Schnuppe und Schnurz


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Das Leben entwickelte sich im Meer und eroberte dann das Land. Unsere Vorfahren verließen die Bäume und erreichten zu Fuß auch noch die entferntesten Ecken des Planeten. 

Sie sammelten und jagten, sie bekriegten sich und immer wieder wanderten sie weiter. So gesehen leuchtet es vollkommen ein, dass die Endstation dieser Evolution das Sofa ist. Und der Fernseher. Und die Pizza. 

Besser wird’s nicht! Meint zumindest Amos und beschließt, dass alles andere schnurz und schnuppe ist. Doch diese Nachricht auf seinem Handy hat einen sehr unerwarteten Absender… 


Download der Sendung hier

Musiktitel: „ The Jesus Dance“ von Godless/ CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

„Lebenskünstler“, so würde Amos sich bezeichnen. Vielleicht auch „Privatier“ oder „Philosoph“.  

„Faultier“ ist die Wortwahl seiner Mutter. „Taugenichts“ hatte sein Großvater einmal formuliert. Das ist aber schon länger her. Und wie heißt es in Amos’ Privat-Philosophie? „Das ist mir schnuppe und schnurz!“ 

Das ist keine kleine Leistung, die innere Ruhe zu erreichen, dass einem die Meinung anderer Menschen so richtig am Arsch vorbeigeht, findet Amos. Er selber hatte dazu schließlich sein ganzes Leben gebraucht und somit fast dreißig Jahre Training darin, alle Erwartungen an ihn verlässlich zu enttäuschen.  

Es braucht eine gewisse Härte nicht das zu machen, was sich die Eltern für einen so ausgemalt haben. Gnadenlose Konsequenz braucht es, um trotz eines hohen IQs verlässlich schlechte Noten zu schreiben.  

Man braucht große seelische Unabhängigkeit, um die Frau, die einen liebt, so gründlich zu enttäuschen, dass sie zornig das Weite sucht. Und man braucht viel Geduld, bis auch noch der hartnäckigste Freund einsieht, dass er aus einer Beziehung zu Amos keinerlei Gewinn ziehen wird. 

Er würde sagen: Es ist in diesem Leben unsere Aufgabe, sich damit abzufinden, dass man alles hergeben muss. Das man alles irgendwann loslassen muss. Nichts hat Bestand, nichts hat ewig Gültigkeit. Im Spiegel unserer Sterblichkeit sind letztlich alle Werte entwertet. Ein toter Heiliger ist auch nur eine Leiche. Je früher man aufgibt, desto besser. 

Deswegen ist es nur konsequent, es gar nicht zu versuchen. Gar nichts gar nicht zu versuchen. Wenn das Leben an und für sich kein Ziel, kein Zweck und keine Bedeutung hat: Warum sollte man sich anstrengen? 

Warum nicht einfach den ganzen Tag auf einem roten Kordsofa abhängen, in den Fernseher glotzen und dabei nur die Dinge zu essen, auf die man Bock hat?  

Wenn Diogenes heute leben würde, dann wäre das genau sein Lebensstil!  

Das Fernsehbild ist also groß und gestochen scharf. Es zeigt Wrestler, die sich sehr anstrengen. Und der Fernseher spiegelt Amos, der auf seinem roten Kordsofa sitzt und sich gar nicht anstrengt. 

Als sein Handy den Empfang einer Nachricht meldet, zuckt er nicht einmal mit der Wimper, so tief geht seine seelische Ruhe. Er nimmt einen Schluck aus der Bierdose, wischt sich seine Finger am T-Shirt ab und schaut gelangweilt, wer ihm da wohl geschrieben hat. 

„Du bist auserwählt!“ steht da. Und als Absender: Gott. 

Sehr witzig! Wer versuchte da wohl, ihn zu verarschen? Wie sind die Spammer nur wieder an diese Nummer gekommen? Die ist doch nirgends veröffentlicht?  

Interessante Fragen eigentlich. Doch wie heißt es in Amos Privat-Philosophie? „Das ist mir schnuppe und schnurz!“ 

Wo er aber schon einmal gestört wurde, kann er sich ja auch der Aufgabe widmen, die er sich für heute vorgenommen hat. Waschen! Wird Zeit. Also wälzt er seinen Körper in die Vertikale und stakst durch die Wäschehaufen, die überall verteilt sind, um wenigstens die schmutzigsten Shirts und Unterhosen und Socken zu finden.  

