Selbst-Bewusst-Sein


„Die 10 goldenen Regeln für ein starkes Selbstbewusstsein“ oder „Selbstbewusstsein stärken in nur fünf Sitzungen“ sind die Suchtreffer ganz oben auf der ersten Seite in Google.

Das Selbstbewusstsein scheint ein Muskel zu sein, den man trainieren kann. Und, so ist das wohl, dieser Muskel ist in unserer Gesellschaft ungeheuer wichtig!

Das liegt daran, dass wir Selbst-Bewusstsein mit Selbstvertrauen verwechseln. Und auch daran, dass die Macher der obigen Angebote genau wissen, dass wir dieses Selbst-Bewusstsein nicht haben.

Es ist tatsächlich wichtig, ein Bewusstsein seiner Selbst zu entwickeln – gar keine Frage. Aber das funktioniert völlig anders, als man erwarten mag. Weil es eben kein Muskel ist.


Download der Sendung hier.
Musik: „Life Should Be So Wonderful“ von Noam Bonatti / CC BY-ND 3.0


Skript zur Sendung

Es hat mich schon immer gewundert, warum im Deutschen Selbst-Bewusstsein ungefähr das Gleiche bedeutet wie Selbstvertrauen. Während der gleiche Begriff im Englischen „Self-Consciousness“ genau die gegenteilige Bedeutung hat. Da bedeutet Selbst-Bewusstsein eher Befangenheit oder Unsicherheit.

Das scheinen so die beiden Ergebnisse zu sein, wenn wir so mit unserem Selbstbild ringen.

Selbst-Bild ist das nächste komische Wort. Das würde ich gerne, allen Ernstes ins Englische übersetzen mit: Selfie.

Ein Selfie ist eine Datei-gewordene Projektion unserer Außendarstellung. Das ist bei weitem nicht so spontan, wie viele glauben. Bei einem Selfie fließt unbewusst viel Energie in Motiv, Hintergrund, Komposition. Und natürlich in die Mimik und die Gestik.

Erst mit ganz viel Anstrengung wird aus einem Selfie ein spontaner Schnappschuss.

Darum schauen sich die Selfies so ähnlich. Darum machen da so viele meistens das gleiche bescheuerte Gesicht. So ein gutes Selfie machen ist schon fast eine eigene Kunst.

Ein Selfie sagt genauso viel über uns aus wie unser eigenes Bild von uns. Wie unser Selbst-Bild.

Schon putzig, wie sich die sozialen Medien zu Selbst-Darstellungs- zu Image-Plattformen verändert haben.

Was für mächtige Instrumente wir da haben, das haben wir schon wieder vergessen! Dass man jederzeit per Skype um den Planeten Video-telefonieren kann, ist eigentlich unglaublich!

Und wie man mit Facebook soziale Kontakte aufrecht erhalten kann, die man früher einfach aus den Augen verloren hätte, ist eigentlich auch super! So hab ich z.B. kürzlich einen Schulkameraden aus der Grundschule gefunden, Tatsache!

Irgendwie hat man das Gefühl, dass alles verknüpft ist und alles sehr nahe. Wir sind Teil eines großen Netzwerks und ständig von anderen Menschen und neuen Informationen umgeben.

Nie mehr Einsamkeit, nie mehr Langeweile, immer was zu hören, sehen, lesen! So haben wir uns das gebaut. So haben wir es wohl gewollt.

Komisch nur, dass wir uns alle noch nie so alleine und isoliert gefühlt haben wie jetzt.

Komisch, dass wir in einer vernetzten Welt mit allem verbunden sind, nur nicht mehr mit uns selber.

Komisch, dass uns jeder Imagegewinn durch Selbstdarstellung einen Schritt weiter von uns selber entfernt.

Dabei kann man wirklich sagen, dass wir uns alle Mühe geben. Unsere Gedanken kreisen eigentlich die meiste Zeit um uns selbst.

Was wir fühlen, wie wir betrachtet werden, was wir fühlen sollten, wie wir betrachtet werden wollen, was wir tun und was wir tun sollten, was wir nicht tun oder eben lassen sollten, wie wir wohl sind und wie wir wirken, wie wir sein wollen und wie wir wirken wollen und vielleicht auch noch wie wir wirken sollten?!

Die ganze Zeit drehen sich unsere Gedanken eigentlich um uns selber.

Und wir alle haben von uns selber eigentlich eine echt gute Meinung oder? Wir sind doch echt tolle Menschen!

Und gleichzeitig haben wir alle von uns eine schlechte Meinung.
Was passiert nur, wenn die anderen merken, dass ich eigentlich ein Betrüger bin? Das ich eigentlich ein Verlierer bin…?

Man kann also mit Sicherheit behaupten, dass unser Selbstbild verzerrt ist. Die Tatsache, dass wir uns alle ständig überschätzen und unterschätzen, ist Indiz genug.

Da bräuchte es eigentlich die Bestätigung durch die Psychologie gar nicht mehr, die uns in diesem Punkt sehr schön sezieren kann.

