Scheiss auf’s Mutterglück!


Als Frau hat man es nicht gerade leicht, wenn es um die eine Frage geht: Nachwuchs oder nicht? Mach ich’s und bin dann vielleicht meinen Job los? Mach ich’s nicht, bin ich dann meinen Mann los?

Alte Geschlechterrollen, finanzielle Abhängigkeit, Teilzeitarbeit und vieles mehr ist zu bedenken, wenn frau vor dem Projekt „Kind“ steht.

Und dann ist da noch dieser Druck: „Ja Kind, warum klappt´s denn nicht endlich? Du bist ja auch nicht mehr die Jüngste! Muttersein ist das natürlichste von der Welt!“

Frau Anders meint: Scheiss auf das sogenannte Mutterglück! Kein Kind zu kriegen ist genauso in Ordnung!


Download der Episode hier.
Musik: „Good to go“ von Josh Woodward / CC BY 3.0


Skript zur Sendung

„Na, gehörst du auch zu den Frauen, die karrieregeil, egoistisch, kaltherzig, berechnend und asozial sind? Tja sieht ganz danach aus, schließlich hattest du es bisher ja nicht nötig, dem Staat Kinder zu schenken, die unser aller Zukunft sichern!

Du wolltest ja unbedingt erfolgreich deinen Beruf weiter ausüben. Fehlt dir da eigentlich nichts? Ich meine hast Du mal darüber nachgedacht, wer dich später im Alter versorgen soll…?

Oder kannst Du vielleicht gar keine Kinder bekommen? Oh Gott, du Arme! Hast du denn dann überhaupt das Gefühl eine „richtige“ Frau zu sein? Wahrscheinlich ist das sehr schwer für Dich, in Deinem Leben als Frau glücklich zu werden? Oder? Ich meine: So ohne Kinder! Das ist ja unnatürlich!“

So ‚was und noch viel mehr unsinnigen Mist, müssen Frauen sich anhören, die aus welchen Gründen auch immer, in unserer jetzigen Gesellschaft kinderlos bleiben.

Am schlimmsten ist das wohl in den Vorstädten und Dörfern. Hier ist man mit Ü40 als Frau ohne Kind und Mann eindeutig ein Alien. Ein fremdartiges Wesen.

Aber nein, es das lässt sich so noch steigern: Die verheiratete Frau ohne Kinder!Wollte sie nicht? Konnte sie nicht? Warum klappt’s denn bei denen nicht? Ist sie schuld oder können seine Spermien nicht?

Alleinstehende Frauen kennen ja die Variante: Hat die keinen Kerl? Sieht doch gar nicht aus wie eine Emanze? Ist vielleicht sogar ’ne Lesbe? Oder will die einfach nur ihr ganzes Gehalt alleine auf den Kopf hauen? Total egozentrisch und gefühllos diese weiblichen Führungskräfte!

Deutschland, 2018: Das ist der Stand der Dinge.

Und wißt ihr, was ich glaube? Hier spricht die Missgunst. Der Neid, dass ihr euch schon das 25’te Paar Schuhe in diesem Monat kaufen konntet und sie nicht.

Natürlich hat man finanziell einen anderen Background wenn man nicht drei heranwachsende Schreihälse durchfüttern muss. Und als Alleinerziehende rede ich eher von dem 25’ten Paar Schuhe der letzten 20 Jahre…

Anders als für Männer ist das Kinderkriegen für Frauen ein echtes Risiko. Die Elternzeit ist ebenso schwierig, wie eine erfolgreiche Weiterführung des Berufes in Teilzeit, und mittel bis langfristig warten besonders für Alleinstehende die Armuts- und Rentenfallen.

Den Frauen vor diesem Hintergrund vorzuwerfen sich gegen Kinder in der heutigen Zeit entschieden zu haben, klingt fast schon absurd!

Mut ist die erste Silbe von Mutter. Hervorragend ausgebildete Frauen, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen, weil der Unterhalt für die Kinder nicht gezahlt werden kann oder werden will. Ohne Unterstützung aus der eigenen Familie verlieren Frauen schnell den Anschluss im Beruf.

Bei allem Fortschritt in der Emanzipation: Die Chancen, dass eine Partnerschaft die 20 Jahre Kindererziehung schafft, sind gerade einmal 50/50. Und von den alleinerziehenden Eltern sind gerade einmal 10% männlich. Mut ist die erste Silbe von Mutter.

