Schau! Der Mond!



Albträume können zum einen sehr historisch daherkommen, aber auch hochmodern. Da existieren durchaus mittelalterliche Drachen direkt neben dem Warp-Drive der Enterprise D – im Traum geht das.

Es stellt sich also die Frage, ob es Wirklichkeit ist oder aber ein Traum, wenn die Bundesregierung einem einfach eine Notfall-App auf’s Handy installiert. Ohne vorher zu fragen.

Wird wohl ‘was Ernstes sein, möchte man annehmen. Und folgerichtig klickt man dann auf das Icon: “An alle Anwohner in Mannheim. Verlassen Sie heute nicht das Haus! Und schauen Sie auf gar keinen Fall den herrlichen Mond an!”


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Bo“ von Moon & Sun / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Es gibt in jeder Bettgemeinschaft den Besserschläfer und den Leichterschläfer. Egal, ob man verheiratet ist oder verwandt, ob Männchen und ein Weibchen ist oder jede andere, denkbare Kombination: Es ist eine Frage der Logik!

Ich stelle mir vor, es ist als Leichterschläfer nicht einfach. Man liegt da und ringt mit dem Schlaf, während der Besserschläfer nebenan tief atmet. Oder schnarcht. Oder zufrieden schmatzt. Oder sich gemütlich herumdreht, während man selber einfach nicht die richtige Position findet.

So stelle ich mir das vor. Denn in der Beziehung, in der ich lebe, bin ich der selige Besserschläfer. Darum ist es wirklich gemein, dass ich das Handy anlassen muss über Nacht, aber das gehört leider zu meinem Job.

Aber natürlich war es nicht das Smartphone, das mich weckte, sondern eben meine Freundin. Die Leichterschläferin. Die süßeste Leichtschläferin der Welt!

“Schatz, Schatz! Wach’ auf! Dein Telefon fällt gleich vom Nachtkästchen vor Aufregung!”

“Hm? Was? Wie bitte?”

“Du hast ungefähr zwölftausend Benachrichtigungen bekommen! Vielleicht schaust Du ‘mal nach, damit ich endlich schlafen kann!”

Sagt die Leichterschläferin leicht beleidigt und dreht sich um. Da sind wirklich viele Benachrichtigungen, die genaue Zahl kann ich ohne Brille nicht erkennen.

Na, dann schauen wir uns das einmal an. Und weil ich ein besonders liebenswerter Mensch bin, geb‘ ich ihr ein Bussi, nehme mir das Handy und trolle mich ins Wohnzimmer.

Dort wickele ich mich in eine Decke, werf die Hündin vom Sofa, ziehe die Brille an und schau’ mir das einmal genauer an.

Drei Uhr morgens sagt das Handy erst einmal auf der Startscreen. Und dann: 185 Textnachrichten, 42 verpasste Anrufe, eine Notfall-Mitteilung und eine Systemwarnung.

“Notfall-Mitteilung”? Was soll das denn sein? Und 185 Nachrichten? Ich habe nicht einmal 185 Kontakte! Weder auf Facebook, noch auf Twitter oder auf Instagram. Wahrscheinlich nicht einmal alle zusammengenommen. Ich bin mehr so der Typ der asozialen Medien.

Und dann dieses rote App-Icon mit dem Bundesadler namens “Notfall”
Das ist völlig neu auf meinem Handy. Was bitte soll das denn sein?

Es muss irgendetwas passiert sein. Eine große Katastrophe vielleicht. Ein Erdbeben, das eine Stadt verschluckt hat. Oder meine Eltern wurden von Terroristen entführt. Oder Putin hat speziell Mannheim den Krieg erklärt und eine Atombombe ist auf dem Weg hierher.

Bei dem Gedanken, wie Putin grimmig den roten Knopf drückt und dabei “Fuck Mannheim” grummelt, muss ich trotzdem innerlich schmunzeln.

