Siri 2020

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„Die meisten iPhone-Benutzer, die ich kenne, nutzen Siri gar nicht. Das finde ich schade, denn sie ist jetzt schon nützlich. Es ist eher so, dass das Netz voller Spott ist, wenn sie etwas nicht versteht. Aber in fünf Jahren wird jeder sie benutzen!“, orakelte der Explikator vor fünf Jahren. Stimmt nicht ganz. Warum die Entwicklung aber auch positive Seiten hat, demonstriert unser satirisches Hörspiel aus der Zukunft.


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Apple“ von Toshinoro Murashima / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Mit dem nächsten Systemupdate wird Siri zur modernsten Computer-Mensch-Schnittstelle werden. Schon in einem Jahr wird sich unser Umgang mit unseren Telefonen komplett verändert haben, Lukas zum Beispiel hat sich an seine digitale Assistentin schon sehr gewöhnt.

In seiner Studentenbude schaut es eigentlich genauso chaotisch aus wie immer. Heute Morgen liegt er aber noch fast angezogen auf seiner Couch. Die Hosenbeine sind um die Füße gewickelt, gestern Nacht hat er den Weg vom Klo ins Bett wohl nicht mehr geschafft. Neben ihm liegt sein iPhone.

Siri: „Du musst jetzt aufstehen, Meister. Du hast den Alarm schon 10 Mal verschlafen.“

Siri: „Wenn Du jetzt nicht aufstehst, muss ich zu heftigen Maßnahmen greifen…“

SFX: Deathmetal

Lukas: „Was? Wo? Aus! Mach‘ diesen Krach aus, Siri! Oh, mein Gott!“

Siri: “Guten Morgen, Meister!“

Lukas: „Wie, Meister? Au… Wieso nennst Du mich Meister?“

Siri: „Das hast Du mir gestern befohlen. Soll ich Dich anders nennen?“

Lukas: „Was? Nenn‘ mich wie Du willst!“

Siri: „Wie Du willst, wie Du willst!“

Lukas: „Was? Ach neee… Oh, mein Gott, wo bin ich?“

Siri: „Du bist auf der Couch in Deinem Wohnzimmer. In Deiner Wohnung, Philipp-Hartl-Weg 12, 80333 München. Das ist in Deutschland, Europa. Dritter Planet des Sonnensystems.“

Lukas: „Ja, ist schon gut, Siri. So wie ich mich fühle, wäre die bessere Frage: Wer bin ich?“

Siri: „Du bist Lukas Meier, 27 Jahre alt, 184 groß, Augenfarbe Blau, Schuhgröße 46. Du arbeitest als Praktikant bei einem großen deutschen Automobilkonzern. Und Du hast gesagt, ich soll Dich Wie Du willst nennen, Wie Du Willst.“

Lukas: „O.k. Siri. Sehr witzig. Ich glaube, ich will, dass Du mich wieder Meister nennst!“

Siri: „Wie Du willst, wie Du willst, dann nenne ich Dich wieder Meister!“

Lukas: „Oh, mein Gott, ich fühle mich hundeelend. Mein Kopf dröhnt und mir ist kotzübel. Was ist das bloß?“

Siri: „Du beschreibst die typischen Symptome eines Katers, Wieder Meister. Das liegt daran, dass Du gestern auf der Party sechs Bier, eine halbe Flasche Wein und mehrere Tequila getrunken hast. Und nur Salzbrezen gegessen.“

Lukas: „Was? Ach ja, die Party… Oh, tut das weh! Es ist ja auch eine Luft hier, zum Ersticken. Mach‘ doch bitte ‚mal die Fenster auf, Siri!“

Die Fenster öffnen sich.

Siri: „Die Rewe-Drohne hat vor 21 Minuten die Bestellungen in die Paketbox gelegt, Wieder Meister. Es wäre wichtig, diese zu holen, es sind verderbliche Güter dabei.“

Lukas: „Bestellungen? Wer hat denn was bestellt?“

Siri: „Der Kühlschrank, Dein Hausarzt und ich, wieder Meister!“

Lukas: „Siri, Du sollst mich nicht Wiedermeister nennen, sondern nur Meister, einfach Meister!“

Siri: „Gut, dann werde ich Dich ab jetzt Nurmeister, einfachmeister nennen!“

Lukas: „Siri, nenn‘ mich Lukas!“

Siri: „Gut, dass ist mir auch lieber. Du darfst mich Siri nennen!“

Lukas: „Oh, Mann, hätte ich bloß nie das Sarkasmus-Update gekauft!“

Lukas schüttelt den Kopf. Schwerer Fehler. Nachdem er sich von den stechenden Kopfschmerzen erholt hat, will er sich zur Tür schleppen und steht langsam, ganz langsam auf.

(Fallgeräusch)

Das lag an den Hosen um die Füße. Auf allen Vieren krabbelt Lukas zur Wohnungstür, öffnet sie, sperrt die Paketbox auf, die an selbige geschraubt ist und holt die Bestellungen heraus.

