Schönheit & Gesetz



Es ist so um die neunzig Jahre her, als sich in der ersten Demokratie Deutschlands schon feine Risse abzeichneten, die von ihrem Verfall zeugten. Die verrückten Zwanziger und ihr kultureller Aufbruch wurden von den Ausläufern der Weltwirtschaftskrise zermalmt.

Erich Frey war damals nicht nur Dandy und Autor, sondern der berühmteste Rechtsanwalt. Der Stern einer guten Mandantin war aber bereits verloschen: An Lola Bach, Deutschland erste Nackttänzerin, erinnerten sich nur noch wenige.

Aber Herr Frey macht Frau Bachs Sanatorium ausfindig und besucht die schwer an TBC Erkrankte, um mit ihr noch ein letztes Mal in Erinnerungen zu schwelgen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Oriental Fox-Trott“ von Paul Whiteman


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Skript zur Sendung

SFX: Klopfen

FA: Herein!

SFX: Türe

HW: Hallo Lola!

FA: Ach Gott! Ein Dandy aus Berlin!

HW: Mein Gott, ist hier eine stickige Luft!

FA: Mach‘ ‚mal Dein Monokel raus! Du weißt, wie sehr ich das hasse!

HW: Noch mehr als frische Luft? Kann ich ‚mal die Vorhänge aufziehen und die Fenster aufmachen?

FA: Wennste das unbedingt brauchst…

SFX: Fenster

Ambient: Park & Stadt

HW: Ist’n herrlicher Tag draußen, Lola! Wollen wir rausgehen und uns auf eine Bank setzen?

FA: Netter Vorschlag, Erich, aber das schaffe ich nicht mehr.

HW: Mensch, Lola, wat haste Dir verändert!

FA: Sagt man das nicht über Berlin?

HW: Dat stimmt ja auch. Aber bei Dir eben auch!

FA: Ich hoffe, nur zum Besseren?

HW: Lass‘ mal die Sperenzchen: Du schaust richtig schlecht aus, Lola. Du bist totenblass!

(Pause)

FA: Die haben mir alles weggenommen hier, darum schaue ich so aus.

HW: Wie meensten dat: Alles weggenommen?

FA: Na, den Alkohol und die Zigaretten und das Koks!

HW: Wie, Du hast noch geraucht?

FA: (hustet) Bis vor vier Wochen, als sie mir alles weggenommen haben, schon.

HW: Mit TBC rauchen ist keine gute Idee.

FA: War auch nicht schön. Hat verdammt weh getan. Aber das mit dem Koks war schlimmer. Ich bin danach richtig zusammengebrochen. Mit meinen Briefchen habe ich mich an manchen Tagen fast gesund gefühlt – aber seit vier Wochen fühle ich mich wie kurz vor dem Abnippeln.

HW: Kannste denn wenigstens schlafen?

FA: Ich habe so schlimme Albträume, das kannste Dir nicht vorstellen, Erich. Und dabei geht’s immer um Koks und Männer und Tanzen. Meistens werde ich gezwungen, immer wilder und wilder zu tanzen, bis ich am Sterben bin.

HW: Und natürlich nackt.

FA: Natürlich.

HW: Armes Mädchen. Was hat der Römer nur aus Dir gemacht?

FA: Der Römer war das nicht alleine. Das war ich schon selber. (Pause) Schön, dass Du vorbeischaust, lieber Erich!

HW: Ach, Kindchen, was machst Du denn den ganzen Tag in diesem Sanatorium. Hier liegt ja nicht einmal ein Buch herum…

FA: Du weißt doch, dass ich nicht gerne lese.

HW: Aber ein Klavier haste auf dem Zimmer. Kannst Du denn spielen?

FA: Keinen Ton. Und Du?

HW: Ich? Vor dem Krieg, als Kind, da wurde ich richtig gedrillt. Aber ich habe es gehasst.

FA: Kannst Du ‚was für mich spielen?

HW: Ich? Nein, ich kann nur Kinderlieder, lass‘ mal gut sein!

FA: Bitte, Erich! Das wäre so schön!

HW: Das willst Du nicht hören!

FA: (hustet) Willst Du wirklich einer Todkranken ihren Wunsch verwehren?

HW: Na gut, weil Du’s bist, Lola. Aber ich wette, Du erkennst das Lied nicht einmal.

