Skandal in Cannes



Man mag sich mit gutem Recht die Frage stellen: Was tragen eigentlich die Kardashians an Nützlichem zur menschlichen Gesellschaft bei? Oder: Wie sind sie dahin gekommen, wo sie jetzt sind? Oder aber: Kardashi-Was? Wer ist denn das?

Was oder wer über Berühmtheit entscheidet, war schon immer ein Grund für Debatten. Welche Mechanismen zu welchen Entscheidungen führen, lag auch schon vor mehr als sechzig Jahren für die Akteure im Dunklen.

So wie zum Beispiel beim Skandal in Cannes, wo Simone Silva auf der Jagd nach Berühmtheit ihrer Zeit leider ein paar Jahre oder Jahrzehnte voraus war. Heute hätte sie bessere Chancen, wenn sie sich vor Reportern das Oberteil auszieht als im Jahre 1954.


Link: Homepage von Hungry Lucy
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Simone“ von Hungry Lucy / CC BY-SA 3.0


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Skript zur Sendung

HW: Sie hatten ja mich gefragt, wie es so weit kommen konnte, das Menschen wie die Kardashians so berühmt werden konnten. Wann das angefangen hat, wollten Sie ja wissen.

Und dann habe ich also überlegt und überlegt. Und bin immer weiter in die Vergangenheit geraten. Aber da gab es dann ein Ereignis, das ist ewig her, da war ich noch Volontär beim Daily Mirror.

Gerade ‚mal 16 Jahre alt. Stellen Sie sich das vor! So wurde man damals Journalist. Das war eine Lehre und kein Studium! Und ich hatte den coolsten Lehrmeister überhaupt beim Mirror. Donald Zec! Den alle nur Zec nannten.

Zec war der Shwobiz-Mann vom Mirror und er kannte einfach alle! Der hat sie alle gehabt. Humphrey Bogart, Brigitte Bardot, David Niven, Ingrid Bergman, die Beatles und Marilyn Monroe – alle, alle, alle hat er interviewt!

Zec lebt übrigens immer noch! 99 Jahre ist er alt! Manchmal, sehr selten, telefonieren wir noch.

Was? Ach so. Das interessiert sie ja gar nicht. Es geht Ihnen um die Kardashians.

Na ja, wenn ich also so über Stars und Sternchen nachdenke und was dazu gehört, dann fällt mir Simone ein. Simone Silva. Die kam nämlich damals einfach in die Redaktion gelatscht. War 1956, glaub‘ ich. Die war die erste Kardashian, glaube ich..

Und das war so…

SFX: Time travel
Amb: Büro

HW: Simone, hallo! Was ist los? Warum bist Du denn schon wieder hier?
FA: (Bussis) Hallo, Zec, mein Lieber! Ach, ich war gerade in London und da dachte ich, wird Zeit, meinen alten und guten Freund Zec ‚mal wieder zu besuchen!
HW: So so. Was gibt’s denn Neues bei Lady Silver?

FA: Zec, ich hab‘ wieder eine Rolle!
HW: Oh, wie schön! Freut mich zu hören! Eine Hauptrolle?
FA: Fast. Aber ich bin die sexy Hauptrolle auf Seiten der Bösen! Das wird vielleicht endlich der Durchbruch, auf den ich warte, Zec!

HW: Wer macht denn die Regie?
FA: Ein junger Regisseur mit tollen Ideen, heißt es. Terence Fisher!
HW: Oh je! Schatzi, der ist 50 und hat seine besten Tage hinter sich! Und in seinen besten Tagen hat er auch nur Mist gedreht!

FA: Ach, Zec! Du bist immer pessimistisch! Freu‘ Dich doch mit mir! Das ist der erste Film seit Cannes! Das ist doch an sich schon eine gute Sache!
HW: Ach, Cannes! Ist jetzt schon zwei Jahre her, oder?
FA: Ja. In diesem Sommer genau zwei Jahre. Wer hätte das gedacht? Und, wie geht’s Dir, Zec?

HW: Mir geht’s gut, Simone. Aber ich versuche auch nicht mit Gewalt, berühmt zu sein!
FA: Bist Du aber.
HW: Gegen meinen Willen.
FA: Wie geht’s Deiner Frau?
HW: Der geht’s auch gut, Simone. Hast Du gerade jemanden?

FA: Ich? Nein, keine feste Beziehung. Ich schlafe mit jedem, der meiner Karriere gut tut.
HW: Ach, Simone, das da ist übrigens mein Volontär. Der kennt Deine Geschichte noch nicht.
FA: Aber das ist ja noch ein Kind!
HW: Er ist 16 Jahre alt.

