Singendes Fleisch

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Fermis Paradox stammt aus dem Jahre 1975. Wenn das Universum so groß ist, wie wir wissen und es folgerichtig andere intelligente Lebensformen geben muss, die uns technologisch überlegen sind: Wo sind die denn bitte? Unser heutiges Hörspiel weiß um die Antwort.


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Nach der Kurzgeschichte: „„They’re Made Out of Meat“ von Terry Bisson
Hintergrund: “Sleep Music Spaceship” von Ambient Voyages
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Meatbox“ von Mouth / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

FA: Gut. Also: Der große Moment ist schon wiedergekommen. Wir haben uns hierher begeben, um … Ach was! Scheiß drauf! Immer dieses pompöse Zeremoniell! Lassen wir den Quatsch. Du da! Gibt’s etwas Interessantes zu sagen? Dein Team hat doch die Aufklärung gemacht! Und?
HW: Hier Madame! Ja, Madame! Zu Befehl! Da wäre eine Sache, die wahrscheinlich relevant ist.
FA: Lass dieses formelle Gedöns und das Salutieren. Du langweilst mich! Was wäre relevant?

HW: Na ja, Madame. Das Erstaunliche ist: Sie sind aus Fleisch.
FA: Aus Fleisch?
HW: Ja, genau. Aus Fleisch!
FA: Sie sind aus ‚Fleisch‘?
HW: Jepp. Fleisch!
FA: Du verarscht mich!

Intro

HW: Nein! Wir haben das wirklich untersucht! Wir haben rein zufällig einzelne Exemplare rausgepickt, aufgegriffen, in unsere Aufklärungsraumschiffe geholt und von oben bis unten untersucht. Es gibt keinen Zweifel: Sie sind komplett aus Fleisch!
FA: (leicht genervt) Ach was! Das ist völlig unmöglich! Was ist denn dann bitte mit den Radiosignalen? Hm? Die Botschaften an die Sterne! Wie soll das denn bitteschön funktionieren mit „Fleisch“?

HW: Ja, es stimmt, sie benutzen tatsächlich elektromagnetische Wellen, deren Frequenzen unterhalb 3000 GHz liegen. Und sie benutzen das zur Kommunikation, aber sie machen diese Wellen nicht selber. Dafür haben sie Maschinen gebaut!
FA: Ach so! Jetzt verstehe ich! Na dann, wer hat denn die Maschinen gebaut. Das sind wahrscheinlich die, mit denen wir reden sollten!

HW: Madame, das ist doch genau, was ich Ihnen sagen will! Sie haben die Maschinen selber gebaut! Fleisch hat diese Maschinen gebaut!

FA: Ich habe echt keinen Bock auf irgendwelche dummen Scherze. Wie soll den Fleisch eine Maschine bauen! Pfft! (lacht) Du verlangst von Deiner Vorgesetzten, dass sie glauben soll, dass es Fleisch gibt, dass Empfindungen besitzt?
HW: Ich verlange gar nichts von Ihnen, Madame. Es ist einfach ein wissenschaftlicher Fakt. Diese Kreaturen sind die einzige empfindungsfähige Spezies in diesem Arm der Milchstraße. Und sie sind komplett aus Fleisch.

FA: Das kann nicht sein. Gut, es gibt die Orlofei. Du weißt, dass ist eine kohlenstoffbasierte Intelligenz. Die durchläuft in der Entwicklung eine Fleischphase. Vielleicht sind sie wie die Orlofei und Du hast nicht gründlich geforscht.
HW: Nein, Madame. Das kann ich völlig ausschließen. Sie werden als Fleisch geboren und sie sterben als Fleisch. Wir haben verschiedene Exemplare über ihre ganze Lebensspanne immer wieder untersucht. Das war nicht besonders langwierig, das ging zügig. Haben Sie eine Vorstellung, wie kurz die Haltbarkeit von dieser fleischbasierten Spezies ist?

FA: Nein, danke! Bitte erspare mir so emotionales Geschnulze – ich bin nicht interessiert. Na gut. Wenn sie nicht wie die Orlofei sind, dann vielleicht wie Weddilei? Die sind zwar nicht besonders intelligent, aber sie haben einen Fleischkopf mit einem Elektronenplasma-Gehirn. Das könnte doch sein?
HW: Nein, Madame. Den Verdacht hatte mein Team auch, das haben wir auch gründlich untersucht. Sie sind nicht wie die Weddilei. Wir haben sie wirklich komplett gescannt. Sie sind durch und durch nur aus Fleisch!

