Roland Silberzunge


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Wenige Geschichten aus dem Zeitabschnitt, als Europa noch nicht das Mittelalter erreicht hatte, sind unwirklicher als die Legende von Roland Silberzunge.

Wie es der Leibeigene eines Schweinebauern zu Reichtum und Einfluß gebracht hat, war der Forschung lange ein Rätsel. Bis bekannt wurde, dass er wahrscheinlich Gebrauchtwagenhändler war …


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Mo Ghille Mear“ von Choral Scholars of University College Dublin


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Die Geschichte zum Lesen

Sprache ist Macht! Wenn man zu den Kleinsten in der Klasse gehört, dann ist man nur zu bereit, dass zu glauben!. Sprache ist die letzte Hoffnung. Roland lernte also, in den richtigen Momenten den Mund zu halten und er lernte, in anderen Menschen zu lesen wie in einem Buch und dann genau das zu äußern, was sie hören wollten.

Er wurde zu einem modernen Meister der Rhetorik, zu einer Silberzunge, zum Sophisten und Verführer. Und in welchem Beruf kann man diese Fähigkeiten am besten ausleben?

Richtig! Er wurde Gebrauchtwagenverkäufer! Egal, welches Extra Du nicht brauchst, er konnte es Dir verkaufen! 100 PS mehr als geplant? Doch Ferrari rot statt Schwarz? Ein Schiebedach für 5000 Euro? Das alles war kein Problem für Roland!

Bis sich eines Tages vor ihm ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum auftat und ihn vom Hof des Autohauses direkt in eine mittelalterliche Welt voller Magie und Gewalt sog.

Es war ein bitterer Neuanfang, denn das Deutsch, das man vor 1400 Jahren so sprach, hat nicht viel mit dem zu tun, welches wir heute so benutzen. Aber Sprache ist Macht, sagte Roland sich sein Mantra immer wieder vor und er lernte fleißig, als er Knecht beim Schweinebauern war.

Ein Jahr später sprach er schon recht flüssig und war Besitzer des landwirtschaftlichen Betriebs seines ehemaligen Lehnsherrn.

Ein weiteres Jahr später sprach er alle üblichen Dialekte fließend und war Bürgermeister des kleinen Orts, in dem er sich nach dem Transport durch Raum und Zeit wiedergefunden hatte.

Sein Weg führte ihn unaufhaltsam nach oben, denn Sprache ist Macht, aber das hat man hier in den Wirren der Völkerwanderung vergessen gehabt. Es war sozusagen ein rhetorisches Machtvakuum entstanden.

Der findige Roland machte also schnell Karriere in dieser vormittelalterlichen Welt. Er wurde zum Berater des örtlichen Fürsten. Nachdem dieser die zivilisatorische Errungenschaft des Testaments neu erfunden hatte und dann unerwartet plötzlich verstarb, stieg unser Protagonist in dessen Fußstapfen.

Wie es sich für eine Celebrity des frühen Mittelalters geziemte, legte er sich eine Vita zu, die vor Heldentaten nur so wimmelte.

Roland wurde zu einem inoffiziellen Nachfahren des letzten römischen Kaisers und von Arminius, dem Cheruskerfürsten in einer Person. Er hatte alleine die Invasion der Hunnen verhindert, indem er Attila im Kampf Mann zu Mann besiegte und die Wälder seines Fürstentums von den bösen Kalpestern befreit.

Kalpester sind drei Meter große, menschenfressende Bestien, die Roland aus biografischen Gründen höchstpersönlich erfunden hatte.

Sein Ruhm erreichte bald auch den Hof des Königs, an den er dann bald berufen wurde. Das war ihm eigentlich gar nicht so recht und er plante rechtliche Mittel gegen seine Berufung einzulegen.

Doch das damals gültige Faustrecht sah solche Feinheiten nicht vor. Es ließ sich kurz so zusammenfassen: „Willst Du eine auf’s Maul? Nicht? Dann halt die Klappe!“

Kann man jetzt noch in Latein formulieren – „Ne quis vos volo in os tuum? Nec? Et clusit et irrumabo!“ – und mit goldener Tinte auf Pergament schreiben, hübsche Bilder drumrum malen und in einen Ledereinband einwickeln und schon hat man, nebenbei, die Bibliothek des Königs beschrieben.

Nun begab es sich aber auch noch dummerweise, dass die Tochter eben dieses Königs gerade aushäusig war. Weil sie, gegen ihren Willen, einen gerade örtlich ansässigen Drachen auf unbestimmte Zeit in dessen Höhle besuchte.

Dem König lag es aber am Herzen dieses ungeklärte Untermietverhältnis möglichst zeitnahe zu beenden, denn er befürchtete, dass seine Tochter irgendwann statt auf dem Thron eines mittelalterlichen Königtums auf der Speisekarte des Lindwurms landete, vor allem, weil er nicht zur Zahlung der geforderten Lösegeldsummen fähig war.

Wer sonst als der sagenhafte Roland, der eigenhändig die Monster-Unterspezies der Kalpester ausgerottet hatte, wäre in der Lage, einen Drachen, notfalls unter Anwendung von körperlicher Gewalt, zum Einlenken zu bewegen?