Diese Psychologie, die uns auch prima belegen kann, dass unsere Nächsten ein schärferes Bild von uns haben als wir selber.

Wenn man wissen möchte, wie man so ist, dann sollte man eigentlich besser den Partner fragen.

Macht aber keiner, weil wir alle denken, dass wir den ja auch nur irgendwie reingelegt haben. Wir wollen ungern Komplimenten glauben, und Lob können wir auch nicht annehmen. Weil wir unserem Selbstbild trotz erdrückender Beweise doch lieber glauben als den Nächsten.

Die Wahrheit ist, dass wir gar kein Selbst-Bewusstsein haben.
Die Wahrheit ist, dass unser Eigenbild eine Selbstlüge ist.
Die Wahrheit ist, dass wir uns selber gar nicht richtig anschauen wollen!

Es gibt eigentlich nichts, vor dem wir mehr Angst haben.
Wir haben Angst davor, dass wir schlechter sind als unser Selbstbild.
Wir haben Angst vor dem Nichts, der Langeweile.
Wir haben alle eine Heidenangst vor uns selber.

Und darum machen uns die sozialen Medien nur noch einsamer.
Weil sie uns so prima ablenken können von uns selber.
Weil da kein Nichts ist, sondern immer Etwas.
Weil da keine Langeweile ist. Das nächste Dings, das vielleicht interessant ist, ist nur einen Klick weit weg. Oder noch einen Klick. Oder noch einen Klick.

Macht ihr das auch manchmal, dass i hr euch so ein inneres Limit setzt: „Jetzt nur noch drei Klicks, dann höre ich aber auf und mache ‚was anderes!“ Und geht’s euch auch so, dass das selten klappt? Mir jedenfalls, weil beim nächsten Klick hab ich’s natürlich schon wieder vergessen.

Es ist vielleicht wirklich so, wie Blaise Pascal es einmal formuliert hat in seinem Büchlein „Gedanken“: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Oder: Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass wir uns vor uns selber fürchten.
Vor dem Nichts, dass da vielleicht ist.
Vor der Langeweile.

Es ist bei der Angst vor uns selber tatsächlich auch so wie bei anderen Ängsten.
Wenn wir ihr begegnen wollen, dann müssen wir ihr ins Auge schauen.

Wir müssen sie erleben und durchschreiten, um überhaupt zu wissen, ob dahinter etwas ist. Ob diese Angst überhaupt begründet ist, worauf dieses Angst beruht…

Sollte da wirklich nichts sein, dann können wir ja wieder zu Netflix, Twitter oder „Dschungelcamp“ zurückkehren. Der ganze Selbst-Betäubungs-Apparat wartet ja brav auf uns. Unser Geld wird gebraucht. Werbung anschauen ist erste Bürgerpflicht.

Es gibt also nicht viel zu verlieren eigentlich, oder? Das Risiko ist ausgesprochen gering.

Aber – Wie könnte man das denn anfangen?
Wie begegnen wir uns selber?
Wie werden wir uns unserem Selbst bewusst?

Na ja, wir könnten es so machen, wie Blaise Pascal vorschlägt. Einfach für eine halbe Stunde in einem Zimmer bleiben. Auf der Couch hocken. Ohne Handy, Telefon, Fernsehen, Zeitung, Musik und sogar ohne das morgenradio natürlich.

Das wäre die ganze Übung. Jeden Tag eine halbe Stunde still auf dem Sofa.

Da braucht man keine Räucherstäbchen für. Keine New-Age-Musik. Keinen Meditationskurs. Keinen Yoga-Kurs oder Pilates-Unterricht… und sicherlich auch kein Selbstfindungs-Coaching.

Nein, man muss vorher auch kein Meditationskissen kaufen und auch keine spirituellen Bücher lesen.

Scheiß auf Zen, scheiß auf Meditation!
Zur Hölle mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit!
Verpiss‘ Dich „mindfullness“ und völlig gepfiffen auf höhere Ebenen des Bewusstseins.

Das mögen alles wichtige Dinge sein, auf der Suche nach unserem perfekten Leben, aber das sind auch alles Mittel und Wege, um uns wieder nur abzulenken! Und sogar noch schlimmer, sie deprimieren und verängstigen uns und nähren nur wieder unsere Scham und unsere Selbstzweifel… fängt es wieder an: „Bin ich gut genug?“

Es ist nicht so, dass man bestimmte ausgefeilte Techniken erlernen muss, um einfach ein Mensch zu sein!

Es ist nicht so, dass man sich darauf vorbereiten müsste, einfach einmal nichts zu tun!

Das kann jeder. Jeder Depp und jede Deppin.
Sich einfach auf eine Couch setzen und eine halbe Stunde nichts zu tun.

Trotzdem ist das für die meisten Menschen furchtbar schwierig. Mir geht es auf jeden Fall so.

Manche entwickeln davor eine richtige Panik.

Andere werden von so einer inneren Unruhe geplagt, dass sie es einfach nicht aushalten.
Und die allermeisten finden sehr kreative Ausreden, das nicht zu tun.