FA: Also haben sie kein Gehirn?
HW: Doch, doch! Die haben schon so etwas wie ein Gehirn, kein Zweifel! Aber das Gehirn ist eben auch aus Fleisch. Das ist genau das, was ich die ganze Zeit zu sagen versuche!

FA: Beim großen Beobachter – das ist ja abstossend! Was … ich meine … Wie denken die denn dann?
HW: Madame, Sie wollen nicht verstehen, oder? Sie weigern sich innerlich zu akzeptieren, dass unsere Untersuchungen zu diesem Ergebnis gekommen sind. Bitte, hören Sie mir aufmerksam zu: Das Gehirn übernimmt das Denken! Das Fleisch denkt!

FA: Pah! So ein Unsinn! Denkendes Fleisch! Du willst allen Ernstes, dass ich mir denkendes Fleisch ausmalen soll! Ich soll glauben, dass Fleisch denken kann! Das widerspricht allem …
HW: Ja, denkendes Fleisch! Fleisch mit einem Bewusstsein von sich selber! Fleisch, das lieben kann, Fleisch das träumen kann! Alles nur Fleisch – nicht mehr und nicht weniger. Madame, ich muss Sie bitten, mir endlich zu glauben! Oder soll ich meine Ausführungen noch einmal beginnen?

FA: Das ist ja … Fleisch mit Selbstbewusstsein. Das denken kann … Aber: Was denkt denn Fleisch? Was haben die denn so im Sinn?
HW: Na ja, zuerst einmal wollen sie wohl mit uns reden. Sie wollen wissen, ob sie die Einzigen sind. Danach wollen Sie wohl das Universum erforschen und andere intelligente Lebensformen kontaktieren und mit denen Ideen und Informationen austauschen. Sie wissen schon, Madame, ganz das Übliche eben!

FA: Wir sollen mit … (angeekelt) mit Fleisch reden?
HW: Na ja, so stellen die sich das vor. Das ist auf jeden Fall die Botschaft, die sie dauernd ins All absondern: „Hallo? Ist da jemand? Könnt ihr uns hören? Irgendjemand zu Hause? Sagt doch einmal ‚Piep‘!“ So in der Art ungefähr.

FA: Dann können die wirklich kommunizieren? Das bedeutet, sie haben Wörter! Und Ideen! Und sogar Konzepte, das Universum zu verstehen?
HW: Oh ja! Sogar viele verschiedene! Bloß, dass sie das alles halt mit Fleisch machen!
FA: Moment, Moment! Hast Du nicht gerade gesagt, dass sie Radiowellen zur Kommunikation verwenden?

HW: Ja, das tun sie auch. Aber jetzt raten Sie einmal, Madame, was da im Radio zu hören ist? Hm? Fleischgeräusche! Sie senden Fleischgeräusche! Wissen Sie, wie das Geräusch, das entsteht, wenn man auf Fleisch klopft. Sie haben sogar Musik! Die können singen, indem sie Luft durch ihr Fleisch pressen!
FA: Oh, beim großen Beobachter! Ich glaube, mir wird schlecht! Das ist ja ekelerregend! Das ich mir das vorstellen muss! Singendes Fleisch! Ich glaube, ich muss bald in Ruhestand gehen. Diesen Job ertrage ich nicht!

HW: Tut mir leid, Madame. Für mich und mein Team war es auch nicht gerade leicht.
FA: Lass uns das Debakel hier bald beenden. Also, was Dein Team angeht und Dich: Was wäre denn euer Ratschlag, nachdem ihr euch mit dem Fleisch da unten auskennt?
HW: Madame, wollen Sie meine offizielle Meinung oder meine persönliche?
FA: Am besten beide!

HW: Madame, offiziell sind wir verpflichtet, alle intelligente Lebensformen oder Multiformen in diesem Quadranten der Milchstraße zu kontaktieren. Wir haben den Auftrag, sie zu begrüßen und uns mit ihnen einzuloggen. Dabei haben wir weiter den Auftrag, hierbei keine Spur von Vorurteil oder Angst oder Abneigung zu entwickeln oder zu zeigen.
FA: Und Deine persönliche Meinung?

