Schwer in Ordnung

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Eine der zivilisatorischen Errungenschaften rund um das Kraftfahrzeug gibt es heute nicht mehr: Das Trampen. Man stelle sich vor: Noch in den Achtzigern sind junge Männer und Frauen planmäßig in den Autos Wildfremder durch Europa gefahren!

Unser Erzähler berichtet heute von einer eher beängstigenden Erfahrung mit dem Trampen. Doch hat man für seine Ängste nicht auch ein bisschen selber die Verantwortung?


Download der Sendung hier.

Musik: „Summer“ von Michael Ellis / CC BY-NC-SA 3.0

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Wir schreiben das Jahr 1988, es ist Herbst und natürlich regnet es den ganzen Tag. Ich mache mich in Wesel auf die Rückfahrt. Wesel kennt nicht jeder, dabei ist das eine ausgewachsene Hansastadt mit mehr als 60.000 Einwohnern und einem Kulturspielhaus, in dem gerade eine Freundin einen Auftritt hatte.

Ich fahre mitten in der Nacht die A3 zurück nach Hause. Zurück in meine kleine Wohnung in der Bundeshauptstadt. Die hieß damals Bonn.

Auf dieser Rückfahrt mache ich Station in einer Autobahnraststätte, um mir einen Kaffee zu holen. Denn mit meinem Fiat Panda dauert die Fahrt zwei Stunden und ich möchte nicht einnicken. Ich hasse lange Autofahrten nachts, da möchte ich immer vor Langeweile sterben!

Damals waren Raststätten noch nicht kleine Supermärkte und auch hier hatte man die Wahl zwischen Erbsensuppe oder Würstchen, Zigaretten oder eben Kaffee.

Als also dieser tätowierte Proll auf dem Parkplatz auf mich zusteuert, habe ich keine Möglichkeit, mich zu verstecken.

‚Proll‘ meine ich übrigens nicht negativ, schließlich bin ich brav linksliberal und weiß, dass dieser Begriff von ‚Proletarier‘ kommt und das sind letzten Endes ja die Menschen, die wir Linken von der Ausbeutung befreien wollen, oder?

Proletarier der Welt, vereinigt euch. Wenn’s euch passt, natürlich nur. Ist nur so ein Vorschlag von uns, kein Stress!

1988 war nicht ein Jahr, das ein intensives Aroma von Weltrevolution ausgeströmt hätte. In Deutschland war seit gefühlt immer Kohl Kanzler, die wahren Aufreger diesen Sommer waren das sogenannte Geiseldrama von Gladbeck und das Springsteen-Konzert in Ost-Berlin.

„Nichts gegen das Proletariat!“, sage ich mir und zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht. Doch, bei allem Klassenbewusstsein bleibt natürlich die Frage im Raum, warum jemand so viele Tätowierungen trägt? Lange bevor sich auch Bürgertöchter und -söhne Tribals auf das Steißbein löchern ließen.

Einen Reißverschluss einmal rund um den Hals tätowiert, signalisierte damals eindeutig den Wunsch: Ich habe nicht die Absicht in nächster Zeit Fotomodell oder Bankbeamter zu werden.

Vor allem signalisiert es die Bereitschaft, sich für einen unlöschbaren optischen Gag extremen Schmerzen auszusetzen.

Auch die Spritze, die sich als Motiv auf dem Unterarm findet, soll wahrscheinlich NICHT den Sanitätern als Hinweis dienen, dass dieser junge Mann Diabetes hat und regelmäßig Insulin braucht.

Ich würde also sagen, dass auch eine völlig vorurteilsfreie Person wie ich, das Recht hat, sich unwohl zu fühlen, wenn eine andere Person mit ausgewaschenem Shirt, zerrissenen Jeans und schlechten Tattoos mitten in der Nacht auf einer leeren Raststätte auf einen zukommt und sagt:

„Hey, Kumpel, kannste mich nach Köln mitnehmen?“

Mir schießt, völlig vorurteilsfrei durch den Kopf: „Denkst der vielleicht, ich bin völlig lebensmüde?“

Was ich aber tatsächlich mache, ist, den Kopf schütteln und schnell in der Raststätte verschwinden. Mein Plan ist, mich hier zu verstecken. Der Proll soll jemand anderen finden, der ihn mitnimmt!

Statt also nur schnell einen Kaffee zu kippen, schlürfe ich stattdessen zwei, esse dann ein paar Würstchen mit Brötchen aus Beton und trinke in meiner Verzweiflung noch eine Cola. Klo kostet ja 1988 noch nichts.

Fast eine Dreiviertelstunde später verlasse ich die Raststätte und möchte im Dunkeln nur schnell zu meinem Auto huschen, als ich aus der Entfernung jenen Proll wieder auf mich zukommen sehe.