So erging es auch mir.

Ich wollte für meine Töchter da sein, sechs Jahre Auszeit vom Beruf. Nur trautes Familienglück und… Na ja: kein Partner, dafür Sozialhilfe und Hartz IV.

Durch einen Glücksfall bekam ich nach Jahren wieder eine Stelle in meinem alten Beruf angeboten. Geht das bitte auch in Teilzeit? Nein, unmöglich. Mindestens 30-35 Stunden Woche!
Na gut. Wenn so sein muss. Was tun? Ganztages-Kindergarten und Tagesmutter für meine schulpflichtige Tochter?

Und so kam es dann auch: Morgens die Kinder für Kindergarten und Schule vorbereiten, danach zum Kindergarten rasen, dann in die Arbeit rasen , alles 50 km räumlich entfernt.
Achtung, beeil Dich! Hetz‘ Dich! Du musst rechtzeitig Feierabend machen! Nicht, dass deine Tochter wieder als letzte abgeholt wird!

Mist, schon wieder ein Stau auf der A8!. Die Kindergärtnerinnen hassen mich doch sowieso schon wie die Pest!

Nach dem Einsammeln der beiden, nach Hause hetzen. Abendbrot herrichten. Dann Hausarbeit, nur das Allernötigste. Hausaufgaben anschauen, ins Bett bringen, vorlesen bis man selber eingeschlafen ist, aber nicht das Kind. Morgens das Ganze wieder von vorne: Wieder 100 km, wieder zu spät, wieder Termine, wieder Stau…

Irgendwann wog ich nur noch 49 Kilo. Und – ich war trotzdem eine lupenreine, waschechte Rabenmutter. Sagten die anderen. Ich schob meine Kinder tagsüber ab, währenddessen ich egoistisch und karrieregeil meinen Beruf ausübte!

Aber ich konnte uns drei ernähren, nicht gerade besonders üppig, aber es ging.

Sooo, und wenn mir jetzt jemand erzählen will, das jede Frau diesem Irrsinn zustimmen sollte, nur um sich zu reproduzieren oder der Arterhaltung zu dienen, oder weil es die tiefe, innere Bestimmung des Frausein ist, dann sage ich:

Schwachsinn!
Bullshit!
Scheiß auf’s Mutterglück!

Selbst in einer funktionierenden Partnerschaft kann niemand ernsthaft verlangen, dass die Frauen sich selbstredend in ihren besten Jahren mit dem Kinderkriegen beschäftigen und damit in der Regel komplett ins berufliche Aus schießen. Partner hin, Partner her. Wie oben gesagt: 50/50!

Die 68er proklamierten verzweifelt: „Mein Bauch gehört mir!“ Die Frauenrechtlerinnen wollten in den Siebziegern nicht Männer weiter darüber bestimmen lassen, ob sie ein Kind bekommen sollten oder nicht. Deshalb forderten sie damals die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218.

1974 beschloss der Bundestag mit einer ganz knappen Mehrheit eine Fristenregelung.

Ein Jahr darauf wurde die Indikationsregelung eingeführt: Frauen durften jetzt erstmalig straffrei abtreiben, wenn ihr eigenes Leben (medizinische Indikation) oder das Leben des Kindes gefährdet war (eugenische) oder wenn das Kind Produkt einer Vergewaltigung war (kriminologische) oder wenn sich die Mutter sich in einer sozialen oder psychischen Notlage befand (soziale).

Nach der Wiedervereinigung musste dann eine neue, gemeinsame Regelung gefunden werden. 1995 wurde der bis heute geltende Kompromiss verabschiedet: Abtreibung bleibt grundsätzlich strafbar, mit Beratung ist sie bis zur zwölften Woche jedoch straffrei.

Und: Vorsicht! Straffrei bedeutet nicht legal! „Um die Würde der Frau“ hätte diskutiert werden sollen, anstatt um Fristen bei der Reform des Abtreibungsparagraphen 218 vor 25 Jahren. Das forderte damals genau eine einzige Bundestagsabgeordnete der SPD…

Noch heute sterben weltweit wegen illegal vorgenommener Schwangerschaftsabbrüche 50.000 Frauen jährlich. Deshalb wurde in Deutschland die Fristenregelung eingeführt, um medizinischen Pfusch zu verhindern.