Als das Volumen seiner Ausgrabungsfunde ungefähr die Kapazität seiner Waschmaschine erreicht hat, hält er erst einmal inne. Schweiß strömt an ihm herab. Zeit für eine Pause. Zeit für einen Snack. Und danach wird er etwas kucken, das weniger anstrengend ist als Wrestling. Waschen könnte er ja dann morgen. 

Im Hängeschrank in der Küche, dessen Tür er nicht reparieren will, herrscht Leere. Eine „Heiße Tasse“ wäre noch da. Buchstabensuppe. Das ist in Ordnung: Amos mag Buchstabensuppe! 

Als das Wasser aufkocht, gießt er es in die Plastiktasse, setzt sich wieder auf das Sofa und wechselt das Programm zu „Elefant, Tiger & Co“. Das wird weniger schweißtreibend sein. 

Zufrieden betrachtet er Pinguine, die sich elegant ins Wasser stürzen und befindet, dass die Suppe kühl genug ist. Kann man essen. Würden sich auf der Oberfläche nicht aus den Nudeln Wörter gebildet haben. „Du bist auserwählt“, schreibt ihm seine Heiße Tasse. 

Ein komplett ungewohntes Gefühl packt den Lebenskünstler. Unruhe. Nervosität. Sein Puls beschleunigt sich und wieder bilden sich Schweißtropfen auf seiner Stirn. 

Das sich aus Versehen Wörter in einer Buchstabensuppe bilden, kommt ja öfter vor. Das macht ja auch den Reiz dieser Mahlzeit aus. Aber, dass sich genau diese Wörter bilden, ist ziemlich unwahrscheinlich. Aber im Bereich des Möglichen. Eins zu zehn Milliarden vielleicht? 

Doch, was wirklich unmöglich ist, rein statistisch gesehen, das ist die Tatsache, dass die Buchstaben plötzlich den Becher verlassen und vor ihm schweben. 

„Du bist auserwählt“, steht da in Schwebenudeln mitten in seinem Wohnzimmer. Mit einem Haps schnappt er sich die Botschaft aus der Luft, kaut zweimal und verschluckt sie.  

Eine Übersprungshandlung, vielleicht. Aber in Krisenzeiten muss man seine lange gepflegten Talente eben auch benutzen. 

Jeder andere Mensch wäre nach solchen Erlebnissen natürlich völlig aus dem Häuschen. Doch nicht Amos! Denn wie heißt es in seiner Privat-Philosophie? „Das ist mir schnuppe und schnurz!“ 

Obwohl sein Puls beinahe wieder normal ist, steht er auf und beschließt, dass er nun doch tatsächlich seine Wäsche waschen sollte. So, wie er es sich vorgenommen hatte.  

Er wirft den Wäschehaufen in die Badewanne, streut großzügig Waschpulver darauf und lässt heißes Wasser in selbige. Die Waschmaschine ist schon lange kaputt, aber so geht’s auch. Allerdings muss das gut einweichen. Zeit für eine kleine Pause. 

Als er wieder auf seinem Sofa sitzt, springen die Pinguine immer noch mit der gleichen Leidenschaft wie vorher ins eiskalte Wasser. Alles wird gut! Alles nur Einbildung!  

Wäre da nicht einer der Pinguine deutlich anders als die anderen. Er steht im Hintergrund und scheint irgendwas zwischen den Flossen zu halten. Die Kamera entdeckt das im gleichen Augenblick und zoomt genau auf diesen Sonderling. 

Es ist Pappe. Und der Pinguin hält sie genau ins Objektiv. Und grinst. Ein grinsender Pinguin, seltsam genug. Ein grinsender Pinguin mit einer Pappe in den Flossen, auf der geschrieben steht: „Du bist auserwählt!“ 

Amos springt vom Sofa. Das konnte nicht mehr Zufall sein! Das konnte ihm nicht schnuppe und schnurz sein! Anscheinend war er wirklich auserwählt! Er war eindeutig etwas Besonderes! Er war von Gott auserwählt!  

