Rufus & die Wunderlampe



Der Dschinn in der heutigen Geschichte beschwert sich zurecht: In all der Zeit seit „Tausendundeiner Nacht“ hat sich niemand die Mühe gemacht, eine Geschichte aus seiner Perspektive zu erzählen.

Das Morgenradio nimmt sich also der vielleicht kleinsten Minderheit der Welt an und ändert das heute mit einem modernisierten Märchen. In den ganzen Jahrhunderten, seit Aladdin an der Lampe rubbelte, hat sich vieles geändert. Aber es gilt: Wer den Dschinn befreit, hat drei Wünsche frei.

Völlig egal, wer das ist! Oder? Oder? Oder?


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Woofing Dance“ von Poxfil / CC BY-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Und? Wer denkt an den Dschinn? Hm? Habt ihr euch das auch nur ein einziges Mal überlegt? Da gibt es die tollsten Geschichten aus 12000 und einer Nacht – mindestens – und immer geht es um die Typen, die die Wunderlampen finden und nicht eine ist aus der Sicht von uns Dschinns geschrieben! Nicht eine!

Dabei kann ich euch sagen, diese Typen, die die Wunderlampen finden, in die ein Dschinn gebannt werden kann – diese Typen, das sind immer ganz halbseidene Bürschchen! Überhaupt keine Helden, sondern eine Bande von Egoisten!

Die wünschen sich praktisch Alle Reichtum, gutes Aussehen, tolle Schiffe, eine Insel, viele Frauen oder viele Männer …oder beides – nur so oberflächlichen Kram. Als ob ein Dschinn bei Amazon arbeiten würde! Und natürlich macht das alles auf Dauer nicht glücklich und dann ist wieder Heulen und Zähneklappern! Kennt man doch! Alladin, König Midas, Donald Trump…

Es gibt ein paar Oberschlaue, die ein bisschen weiterdenken. Zum Beispiel sich unendlich viele Wünsche wünschen. Habt ihr euch das auch schon einmal gedacht? Ja?

Dann lasst euch sagen: Das ist ungefähr so originell wie als Passwort „Passwort“ zu nehmen.

Und: Das. Geht. Natürlich. nicht.

Klar, man kann sich alles wünschen. Aber nur “quasi” alles. Das ganze Spiel mit uns Dschinns folgt schon gewissen Regeln. Zum Beispiel der Regel: Drei Wünsche für den Wunderlampen-Rubbler und einen für den Dschinn. Wir erfüllen also auch noch die dümmsten Wünsche – eins, zwei, drei – und danach wünschen wir uns in die Freiheit. Ist kein Gesetz, aber so läuft das Spiel nun einmal…

Aaaber: Die Wünsche können grundsätzlich nicht die Regeln dieses Spiels ändern. Es geht nicht, selber ein Dschinn zu werden oder die Wunderlampe zu verdoppeln oder sich zu wünschen, dass man selber zaubern kann wie ich!

Alles sehr schlaue Ideen, meine lieben Menschen, aber so funktioniert das nicht! Wenn das so einfach wäre, dann würde kein Dschinn in dem Objekt bleiben, in das ihn irgendjemand gezaubert hat, oder? Denkt doch einmal nach!

Aber das meine ich halt: Die Dummen überschütten sich mit Gold und Macht und Reichtum und die Schlauen wollen die Regeln brechen. Alles zu ihren eigenen Gunsten! Alles zutiefst egoistisch.

Wenn ich ein Mensch wäre und auf der Erde leben würde und einen Dschinn freirubbeln würde, dann… Ja, dann… Moment. So herum hab‘ ich das noch nie bedacht… Hm.

Ich würde mir wünschen, dass sich alles Erdöl und alles Erdgas schlagartig in Erdbeermarmelade verwandelt! Obwohl… Halt! Ich mag ja keine Erdbeermarmelade… Ist doch nicht so leicht…

Aber ihr seht vielleicht, was ich meine: Man kann doch auch allen anderen etwas Gutes tun und sich selbst gleichzeitig. So würde ich das machen.

Egal. Fangen wir lieber mit meiner Geschichte an, damit das hier bald vorbei ist, oder?

Das letzte Mal, als ich freigerubbelt wurde, das war im Jahre 378 des islamischen Kalenders. Danach war ich gerade einmal drei Jahre frei, bevor mich wieder ein Zauberer in eine Lampe gebannt hat.