Und das ist ein Beweis. Wenn das hier ein echter Notfall wäre, dann würde ich so einen Mist gar nicht denken – Putin und „Fuck Mannheim“!  Das hier ist ein Traum! Na klar! Ein blöder Albtraum!

Also tippe ich gelassen auf das App-Symbol und kucke mir diese Notfall-Mitteilung einmal an. Die App startet…

…und zeigt einen weißen Bildschirm mit dem Bundesadler oben drauf. Ein Text erscheint und besagt: “Warnung Ihrer Bundesregierung: Schauen Sie auf keinen Fall den Mond an!”

Das war ein ziemlich bizarrer Traum, oder? Dann würde ich der Sache mal auf den Grund gehen müssen, sonst hört das ja nie auf.

Beginnen wir also mit den Textnachrichten. Hier ist vor allem auffallend, wie viele der Nachrichten von Nummern stammen, die mir gar nichts sagen.

Oder von Nummern, die überhaupt nicht aussehen wie Telefonnummern. Einige haben nur sechs Stellen oder gar nur vier. Ein paar haben sogar nur zwei Stellen – andere chinesische Zeichen.

Genug der Analyse. Auch wenn das ein Traum ist, muss ich ja irgendwie weitermachen. Ich kann ja schlecht die ganze Zeit mit der Analyse der Sender verbringen. Also klicke ich die erste Nachricht an:

“Schau Dir den Mond an! So toll hat der noch nie ausgesehen!”

O.k. Seltsam. Aber nicht völlig ungewöhnlich. Beim sogenannten Blutmond vor einem Vierteljahr haben ja auch einige hohl gedreht.

“Der Mond ist heute so groß und wunderschön, das musst Du sehen!”

“Der Mond ist so cool! Das darfst Du nicht versäumen, Martin!”

Das ist noch einen Ticken seltsamer, weil jemand, in dessen Telefonnummer zwei chinesische Schriftzeichen und ein Emoji stecken, meinen Vornamen kennt.

Das muss ein Scherz sein. Ein Prank. Eine Verarschung. War bald April? Hab‘ ich bald Geburtstag? Stecke meine Freundin mit denen unter einer Decke?

Denn irgendwie mussten die an mein Handy gekommen sein, um da diese Nachrichten zu hinterlassen….

“Schau Dir den Mond an! Er ist so schön! Geh’ raus und schau Dir den Mond an!”

“Wie der Mond über dem Waldrand scheint, das musst Du sehen, Schatz!”

“Schau, der Mond! So schön! Geh’ raus und kuck Dir den Mond an, Schatz!”

“Das ist so unglaublich schön! Das musst Du sehen! Geh’ raus und kuck den Mond an!”

Schatz? Wer nennt mich da einfach so Schatz? Oder sind das alles Nachrichten von meiner Freundin? Plötzlich sehe ich sie wieder vor mir, wie sie mich gerade wachgerüttelt hat…

Und wenn ich jetzt die Nachrichten so lese, dann höre ich in meinem Kopf ihre Stimme. Wie wenn sie von weit weg mit mir sprechen würde. Und immer wieder wiederholt sie ihre Nachricht, ihre Aufforderung. Ihren Befehl: „Schau Dir den Mond an! Geh’ raus! Schau den Mond an! Geh’ raus und schau Dir den Mond an!“

Es läuft mir kalt den Rücken runter. Das ist der unheimlichste und gleichzeitig realistischste Albtraum meines ganzen Lebens. Ich stelle das Handy auf Flugmodus und lege es mit dem Screen nach unten auf die Couch. Und dann noch ein Kissen obendrauf.

Notfall-Mitteilung der Bundesregierung? Mit eigener App? Na ja, ganz ausgeschlossen ist das natürlich nicht. Ich weiß von Freunden aus Israel, aus Tel Aviv, die haben eine App von der Regierung, die sie vor Raketenabschüssen warnt.

Aber dann muss ja eigentlich auch ‚was im Fernsehen kommen, oder? Das ist eine tolle Idee, oder? Mein Handy konnten meine Kumpels vielleicht cracken, aber das Fernsehprogramm nicht!

