Das Silvesterkalb


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Silvester ist unumgänglich, denn kein Fest ist so unüberhörbar. Kosten hin, Feinstaub her: Bislang gehört zum Jahreswechsel der Geruch nach Pulver und explodierende Raketen. Mag sich jeder ein eigenes Urteil bilden!

Für die Eltern unseres Erzählers gibt es ein ganz besonderes Silvester-Erlebnis. An diesem Festtag wollten seine Eltern ihren überlegenen, alternativen Lebensstil demonstrieren. Ein Unterfangen, dass – soviel sei verraten – mit komischer Grandeur misslingt.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Happy New Year“ von Devyn & Rose / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Wie anders wir 1989 lebten, hat mir Otto klar gemacht. In seinem Film „Der außerfriesiche Götterbote“ gibt es eine Szene, wo er naiven Öko-Bauern drei alte Eimer andreht. Als „Müll-Trennungs-Behälter“. Man war sich uneins, wie man einen Teebeutel richtig entsorgt.

Teebeutel, doziert Otto in Norwegerpulli und mit Nickelbrille, sind ein Mehr-Komponenten-Müll. Der Tee selber gehört auf den Kompost, der Beutel ins Altpapier, aber die Klammer ist natürlich Alt-Metall und die Schnur ist – wenn man eins sein will mit Natur und Umwelt – die Schnur ist natürlich Alt-Schnur!

Die Szene lebt davon, wie genau Otto den Öko-Sprech parodiert. „Da hast Du natürlich unheimlich recht“ – Kunstpause, in die Augen kucken – „Jens“.

Im Kino sorgte das für Erheiterung. Ich saß im Saal, gerade einmal 12 Jahre alt, und war ratlos. Otto liebte ich, aber bei diesem Gag fehlte mir das Verständnis. Für mich war die Szene auf der Leinwand nicht Satire, sondern tägliche Realität.

Solche oder ähnliche Fragen beschäftigten uns, seit wir den Bauernhof hatten. Denn meine Eltern waren exakt wie die Ökos in diesem Film.

Als ich sechs Jahre alt war, beschlossen sie, auszusteigen und kauften einen kleinen Hof irgendwo in Schleswig. Na ja, mein Vater kaufte den und stellte meine Mutter vor vollendete Tatsachen. Aber bald gab sie sich zumindest Mühe dabei, den neuen Lebensstil zu teilen.

Meine Eltern waren studierte Germanisten ohne feste Jobs, als mein Bruder und ich auf die Welt kamen. Darum lag es auf der Hand, etwas anderes zu versuchen. Statt, wie die Eltern meiner Eltern, in dieser Scheiß-Gesellschaft als Chirurgen oder Rechtsanwälte, ohne jegliches Umweltbewußtein, viel Geld zu verdienen.

Meine Eltern wollten autark von ihrer eigenen Hände Arbeit leben! Sie wollten ein Gegenmodell zur kapitalistischen Leistungsgesellschaft verkörpern. Ein Exempel statuieren! Ein Statement sein!

Das sie das nur aufgrund umfangreicher finanzieller Zuwendungen ihrer eigenen Eltern konnten, erfuhr ich erst viel später.

In meiner Kindheit dienten meine Großeltern nämlich als Negativbeispiele für die andere Seite. Der dicke Bauch meines Opa: Völlerei. Der Herzinfarkt meines Opi: Stress. Der Mercedes: Kapitalismus. Die Reisen rund um die Welt: Kolonialismus.

In den Achtzigern war Öko noch deutlich ideologischer als jetzt, wo Hinz und Kunz bei Aldi Bio-Milch kaufen.

Zu dem Bauernhof gehörten ein Traktor, ein kleiner Stall, zwei Kühe, ein Stier, ein schmuddeliger Golden Retriever, ein Dutzend Hühner, ein Hahn, ein Böllerofen in der Küche als Heizung für das ganze Gebäude und ein Brunnen im Hof statt fließend Wasser. Wieviel Grund wir hatten, weiß ich nicht, aber hinter dem Haus gab es einen Gemüsegarten. Kein Luxus also für die Retter der Umwelt.

Im Jahr des Umzugs wurde ich auch eingeschult, aber ich kann mich nicht erinnern, viel gehänselt worden zu sein. Tatsächlich gab es einige Höfe in der Nachbarschaft, die nicht viel anders waren als unserer. Und meine Klassenkameraden kamen gerne bei uns vorbei.

Da meine Eltern nicht die geringste Ahnung von Landwirtschaft hatten, waren sie chronisch überfordert und unser Haus ein Eltern-freier Raum. Wir konnten tun und lassen, was wir wollten.

