Rotkehlchenpark

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Unsere Erzählerin erlaubt uns heute, dass wir sie auf ihrer Reise begleiten, die sie – gegen ihren Willen – in einen herrlichen, sonnendurchfluteten Park führt. Doch sie will, aus gutem Grund, nichts als weg!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Runaways“ von ELLE LEFANT / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Wenn Marlene sich ganz, ganz fest darauf konzentrierte, dann konnte sie die Schwester in ihrem Zimmer sprechen hören. Dann konnte sie die Lampe sehen, das kalte Neonlicht über ihr, dann konnte sie das Desinfektionsmittel riechen.

Wäre da nur nicht dieser Mann in ihrem Krankenbett, dessen warmer Körper sie ablenkte. Sie spürte das Gewicht seines muskulösen Arms, der entspannt auf ihrer nackten Hüfte lag. Er roch perfekt. Nach einer Mischung aus Schweiß, Patchouli und Zitrone. Wenn sie Adrian roch, dann konnte sie die Schwester nicht mehr hören.

Sie versuchte ganz behutsam, aus dem Bett zu schlüpfen. Schon die erste kleine Bewegung war ausreichend, um Adrian zu wecken, der sich wohl nur ganz geduldig schlafend gestellt hatte.

Er räkelte sich. Sein nackter Körper gegen ihren nackten Körper. Sie müsste lügen, wenn sie behaupten sollte, dass sich das unangenehm anfühlte. Aber es hielt sie fest im Hier.

„Was ist, Schatz, willst Du schon aufstehen?“

Sie antwortete nicht. Vielleicht ließ sich Adrian überzeugen, dass sie noch schlief.

„Lass‘ uns doch noch ein bisschen im Bett liegenbleiben!“

Sie antwortete wieder nicht. Vielleicht …

„Ich kann Dich ja wieder müde machen, wenn Du willst!“

Ohne die Augen zu öffnen, ahnte sie den Gesichtsausdruck von Adrian. Sein ironisch-verführerischer Blick. Halb Rudolfo Valentino, halb Hugh Grant.

„Na gut. Wie Du willst. Wenn ich jetzt ins Bad gehe, dann wartest Du, bis ich wieder hier bin. Versprichst Du mir das?“

Sie stellte sich schlafend und reagierte nicht.

„Ich weiß, dass Du nicht schläfst. Versprich mir, dass Du hier auf mich wartest!“

„Gut. Versprochen.“

„Bis gleich, Liebe meines Lebens!“

Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und schlüpfte aus dem Bett. Sie hielt die Augen zugepresst, bis er das Schlafzimmer verlassen hatte. Dann sprang sie aus dem Bett. So schnell sie nur konnte, schlüpfte sie in ihr T-Shirt und die Jeans.

Beinahe hätte sie das Zimmer verlassen und, wer weiß: Vielleicht hätte sie es dann geschafft? Aber genau in diesem Moment erschien Adrian im Türrahmen.

„Du weißt, dass draußen das herrlichste Wetter ist, oder?“

„Adrian, ich muss hier raus!“

„Wollen wir in den Park gehen? Und uns einen Espresso holen?“

„Ich bin hier gefangen, wie komme ich hier raus?“

„Was redest Du denn da? Soll ich uns nicht erst einen Kaffee machen?“

„Ich weiß, das hier etwas faul ist und Du weißt es auch! Wie komme ich hier raus?“

„Ich könnte Dir auch Deine englischen Spiegeleier machen! Auf beiden Seiten leicht verbrannt und innen noch flüssig!“

„Adrian! Tu nicht so, als würdest Du mich nicht verstehen!“

„Marlene, lass uns das alles in Ruhe besprechen!“

„Es hat keinen Sinn! Ich muss gehen, Adrian! Halte mich nicht im Hier fest!“

„Du musst überhaupt nicht gehen! Und ich würde Dich nie gegen Deinen Willen festhalten, das weißt Du. Ich liebe Dich. Aber vielleicht solltest Du einfach erst einmal eine Runde laufen. Lauf‘ in den Park, genieße die Sonne, schau‘ den Kindern beim Spielen zu und dann kannst Du Dich immer noch entscheiden!“