Es hat sich niemand gefunden, der diesen Mitmenschen mit dem sympathischen Lächeln von Jack Nicholson in „Shining“ mitgenommen hat! Komisch.
„Ey, Kumpel, kannste mich mitnehmen bis nach Köln?“

Eigentlich möchte ich den jungen Mann mit den Christiane-F-Augenringen nicht in meinen kleinen Fiat Panda haben. Aber natürlich ist es mir wichtig, dies auf eine voll mitmenschliche und solidarische Art und Weise zu vermitteln. Diese Person aus der Arbeiterschicht soll sich gewertschätzt fühlen und respektiert!

Der Idealfall wäre es, dass ich etwas Plausibles sage, dass aber gleichzeitig auch von menschlicher Wärme ist und ein tiefes Verständnis seiner Notlage signalisiert.

Ich möchte, dass er mir mit einem Lächeln nachsieht, während ich zu meinem Auto gehe und losfahre. Und, wenn ich dann in meinem Auto mit den drei leeren Sitzen im Trocknen, bei cooler Musik, eine Marlboro im Mund, an ihm vorbeifahre, dann soll er mir zuwinken mit seinen Tätowierungen und seinem vom Regen durchnässten Ramones-T-Shirt und bei sich denken: „Klar, der konnte mich jetzt nicht mitnehmen, aber der Typ war schwer in Ordnung!“

Keine leichte Aufgabe. Ich stehe also mit offenem Mund vor ihm, während mein Gehirn auf Hochtouren arbeitet. Aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, ich kann den armen Kerl nicht auch noch anlügen!

Ich könnte ja etwas sagen, wie: „Sorry, würde ich echt voll gerne machen, aber ich muss nächste Ausfahrt schon raus!“ Könnte ich. Ist mir aber leider erst eingefallen, als ich jemanden diese Geschichte vor zwei Wochen erzählt habe.

Ich stehe da und sehe mich nicht in der Lage, die Situation mit einer kleinen Notlüge zu entschärfen. Jetzt, im Rückblick, ist mir klar: Ich kann nur Menschen anlügen, die ich wirklich, wirklich inniglich liebe und respektiere!

Während ich also noch nach Worten ringe, sagt Jack Nicholson zu mir: „Weil, wenn ich’s bis acht Uhr morgens zu dieser Baustelle in Köln schaffe, dann würden die uns einstellen und ich bräuchte echt einen Job.“

Das auch noch! Es war ja 1988. Auch, wenn viele das für die gute alte Zeit halten, war es nicht so toll. Der Pott war schon lange kein Ort mehr, wo man ein Leben lang einen festen Job hat.

Dank Kohl hatte der Neoliberalismus auch in Deutschland Einzug gehalten. Während also die Juppies in den Großstädten immer exzessiver lebten und feierten, hatten einfache Leute keine Arbeit mehr.

Ständig stieg die Zahl der Arbeitslosen und der jungen Leute, die keine Lehrstelle finden.

Und da steht also dieser Proletarier vor mir, der die Chance hat, in diesen harten Zeiten eine Arbeit zu finden und redet mir Linksliberalem direkt ins Gewissen.

Ich meine, ich tue schon meinen Teil, oder? Ich leide wirklich persönlich an der hohen Arbeitslosenzahl. Jeden Morgen, wenn ich bei meinem Kaffee die Zeitung lese. Wie es sich gehört!

Aber jetzt soll ich sogar persönlich etwas dagegen tun? Ich?

Hey, ich bin linksliberal! Seit wann hat das denn bitte mit Aktion zu tun!

Ich habe schließlich schon mehr als einmal geistreiche Monologe gegen den Kapitalismus gehalten. In einigen der proletarischeren Kneipen in Köln! Ist das nicht genug? Muss ja auch jemand machen, oder?

Doch in meinem Kleinhirn sagt eine Stimme mit Kuhaugen und Jesusbart – ja, Stimmen können Bärte haben: „Natürlich musst Du Deinem Genossen eine Mitfahrgelegenheit geben! Deine Spießer-Ängste stammen doch nur aus Deiner bourgeoisen Kleinfamilie! Wie sollen wir eine neue Gesellschaft aufbauen ohne ein bisschen Frieden. Quatsch, ich meine: Vertrauen?“

Deswegen bin ich selber überrascht, wie ich auf einmal ganz cool sage: „Kein Problem, Mann! Klar nehme ich Dich mit! Komm‘, ich parke da hinten!“

Meint Jack Nicholson: „Das ist schwer in Ordnung, Mann. Warte, ich hole schnell meine Kumpels!“

Und nach einem scharfen Pfiff nähern sich zwei Prolls, die genauso aussehen wie meiner, aber noch einmal größer und muskulöser und übelriechender sind. Ich hatte die aus den Augenwinkeln schon bemerkt, aber mein Unbewusstes wollte in seiner Panik unbedingt behaupten, dass das Bäume sind. Tätowierte Bäume halt.