SFX: Lied „Wer will unter die Soldaten“…

FA: (lauter) Das kommt mir bekannt vor.

HW: (lauter) Das spielt man heute nicht mehr, glaube ich…

FA: Ich kenns!

HW: Und? Was ist es?

FA: „Wer will unter die Soldaten!“

SFX: Lied. Aus.

HW: (normal) Stimmt! Genau! Ein wirklich dummes Lied.

FA: (normal) Aber Du wolltest trotzdem unter die Soldaten?

HW: Klar. Jeder wollte das!

FA: Komisch. Ich kenne niemanden, der den Krieg mehr hasst als Du.

HW: Weil ich ihn kenne. Aber Du weißt ja, was ich darüber denke…

FA: Oh ja. Ich kenne Deine Reden. Der große, berühmte Dr. Frey und sein Monolog: „Der Krieg hat eine ganze Generation junger Männer zu Monstern gemacht und jetzt will die Gesellschaft sie nicht mehr haben!“

HW: Stimmt ja auch.

FA: Wäre noch glaubwürdiger gewesen, wenn Du nicht immer Massenmörder und Kriminelle verteidigt hättest.

HW: Massenmörder waren nur Reklame für die Kanzlei. Aber auch die haben verdient, dass man sie wie Menschen behandelt.

FA: Sogar die Immertreu?

HW: Die Immertreu führt den Krieg in der Zivilgesellschaft einfach weiter. Aber: Ohne diesen Verein hättest Du nicht regelmäßig Deine Briefchen mit Deinem Pülverchen bekommen, mein Liebe!

FA: Wohl wahr.

HW: Pass auf, kennste das noch? Passt zu unserem alten Berlin wie die Faust auf’s Auge!

SFX: Lied „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“

FA: (laut, lacht) Klar kenne ich das!

HW: (laut) So, woher kennt denn Deutschlands sündigste Tänzerin dieses Lied?

FA: Hör auf mit dem Unsinn!

HW: Warum?

FA: Weil das auch ein dummes Lied ist!

HW: Nur, wenn Du sagst, wie es heißt!

FA: „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“.

SFX: Lied. Aus.

HW: (hört auf, normal) Stimmt genau!

FA: (hustet) Und ich bin nicht… (hustet) Deutschland sündigste Tänzerin.

HW: Aber warst Du!

FA: Quatsch. Mir ging es nicht um Sünde, mir ging es um die Schönheit!

HW: Ich weiß, liebe Lola! Und schön warst Du! Du warst wirklich schön!

FA: War ich also…

HW: Ja, mein Liebling, das war vor dem Koks und dem Schnaps und vor dem Verfahren.

FA: Das Verfahren war nicht einmal das Schlimmste.

HW: Sondern?

FA: Dieser Polizei-Spitzel, der mir danach durch ganz Deutschland gefolgt ist!

HW: Das war ein ekliger Typ! Ein Denunziant, wie er im Buche steht. Der wird unter den Braunen wahrscheinlich eine steile Karriere machen!

FA: Du immer mit Deinem Hitler! Glaubst Du wirklich, so ein Clown wird Kanzler?

HW: Ach, Lola, was weißt Du denn von Politik?

FA: Ich weiß nur, dass die alle hässlich sind. Der Röhm war einmal mit seinen Leuten in der Weißen Maus. Hat ihm, glaube ich, gut gefallen.

HW: Der Röhm interessiert sich ganz sicher nicht für nackte Frauenkörper, meine Liebe. Der hat nur geschaut, ob er Unruhe stiften kann.

FA: Auf jeden Fall war der nicht schön. Der war hässlich. Und seine Braunhemden auch.

HW: Damals… Als wir gemeinsam vor… damals gab’s die noch nicht.

FA: Nein, damals gab’s die noch nicht.

(Pause)

HW: Kannst Du glauben, dass das alles schon sieben Jahre her ist?

FA: Nein, kann ich nicht.

HW: Es war auch im Februar, glaube ich, auch im Winter.

FA: Winter in Berlin war immer furchtbar!

HW: Ja, aber hier auf dem Land auch.

FA: Winter ist immer furchtbar. Hoffentlich muss ich keinen mehr erleben!

HW: Ach, Lola, es gibt Menschen, die werden mit der Schwindsucht alt. Gib‘ jetzt bloß nicht auf wegen Deiner Entzugserscheinungen!