„Ich muss gehen, Adrian! Lass mich vorbei!“

„Ich mach‘ alles, was Du willst, das weißt Du! Die Welt kann so sein, wie Du willst, das weißt Du auch, oder?“

„Das ist nicht gerade ein normaler Satz, oder?“

„Marlene, übereile nichts! Wer weiß, was auf Dich wartet?“

Doch sie war entschlossen. Sie musste gehen! Sie durfte nicht im Hier bleiben! Sie schubste Adrian aus dem Weg, rannte zu Haustür, die drei Treppenstufen in den Vorgarten hinab und auf die Straße. Barfuß. Sie stolperte und fiel.

„Ach, meine Kleine! Laß‘ Dir helfen!“, sagte die Stimme einer alten Frau zu ihr.

„Geht schon, vielen Dank!“

Doch schon schraubten sich die Finger der alten Dame in ihren Unterarm und halfen ihr auf die Beine.

„Vielleicht solltest Du diese Schuhe anziehen?“, sagte sie verständnisvoll und deutete auf ein Paar Joggingschuhe, die vor einer Millisekunde noch nicht im Vorgarten standen.

„Und ein paar Runden im Park drehen? Es ist so ein wunderschöner, milder Frühlingsvormittag hier. Ich meine, hier ist das Wetter ja immer schön, aber heute ist es ganz besonders angenehm. Das wirst Du tun, meine Kleine, oder?“

Angeekelt befreite sich Marlene mit einem Ruck aus dem Griff und lief los. Barfuß rannte sie los. So schnell sie nur vermochte! Und der Rollsplitt unter ihren Füßen wurde weich und der Teer der Straße warm und angenehm.

Da wusste sie, dass sie in Richtung Park rannte.

In Richtung Sonne, zu den zutraulichen Rotkehlchen, zu den drolligen Kindern und den freundlichen Besuchern. Zu dem Gärtner, der immer weise Worte auf den Lippen hatte und aussah wie Gandalf in den Filmen. Sie lief mitten hinein in das Herz des Hier, sie lief in die falsche Richtung!

Enttäuscht setzte sie sich auf eine der Bänke im Park und blickte in die Sonne. Sie schloss die Augen, um den Frühling nicht sehen zu müssen. Stattdessen versuchte sie aller Kraft, an das Krankenbett zu denken. Die Maschinen im Hintergrund piepsen zu hören, die Schwestern reden zu hören, den Geruch …

Doch sie roch nur Blumen! Sie spürte, wie die Sonne ihre Haut streichelte und eine leichte Brise sie liebevoll abkühlte. Der Park hatte nur auf sie gewartet. Stumme Tränen des Zorns fielen aus ihren Augenwinkeln. Sie war ohnmächtig, sie war gefangen! Sie würde es niemals schaffen, das Hier zu verlassen!

Ein kleiner, süßer Welpe stolperte grob in ihre Richtung und blickte treudoof. Er wedelte so fest mit dem Schwanz, dass er wankte wie ein Schiff auf hoher See. Beständig kam er näher, ohne jede Hemmung, nur um die Tränen von ihrer Jeans zu lecken. Danach blickte er zufrieden aus braunen Augen. Zu verständnisvoll.

Sie fühlte sich wehrlos den Angeboten des Hier ausgeliefert. Eine neue, kalte Wut begann in ihr zu pochen. Ihre Ohnmacht machte sie wütend, die Perfektion um sie machte sie wütend, selbst der dämliche Hund machte sie wütend.

Sie gab dem armen Tier einen Schlag auf die Nase und mit einem letzten Blick aus großen, verwunderten Augen zerstob der Hund in einer Rauchwolke und verwehte zu Nichts.

Das war neu. Ein kleiner Triumph. Ein Strickfehler in dem Muster. Also blieb Marlene einfach auf der Bank sitzen und versuchte, die Maschinen piepsen zu hören.

Wenn sie ihren Blick nach rechts richtete, dann konnte sie Adrian sehen, der in seinen Joggingklamotten die Straße hochgelaufen kam. Sexy Adrian, der netteste Scheißkerl der Welt. Wenn sie nach links blickte, dann waren da die Kinder, die die Luft mit ihrem Lachen füllten, weil auch sie einfach immer scheißeglücklich waren.

