von der Kita holen und wenn ich nicht bald die Garage leerräume, dann verrostet unser Auto ganz und war da nicht am Nachmittag auch noch ein Termin, was war das noch einmal? Ach ja, Gitarrenunterricht bei Dieter Bohlen. Oh, mein Gott! Was für ein Mist! Ich wünschte, ich müsste nicht aufstehen!

Das Montagsgrauen!

Wenn der Wecker klingelt und uns aus dem Schlaf reisst, das ist ein auch einfach erst einmal nur ein Überraschungsmoment. Wir sind unausgeschlafen, ein bisschen hungrig, der Kreislauf ist im Keller und wir sind überrascht: Was macht das Hirn? Richtig, die Mustererkennung hochfahren…

Und da kann man die Stop-Taste drücken! Wir unterbrechen einfach diesen Ritus. Wenn wir sonst vielleicht schnell aus dem Bett aufstehen, setzen wir uns erst einmal hin. Wenn wir sonst fünfmal die Snooze-Taste drücken, dann stehen wir heute gleich auf.

Das bringt die Mustererkennung durcheinander und wir haben ganz kurz Zeit für etwas Neues.
Was empfinden wir? Was fühlen wir? Nicht: Was denken wir, sondern was fühlen wir? Und dann machen wir einfach ein Ding nach dem anderen. Einen Schritt nach dem anderen. Erledigen die Dinge eins nach dem anderen.

Denn Montag ist in Wirklichkeit wie Mittwoch auch. Nur ein Tag.

Glaubt ihr immer noch nicht, dass man Emotionen beeinflussen kann?

Das ist hartnäckig. Dann sagt mir ‚mal, warum ein normaler Koch beim Anblick von einem schönen Stück Rinderfilet Speichelfluss bekommt und ein strikter Veganer bei dem selben Bild von Ekel überkommen wird?

DNA, Amygdala, Evolution?

Nein, alles nur Emotion. Kein Gefühl! Ein Stück Fleisch ist einfach nur ein Stück Fleisch. Fühlt sich für beide gleich an. Riecht für beide gleich. Alles nur Emotion.

Im Prinzip ist die oben beschriebene Technik der Inhalt der Meditation, der Achtsamkeit oder meinetwegen des Yoga, des Autogenen Trainings oder des Betens. Das Innehalten und fühlen, wo man ist und was man wahrnimmt, ist in allen uralte Weisheitslehren zu finden. Auf jeden Fall in allen, die ich bisher kennengelernt habe.

Und mittlerweile ist das wissenschaftlich gut zu belegen. Kann man ganz ohne Esoterik versuchen.

Man braucht nur Übung, eine kleine Portion Selbstwahrnehmung, Übung und Geduld. Und Übung.

Ach, noch ein letztes: Wenn ihr mir nicht glaubt, dann kann ich das verstehen.
Klingt ja auch verrückt! Ich bin selber für meine Emotionen verantwortlich!

Und wisst ihr was, ihr Ungläubigen: Ihr habt recht! Passt schon! War nur ein Scherz! Wir sind Sklaven unserer Emotionen! Seit der Steinzeit liegt in den Genen der Amygdala. Logisch!

Holt euch noch einmal ein Käffchen und schaltet die Glotze ein – hilft ja alles eh‘ nichts, solange Angela Merkel Kanzlerin ist! Scheiss-Montag!

Und Prost!