Schon in der ersten Woche nach dem Umzug stellte sich heraus, dass es gar nicht so leicht ist, ein Bauer zu sein. Vor allem, wenn man bis dahin ein Buchmensch war, wie mein Vater. Und sich mit Problemen beschäftigt hat wie der Frage, ob die Wieland-Übersetzungen von Shakespeares Werken nicht eigentlich selbstständige Frühwerke der Romantik sind.

So einen Traktor anzulassen, war ein Problem, dass sich nicht durch Textanalyse oder Neu-Übersetzungen vom englischen Original lösen ließ. Erstaunlich eigentlich, wie viele Fehler man dabei machen kann. Sind dem menschlichen Erfindungsreichtum überhaupt Grenzen zu setzen?

Und: Würden die jungen Ökobauern jemals ihren Hahn wiederfinden, nachdem der Öko-Bauer mit dem Traktor im Rückwärtsgang den Hühnerstall umgefahren hat?

Beide Fragen lassen sich im Nachhinein eindeutig mit „Nein“ beantworten.

Speziell durch diesen Stunt, aber auch durch ähnlich waghalsige Aktionen gewann mein Vater im Dorf bald einen Ruf. Die Stammtische hatten ein Thema mehr, so viel war sicher.

Unser Nachbar im Westen meinte zu meinem Vater: „Seitdem Du da bist, gibt es im Dorf endlich wieder ‘was zu lachen!“

Der Nachbar im Osten sagte: „Bisher hatten wir hier zwei Arten von Bauern. Wir hatten schlaue Bauern und wir hatten dumme. Und jetzt bist noch Du dazugekommen!“

Mit seiner trotzigen Einstellung war mein Vater beratungsresistent, während meine Mutter, durch viele Tipps der Nachbarinnen, im Gemüsebeet bald die ersten Ernte-Erfolge hatte.

Es gäbe reichlich lustige Geschichten von dem Germanisten mit den zwei linken Händen zu erzählen, aber heute geht es um das Silvesterkalb. Oder: Wie mein letztes Silvester-Fest verlief.

Weihnachten in diesem ersten Jahr auf dem Land fiel komplett aus. Zum einen, weil das sowieso ein kapitalistisches Konsumfest war, mit einer notdürftigen Zuckerschicht aus christlichen Legenden. Und zum anderen, weil da unser zweites Kalb entbunden wurde.

Man liest immer wieder, wie schwierig es ist, wenn eine Kuh kalbt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Das ist Unsinn. Unsere Kuh Selma stellte sich selber trocken, das heißt, sie ließ sich nicht mehr melken.

Eines Morgens lag sie im Stall und bekam sie Wehen. Die Tatsache, dass wir vier alle mitatmeten, war ihr relativ egal. Schnell sah man zuerst die Vorderhufe, bei der nächsten Wehe den Kopf und bei der übernächsten schlüpfte das fertige Kalb in einem Rutsch aus Selma raus.

Die Nabelschnur riss ab, das Kälbchen wurde einmal komplett abgeleckt und nach vielleicht einer halben Stunde standen auf einmal drei Kühe in unserem Stall.

Es war für uns sehr tragisch, als dieses erste Kälbchen, Juana – benannt nach einer bolivischen Freiheitskämpferin – im zu kleinen Stall erdrückt wurde.

Als sich unsere andere Kuh, Rosie, auch selber trocken stellte, wussten wir, dass wir etwas ändern mussten. Und so verlegte mein Vater in der großen Wohnküche unseres Bauernhofs eine Plane und baute einen kleinen Zaun darum. Mit genügend Stroh und Heu war unsere Neugeborenen-Station praktisch fertig.

Das war für unser zweites Kälbchen Mariana – nach einer kubanischen Freiheitskämpferin benannt – sicher eine schöne Sache. Die Küche, in der der Bollerofen stand, war der wärmste Platz im Haus.

Wer allerdings glaubt, dass Kälbchen keinen Stuhlgang haben, der täuscht sich. Und wer glaubt, dass es im Dezember keine Stubenfliegen mehr gibt, der sollte in seiner überhitzten Küche experimentell mal ein bisschen Bio-Stroh und Öko-Heu verteilen.

Die Situation war angespannt. Mein Bruder und ich freuten uns über die Anwesenheit von Mariana, die wir am Frühstück teilnehmen ließen – meine Mutter hielt deutlich einen, sagen wir einmal, gesunden Abstand.

Silvester sollte dieses Jahr Weihnachten ersetzen. Wir Kinder würden Geschenke bekommen, beide Großelternpaare würden zu Besuch kommen und ein Festmahl war geplant. Wenn die Alten sehen würden, dass wir autark von den Erzeugnissen unserer kleinen Farm leben könnten, dann würden sie vielleicht aufhören, am Telefon ständig besorgte Fragen zu stellen.