Bis auf diesen einen kleinen Jungen mit den Knickerbockern und der Schiebermütze. Der war höchstens sieben, aber er blickte aus alten, ernsten Augen und verzog keine Miene. Er blinzelte nicht einmal.

Verunsichert blickte sie kurz zurück zu Adrian. Der trabte locker auf sie zu und winkte. Als sie ihren Kopf wieder wendete, saß der seltsam alte Knirps neben ihr.

„Hallo.“, sagte er ohne zu lächeln.

„Hallo. Warum bist Du nicht glücklich wie die anderen?“

„Das wollte ich Dich gerade fragen!“

„Mit mir geschieht etwas, das nicht richtig ist.“

„Gefällt es Dir denn nicht im Hier?“

„Doch. Es gefällt mir sehr. Wer bist Du?“
„Ich bin Hans. Ich bin schon seit vielen Jahren im Hier. Seit dieser Nacht im Luftschutzbunker. Ich finde es sehr schön im Hier.“

„Hans, was passiert mit mir?“

„Du stirbst.“

„Ich sterbe? Im Krankenhaus?“

„Ja.“

„Woran sterbe ich?“

„Hirntumor. Kannst Du Dich erinnern?“

„Ich … Kaum … Ein wenig.“

„Hier gibt es keine Krankheit.“

„Ich gehöre nicht ins Hier.“

„Du kannst bleiben, wenn Du das willst. Du weißt, dass Du bleiben darfst?“

„Ein anderes Mal.“

„Du weißt, dass Du wieder kommst?“

„Ich muss gehen, Hans. Wie kann ich gehen?“

„Das weißt Du auch.“

„Ich muss weglaufen.“

„Genau. Du musst in die richtige Richtung laufen.“

„Lebwohl, Hans!“

„Bis bald!“

Und so sprang Marlene auf ihre Füße und rannte, so schnell sie nur konnte, die Straße hinab. Fort vom Park, fort vom Frühling, von der Sonne, von den blöden Rotkehlchen, fort von treudoofen Hunden und vor allem fort von ihrem verführerischen Freund!

Der Teer unter ihren Füßen war heiß und weich und klebrig und der Rollsplitt bohrte sich tief in ihre blutenden Fußsohlen. Ein eiskalter Wind blies ihr ins Gesicht und die Straße führte immer steiler, immer nur bergauf.

Adrian aber joggte locker neben ihr her, als wäre das für ihn nur eine kleine Aufwärmübung.

„Adrian, lass mich gehen! Wie haben einen Deal!“

„Hat Dir Deine Zeit mit mir nicht gefallen? Mir hat es sehr gefallen!“

„Adrian, hau ab!“

„Wie bitte?“

Und so versuchte Marlene mit aller ihr noch verbliebenen Kraft, der Liebe ihres Lebens die Zähne einzuschlagen. Sie hoffte, den besten Mann des Universums so zu verletzen, dass er sie endlich in Ruhe lassen würde. Der wehrte ihre Schläge lässig ab.

„Okay, ich glaube, Du willst wirklich nicht im Hier bleiben. Hans sagt, ich soll Dich gehen lassen. Dann … Leb wohl, Marlene. Bis dann!“

Wie eine Ertrinkende, die noch einmal auftaucht, schnappt Marlene tief nach Luft. Sie sitzt in ihrem Krankenbett und zieht an den Kathetern und Kabeln, als sie sich aufrichtet. Sie öffnet die Augen und starrt in die überraschten Augen der Schwester und der Ärztin.

Sie hört das Piepsen der Maschinen und riecht das Desinfektionsmittel und blickt in das Licht der Lampe. In das kalte Licht der Welt. In die Welt der Lebenden, wo ihr Platz ist.

In eine Welt, in der nicht immer Frühling herrscht und immer die Sonne scheint. Eine Welt, in der sich Kinder im Sandkasten schon einmal die Schäufelchen über die Rübe ziehen und Rotkehlchen nicht zutraulich sind. In die kalte Welt, in der Adrian seit vier Jahren tot ist.

Sie aber ist lebendig.


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