Und als hätte man seine Batterien ausgewechselt, geht Amos ins Badezimmer, packt seine nasse Wäsche in einen Müllbeutel und macht sich auf den Weg zum Waschsalon. Da war doch irgendwo einer, oder? 

Monate vergehen und Amos ist ein anderer Mensch geworden. Er steht am Morgen um 6:00 Uhr auf, macht sein Bett und verfolgt einen harten Trainingsplan. Seine Wampe ist einem Sixpack gewichen, wie er nach dem Duschen stolz im Spiegel bemerkt. 

Dass der Wasserdampf auf dem Spiegel die Botschaft „Du bist auserwählt“ gebildet hat, fällt ihm kaum noch auf.  

Bevor er zu seinem Job fährt, legt er noch eine kurze Jogging-Runde ein. 10 Kilometer, nichts Anstrengendes. Dem Herbstlaub, das im Park auf dem Rasen die Nachricht „Du bist auserwählt“ gebildet hat, lächelt er zu. Das macht es schließlich jeden Tag. 

Und als die Wolken ihn am Ende seiner Runde mit der gleichen Nachricht begrüßen, reagiert er schon gar nicht mehr. Er bereitet sich mit all’ seiner Energie und mit all’ seiner Kraft auf die Aufgabe vor, die Gott für ihn bereit hielt. 

Doch, als er seine Post holen will, haben die Lettern der Briefkasten-Beschriftungen zum ersten Mal nicht „Du bist auserwählt“ geformt. Stattdessen steht da: „Es ist soweit!“ 

Oh, mein Gott! „Es ist soweit!“ Endlich würde er erfahren, wozu er berufen ist! Welche Aufgabe auf ihn, den Erwählten wartet! An welcher Stelle er in Gottes Plan seinen Job erledigen würde! Er!  

Als er die Tür aufsperrt, hört er seinen Fernseher dröhnen. Komisch, den hatte er schon seit Wochen nicht mehr benutzt! Kann der sich von selber einschalten? 

Ein Blick ins Wohnzimmer aber schafft Klarheit. Da sitzt ein Frau gemütlich auf seinem roten Kordsofa und kuckt fern! „Promis privat!“ Ausgerechnet. Und kichert dabei auch noch! 

„Wer sind Sie? Und was machen sie in meiner Wohnung?“ Das will er fragen, aber als er in das Gesicht der Frau blickt, weiß er die Antwort intuitiv und von selber. 

„Oh, mein Gott!“ 

„Stimmt. Hi, Amos! Kannst Du ‘mal aus dem Bild gehen? Das ist nämlich die Cathy Dingsbums. Ist nicht wichtig, irgend so ein Erotik-Sternchen. Und die macht gerade im Fernsehen einen Plan! Und ich LIEBE es, wenn Menschen Pläne machen! Echt! Ich könnte mich da immer wegwerfen vor Lachen!“ 

„Du bist Gott?“ 

„Ja, stimmt. Dürfte ich Dich noch einmal an diese Idee mit dem „Aus-dem-Bild-gehen“ erinnern?“ 

„Du bist eine Frau!“ 

„Und Du bist nicht durchsichtig.“ 

„Du hast ja meinen alten Trainingsanzug an!“ 

„Ja. Stört Dich das? Der ist superbequem und passt mir wie angegossen!“ 

„Ich… Gott sieht fern?“ 

„Na ja. Im Moment nicht. Weil Du davor stehst!“ 

„Oh. Sorry!“ 

„Besser! Willst Du auch ‘was von der Pizza? Ist die beste Pizza der Welt!“ 

„Huch, wo kommt die denn auf einmal her?“ 

„Ich habe extra Family-Size genommen, ich weiß doch, wie Du die magst!“ 

„Ja, aber das ist praktisch nur Kohlenhydrat und Fett!“ 

„Aber geil!“ 

„Schon, aber ich bin ja der Auserwählte, oder?“ 

„Klar, klar… Du, es stresst ein bisschen, wenn Du da so rumstehst. Komm, setz’ Dich, nimm Dir ein Stück Pizza und relax’ erst einmal!“ 