Doch wenn der Gesetzgeber die Würde der Frau wirklich hätte schützen wollen, wäre dann der Schwangerschaftsabbruch innerhalb der Frist konsequenterweise nicht endlich mal legal, statt bis heute nur straffrei?

Ja – mein Bauch gehört mir, ganz klar. Aber zuerst gehört er mal dem Staat und seinen Rentenkassen. Oder? Wie heißt das nette Buch noch einmal: Vögeln für’s Vaterland? Nein, danke! (gibt’s tatsächlich erschienen 2017 von Frau Herrnkind)

Kinderlosigkeit ist ein Menschenrecht. So heißt es.
Ja, so ist es, auch wenn man es nicht glauben mag…
Hat bereits 1968 die Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen dies sehr deutlich so erklärt.

Da heißt es: „Eltern haben ein grundlegendes Menschenrecht frei und selbstverantwortlich über die Zahl ihrer Kinder zu entscheiden.“

Naja – Und dann sind da ja auch noch die gut gemeinten sehr hilfreichen und freundschaftlichen Ratschläge, die ich schon mal gelegentlich von Freundinnen erzählt bekomme…

„Du wirst nie diese bedingungslose Liebe kennenlernen, wenn du keine eigenen Kinder hast!“ Oder: „Sie geben einem so viel zurück!“ Oder: „Später dann im Alter, wirst du es bereuen!“

Danke, liebe Freundin! Deine Fürsorge um mein Wohlergehen rührt mich sehr!
Kann man denn etwas vermissen, was man nicht kennt? Und nicht einmal wünscht?

Und natürlich kann es sein, dass ich im Altersheim allein sitze und andere bekommen Besuch von ihren Kindern und Enkeln, nur ich nicht.
Ja, kann sein.

Und natürlich kann ich mir auch vorstellen, dass die Liebe zwischen Kindern und Eltern etwas Besonderes ist.
Ja, kann sein.

Aber das ist kein Grund, deshalb ein Kind zu bekommen. Damit man geliebt wird? DAS, meine liebe Freundin, finde ich, ist egoistisch!

Vielleicht sollten wir einfach anerkennen, dass es Frauen gibt, die einfach ihre Freiräume behalten möchten. Schließlich hat ja auch nicht jeder Mann das Bedürfnis sich zu vermehren oder? Und ich glaube nicht, dass diese Frauen kein Interesse an Kindern hätten, vielmehr glaube ich das ihnen die vorherrschende Isolation in den heutigen Kleinfamilien mehr Angst macht. Dieses Leben, das auch in Deutschland als dominantes Mutterideal vorgegeben wird, will eben nicht jede Frau. Für mich völlig verständlich zu mehr als 100%!

Es wird als naturgegeben angesehen, dass eine Frau Kinder haben möchte, oder zumindest mal ein Kind. Bei diesem Familienkonzept.Wird Frauen von unserer Gesellschaft unterstellt, dass der Kinderwunsch automatisch zum Frauwerden dazugehört!

Neiiiin, es wird ihnen von allen Seiten suggeriert, dass sie zeitlich unter einem immensen Druck stehen wegen der tickenden biologischen Uhr und diese elemantare Erfahrung in ihrem weiblichen Leben unbedingt machen müssten. Auch wenn sie vielleicht gar kein Familienleben wollen.

Nur weil ich etwas kann, heißt es ja nicht, dass ich es auch muss!

Männer werden ja auch nicht automatisch als Vater in die Gesellschaft eingegliedert, sobald sie die Zwanzig überschritten haben.
Nein, hier gilt es eher als cool, wenn man der ewig schnittige Junggeselle ist.

Es hat sich eigentlich, statistisch gesehen, nicht viel verändert.

Muttersein wird heute nicht in Frage gestellt. Es wird als eine angenommene Tatsache gesehen, dass Frauen Kinder bekommen wollen…

Ich habe bei meinen eigenen Großeltern gesehen, dass auch Menschen mit Familie im Altersheim allein sein können. Unsere eigene, große Verwandtschaft ist so derart in der Welt verstreut, dass es unmöglich ist, mal schnell einen Besuch irgendwo zu machen.