Es ist zwar drei Uhr, aber, wenn es wirklich so ein großartiger Notfall ist mit dem Scheiß-Mond, dass meine Regierung eine Warnung auf meinem Handy installiert, dann werden die auch im Fernsehen da ‚was von bringen, oder?

Also schalte ich die Glotze ein. Und da laufen tatsächlich die Tagesthemen, obwohl es drei Uhr nachts ist. Und im Studio ist die Pinar Atalay und die schaut mir genau in die Augen und sagt sachlich: „Anwohner in Mannheim werden durch den Nachrichtendienst der Bundesregierung eindrücklich vor dem Betrachten des Monds gewarnt. Ich wiederhole: Wenn Sie in Mannheim wohnen, dann betrachten Sie heute nacht nicht den Mond. Besonders gilt das für Dich, Martin!“

O.k. Das ist jetzt zuviel des Guten. Ein Scherz meiner Freunde oder meiner Freundin kann das nicht mehr sein. Das ist also ganz klar ein Albtraum. Wenn einen der Fernseher direkt anspricht. Oder meinetwegen Pinar Atalay.

Ich beschließe, wieder ins Bett zu gehen. Früher oder später würde ich schon einschlafen und wenn ich dann wieder wach werden würde, dann wäre der ganze Unsinn mit dem Mond nur ein böser Traum gewesen.

Wie ich vor der Schlafzimmertür ankomme, da spüre ich schon, dass meine Freundin auf der anderen Seite wach ist und auf mich wartet. So sicher bin ich mir, dass ich mir gar nicht Mühe gebe, leise ins Zimmer zu schleichen.

Und, richtig, da sitzt sie und heult in ihr Tempo. Ihr Gesicht wird von unten beleuchtet, von ihrem Handy.

Sie schaut mich mit ihrem wunderschönen Gesicht an:  „…es tut mir leid, Martin! Ich hätte Dir sagen sollen, dass Du den Mond anschaust. Ich selber! Es tut mir so leid!“

„Was? Du machst auch mit? Was soll das alles?“

Und sie dreht sich weg von mir und flüstert nur verzweifelt:

„…es tut mir leid, Martin. Es tut mir sooo leid!“

Ich kann nicht mehr. Ich stelle mich vor sie ans Bett und packe sie an den Schultern. Panik bestimmt mein Handeln, die schiere Panik.

„Was tut Dir denn leid? Was soll dieser ganze Mist? Was soll das?“

Ich schüttele sie und frage sie immer wieder: Was soll das?
Aber auf einmal kuckt sie nur durch mich hindurch und lächelt nur und sagt: „Wow! Was für eine unglaubliche Nacht! Und der Mond! Schau Dir den Mond an, wie wunderschön er ist!“

Und sie kuckt durch mich hindurch und durch das Haus hindurch und auf den Mond dahinter, am Himmel, den sie eigentlich gar nicht sehen kann.

Das war der Moment, wo etwas in mir aufgibt. Ich ließ meine Freundin los, die gar nicht richtig da war. Die durch mich hindurchkuckt, als wäre ich Glas.

Langsam stehe ich auf.

Ich fühle mich wie ferngesteuert, aber langsam schleiche ich zur Schlafzimmertür. Und öffne sie und ich trete auf den Flur. Ich schlurfe den Flur entlang wie eine Marionette. Wie jemand, der einfach nicht mehr Widerstand leisten kann.

Und ich öffne die Haustür und das Mondlicht fällt in unseren Hausflur.
Und ich sehe den Mond. Und, als ich den Mond sehe, da erinnere ich mich wieder. An alles.

An diesen einen Abend. Wir fahren im Auto die Landstraße lang, es war eine lange Nacht gewesen. Sie hatte einen Auftritt gehabt mit ihren Freundinnen, mit ihrer Band. Und die Leute waren begeistert gewesen!