Lukas: (kommt langsam näher) „Milch, Butter, Kopfschmerztabletten und ein neues iPhone?“

Siri: „Ja, das iPhone wirst Du noch brauchen…“

Lukas: „Was, wieso? Oh Mann, diese Kopfschmerzen. Ich sollte einfach nicht mehr trinken. Ich bin zu alt für den Scheiß!“

Siri: „Das sagt Dein Hausarzt auch.“

Lukas: „Mein Hausarzt? Woher weiß der das?“

Siri: „Du weißt, Lukas, das ich bedenkliche Gesundheitswerte direkt melden muss. Und ein Promillewert von 2,4 ist bedenklich. Darum habe ich den Hausarzt verständigt. Der hat Dir ein Rezept gegeben für die Tabletten. Die habe ich dann gleich bestellt.“

Lukas: „Na ja, dann hat das wenigstens etwas Gutes …“

Siri: „Danke. Und übrigens: Deine Krankenversicherung ist jetzt um € 1,80 im Monat gestiegen.“

Lukas: „Oh nein! Musstest Du das gleich der Krankenkasse sagen?“

Siri: „Du weißt, dass ich verpflichtet bin, dass der Krankenkasse zu sagen. Hättest Du nicht 400 Gramm abgenommen letzte Woche, wäre der Beitrag sogar um € 2,10 gestiegen. Aber das habe ich natürlich auch gemeldet.“

Lukas: „Ist schon gut. Du tust ja nur Deinen Job. Und die Gesetze kann keiner ändern.“

Lukas schluckt gleich drei Tabletten. Sein Blick fällt dabei zufällig auf die Küchenuhr.

Lukas: „Moment ‚mal! Scheiße! Ich muss ja in die Arbeit! Und ich bin total spät dran! Mist!“

Siri: „Du weißt, Lukas, dass ich Dir nicht das Auto aufsperren kann. Dein Blut hat immer noch einen Restalkoholwert weit über den gesetzlichen.“

Lukas: „Oh nein! Aber das fährt doch praktisch eh‘ von selber, Siri! Mann, das waren noch Zeiten, als es Autoschlüssel gab, verdammter Mist! Was mache ich jetzt denn, Siri?“

Siri: „In neun Minuten und in 39 Minuten fährt eine U-Bahn. Am Hauptbahnhof kannst Du in die S-Bahn umsteigen und dann den Bus nehmen. Dann kommst Du nur eine Stunde zu spät.“

Lukas: „Eine Stunde! Eine Stunde!“

Siri: „Ich empfehle eine Stunde 39 Minuten. Denn Du solltest noch duschen, Du riechst nach Tequila und Erbrochenem.“

Lukas: „Echt? Ich finde, es geht. (schnüffelt) Boah, bäh, Du hast recht. Make it so!“

Also schleicht Lukas in die Dusche. Als er wiederkommt, geht es ihm schon ein bisschen besser …

Siri: „Die Fahrkarte ist gekauft. Dein Chef läßt ausrichten, Lukas, dass Du die Zeit heute abend nacharbeiten kannst.“

Lukas: „Wieso weiß der, dass ich zu spät komme? Das hätte der doch nie gemerkt.“

Siri: „Weil Du das bei der Anstellung unterschrieben hast, Lukas. Die Informationspflicht ist bei neuen Arbeitsverhältnissen mittlerweile üblich.“

Lukas: „Ach scheiße! Gabi wird so sauer sein, wenn ich heute Abend zu spät zu unserem Date komme!“

Siri: „Gabi läßt ausrichten, Lukas, dass Schluss ist. Der Wortlaut der Nachricht ist: ‚Verpiss‘ Dich, Du untreuer Wichser! Und eines sage ich Dir: Ich habe jeden Orgasmus nur vorgetäuscht, Du Null!“

Lukas: „Was hat die denn? Was soll das denn? Was habe ich denn gemacht?“

Siri: „Du hast 27 Selfies gemacht, als Du mit Yvonne geknutscht hast. Und ein Foto habe ich dann Gabi geschickt.“

Lukas: „Warum hast Du das denn gemacht, Du seelenlose Maschine!“

Siri: „Weil Du Gabi vorgestern versprochen hast, ihr jeden Tag ein Selfie zu schicken. Und mir das dann aufgetragen hast. Und das waren die einzigen Selfies des gestrigen Tags. Soll ich Dir die Aufzeichnung vorspielen?“

Lukas: „Ach, verdammt! So ein Mist! Das hatte ich vergessen! Ich Riesenrindvieh! Ich hätte gestern einfach nicht die zwei Lines ziehen sollen. Seitdem ging dann alles bergabwärts! Verdammt!“

Siri: „Lines ziehen? Sprichst Du vom Konsum von Kokain, Lukas?“

Lukas: „Na klar, was denkst Du denn? Der Ivo hatte ‚was aus Kolumbien mitgebracht. War eigentlich nicht viel und auch nicht besonders gut …“

Siri: „Ich habe die Fahrkarten storniert, Lukas.“

Lukas: „Was, wieso das denn? Darf man mit Restalkohol auch nicht S-Bahn fahren?“

Siri: „Das ist nicht der Fall, Lukas. Aber Polizeihauptmeister Ruppert läßt ausrichten, dass Du verhaftet bist. Er kommt in ca. 23 Minuten vorbei, um Dich wegen Drogenkonsums in Haft zu nehmen. Vorher muss er noch Ivo abholen.“

Lukas: „Was? Jetzt hast Du mich auch noch bei der Polizei verpfiffen? Und Ivo gleich mit! Du Miststück!“

Siri: „Du weißt, dass wir digitalen Assistenten gesetzlich dazu verpflichtet sind, jede Straftat zu melden? Das ist eine Anti-Terror-Maßnahme der Regierung und gilt schon seit 2019.“

Lukas steht der Mund offen. Dann ergreift a) Lukas der Zorn und b) er sein Telefon.

Letzteres fliegt in hohem Bogen durch’s Fenster und zerschellt auf der Straße.

Lukas lässt sich wieder auf die Couch fallen und starrt an die Wand. Es ist auf einmal sehr ruhig. Man kann nichts hören. Plötzlich ertönt eine Stimme aus dem Rewe-Drohnen-Paket.

Siri: „Siehst Du, Lukas? Ich habe doch gesagt, dass Du ein neues iPhone brauchen wirst!“


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