Das hat eben oft damit zu tun, das nicht immer alle Familien bis ins hohe Alter zusammenleben wollen, da oft die Vorstellungen auseinandergehen und die Kinder zum Beispiel in andere Länder ziehen.

Die glückliche Frau in den Vierzigern ohne Kinder? Wo ist die?
Erfolgreiche Vorbilder gibt auf jeden Fall es wenig.
Glückliche Frauen ohne Kinder tauchen in der Öffentlichkeit oder in den Medien wenig auf.

Lieber sechs als nur zwei Kinder: Das scheint bei weiblichen Promis der Trend zu sein…
Klar mit Kindermädchen und Haushälterin würde ich das, glaub‘, ich auch hinbekommen! Frau Jolie, Frau Klum oder Frau van der Leyen.

Fortschritt hin, Fortschritt her: Das ist immer noch die alte Glorifizierung der Mutter innerhalb des Frauenbildes!

Wir meinen oft, das klassische Rollenbild hinter uns gelassen zu haben, da Frauen selbstverständlich arbeiten und finanziell unabhängig sind. Sobald es aber um das Thema Mutterschaft geht, verfallen wir als Paar und in unserem Umfeld wieder sehr schnell zurück in die festgefahrenen Rollenbilder.

Die Frau bleibt selbstverständlich erst einmal zu Hause und kümmert sich um Kind und Haus. Der Mann geht arbeiten, klar.

Bevor Kinder da sind, treffen sich Paare auf Augenhöhe und leben gleichberechtigt und emanzipiert miteinander. Dann kommen die Kinder und wir sind übernacht mit dem Muttersein wieder 100 Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden.

Viele jungen Frauen davor zurück denn diese finanzielle Abhängigkeit, die Teilzeitarbeit, Altersarmut und die traditionelle Rollenbilder sind meiner Meinung nach die Gründe, warum sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden.

Oder aber, den Wunsch immer weiter nach hinten schieben, solange, bis es irgendwann einfach auch zu spät ist…

Also, liebe Hörerinnen: Wenn ihr in dem Alter seid, in dem euch die Gesellschaft zwingt, für’s Vaterland zu vögeln, hier eine kurze Liste mit Gründen, keinen Nachwuchs zu bekommen:

  • Es ist nicht natürlich, schwanger zu sein. Nicht-Schwanger ist der Normal-Zustand des weiblichen Körpers. Egal wer euch vom Gegenteil überzeugen will. Basta!
  • Es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Das sind bereits einige zuviel. Warum sollte ich den Planeten noch mehr übervölkern?
  • Wer gerne Kinder hat und etwas für die Menschheit oder den Planeten tun will, der kann ja auch Waisenkinder adoptieren.
  • Dein Partner ist ja wirklich nett. Aber du willst dich nicht auf eine lebenslange romantische Liebe verlassen? – Gut so, das wäre nicht nur falschverstandene Romantik, sondern auch bescheuert.
  • Ach, und übrigens: Mama, Papa, Kind. 20 Jahre in der piefigen Vorstadt? Kotzt dich an, weil du mehr erleben willst, als Backrezepte tauschen? Willkommen im Club der lebensfrohen Pioniere, die noch die Welt entdecken wollen!

Und zum guten Schluss: Natürlich ist es völlig in Ordnung, Kinder zu haben. Wir haben ja auch beide welche. (Und, wenn ihr uns jetzt zuhört und vielleicht sogar eines unserer vier Kinder seid: Weder der Herr Wunderlich noch ich bereuen eine Sekunde davon!)

Kinderhaben ist in Ordnung. Aber: Es ist kein Mysterium, keine Erleuchtung, keine Erlösung, keine bedingungslose Liebe, kein Dauerglück, kein Super-Kosmos-Orgasmus. Es ist Leben. Ganz normales Leben.

Aber es ist genauso in Ordnung für eine Frau KEINE Kinder zu haben. Auch das ist Leben. Ganz normales Leben.

Und: Es sollte die Entscheidung der Frau sein dürfen, ob sie das will oder nicht. Denn, so wie die gesellschaftliche Realität aussieht, ändert das hauptsächlich und mit einiger Wahrscheinlichkeit IHR Leben und nicht das des Partners.

Darum schöne Grüße an die Iren! Willkommen in der nicht-katholischen Welt!
Fada beo! Es lebe das Leben. Viva la vida!