„Kriegen die Kinder auch genug Vitamin B12? Ist Rohmilch überhaupt für moderne Menschen genießbar? Bekommt man von zu viel Ballast-Stoffen einen Darmverschluss? Was macht ihr, wenn der Brunnen zufriert? Warum ist der Papa schon wieder in der Notaufnahme gewesen?“

Und schließlich: „Habt ihr eigentlich alle schon die Krätze?“ Alles Fragen, die wahrscheinlich alle Eltern ihren Kindern einmal die Woche stellen, oder?

Am 31.12. hieß es also, einen Beweis für die allgemeine Lebenstauglichkeit unserer Familie zu erbringen. Und einen Beweis für die seligmachende Wirkung des alternativen Lebensstils. Es ging um nichts anderes als: Einfach Alles.

Am Morgen bereitete mein Vater die Festtafel. Eigentlich baute er sie erst einmal. Er verband mit ein paar Latten zwei Tapeziertische miteinander. Als es ihm dann gelungen war, Latten und Tapeziertische wieder vom Dielenboden zu lösen, feilte er alle überstehenden Nägel säuberlich ab.

Das dauerte ungefähr bis Mittag. Danach galt es, seine zweite Feiertags-Pflicht zu erfüllen und unseren einzigen Karpfen, den wir Kinder zärtlich Paul getauft hatten, zu ermorden. Keine leichte Aufgabe für ein Akademikerkind mit zwei linken Händen und einer sanften Seele.

Doch meine Mutter ließ sich nicht davon überzeugen, dass Kartoffelmus und Karottengemüse ohne Karpfen auch schon als Festmahl zu bewerten sind.

So saß mein armer Vater am Badewannenrand und blickte wehmütig auf Paul, der da schon ein paar Tage seine hospitalistischen Bahnen zog. Ihn zu ermorden, indem er ihm den Schädel einschlug, kam nicht in Frage. Eine Hinrichtung durch einen Stich ins Herz, so wie das Angler machen, war auch nicht vorstellbar. Dazu müsste man zumindest eine Ahnung davon haben, wo das Herz im Fischkörper angebracht ist.

Also verfiel er auf eine andere Idee. Eine Idee vom Typ: „Es gibt schlaue Bauern und dumme Bauern und meinen Vater.“ Er nahm unsere Stehlampe, schraubte den Lampenschirm ab und die Glühbirne aus und warf sie in die Badewanne. Eine Art elektrischer Stuhl für Karpfen war wohl die Idee.

Wenn man einen Weltkrieg durchgestanden hat und dann noch einmal vierzig Jahre treu seine Pflicht erfüllt hat, dann kann man auch einmal aufgeben. Dachte sich die eine, große, schwarze Keramik-Sicherung bei uns im Keller und verstarb. Womit sie deutlich schneller war als Paul, der immer noch seine Bahnen drehte. Ist einem Karpfen egal, ob es dabei stockdunkel ist oder nicht.

Nach diesem Mordanschlag verschwimmen die Ereignisse in meiner Erinnerung etwas. Meine Mutter beauftragte mich und meinen Bruder, den Platz von Mariana in der Wohnung dramatisch einzuschränken und noch einmal auszumisten.

Als Vater mit verheulten Augen, einem Kerzenleuchter und der Leiche des Karpfens die Treppe herunterkam, trauten wir uns alle nicht, zu fragen, wie er das nun angestellt hatte.

Durch den Bollerofen in der Küche konnte aber das Festmahl zubereitet werden und meine Eltern freuten sich wie die Kinder, dass sie vom Stromnetz unabhängig waren.

Vielleicht war das auch der Tatsache geschuldet, dass meine Mutter sich schon den ganzen Tag einer Flasche Sherry gewidmet hatte und mein Vater nach seinem Mord am Karpfen nun versuchte, sie mit Korn wieder einzuholen.

Trotzdem: Als meine Großeltern eintrafen, wirkte unser Bauernhäuschen wirklich sehr festlich. Wir hatten fast hundert Kerzen angezündet und unter der Damast-Tischdecke der Nachbarin erkannte man die Tapeziertische nicht. Meine Mutter hatte das wertvolle Kristallgeschirr meiner Urgroßmutter gedeckt und Pauls Leiche köchelte in einer Sauce aus Gartengemüse und viel Weißwein vor sich hin.

Schwer beeindruckt nahmen alle an der Tafel Platz und meine Eltern strahlten beide wie undichte Castor-Behälter. Hätten wir nur ein Foto von diesen dreißig Sekunden! Von diesem sehr kurzen Moment des Triumphs.