Wieder das ganze Theater von vorne! Ich wünsche mir wirklich nichts mehr, als dass die Magie endlich komplett vergessen wird von den Menschen.

Wenn ich dann das nächste Mal freigerubbelt würde, dann – das ist meine einzige, große Hoffnung – dann wäre ich – ohne Magie – für immer frei! Ich würde endlich nicht mehr kindische Wünsche erfüllen müssen!

Mein Plan ist es sogar, denn Planeten komplett zu verlassen! Vielleicht gibt es irgendwo im endlosen Raum einen besseren? Und Zeit hab‘ ich ja. Bin ja unsterblich! Das wäre ein Leben! Nach Hunderttausend Jahren endlich völlig frei!

So bin ich aber seit Jahrhunderten wieder eingesperrt in so eine bescheuerte Lampe.

Das ist sehr… sehr… langweilig.

Menschen kennen das ja auch. Sicher, es gibt ein paar Verrückte, die Jahrzehnte alleine in einer Höhle leben. (Aber es kann auch sein, dass die einfach einen Hau haben!)

Generell ist es Menschen in Haft auf jeden Fall lieber mit Vergewaltigern, Mördern und anderen Kriminellen zusammen gesperrt zu werden, als ganz alleine mit ihrem eigenen Geist zu sein. Einzelhaft, so sagt man, macht einen nach drei Tagen kaputt.

Nun bin ich ja ein Dschinn und drei Tage ist für mich wie eine Sekunde. Aber dieses Mal war es wirklich richtig lange und selbst ich beginne so langsam an meiner geistigen Gesundheit zu zweifeln.

Am Ende habe ich einfach vor mich hingestarrt und durch meinen Kopf ging überhaupt nichts mehr. Selbst mein unbändiger Wunsch nach Freiheit ist wie weggeblasen.

Als sich die Lampe plötzlich bewegte! Ich höre ein Scharren und ein Kratzen. Anscheinend ist die Lampe irgendwo vergraben und irgendwer buddelt sie gerade aus! Hoffentlich reibt er an der Lampe! Hoffentlich! Reibe die Lampe!

Aber nein – mein Finder reibt nicht, sondern er schüttelt die Lampe hin und her. Und er knurrt dabei wie ein Tier. Hat der seine Märchen nicht richtig gelesen? Wenn der so weiter macht, dann komme ich hier mit Halswirbel-Syndrom raus!

Da! Jetzt rubbelt er! Klingt zwar seltsam nass, aber er rubbelt! Gleich ist es soweit! Gleich komme ich hier raus! Ich bereite schon einmal ein ordentliches „Puff“ vor…

Und dann ist es soweit! Mein Finder hat mich frei gerubbelt! Ich lasse mein „Puff“ vom Stapel…

SFX: Puff

…und verkünde, in stolzer Dschinn-Tradition:

„Danke, mein geschätzter Finder, dass Du mich befreit hast! Zum Zeichen meiner Dankbarkeit hast Du drei Wünsche frei! Dreimal darfst Du Dir alles wünschen, was Du willst…“

(Das Kleingedruckte, das ich euch oben erklärt habe, das lasse ich ‚mal weg. Lassen wir immer weg. Die AGBs will eh‘ keiner wissen…)

…doch dann bin ich frei und werde Dich verlassen. Darum: Wähle weise! Was also, mein Meister, ist Dein Begehr?“

Sage ich also und verbeuge mich dramatisch. Und als keine Antwort kommt, schaue ich mich zum ersten Mal um. Weit und breit keine Menschenseele.

Vor mir sitzt ein… Hund…

Als ich ihn anschaue, beginnt er begeistert zu kläffen. Ein kleiner, räudiger Straßenköter hat mich aus der Zauberlampe geleckt. Hat die Lampe ausgegraben und mich freigeleckt.

Ach, Du liebe Güte! Mein Meister ist ein Hund! Tja. Blöd gelaufen. Wirklich blöd gelaufen. Aber: Kann man nichts machen!

Ich verneige mich also noch einmal tief und sage: „Meister, was ist Dein Wunsch?“

Keine Antwort. Wenn man davon absieht, dass sich Meister tierisch freut und schwanzwedelnd um mich herumläuft. Aber Wunsch hat er keinen, ich würde das spüren.

„Möchtest Du vielleicht eine große Tüte Hundefutter?“

Der Streuner läuft zwischendurch an einen Baum und pinkelt. Erstaunlich, wieviel Urin in so eine verschmutzte Flohkiste passt.

