Rosinchen & Schlangenbrut

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Von Griechenland nach Äthiopien ist nicht um die Ecke. Vor allem nicht zur Zeit der alten „Griechen“ und „Griechinnen“. Diesen ganzen Weg ist der alte Mann gereist, um die schönste Frau der Welt zu sehen und nun steht er vor deren Behausung und wird aalglatt abserviert! Obwohl das Ende der Geschichte natürlich anders ist. Wie immer. Und wunderlich.


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Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Money & Alcohol“ von den Fading Way / CC BY-NC-SA 3.0


Die Geschichte zum Lesen

HW: Hallo? Ist da wer? 

(Pause) 

HW: Hallo? Wenn Du da bist, dann sag doch bitte etwas! 

(Pause) 

HW: Hallo! Du brauchst keine Angst haben! Ich bin nur ein sehr alter Mann.
FA: Hau ab!
HW: Oh! Hallo! Da ist ja doch wer! Komm doch raus!
FA: Einen Dreck werde ich tun! Verpiss Dich, alter Mann! 

HW: Oha. Deutliche Worte. Aber ich werde mich nicht ‚verpissen‘, junge Dame. Ich werde geduldig hier draußen warten, bis Du rauskommst.
FA: Dann kannst Du von mir aus da draußen vertrocknen! 

HW: Ich bin von Griechenland nach Äthiopien gelaufen, um Dich kennenzulernen – ich bin mittlerweile immun gegen das Vertrocknen!
FA: Dann verschimmel halt! 

HW: Oh. Verschimmeln? Das könnte ich ausprobieren. Also, ich warte hier vor Deiner Höhle, bis Du rauskommst und ich werde mir alle Mühe geben, zu verschimmeln. Wie von Dir gewünscht!
FA: Viel Spaß dabei!
HW: Danke! 

 

(Intro) 

 

FA: Bist Du immer noch da?
HW: Ja. Aber ich kann keine Spur Schimmel an mir fühlen, tut mir leid!
FA: Hast Du nicht Hunger? Oder Durst? 

HW: Oh doch! Und wie! Wieso? Hast Du zu Essen und Trinken in Deiner Höhle?
FA: Ja. Schon. Die Leute bringen mir was. Aber viel ist das nicht. Das kann ich nicht mit einem vertrockneten alten Mann teilen.
HW: Verschimmelten, bitte sehr.
FA: Das kann ich überhaupt nicht mit einem Mann teilen! 

HW: Verstehe. Schade, kann ich nur sagen. Ich kann Dir leider nichts anbieten. Nur meine Altersweisheit.
FA: Verzichte! Ich glaube nicht an Weisheit. Und schon gar nicht an die Weisheit des Alters.
HW: Ha! Da haben wir ja schon eine Gemeinsamkeit! Ich glaube auch nicht an die Weisheit. Ich habe mein ganzes Leben nach der Weisheit gesucht, aber sie nicht gefunden. Jetzt suche ich nach Schönheit. 

FA: Wow! Da haste Dich aber sowas von verlaufen, das geht kaum noch schlimmer. Du bist beim hässlichsten Wesen der Welt gelandet.
HW: Wirklich? Warum kommst Du nicht raus, damit ich selber ein Urteil fällen kann.
FA: Ich verzichte auf Urteile von Männern! Vielen Dank! Das hat mir nur Unheil gebracht. 

HW: Es heißt, Du bist das wunderschönste Wesen unter dem Himmel.
FA: Gewesen.
HW: Die Göttinnen wären neidisch.
FA: Gewesen.
HW: Die Götter würden Dir nachstellen.
FA: Pah! Scheiß auf die Götter! Und auf die Göttinnen gleich mit! 

HW: Schon wieder eine Gemeinsamkeit! 
FA: Aber das war’s dann auch mit der Verbrüderung!
HW: Schade. Willst Du nicht langsam rauskommen aus Deiner Höhle? Es wäre viel angenehmer, wenn wir hier sitzen und uns unterhalten können. Ich habe Dir wichtige Dinge mitzuteilen! 

FA: Nein, das glaube ich nicht. Was sollte so ein vertrockneter …
HW: … verschimmelter …
FA: … so ein Greis mir schon erzählen wollen! Sei froh, dass ich nicht rauskomme! 
HW: Warum sollte ich froh sein?
FA: Weil ich alle Männer hasse! Es heißt, wenn man mein Gesicht sieht, dann erstarrt man zu Stein! Weißt Du das nicht?  