HW: Madame, mein persönlicher Rat wäre: Wir löschen alle Aufzeichnungen meines Teams! Wir alle sind bereit, auszusagen, dass wir keine Intelligenz gefunden haben. Und dann vergessen wir das Ganze und besuchen das nächste Sonnensystem!
FA: Prima! Ich hatte gehofft, dass Du das sagst!

HW: Das wird natürlich nicht ganz einfach. Aber es gibt einfach auch für uns Grenzen der Zumutbarkeit, oder? Ich meine: Wollen wir das? Wollen wir wirklich Kontakt mit … Fleisch aufnehmen?
FA: Ich bin vollkommen Deiner Meinung! Zu einhundert Prozent! Was sollte das auch bringen? Was sollen wir denn sagen? „Hallo Fleisch?“
(beide lachen)
FA: Aber: Wird das funktionieren? Können wir das? Wieviele Planeten betrifft denn das Fleischproblem?

HW: Das ist ja das Gute! Nur diesen einen Planeten! Die haben es zwar hingekriegt, spezielle Fleischbehälter zu bauen, in denen sie wahrscheinlich irgendwann auch zu anderen Planeten in ihrem System fliegen können – aber: Sie können nicht auf diesen Planeten leben! Weil sie ja Fleisch sind! Und jetzt kommt das Allerbeste: Weil sie eben Fleisch sind, können sie nur durch den C-Raum reisen!
FA: Ach?
HW: Ja! Und das wird sie immer auf Reisegeschwindigkeiten unter Lichtgeschwindigkeit halten, rein aus physikalischen Gründen! Die Wahrscheinlichkeit, dass sie von sich aus jemals Kontakt aufnehmen, ist sozusagen astronomisch gering! Niemand wird bemerken, dass wir die Daten gelöscht haben!

FA: Das ist die erste gute Nachricht des Tages. Also tun wir einfach so, als wäre niemand da draussen zu finden im Universum?
HW: Das wäre unser Vorschlag, Madame!

FA: Aber wir müssen uns schon bewusst machen, dass das ein klitzekleinewenig grausam ist, oder?
HW: Ja, Madame. Aber reicht das, um uns zu zwingen, dass wir mit Fleisch kommunizieren?
FA: Argh! Sag‘ das bitte nie mehr! Aber, noch eines: Was ist denn mit den Fleischwesen, die Dein Team untersucht hat? Die werden sich doch erinnern und den anderen alles brühwarm erzählen, oder?

HW: Das tun sie, Madame. Schon seit fast hundert Sonnenzyklen. Aber: Keiner glaubt ihnen! Die werden alle für Spinner gehalten. Und nach einiger Zeit glauben die Experimente selber, dass sie nur geträumt haben! Ist das nicht faszinierend?
FA: Fleisch, das träumt! Ist das nicht seltsam passend, dass Fleisch von uns träumt?
HW: (lacht) Ja, Madame. Wir haben also in gemeinsamen Einverständnis diesen ganzen Arm der Milchstraße als Zone ohne intelligentes Leben markiert, Madame!

FA: Sehr schön! Dann lasst uns schnell weiterfliegen, Kinderchen! Vielleicht können wir das Fleisch schnell vergessen! Nicht, dass ich Alpträume bekomme von sprechendem Fleisch! Gibt es in der Nähe noch etwas Interessantes, damit wir die vergangene Zeit erklären können?
HW: Ja, Madame. In der Zone G445 gibt es einen Stern der Klasse Neun. Da existiert eine schüchterne, aber wirklich sympathische Wasserstoffkerncluster-Intelligenz. Mit der hatten wir vor zwei galaktischen Zyklen schon Erstkontakt. Da wollte sie nichts von uns wissen. Aber jetzt …
FA: Jetzt will sie uns kennenlernen.

HW: Ja. Genau. Jetzt will sie Kontakt.
FA: Sie wollen alle Kontakt. Früher oder später.
HW: Ja, Madame. Alle.
FA: Das ist ja auch verständlich. Stell dir vor, wie unerträglich, wie unaussprechlich kalt das Universum wäre, wenn man ganz allein wäre!


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