FA: Hast DU schon einmal mit einer Frau geschlafen, Kleiner?
HW: Simone, benimm‘ Dich!
FA: Willst Du mit mir schlafen, Kleiner?
HW: Simone, hör‘ auf mit dem Mist! Erzähl dem Kleinen doch einmal von Deinen Mann.

FA: Meinem Ex-Mann, meinst Du? Was springt dabei für mich ‚raus?
HW: Wenn Du Deine Geschichte schön erzählst, dann erwähne ich Deinen Film in meiner Kolumne. Und Dich. Deal?
FA: Deal! Du weißt, ich tu‘ alles für die Presse!
HW: Weiß‘ ich. Das ist ja Dein Problem. Wie heißt der Mist denn?
FA: Die Dynamit-Bande.
HW: Heilige Scheiße…

FA: Was soll ich dem Kleinen denn erzählen? Wie ich in Ägypten geboren wurde als Kind französischer Eltern? Als Kind wußte ich schon, dass ich ein Star werden würde. Aber in Kairo gibt es keine Stars. Also angelte ich mir einen Engländer und zog nach London, da war ich ein bisschen älter als Du, Kleiner.
HW: Du musst wissen, Kleiner: Simone hier, die hat alles geplant. Die würde alles machen, um ein Star zu werden! Und das war schon immer so. Die hat glatt die Kohle von ihrem Mann verjubelt, nur um berühmt zu werden!

FA: Zec, das war der Deal! Jimmy wußte, das ich berühmt werde und hat sozusagen in mich investiert.
HW: Acht Jahre hat sie jeden Job genommen, den sie bekommen konnte…
FA: Jetzt ‚mal ganz langsam mit den jungen Pferden, Zec. Sag‘ mal, meinst Du wir könnten zu dem Deal auch noch einen Whiskey addieren?
HW: Um 11:00 h am morgen, Simone?
FA: Ja, ich nehme gerade ab. Ernähre mich sozusagen flüssig. Heutzutage muß ein Star dünn sein. Gott sie Dank war das damals noch nicht so. So, Kleiner, jetzt erzähl‘ ich Dir das von vorne.

1946 also habe ich mir Jimmy geschnappt. Der war nicht nur Engländer, sondern der hatte auch viel Kohle. Beides sehr wichtig. Denn nach Hollywood führten Straßen nur aus Amerika und eine andere: Eine breite aus Großbritannien. Aber keine von Frankreich aus oder von Ägypten! Das gab’s einfach nicht.

Also bin ich mit Jimmy nach London gezogen. Hier würde ich anfangen, mir einen Namen zu machen und früher oder später würden mich die Talentscouts entdecken und nach Amerika holen. Soviel war klar.

Und ich wußte immer schon, wie das geht. Du kannst viel in Zeitungen lesen, wie superschlau Sophia Loren ist. Aber auf den Fotografien wirst Du immer nur ihre Titten sehen. Komisch, oder?

Schau Dir die weiblichen Stars an heute! Jayne Mansfield? Blond, Titten! Marylin Monroe? Blond, Titten und Arsch! Diana Dors? Blond, Titten. Jane Russell? Titten, Arsch. Brigitte Bardot? Blond, Titten, Arsch.

Du merkst, was los ist, oder? Es gibt vier Gründe, warum jemand in Hollywood ein Star wird. Und die sind: Blond, Titten, Arsch und die Bereitschaft, mit den richtigen Leuten in die Kiste zu steigen. Also, für eine Frau, meine ich.

So Leute wie Dein Boss sind der Meinung, für die Schauspielerei wäre auch noch Talent notwendig, aber das ist natürlich völliger Quatsch! In Hollywood werden in Wirklichkeit gar keine Filme verkauft, sondern Phantasien!

Hollywood, das ist der Ort, wo die Götter der Moderne leben. Die Frauen, die der Mann auf der Straße begehrt! Von denen er träumt, nachts alleine, wenn seine eigene Frau schon schläft.

Von den Göttinnen in Hollywood träumt er. Von Marilyn Monroe! Und seine Frau liegt neben ihm und tut so, als würde sie nicht das rhythmische Geräusch erkennen.

Und als würde sie nicht heimlich auch einen Gott haben. Clark Gable vielleicht oder Cary Grant. Oder Rock Hudson oder Gary Cooper.

So läuft das Geschäft! Götter und Göttinnen, die angebetet werden in den Tempeln, die man Kino nennt. Die, die auf dem unerreichbaren Olymp leben! Die jeder kennt! Und jeder will so sein wie sie! Jeder möchte auch auf den Olymp!

HW: Ach, Simone, Du redest Unsinn! Wieviele Oscars hat denn Deine Jayne Mansfield? Oder Dein Cary Grant? Hm?