HW: Och, das! Das ist mir egal. Ich verspreche Dir, ich werde nicht zu Stein erstarren.
FA: Das haben schon viele gesagt!
HW: Und? Sind die alle zu Stein erstarrt?
FA: Ach was! Na gut, einige sind schon gestorben.
HW: Ich weiß, meine Liebe. 

FA: Nenn mich nicht ‚meine Liebe‘ – Du bist doch nicht mein Großvater!
HW: Verzeih. Wie soll ich Dich denn nennen?
FA: Ich heiße Medusa!
HW: Angenehm. Aber willst Du jetzt nicht rauskommen? Ich bin zu alt, Dir etwas anzutun. Und ich bin viel zu alt, um zu Stein zu erstarren. Und, nebenbei erwähnt, das mit dem Verschimmeln haut auch nicht richtig hin. 

FA: Na gut! Hier bin ich!
HW: Das klingt doch schon viel besser! Möchtest Du Dich vielleicht zu mir setzen?
FA: Erst, wenn Du mir sagst, wie Du heißt!
HW: Ich bin Teiresias, liebe Medusa. 

FA: Nenn mich nicht immer lieb! Ich bin ein Monster!
HW: Ach was! Das behauptest Du doch nur!
FA: Nein! Ich bin ein Monster! Und wenn Du mich weiter ärgerst, dann hetze ich meine Schlangen auf Dich! 

HW: Warum? Weil ich ein Mann bin?
FA: Das würde durchaus als Grund reichen!
HW: Nun. Medusa, ich bin ein Mann, aber auch eine Frau.
FA: Wie bitte?
HW: Ich bin verheiratet mit einem Mann und ich habe Kinder geboren. Manto, die Seherin, falls Dir das etwas sagt. 

FA: Aber Du hast keine Haare auf dem Kopf und einen langen weißen Bart!
HW: Und Du hast Schlangen als Haare – das ist nicht viel moderner, meine … oops.
FA: So ein Unsinn! Aber schau nicht her!
HW: Mach ich nicht, versprochen!
FA: Wie willst Du dann sehen, ob ich hübsch bin?
HW: Das werde ich niemals sehen können, meine …
FA: Na?
HW: Also, ich muss mir das wirklich abgewöhnen! Dieses ‚meine Liebe‘ – Du hast recht, ich sage das dauernd! Das ist wirklich lästig! 

FA: Was wolltest Du sagen?
HW: Ich bin blind, Medusa. 
FA: Oh! 
HW: Ja. Teiresias, der blinde Seher.
FA: Ein Paradox.
HW: Göttinnenhumor.
FA: Götterhumor ist auch nicht besser! 

HW: Hast Du jetzt Haare auf dem Kopf, die Schlangen sind?
FA: Nein, so ein Quatsch. Und bist Du jetzt ein Mann oder eine Frau?
HW: Das ist mir, ganz ehrlich gesagt, völlig egal. Setzt Du Dich jetzt zu mir?
FA: Gut. Aber warte, ich hole Dir noch Wein und Brot!
HW: Das ist eine tolle Idee!

(SFX: Wein gluckert)

HW: Ich danke Dir! Der Wein war vorzüglich! Dafür würden die Griechen ein Vermögen zahlen!
FA: Pah! Die Griechen!
HW: Ja, ich mag sie auch nicht. Aber ich bin halt nun einmal ein Grieche.
FA: Aber da kannst Du ja nichts für! 

HW: Ich? Nein! Da kann ich nichts für! So wie Du nichts für Deine Schlangen kannst!
FA: Meinst Du?
HW: Bist Du eigentlich betrunken?
FA: Ein bisschen. Und Du?
HW: Ein bisschen sehr. Und Du?
FA: Ein bisschen bisschen. 

HW: Wo sind die eigentlich?
FA: Wer? Die Griechen?
HW: Nein, ich meine die Schlangen!
FA: Meine Schlangen kommen nur, wenn Männer hier sind. Meine Schlangen machen mich zum Monster. Ich bin ein Monster, weil ich vergewaltigt wurde, musst Du wissen.
HW: Habe ich gehört. 