Ist ja noch so viel zu tun.
Oder: Ich mach ja Fitness, das ist meine Meditation.
Oder: Das ist aber furchtbar schlecht für die Wirbelsäule.
Am häufigsten in der Form: Das ist toll! Das versuche ich. Und zwar gleich morgen!

Aber es ist nicht schwierig. Einfach hinsetzen. Nicht ablenken. Alleine sein. Langeweile aushalten. Mehr nicht. Das ist alles.

Kein Atemzählen, kein Mantra, kein stures Starren auf einen Fleck. Eine halbe Stunde, das ist der Deal.

Man muss nur bereit sein dafür. Bereit für sich selbst.
Bereit sich selber sich selbst sein zu lassen!

Wenn man das das erste Mal macht, dann bemerkt man nach der ersten Unruhe, nachdem die Gedanken erst einmal in Panik davon galoppiert sind…
…dass das gar nicht so nicht schlimm ist, dieses Alleinesein.

Früher oder später beginnt man, sein Umfeld wahrzunehmen.

Das sitzt man dann da und bemerkt zum ersten Mal sein Wohnzimmer, dass man doch eigentlich schon so gut kannte. Ohne Ablenkung fallen uns lauter Details auf, die wir noch nie gesehen haben.

Alleine das macht unser Leben schon eine Spur detaillierter. Eine Spur reicher.

Und selbst wenn wir dachten, es wäre zu ruhig in unserem Wohnzimmer, bemerken wir jetzt ein ganzes Spektakel an kleinen Geräuschen. Eine kleine spontan improvisierte Symphonie.

Wenn wir das öfter tun, dann beruhigen sich unsere Gedanken auch schneller.

Und auf Dauer werden auch störende Dinge auf einmal normal. Selbst Straßenlärm kann man aushalten, wenn man aufhört, sich innerlich dauernd dagegen zu stemmen.

Wir sehen und hören die Dinge alle neu. Es ist fast so, als würde man alles zum ersten Mal entdecken.

Klar, es ist nicht so aufregend, auf einmal das Webmuster auf der Wolldecke wahrzunehmen wie eine Folge „Breaking Bad“ zu schauen.

Die Wolldecke hat keine Werbung geschaltet, sie hat keinen You-Tube-Kanal, sie schreit uns nicht dauernd entgegen, wie aufregend sie ist und wie einzigartig und wie preisgünstig.

Und sie verspricht uns auch nicht, dass wir uns für 40 Minuten komplett in ihr verlieren könnten. Um nicht spüren zu müssen, wieviel Angst wir vor uns selber haben.

Das macht sie alles nicht. Sie ist einfach ein Stück Stoff. Wie auch das Sofa einfach eine Sitzgelegenheit ist. Oder der Straßenlärm einfach Schallwellen.

Wolldecke, Sofa und Straßengeräusche verschlucken uns nicht mit Haut und Haaren, so wie die sozialem Medien das tun können. Sie lassen uns einfach neben sich existieren.

Bald, nach ein paar Versuchen, nehmen wir uns dann selber wahr.
Wenn der Alltag nicht mehr zu laut in uns denkt, dann spüren wir uns irgendwann.

Und das ist nicht immer toll, stimmt schon.
Wenn man zum Beispiel seine Angst spürt oder seine eigene Wut.
Aber es ist etwas ganz Anderes, als wenn man die Angst und die Wut die ganze Zeit unterdrückt und immer stärker macht.

Ich glaube persönlich wirklich, dass das die wichtigste Erfahrung ist, die man machen kann.
Die, mit sich alleine zu sein und sich nicht abzulenken.

Ich glaube, es gibt nichts, was einen mehr verändern kann, als das.

Und ich glaube, dass es in diesen Momenten ist, dass wir wir selber sind.
Das wir uns in solchen Momenten wirklich spüren.
Und dass das – genau das – das eigentliche Sich-Selbst-Bewusst-Sein ist.

Das lustige an diesem Selbst-Bewusstsein ist, dass es weder so positiv ist, wie im Deutschen und genauso wenig negativ wie im Englischen.

Man ist halt. Punkt. Das ist das Beste, was einem passieren kann.

Dieses sogenannte Selbstbild, spielt dann überhaupt keine Rolle mehr.
Dieses Selbstbild ist eine Projektion.

Wenn wir einfach nur sind, dann ist da kein Fragen danach, wie wir sind oder was wir sind…

Wenn wir alleine mit uns selber sind, dann rufen wir das Selbstbild gar nicht ab.
Das brauchen wir nicht, wenn wir da eine halbe Stunde auf dem Sofa sitzen.

Wenn wir einfach nur da sind, dann braucht es kein gut oder schlecht, brav oder böse, hübsch oder hässlich, reich oder arm, schnell oder langsam, dick oder dünn, intelligent oder naiv, kein positiv oder negativ.

Wir sind. Ich bin.
Wenn wir bei uns sind, gibt es keinen Grund.