FA: Cary war zweimal nominiert! Aber der Oscar ist für den Erfolg nicht wichtig und das weißt Du genauso gut wie ich!

HW: Na ja, ein Oscarfilm verkauft auf jeden Fall mehr Eintrittskarten!

FA: Die Eintrittskarten verkaufen die Stars! Dieses Jahr hat Ernest Borgnine den Oscar gewonnen, oder? Und was war der erfolgreichste Film? Doch nicht „Marty“, in dem er die Hauptrolle spielt! Den wird in 50 Jahren keiner mehr kennen, den Film!

Oder „Urlaub bis zum Wecken“? Viele Preise, toller Film, aber der wird vergessen werden!

„Über den Dächern von Nizza“ dagegen, der wird bleiben. Wegen Cary Grant und wegen Grace Kelly! Du weißt, das ich recht habe! Gib’s zu, Zec!

HW: Deine Einstellung ist trostlos, Simone! Du redest daher, als wärst Du selber so ein fetter Studioboss!

FA: Ach ja, Kleiner, da hat Dein Boss völlig recht. Die Regeln, die ich Dir gerade erklärt habe, die machen natürlich Männer. Hollywood ist – genau wie der Olymp – eine Männer-Erfindung!

Und das hatte ich alles schon in Kairo kapiert. Und in London war es auch nicht anders. Also habe ich an mir gearbeitet. An meiner Figur. Die musste mindestens genauso sexy sein wie die von Marylin. Und meine Haare genauso blond. Und, wenn ich mich nicht scheuen würde, meine Vorzüge auch einzusetzen, dann würde ich berühmt werden. Nur eine Frage der Zeit.

Und ich war auch auf dem besten Weg. In London wurde ich auf jeden Fall ein gefragtes Modell für die Fotografen. Und ich ging auf Schönheitswettbewerbe und davon gab’s ja genug!

HW: Sie lebte in einem Klasse-Apartment in Kensington mit ihrem Mann. Und der vergötterte sie! Diamanten, Pelzmäntel, Perlen, Autos, alles, was Du Dir vorstellen kannst! Aber das war Simone nicht genug!

FA: Für mich zählt nur die Berühmtheit! Ich werde berühmt werden! Ich weiß, dass ich eine verdammt erotische Ausstrahlung habe. Und einen Touch Exotik obendrauf! Ich habe Schauspielunterricht genommen und Gesangsunterricht und ich kann auch tanzen!

Es war also nur eine Frage der Zeit! Und dann kam Cannes…

HW: Na ja, zuerst wurdest Du nicht von einem einzigen Studio entdeckt oder gezeichnet. Oder?

FA: Aber ich drehte trotzdem Filme! Oder hast Du „Lady Godiva reitet wieder“ vergessen?

HW: Eine Nebenrolle! Ohne Erwähnung in den Credits, meine Liebe!

FA: Ein Anfang! Und dann kam „Der Vampyr von Soho“. Da hatte ich schon eine wichtige Nebenrolle. Ich war also unaufhaltbar auf dem Weg nach oben, Kleiner, egal was Dein Boss da unkt. Und dann kam Cannes!

HW: Na gut. Wie Du meinst, Simone. Wie Du meinst… Dann erzähle ‚mal von Cannes.

FA: Das war 1954 und es fühlte sich so an, dass es dieses Jahr klappen würde! Es müsste klappen!

HW: Weil Dein Mann Dich rausgeschmissen hat und sich scheiden ließ, weil Du mit Bonar Colleano ins Bett bist, Du Dummchen!

FA: Eben. Es musste klappen. Ich musste tatsächlich geizen, aber an mir und meinem Aussehen konnte ich nicht sparen. Meine Figur, meine Haare – das ist das einzige Kapital, das ich hatte!

Also bin ich schon ein bisschen früher angereist und habe mich schon einmal umgesehen, wie die Örtlichkeiten so sind. Und ich war zu jeder wichtigen Veranstaltung parat und immer sah ich aus wie frisch aus dem Ei gepellt.

Dass ich Französin bin, half natürlich auch und tatsächlich fiel ich der Festival-Leitung auf. Und ich bekam den Ehrentitel: „Miss Festival 1954“!

Für dieses Jahr in Cannes stand fest: Die Hübscheste bin ich! Das waren gute Vorraussetzungen!

Und dann verdichtete sich acht Jahre Arbeit…

HW: (zynisch) Arbeit!

FA: Acht Jahre Kampf zu diesem einen Termin! Ich hatte am Strand ein Shooting mit dem heißesten Mann in Hollywood! Ich und Robert Mitchum!

Und wie ich da stand in einem Kleid, dass eigentlich sowieso schon komplett durchsichtig war, da rief mir einer der Reporter zu: „Hey, Simone! Warum ziehst Du nicht Dein Oberteil aus?“

HW: So ein Arschloch!