FA: Auf jeden Fall war das die seltsamste Aufführung, die wir jemals hatten!

HW: Das war unglaublich! Das ganze Potpourri leer geräumt und alles voller Richter, Anwälte und Sekretären! Stocksteif saßen die da und wussten nicht, wohin sie kucken sollten!

FA: So war es! Die haben weder geklatscht, noch gestaunt, noch gebuht! Es war eine Stille wie bei einer Hinrichtung! So kam es mir vor!

HW: Das hat man aber nicht bemerkt! Du und Deine Mädels, ihr wart fabelhaft!

FA: Findest Du?

HW: Es war Magie, Lola! Es war kein Tanz mehr. Es war eine berauschende Folge von allem, was je irgendwo auf der Welt getanzt worden war! Vom Kasatschok zum Flamenco, vom balinesischen Tempeltanz zum Liebestanz des Harems, zum Walzer, zum Tango…

FA: Danke, schön hast Du das gesagt!

HW: Ich war wie verzaubert, wie benommen!

FA: Aber die Herren von der Justitia nicht.

HW: Oh, doch! Das kannst Du mir glauben! Wenn die nicht überzeugt gewesen wären, dass es sich um Kunst handelt und nicht um Erregung öffentlichen Ärgernisses, dann hättest Du nicht nur einen Monat auf Bewährung bekommen!

FA: Danke Dir übrigens noch einmal!

HW: Es war wirklich irgendwie im Dienst einer höheren Sache…

FA: Ach? Der Kunst? Der Gerechtigkeit?

HW: Na, um dieser vertrockneten Republik den Weg in eine moderne, aufgeklärte Gesellschaft zu zeigen! Weg von der Prüderie aus Kaisers Zeiten!

FA: Ach, lieber Erich. Beinahe wärst Du mein Prinz geworden und hättest mich aus den Klauen vom Römer befreit, nicht wahr? Beinahe.

(Pause)

FA: Aber eigentlich warst Du schon zu spät. Der Skandal um diesen Gerichtsprozess war damals nur das Zünglein an der Waage.

HW: Lola, warum ist denn alles so passiert, wie es passiert ist?

FA: Was meinst Du?

HW: Du warst Deutschlands erste Nackttänzerin. Du warst wunderschön! Deine Choreographie war wirklich Kunst! Du hättest die Königin von Berlin sein sollen und nicht die Anita Berber!

FA: Ich musste einfach weg aus Berlin!

HW: Aber warum?

FA: Weil ich es da nicht mehr ausgehalten habe! Ich musste endlich auf eigenen Beinen stehen! Weg vom Römer! Der hat uns sowieso keinen Pfenning mehr zukommen lassen nach dem Prozess!

HW: Warst Du von dem so abhängig?

FA: Komplett. Als er mich in Dresden im Ballett entdeckte, war ich noch ein Mädchen. Er wurde mein Mentor, mein Mäzen, mein Förderer…

HW: Und Dein Geliebter.

FA: Und mein Liebhaber. Aber viel wichtiger war, dass er mir dieses kleine Kabarett einrichtete…

HW: „Potpourri“ ist übrigens ein furchtbarer Name!

FA: Was? Wieso denn? Das passt doch fabelhaft!

HW: Potpourri ist Französisch und heißt: Ein Topf voller Verfaulendem.

FA: Verdorbener Topf heißt das und das passt auch irgendwie!

HW: Aber dann hat doch eigentlich bis zu dem Prozess alles wunderbar geklappt?

FA: Überhaupt nicht, Erich! Überhaupt nicht!

HW: Warum?

FA: Weil er, der Römer, hinter meinem Rücken, die Mädchen an reiche Säcke verschachert hat.

HW: Gegen ihren Willen?

FA: Nein, natürlich nicht. Aber die hatten alle auch nichts. Und dann kommt so ein feiner Piefke wie der Herr Verleger von der Marlen und hofiert die Mädchen, das funktioniert halt zu oft und zu gut.

HW: Marlen war Deine Freundin, die gestorben ist?

FA: Das war Marlen. Vom Römer an den Herrn Verleger verkauft.

HW: Die ist an einer Überdosis gestorben, stimmt’s?

FA: Ach, was! Eine Überdosis Kokain? Nein, mein Lieber! Die hat sich das Leben genommen!

HW: Das wusste ich nicht.