Es war ein wirklich schweres Jahr für die beiden gewesen und nun hatten sie es trotz aller Widrigkeiten geschafft, ihre Risiko-Kapitalgeber von der Richtigkeit ihres Lebensentwurfs zu überzeugen.

Müssten sie jetzt nicht einsehen, dass es viel natürlicher und gesünder und stressfreier und normaler und ökologischer und moralisch richtiger war so zu leben wie wir? Statt als Chefarzt in einem Krankenhaus? Oder als viel gefragter Rechtsanwalt in Versicherungsfragen?

Lasst uns dieses eine, wunderschöne, romantische Bild nicht vergessen! Gönnen wir meinen Eltern diese dreißig Sekunden ihres kleinen Triumphs.

Schon beim Servieren der Leiche von Paul, begann alles auf eine sehr schräge Ebene zu geraten.

Paul war schlicht nicht genießbar. Selbst mein Vater, der bisher jede Küchensünde, die man mit biologisch-dynamischen Lebensmitteln anstellen kann, heruntergewürgt hatte, spuckte sein Essen wieder aus.

Paul schmeckte so, als würde man auf Moos kauen, dass man wochenlang in stockigem Wasser mariniert hatte. Was ja auch seine Lebensumstände ganz gut beschrieb.

Das Loblied auf das Kartoffelmus von eigenen Kartoffeln mit eigener Butter, begleitet von eigenen Karotten mit eigener Butter und heruntergespült mit viel Weißwein vom Supermarkt war jetzt nicht mehr wirklich geheuchelt. Nur ein bisschen übertrieben.

Meine Mutter erhob sich, mit der Absicht, die Situation zu retten, indem sie eine Rede hielt. Sie wusste ja, dass sie noch ein Ass im Ärmel hatte! Die Eistorte mit Obst aus unserem Garten, die heimlich als Nachspeise noch im Eisfach unseres Kühlschranks auf den Notfalleinsatz wartete.

Sie klopft mit der Gabel an ihr Lieblings-Sherryglas – Butter spritzt auf’s Kleid meiner Oma – und meine Erinnerung stellt sich um auf Super-Slow-Mow.

Mariana ist eine Kuh, die es auf dieser Welt seit genau sieben Tagen gibt. Wer würde annehmen, dass ein Kuhbaby es schafft, mit einem Sprung nicht nur den Zaun zu überwinden, sondern direkt auf der Festtafel zu landen?

Alle Menschen am Tisch springen vor Schreck auf. Bei der Oma, die nicht Butter auf dem Kleid hat, wird der Stuhl aber gestoppt und sie fällt mit diesem um und landet auf unserem Golden Retriever, der panisch unter den Tisch flüchtet.

Kalb und Hund gleichzeitig auszuweichen, überfordert aber die durch Sherry eingeschränkten motorischen Fähigkeiten meiner Mutter und sie landet auch auf dem Tisch. Die Latten, die mit Nägelstümpfen an die Tapetentische gehängt waren, geben nach und das Kristallgeschirr meiner Urgroßmutter zerspringt in tausende leuchtende, winzige Glasbröckchen.

Ich sehe meine Mutter auf allen vieren in den Trümmern ihres Triumphs kauern. Es sind noch nicht alle Splitter des Geschirrs gelandet, als sich die Tischdecke entzündet. Die Kerzenbeleuchtung und der Anti-Paul-Schnaps machen aus der Festtafel ein Neujahrsfeuer!

Innerhalb von nicht einmal drei Sekunden hatte sich der Triumphzug meiner Eltern in schieres Chaos verwandelt. Zum Glück gibt es aber, außer Paul, keine weiteren Toten oder Verletzte zu vermelden.

Nach einer Stunde Aufräumarbeiten versammeln wir uns wieder in der Wohnküche und sitzen uns gegenüber. Ohne Tisch hat das etwas sehr Absurdes und Verzweifeltes, keiner weiß genau, wo nun die Hände so hingehören.

Die letzte Hoffnung auf wenigstens einen Teilsieg ist die Eistorte. Doch, aufmerksame Hörende ahnen es bereits, die schwappt meiner Mutter entgegen, als sie den Kühlschrank öffnet. Ohne Strom konnte sie bei gefühlt 35 Grad Raumtemperatur ihren Aggregatszustand nicht mehr aufrechterhalten.

Meine Mutter weint ein bisschen und meine Großeltern flüchten, während der Retriever die Eistorte vom Boden schleckt.

Seitdem haben wir nicht mehr Silvester gefeiert, sondern wieder Weihnachten. Und: Seitdem steht das Lieblings-Sherry-Glas meiner Mutter auf der Kommode im Schlafzimmer. Als Aufbewahrung für ihren Ehering.

Ein Narr, wer Böses dabei denkt.