FA: Und dann hab‘ ich das gemacht! Und die Reporter sind durchgedreht!

HW: Das kann man sagen! Die haben sich überschlagen, um ein Foto von Robert Mitchum und der Nackten zu machen! Denen war völlig egal, wer Simone war! Die gerieten so in Wallung, dass sie anfingen, sich um die besten Plätze zu hauen!

Ein ganzes Dutzend Idioten musste danach in die Klinik! Einer hatte sich den Arm gebrochen und ein anderer das Bein! Die Fotos erschienen überall! Eine kleine, unanständige Sensation. Das muss ich zugeben.

FA: Ja. Ich dachte: Jetzt wird Dich keiner mehr übersehen! Jetzt hast Du’s geschafft! Wie ich Dir schon erklärt habe, Kleiner: Blond, Titten, Arsch! Und ich hatte das alles!

HW: Doch das ging nach hinten los…

FA: Ja, wohl war. Erst einmal hat mich das Festival rausgeschmissen. Zu vulgär wäre ich. Aber das war mir egal. Ich kaufte mir ein Ticket und flog nach Hollywood.

Die hatten die Bilder ja auch gesehen und irgendwer würde mich schon casten.
Und tatsächlich zeichnete mich dann auch ein Studio! So nah war ich dem Durchbruch nie!

HW: Studio! Auch eine kleine Übertreibung!

FA: Mein Gott, klar, dass war nicht MGM. Der war halt Independent!

HW: So independent, dass er kein Film mit Dir gemacht hat immerhin. Weswegen die Amis Dir auch kein weiteres Visum gegeben haben. Und Du Deinen Ex anpumpen musstest, um wieder nach England zu kommen.

FA: Genau. Und hier hat mir dann auch keiner einen Job gegeben. Wegen Cannes. Keiner wollte ‚was von mir wissen. Die hatten Angst, dass mein Image ansteckend wäre.

HW: Aber jetzt hast Du wieder eine Rolle?

FA: Ja! Jetzt habe ich eine Rolle! Und ich habe einen Platz bei einem Talentwettbewerb im Fernsehen! „Bid for Fame“ heißt der! Ist das gut, Zec?

HW: Ach, liebe Simone, das weiß ich nicht. Da trittst Du gegen singende Farmer aus Yorkshire an und gegen kleine Zauberer aus Oxford, was willst Du damit erreichen?

FA: Wieder wahrgenommen zu werden! Früher oder später werden die Talentscouts erkennen, dass ich das Potential habe, ein Superstar zu werden!

HW: Ach, Simone, wird es nicht langsam Zeit, etwas Anderes zu versuchen? Schau‘ Dich doch einmal an! Du bist ja ganz abgemagtert!

FA: Diät, Zec, Diät! Heute ist nicht mehr so Jayne Mansfield angesagt, sondern eher Audrey Hepburn. Und da muss man als Star auf dem Laufenden bleiben. Was mich erinnert: Magst Du mir noch von dem Diät-Trunk geben?

HW: Nein, Simone. Und wir müssen echt auch noch ‚was anderes machen. Ich berichte von Deiner Dynamit-Bande und wünsche Dir alles Glück der Welt!

FA: (Bussis) Danke, Zec, bist der Beste! Und richte Deiner Frau schöne Grüße aus! Au revoir, Kleiner! Bist ein guter Zuhörer! Das ist wichtig als Reporter!

Ambient: Aus

HW: Das hat sie zu mir gesagt, zum kleinen Volontär. Das ist meine Erinnerung an Simone Silva. Eine wirklich tragische Figur, die heute keiner mehr kennt. Zec sollte recht behalten. Sie verlor tatsächlich gegen einen jugendlichen Zauberer. Das brach ihr wohl das Herz.

Zwei Wochen später fand man sie in ihrer Wohnung. Herzstillstand. Die Wohnung war voller Schmuck, Schminksachen und Pelze. Aber die Küche war unbenutzt und der Kühlschrank leer.

Sie war die erste, die mit einem Skandal in Cannes berühmt werden wollte. Aber sie war zu früh dran. Viel zu früh dran.

Heute reichen Skandale für die Karriere. Damals brauchte man noch etwas Anderes. Talent vielleicht, wie Zec meinte.

Simone Silva war sozusagen die Großmutter der Generation Hilton und Kardashian.

Sie hatte übrigens ihren Nachnamen ändern lassen.
Sie hieß nicht mehr Silver mit „ER“. Sondern nur mit einem „A“.

Damit sie schneller Autogramme geben konnte, hatte sie Zec erzählt.

Autogramme, die aber niemand wollte. Niemals.