FA: Weil … (Hickst) Eine Frau, die nicht mehr unschuldig ist, ist nämlich schuldig! Issja nur logisch, oder? Selbst, wenn sie an ihrer Schuld unschuldig ist. Weil sie ja ohne Schuld ihre Unschuld verloren hat. Genau. Kannst Du mir folgen?
HW: Kein bisschen! Wer redet denn so einen Unsinn?
FA: Athene. 

HW: Oh. Poseidon war es, der Dich vergewaltigt hat?
FA: Ja. Darum hasse ich die Götter.
HW: Kann ich verstehen. Ich persönlich kann ja Athene nicht besonders leiden!
FA: Hat sie Dich mit Blindheit geschlagen? 

HW: Die Göttinnen und die Götter, die Griechinnen und die Griechen – pfft! Alles nur …
FA: Warum?
HW: Weil die griechischen Frauen, und ich war ja eine – weil die griechischen Frauen …
FA: Nein, das meine ich nicht!
HW: Was? Warum – was dann?
FA: Warum hat sie Dich geschlagen?
HW: Wer hat mich geschlagen?
FA: Na, die Dings …
HW: Die was?
FA: Na, die Athene!
HW: Die hat mich geschlagen?
FA: Ja! Mit Blindheit, Du Depp!
HW: Ah! Stimmt!  

FA: Also?
HW: Also was?
FA: Warum?
HW: Warum was?
FA: Bist Du völlig betrunken? Na, warum die Dings Dich geschlagen mit Dings!
HW: Ah! Mm. Ich habe sie aus Versehen nackt gesehen. 

FA: Na, das sieht ihr ähnlich!
HW: Uns verbindet unser Schicksal, meine … äh … Dings. Meine Medusa.
FA: Ja. Wir. Der verschimmelte Mann und die Schlangenfrau.
HW: Weißt Du was? Von mir aus können die Götter verschimmeln!
FA: Und vertrocknen! 

HW: Wie? Geht das denn beides?
FA: Vielleicht? Erst verschimmeln und dann vertrocknen?
HW: Hm. Das könnte gehen. So wie Rosinen, die im Regen liegengeblieben sind?
FA: Genau! Wie verschimmelte Rosinen!
HW: Prost! 

FA: Und die Griechen können gleich mit vertrockschimmeln!
HW: Ich bin völlig Deiner Meinung!
FA: Verflucht sein die Götter! Und die Griechen!  

HW: Ach, wegen Griechen. Da war ja noch etwas, das ich Dir sagen wollte, meine Hübsche. Oh! Moment! Tut mir leid! Darf ich das sagen: ‚Meine Hübsche‘?
FA: Ach, Du darfst auch ‚meine Liebe‘ sagen! Ich auf jeden Fall hab‘ Dich lieb!
HW: Pass auf, meine Liebe! Da wird so ein doofer Grieche kommen und der soll Dir den Kopf abhauen! 

FA: Schon wieder?
HW: Schon wieder?
FA: Kommt oft vor. Athene wieder?
HW: Nee. Polydektes.
FA: Was is’n das? Ist das ansteckend?
HW: Das Kopfabhauen?
FA: Polydektes, meine ich. Ist das ein Ekzem. 

HW: So ähnlich: Könich. Griechenkönich.
FA: Und der hat den Griechen geschickt?
HW: Jepp. Perseus heißt der. Schaut echt gut aus, heißt es.
FA: Sexy, oder?
HW: Wer jetzt?
FA: Na, der Grieche?
HW: Der Könich oder der Kopfabhauer?
FA: Der Perseus? Schaut der sexy aus?
HW: Fragst Du mich?
FA: Ja. Siehst Du sonst jemand hier?
HW: Ob ich jemanden hier ‚sehe‘?
FA: Oh, sorry! Ich vergaß!  

HW: Nicht wichtig! Auf jeden Fall ist der schlau, der sexy Perseus …
FA: Also schaut er doch sexy aus?
HW: Was weiß ich denn? Ich bin blind, Du Nuss! 

FA: Oops. Schon wieder vergessen! (Kichert) Noch einen Wein?
HW: Gerne. Danke!
FA: Prost!
HW: Prost. Äh. Wo war ich?
FA: Bei Sexy!
HW: Genau! Also, wenn der kommt, habe ich einen Plan für Dich! Ich bin nämlich auch schlau! Wenn Sexy kommt, dann musst Du Dir Augen AUF die Lider schminken!
FA: Ich muss was? 