Die Jesus-Bart-Stimme ist verschwunden. Stattdessen sitzt da in meinem Kleinhirn ein verängstigtes Kleinkind, das laut schreit: „Gib ihnen den Schlüssel und lauf‘ um Dein Leben! Das ist Deine einzige Chance! Du bist ein toter Mann!“

Während also die drei Massenmörder ihr Werkzeug in den Kofferraum meines Panda werfen, plane ich meine Flucht. Ich meine, gegen die zwei Neulinge sahen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner aus wie Hanni und Nanni!

Kaum ist das Werkzeug eingeladen, dass höchstwahrscheinlich in ein paar Minuten meinem Leben ein Ende setzen wird, quetschen wir unsins Auto.

Sofort beschleunige ich so schnell es geht!

Ich habe die fixe Idee, dass sie mir nicht den Hals aufschneiden, wenn wir mit 200 über die Autobahn rasen.

Gut, das gibt der überladende Panda nicht her. Wir „rasen“ eher so mit 80 durch die Nacht, aber immerhin!

Während der Fahrt unterhalten wir uns und vergleichen unsere Lebensentwürfe. Man kann sagen, dass Welten zwischen uns liegen. Ich der brave Sohn aus einer Beamtenfamilie, der mittlerweile selber in einem Ministerium arbeitet und dort drei Söhne von Kumpels, die alle schon einmal eine Haftanstalt von innen gesehen haben.

Aber es herrscht keine Feindschaft zwischen uns, so viel darf man schon behaupten. Auf der positiven Seite ist auch zu vermerken, dass mir bei dieser Autofahrt auch zu keinem Zeitpunkt sterbenslangweilig war!

Die Fahrt vergeht eher wie im Flug und wir besprechen, dass ich die Drei in Köln am Busbahnhof rauslasse. Der ist direkt am Dom und von dort fuhren sicher einige Busse Richtung Messegelände, wo ihre Baustelle war.

Als wir die A3 verlassen, um Richtung Innenstadt zu fahren, entsteht eine neue Bedrohung. Klar hatten die mich nicht auf der Autobahn umgebracht! Zu gefährlich für sie selber. Nein, sie hatten gewartet, bis wir hier waren! Am Ortsrand einer großen Stadt. Nachts um vier Uhr, wenn auch in Köln kein Mensch mehr unterwegs war!

Und mit einem Mal bumpert mir das Herz im Hals, als ich sehe: Da ist eine Ampel und Du kommst nicht bei Grün drüber.

Ich bleibe also stehen. Und richtig: Der Typauf dem Beifahrersitz greift in seine Bomberjacke und hält mir mit einer schnellen Bewegung ein Messer ins Gesicht!

„Das war’s!“, denke ich und schließe schicksalsergeben die Augen.

Als nichts geschieht, kucke ich noch einmal: Ist nur‘ne Marlboro.

Es dauert keine 10 Minuten, bis wir am Busbahnhof angekommen sind und das Werkzeug ausgeladen und geschultert ist.

Das Kleinkind in meinem Gehirn beginnt sich schon zu freuen, als der größte der Drei an mein Fenster klopft.

Was will der denn noch? Ist das nicht zu auffällig, wenn die mich hier erstechen? Klar, ist keiner da, aber so schnell kriegen sie ja meine Leiche und das Blut auch nicht weg!

Ich kurbele die Scheibe runter und rechne mit allem. Der Dicke bückt sich hinunter und sagt zu mir:

„Sag‘ mal: Jetzt ist es vier Uhr in der Nacht und keiner weit und breit …“

Er schaut sich um und ich beginne schon innerlich damit, die Worte für mein letztes Vaterunser zusammen zu suchen. Aber der Dicke schweigt.

Ich frage: „Und? Was?“

Meint der Dicke: „Meinste nicht, dass das ein bisschen gefährlich ist hier in der Gegend?“

Da kann ich die Drei natürlich beruhigen und ich sage weltmännisch:

„Speziell ihr müsst keinerlei Angst haben, dass euch hier etwas passiert. Und die ersten Busse fahren schon in einer Stunde!“

So verabschieden wir uns. Ich fahre los, in die Nacht der Großstadt – mit einem sehr, sehr breiten Lächeln.

Das rührt zu 99% daher, dass ich mich freue, überhaupt noch am Leben zu sein, aber zu einem Prozent auch daher, dass diese Drei sich jetzt vielleicht denken: „Der Typ war immerhin ein ganz kleines bisschen schwer in Ordnung!“


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