FA: (hustet) Und ich musste ins Leichenschauhaus und ihre Leiche identifizieren. Das war nicht schön.

HW: Und die Schuld gibst Du Deinem Herrn Römer?

FA: Aber natürlich! Und dem feinen Herrn Verleger, der sie einfach vor die Tür gesetzt hat, weil sie mit 22 auf einmal zu alt war für seinen exquisiten Geschmack!

HW: Das ist schon ein übler Haufen um den Römer, da haste sicher recht.

FA: Und dann bin ich abgehauen und über’s Land getingelt.

HW: Ich dachte, Du bist nach Hamburg?

FA: Da bin ich dann gelandet. Aber es lief, obwohl mein Name in der Zeitung stand, nicht gut.

HW: Die waren noch nicht so weit?

FA: In Düsseldorf kamen nicht einmal ein Dutzend Männer und wir hatten einen ganzen Ballsaal gemietet!

HW: Und dann biste wieder nach Berlin?

FA: So war es. In die Weiße Maus.

HW: Und in die Arme vom Römer zurück.

FA: Ein bisschen.

HW: Ach, liebe Lola, das ist eine traurige Geschichte, die Du da erzählst!

FA: Aber meine Geschichte wenigstens.

HW: Wann hat eigentlich die Tuberkulose angefangen?

FA: Weiß nicht mehr genau. Kurzatmig war ich ja schon 1922. Aber das Blut, das kam wohl 1925, glaube ich.

HW: Geht’s Dir ansonsten gut hier?

FA: Ja, es ist für alles gesorgt. Wenn nicht die Albträume wären und so wenig Koks…

HW: Du schaust sehr, sehr müde aus, meine Liebe.

FA: Ich bin auch müde. Du hast nicht zufällig ein bisschen ‚was dabei?

HW: Nein, ich habe das Zeug niemals angerührt. Niemals. Hab‘ einige kaputt gehen sehen. Und wollte nicht selber Kunde der Immertreu werden.

FA: Tja. Was wird nun aus uns werden, Erich Frey, bester Anwalt Deutschlands?

HW: Ich weiß es nicht, Deutschlands erste und beste Nackttänzerin.

FA: (hustet) Ich werde wohl hier bleiben.

HW: Zahlt der Römer, oder?

FA: Ja. Zahlt er.

HW: Und ich schau, dass ich über die Runden komme. Jetzt aber, mit der Weltwirtschaftskrise, wird diese Lüge einer Demokratie nicht mehr lange halten.

FA: Du redest ja wie die Braunen! Ich dachte, Du bist Demokrat durch und durch.

HW: Ich schon. Aber die Republik nicht. Da sitzen in der Justiz und in der Verwaltung und den Ministerien die gleichen Beamten wie beim Kaiser. Und die Unis sind voller Professoren, die auch am liebsten die Monarchie wieder hätten. Aber… aber das muss Dir keine Sorgen mehr machen.

FA: Hast Du Angst?

HW: Wenn ich ehrlich wäre, würde ich sagen: Ich habe furchtbare Angst. Bin ich aber nicht, also sage ich: Ach, was! Wird schon werden!

FA: Weil Du Jude bist?

HW: Was? Nein, deswegen nicht. Marie und ich sind schon seit 1914 Protestanten.

FA: Ach, ehrlich? Die nennen Dich aber alle Jude.

HW: Mir doch egal. Die nennen mich auch Volksverräter und Fahnenflüchtiger.

FA: Mach‘ Dir keine Sorgen, Erich! Für die bist Du viel zu schlau!

HW: Um mich mache ich mir auch keine Sorgen, Lola. Eher um Dich.

FA: Ach was! Das musst Du nicht. Machst Du die Fenster bitte wieder zu, Erich? Es ist so furchtbar kalt hier.

HW: Gerne. Weißt Du ‚was?

SFX: Fenster

FA: Was?

HW: Ich schicke Dir ein Grammophon und ein paar Platten! Dann kannst Du Musik hören!

FA: Au ja! Das wäre schön!

HW: Das mache ich! Hast Du sonst noch einen Wunsch, Lola?

FA: (hustet) Spiel‘ mir noch ein Lied, bevor Du gehst, Erich!

HW: Ach, was! Das meinst Du nur im Scherz!

FA: Nein, nein! Das meine ich ganz im Ernst!

HW: Na gut. Das kennst Du auch sicher!

SFX: Lied Winter ade