Von der Band, der Musik, der Stimmung und ganz besonders der Frontfrau. Die sah auch verdammt geil aus und die konnte wirklich rocken. Und diese Frontfrau war meine Freundin. Ich war so stolz!

Sie hatte da auf der Bühne ihr Herz rausgebrüllt und alles gegeben. Jetzt saß sie neben mir, ein Handtuch über den Bühnenklamotten, weil sie soviel geschwitzt hatte.

Wir haben einfach Reißaus genommen – nichts After-Show-Party! Nur wir zwei. Sie und ich. Ihre schweißnassen Haare sind nachlässig mit einer Bürste nach hinten gestriegelt. Und ihr Mikro, das Glücksmikro, das Talisman-Mikro, das hat sie noch auf dem Schoß.

Es ist eine besondere Nacht. Eine, die wir niemals vergessen werden, das ist mir schon in diesem Moment völlig klar.

Und wie in Zeitlupe dreht sie sich zu mir um, sie strahlt vor Glück und sie sagt: „Wow! Was für eine unglaubliche Nacht! Und der Mond! Schau Dir den Mond an, wie wunderschön er ist!“

Dieses Bild werde ich nie vergessen. Ich drehe mich um, schau‘ den Mond an.
Sie hat natürlich recht: Es ist wunderschön. Wirklich unglaublich.

Ich seufze tief auf.

Das nächste Bild in meinem Kopf ist in Super-Slow-Motion. Sie und ich und alles im Auto ist nicht am richtigen Platz. Die Schwerkraft ist aufgehoben. Alles schwebt.

Die Flasche Bier, der Lippenstift, das Glücksbringer-Mikro, ihre Handschuhe, aber auch sie selber und ich auch.

Wie in „Gravity“ schweben wir ganz träge durch die Nachtluft, während sich das verbeulte Auto und der Planet Erde und der Sternenhimmel draussen um uns drehen.

Alles in falschen Winkeln und alles falsch proportioniert.

Ich bin völlig fassunglos, als ich noch einmal den Vollmond sehe und davor das Gesicht meiner Freundin im Profil. Wie sie sich vor mir drehen. Ich versuche, sie zu berühren…

„Und den Rest kennen Sie ja. Ich habe es Ihnen ja schon ein paar Mal erzählt. Dann bin ich aus dem Koma aufgewacht und war hier.“

Die Frau und der Mann mit den Polizeiuniformen sehen herunter auf mich, wie ich da liege. Voller Kabel, Schläuche, an einigen Stellen kamen seltsame Stahl-Drähte aus meinem Körper. Ich sah, dass ich ihnen irgendwie leid tat.

„Es tut uns leid für Ihren Verlust. Wirklich. Können Sie uns sagen, ob und wieviel sie an diesem Abend getrunken hatten?“

Ich seufze tief auf. Ob? Na klar! Konnte ich sagen, wieviel es war? Nein, konnte ich nicht.
Aber zuviel war es, soviel war klar. Viel zuviel war es. Das war mehr als klar.

Ich sage: „Nein, kann ich nicht. Tut mir leid.“

Die Frau in der Polizeiuniform nickt nur. Ich sehe, dass sie sich auf dem Klemmbrett mit dem Formular überhaupt keine Notizen gemacht hat. „Sie werden, wenn sie hier irgendwann einmal rauskommen, wahrscheinlich einen guten Rechtsanwalt brauchen.“

Ich nicke nur. Die beiden gehen. Erst der Mann, dann die Frau. Doch plötzlich bleibt sie in der Tür stehen. Sie senkt den Kopf. Und sagt, ohne sich noch einmal umzudrehen: „Meinen Sie, wenn Sie auf die Warnung der Regierung gehört hätten… Meinen Sie, dann wären Sie immer noch im Koma?“

Erst nicke ich, aber das kann sie ja nicht sehen!

„Ja. Da bin ich mir sicher. Hätte ich bloß nicht auf den Scheiß-Mond geschaut!“