HW: Schminken? Schon einmal gehört?
FA: Ja, schon. Aber wie soll das denn gehen?
HW: Wieso? Ist das schwierig?
FA: Na klar! Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich ja nicht mehr, was ich da so zusammenschminke! Du hast ja noch nie … Ach so. Hast Du ja doch. 

HW: Hm. Knifflich. Warte. Ha! Ich hab’s! Dann machste halt erst ein Auge zu, und bemalst das andere und dann das andere und dann bemalst du das eine. Oder, warte – ich glaube, andersrum! Aber das siehst ja dann. Ist doch nicht so kompliziert!
FA: Ah! (Ironisch) Gute Idee!
HW: Siehste!  

FA: Und warum der Quatsch?
HW: Weil, der sexy Perseus hat einen Spiegel dabei. Als Schild. Da darfst Du auf keinen Fall reinschauen! 
FA: Auf keinen Fall?
HW: Auf keinen Fall!
FA: Ich darf nicht in den Spiegel schauen?
HW: Nein! Auf keinen Fall!
FA: Ich darf überhaupt nicht in Spiegel schauen?
HW: Nein! Auf keinen Fall!
FA: Auf keinen Fall?
HW: Auf keinen Fall!

FA: So. Na dann: Wie soll ich mich dann schminken, alter Mann?
HW: Äh. Moment. Also … Das habe ich nicht bedacht.
FA: Warum soll ich denn nicht in Spiegel schauen?
HW: Na, weil Du dann zu Stein erstarrst! 

 

FA: Ah sooo! Sag‘ mal, alter Mann, woher weißt Du das mit dem Sexy?
HW: Na, weil ich ein Seher bin! Ich kann in die Zukunft schauen!
FA: Im Ernst? Und Du glaubst diesen Scheiß selber?
HW: Wie bitte?
FA: Na, das mit dem in die Zukunft schauen? 

HW: Also! (Lacht prustend) Nee! Kein bisschen! Ich höre nur den Leuten genau zu und dann sage ich Ihnen irgendeinen Mist!
FA: (lacht auch) So einfach ist das?
HW: So einfach! Man muss nur sehr weise klingen! Darum der blöde Bart!
FA: Verstehe! Aber, eine Frage … 

HW: Kann ich die beantworten?
FA: Ich hoffe.
HW: Na dann schauen wir mal! (Lacht wieder) Verstehste? ‚Schauen‘ wir mal! 
FA: Sag mal: Du weißt, dass das mit der Seherei Humbug ist, aber Du glaubst, ich würde Männer zu Stein erstarren lassen?
HW: Ach, tust Du nicht? 

FA: Ach was! Pipifax! In meiner Höhle leben nur viele Schlangen. Und einige davon sind giftig. Voila! Iswie zu Stein erstarren, verstehste? Das ist das ganze Geheimnis!
HW: Das ist alles?
FA: Das ist alles! 

HW: (denkt nach, kichert) Ts ts ts. Die sind echt unglaublich …
FA: (wird angesteckt vom Kichern) Wie? Wer?
HW: Na, diese Griechen! Wie doof kann man denn sein?
FA: Ja, wirklich! „Zu Stein erstarren!“
HW: „In die Zukunft schauen!“
FA: „Göttinen!“
HW: „Götter!“
FA: So ein Unsinn!

HW: Du, aber jetzt wo mein Plan nicht hinhaut, was machen wir jetzt mit Sexy?
FA: Pfft. Ziehen wir halt um. Ich steh‘ eh nicht so besonders auf diese Höhle!
HW: Hm. Okay. Tja. Stimmt. Das müsste reichen. Ziehen wir halt um!
FA: Ziehen wir um, Rosinchen!
HW: Ausgemacht, Schlangenbrut!
(lachen)
HW: Aber, weißt Du, eines ist schade.
FA: Was?
HW: Guten Wein hat es in Deiner Höhle schon gehabt!
FA: Jaaa. Viel guten Wein hat es in meiner Höhle!
HW: Was machen wir mit dem?
FA: Na ja, hat keiner gesagt, dass wir den hierlassen müssen, oder?
HW: Nein. Hat keiner gesagt!
FA: Also?
HW: Also! Schauen wir mal!
(Beide kichern) 


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