„Möchtest Du vielleicht einen riesigen Berg Leckerlis?“

Er hüpft wieder begeistert um mich herum. Anscheinend hat der Kleine auch nicht viel Gesellschaft. Ich bilde mir ein, ich kann auf seinem roten Fell die Flöhe hüpfen sehen.

„Soll ich Dich, oh Meister, von den kleinen Plagegeistern in Deinem Fell befreien?“

Wieder keinerlei Reaktion. Stattdessen versucht er, mit mir zu raufen. Wie wenn ich ein Spielgefährte bin. Aber ich spüre es deutlich: Diese stinkende Töle hat keinen Wunsch.

„Meister, wie wäre es, wenn ich Dir eine Hündin zaubern würde, die…“

Tja. Keine Ahnung, was so eine Hündin für einen Hund attraktiv macht. Ich muss überlegen.

Wenn nur nicht dieser Köter die ganze Zeit um mich herumlaufen würde und vor lauter Begeisterung so laut bellen würde!

Nach einiger Zeit verschwindet der stinkende kleine Streuner plötzlich wieder. Er hat wohl irgendwas gehört oder gerochen, aber er ist auf jeden Fall weg!

Und da hänge ich also. Ein mächtiger Dschinn, der sogar die Naturgesetze beugen kann und mein Meister kriecht durch’s Unterholz und jagt wahrscheinlich Eichhörnchen!

Am nächsten Tag kommt er wieder, um mit mir zu spielen. Ich frage ihn immer wieder, ob er nicht einen Wunsch hat, aber in ihm ist nicht einmal der Ansatz davon, irgendetwas zu begehren.

Klar, er will mit mir spielen, aber für ihn wäre es auch komplett in Ordnung, wenn ich das nicht machen würde.

Ich weiß das. Ich weiß das, weil das in den nächsten Tagen meine Strategie ist. Ich schwebe einfach über der Lampe und spreche ihn nicht mehr an. Ich tue so, als würde ich nicht wissen, dass er da ist.

So als ob ich nicht hören würde, wie er mich anbellt! Und als ob ich nicht riechen würde, dass er noch nie in seinem Leben einen Tropfen Wasser auf dem Fell hatte!

Aber er versucht ein paar Minuten sein Glück und dann ist es gut. Er legt seinen Kopf schief, schaut mich an, bellt genau zwei Mal und – zack – ist er wieder weg. Etwas Anderes war anscheinend wichtig geworden.

Aber das hält den kleinen Stinker nicht davon ab, immer und immer wieder zu kommen. Jeden Tag. Wenn ich eine Uhr bräuchte, dann könnte ich sie nach ihm stellen.

Und nach einiger Zeit gebe ich meine ablehnende Haltung auf. Als er dann mit einem Ast im Maul auf meine Lichtung läuft, nehme ich den Ast und werfe ihn weg. Begeistert blickt er kurz hinterdrein und dann zischt ab wie Aladdin auf seinem fliegenden Teppich.

Und… taucht dann mit demselben Ast im Maul wieder auf. Außer Atem, aber sehr zufrieden. Immer weiter und weiter werfe ich den Ast. Irgendwann muss es doch zu weit sein! Aber – nein – er kommt verlässlich immer wieder.

Aber, wenn ich ihn fragen würde, ob er statt des Asts lieber einen Knochen will – ich glaube, das wäre ihm nicht wichtig! Er würde sich auch nicht wünschen, dass ich weiter werfe, oder, dass wir den ganzen Tag spielen, oder, dass der Knochen nach Rinderbrühe schmeckt.

Egal, wie die Umstände sind, er nimmt das einfach hin. Die Dinge sind, wie sie sind, scheint er sich zu denken. Und so wie sie sind, sind sie für mich in Ordnung!

Wie er dann nach stundenlangem Spielen auf einmal innehält und sich zu mir umdreht, und sein kleines Köpfchen so neigt und mich zum Abschied anbellt, da wird es mir klar:

Ich bin am Arsch! Vor mir steht ein glückliches Lebewesen! Dieser kleine, stinkende Streuner ist mit sich und der Welt im Reinen. Der wird sich nie etwas wünschen!

Die nächsten Tage bin ich beim Spielen eher zurückhaltend. Ein bisschen deprimiert. Mir ist klar geworden, dass ich, solange der blöde Kläffer lebt, niemals frei sein werde.