„Okay. Wenn Du meinst. Du bist ja schließlich Gott, oder?“ 

„Genau! Kuck’, jetzt kommt dieser Joey Heindle, kennste den?“ 

„Neee… Ist das nicht so ein Schlagerfuzzi?“ 

„So ist es! Mit ein bisschen Glück entwickelt der auch einen Plan! Und was wollen wir wetten: Der Plan klappt nicht!“ 

„Kein Plan klappt!“ 

„Genau!“ (lacht) 

„Die Pizza ist echt geil! Boah, da könnt’ ich mich reinsetzen! Hoffentlich nehme ich nicht wieder so zu!“ 

„Und? Wo ist das Problem? Ist doch schnuppe und schnurz!“ 

„Na ja, das ist ja eigentlich meine Formulierung…“ 

„(abgelenkt) Da! Siehste! Hörste? Das ist doch unverschämt!“ 

„Was? Dass die Werbung bringen? Das machen die doch alle fünf Minuten?“ 

„Nein, das meine ich nicht! Ich meine, dass die Werbung so laut ist! Das ist doch unverschämt!“ 

„Na und, ist doch schnuppe. Stellste halt das Volume zwei Ticks runter.“ 

„Genau! Und genau da kommst Du ins Spiel!“ 

„Ich?“ 

„Du kennst Dich doch mit Fernbedienungen aus, oder? 

„Klar!“ 

„Ich halt nicht. Ich hab’ daheim wahrscheinlich sechs Fernbedienungen und ich weiß nicht einmal ganz sicher, welche zu welchem Gerät gehört.“ 

„Das kann ein Problem werden.“ 

„Das ist ein Problem.“ 

„Und? Was hat das mit mir zu tun?“ 

„Tja. Keiner auf dem gesamten Erdball kann besser mit Fernbedienungen umgehen als Du.“ 

„Oh, cool. Das wusste ich nicht.“ 

„Ja, genau. Das ist Deine ganz besondere Fähigkeit.“ 

„Tja. Ich habe auch jeden Tag geübt!“ 

„So. Und Deine Aufgabe ist es ab jetzt, jedes Mal, wenn Werbung kommt, die Lautstärke runter zu klicken und danach wieder hoch!“ 

„Wie? Das ist meine Aufgabe?“ 

„Das ist ab jetzt Deine Aufgabe!“ 

„Und deswegen hast Du mich auserwählt!“ 

„Deswegen bist Du der Auserwählte!“ 

„Cool. Kein Problem. Und, was ich noch fragen wollte: Es kommt dann nicht irgendwo eine Kreuzigung am Schluss oder so?“ 

„Nein, keine Kreuzigung! Das Fernsehprogramm ist schon schlimm genug.“ 

„Man kann ja auch streamen mittlerweile. Kennste das?“ 

„Streamen?“ 

„Ja, das da unten ist ein MacMini. Da hab’ ich Prime, Apple, Netflix, Hulu und alle amerikanischen Kabelprogramme per VPN drauf.“ 

„Und was ist der Vorteil?“ 

„Na, da läuft der heiße Scheiß! Und die kannste alle kucken, wann Du willst! On demand!“ 

„Echt? Das wusste ich ja gar nicht!“ 

„Ach, Gott, weißte was?“ 

„Was denn? Willste noch ein Stück Pizza?“ 

„Nee. Haben wir Bier im Haus?“ 

„Im Haus? Wer bin ich?“ 

„Gott!“ 

SFX: Apparition 

„Hier ist Dein Bier!“ 

„Geil, danke! Meine Lieblings-Sorte!“ 

SFX: Zisch 

„Was wolltest Du sagen?“ 

„Ich glaube, wir zwei haben eine ganz tolle Zeit vor uns!“ 

„Werbung ist vorbei, kannste wieder lauter machen?“ 

„Kein Problem! Kennst Du eigentlich „Lucifer“, die Fernsehserie?“ 

„Nö.“ 

„Da wirst Du Dich erst schlapp lachen!“ 

„Meinste?“ 

„Klar! Oder „American Gods“? Oder „Preacher“? 

„Nein. Ist das denn gut?“ 

„Oh, Mann, wir werden so eine tolle Zeit haben!“ 

„Na, dann! Zeig’ ‘mal her, Erwählter!“