Aber nach ein paar Tagen gebe ich auf. Die unglaubliche Energie, die dieser kleine Körper und diese Riesenseele produzieren, stecken mich irgendwie an.

Ich verwandele mich also selber in einen Hund und beginne mit ihm zu spielen. Und das macht ihn noch glücklicher – aber gewünscht hat er sich das nicht. Er wäre auch komplett so mit mir zufrieden.

Er ist da und ich bin da – und was dann passiert: Mal sehen! So funktioniert Rufus.

So nenne ich ihn ab jetzt. Denn er hat ja rotes Fell.

Jeden Tag kommt er wieder. An manchen Tagen liegen wir auch einfach so in der Sonne, mitten auf der Lichtung. Ein mächtiges Geisterwesen aus der Vergangenheit, das aussieht wie ein Hund. Und Rufus, dem das nicht im Geringsten wichtig ist. Rufus kennt keinerlei Vorurteile.

Eines Tages kommt aber nicht er mehr. Ist in Ordnung, denke ich mir. Vielleicht hat er ja eine Familie gegründet. Oder hat ein Zuhause bei Menschen gefunden. Oder ist in einem Tierheim gelandet.

Und eigentlich: Es ist auch ganz erholsam so ohne ihn. Und es stinkt auch nicht so. Und leiser ist es auch.

Ich lege mich also alleine in die Sonne. In der Gestalt eines Hundes. Mein Geist hat in den Jahrhunderten Isolation in der Lampe anscheinend doch irgendetwas abbekommen.

Aber als Rufus auch am dritten Tag nicht kommt, da beschleicht mich doch eine Unruhe. Ich gebe es ungern zu, aber ich mag den kleinen Stinker irgendwie. Von allen Meistern, die ich jemals hatte, war keiner so gut zu mir wie er.

Also beginne ich nach ihm zu suchen, auch wenn es wirklich viel Energie kostet, sich von der Lampe zu entfernen. Ich krieche durch das Unterholz wie er und suche den ganzen Wald ab.

Als der aufhört, kommt ein flacher, ewig langer schwarzer Weg aus einem Material, das ich nicht kenne. Auf der Schlange fahren kleine Menschenhäuser mit jeweils einem Menschen darinnen. Die sind aus Metall und furchtbar schnell und stinken noch mehr wie mein Rufus.

Und da, am Rand des schwarzen Wegs, da liegt er! Am Rand dieser Straße liegt er! Wahrscheinlich liegt er da schon seit drei Tagen! Darum ist er nicht mehr zu mir gekommen!

Und ich will ihm hochhelfen, aber er… Es tut ihm furchtbar weh, wenn ich ihn bewege! Das spüre ich deutlich. Wie ich auch spüre, dass er am ganzen Körper Schmerzen hat. Und auch, dass er furchtbare Angst hat.

Wahrscheinlich war das so ein Metallhaus der Menschen! Das hat ihn gerammt und ihm alle Knochen im Hundeleib zerbrochen. Und dann ist der Mensch wahrscheinlich weitergefahren und hat Rufus zum Sterben am Rand der Straße liegen lassen!

Und wahrscheinlich stirbt er auch bald. Die Zunge hängt ihm aus dem Maul und um ihn herum ist eine Pfütze aus Blut, die schon ganz schwarz und hart ist, so lange liegt er hier schon! Er kriegt kaum noch die Augen auf, der stinkende, kleine Streuner!

Und ich flehe ihn an:

„Rufus! Du musst Dir etwas wünschen! Wünsche Dir, dass ich Dich heile! Bitte! Das ist nicht in Ordnung, dass Du stirbst! Das ist nicht in Ordnung! Das musst Du nicht hinnehmen!

Das ist kein Zustand, mit dem man sich abfinden muss! Du musst nicht dauernd so scheiße-glücklich sein! Nun wünsche Dir endlich, dass Du wieder gesund bist! Du verdammte, stinkende Töle!

Sei endlich einmal unglücklich, damit ich Dir nur einmal – nur ein verdammtes Mal – damit ich Dir helfen kann! Blödes Hundevieh!“

Aber es hilft nichts. Rufus hat keinen Wunsch. Er nimmt es einfach hin, dass jetzt seine Zeit gekommen ist. Ich hasse diesen Hund! Ich hasse ihn! Jetzt stirbt der mir glatt unter den Fingern weg!

Es hilft nichts.

Ich werde wohl meinen eigenen Wunsch für ihn hernehmen müssen.