Roland betonte geflissentlich, dass er – als kleiner, unwichtiger Fürst – sich nicht den ruhmreichen Rittern des Königs in den Weg zu stellen vermag, wenn diese ihren Hunger nach Ruhm stillen wollten, indem sie die besagte Riesenechse töteten.

Ungünstigerweise stellte sich beim Plausch heraus, dass die gesamte Tafelrunde ausgerechnet jetzt und heute einen Termin hatte. Der hatte irgendetwas mit einem heiligen Gral zu tun. Gral, so hatte Roland gelernt, war die Abkürzung für „Große ritterliche Ausreden-Litanei“.

Um das Unausweichliche herauszuzögern, forderte Roland alle möglichen Ausrüstungsgegenstände, die zu besorgen sein, musste aber erfahren, dass die Edelmetallvorräte des Königs schon längere Zeit erschöpft waren. Das erklärt nachträglich auch ganz gut, warum es statt exotischer Spezialitäten immer nur Haferbrei bei Hofe gab.

Als alle rhetorischen Mittel des ehemaligen Gebrauchtwagenverkäufers ausgeschöpft waren, half alles nichts mehr und er musste sich auf den Weg zu den Höhlengewölben des Untiers machen.

Die Einwohner der königlichen Hauptstadt hatten sich zu seinem Abschied versammelt, in den Augenwinkeln der Königin blitzten die Tränchen und der Hofbarde schmetterte ein Heldenlied!

Also begab sich Roland auf dem Schimmel, den er gefordert hatte, in der glänzenden Rüstung, die er gefordert hatte, mit dem Tross an Schmieden, Marketendern, Flötenspielern und Spitzenklöpplern, den er gefordert hatte, auf den Weg zu dem Drachen.

Sein Schicksal schien unausweichlich. Ihm war klar, dass diese seine Expedition das kleine Königreich an die Grenzen seiner Wirtschaft getrieben hatte. Die Schuldgefühle trieben ihm die Schweißtropfen auf die Stirn, die er mit einem frisch geklöppelten Taschentuch abwischte.

Vier Tage später stand er vor der Höhle des Drachen, aus der intensiver Schwefelgeruch drang. Roland entließ alle, die ihm bis hierher gefolgt waren, denn zum einen konnte man mit zitternden Händen weder gut Schmieden, Flötespielen oder Klöppeln und zum anderen rechnete er nicht damit, diese Höhle wieder zu verlassen.

Als alle das Weite gesucht hatten, entledigte er sich erst einmal aller Rüstungsteile, entzündete eine Fackel und schlich auf leisen Sohlen in das Innere der Höhle.

Vorsichtig stieg er über die verwesenden Überreste seiner Vorgänger, vorbei an einem Haufen Knochen von großen Tieren, folgte einem feuchten Gang hinunter, immer dem Geruch von Schwefel auf der Spur.

Als er durch das Innere des Höhlensystems wandelte, begab es sich, dass auf einmal ein starker Zug seine Fackel löschte. Wahrscheinlich hatte wieder jemand die Höhlentür nicht richtig geschlossen.

Im Dunkeln tastete sich Roland weiter den feuchten Tunnel voran, bis er einen Lichtschein erahnte. Keine Stunde später wurden seine Augen eines mächtigen Gewölbes ansichtig. Im Lichte unzähliger Fackeln blickte er auf die größte Menge an Goldmünzen, die er je gesehen hatte.

Der Drache verfügte über unbeschreibliche Reichtümer!

Wie Roland da so stand und auf die Berge von Gold, Silber und Edelsteinen starrte, entging ihm doch glatt, dass sich ein riesiger Drache anschlich. Ein Echsenkopf, so groß wie ein Mittelklassewagen, senkte sich neben unseren Helden.

Als eine weiblich Reptilienstimme sagte: „Na, Ritterlein, was willst Du denn hier?“, erleichterte sich der Gebrauchtwagenhändler unwillkürlich in seine frisch geklöppelte Unterhose.

„Ich? Äh, ich wollte nur … Sorry, vielleicht bin ich hier ja auch falsch? Hatten Sie nicht eine Margerita mit Extra-Knoblauch bestellt?“

„Margerita? Ist so der Name der Prinzessin, die Du befreien willst?“

„Gute Frage! Das ist doch glatt ein Thema, dass der König im Gespräch gar nicht angeschnitten hatte! Wissen Sie was, Frau Drache, ich gehe sicherheitshalber noch einmal zurück und frage nach, nicht, dass ich noch die falsche Pizza mit nach Hause nehme!“

„Wie bitte?“

„Prinzessin! Ich meine Prinzessin! Die falsche Prinzessin!“

„Und die willst Du befreien?“

„Äh. Wenn es möglich wäre, ohne Blutvergießen meinerseits, dann würde ich dem König damit einen nicht unerheblichen Gefallen tun. Sollten Sie aber der Meinung sein, dass die Tradition es verlangt, dass sie mich zuvor in ca. 180 Pfund Ritterhackfleich verarbeiten müssen, dann wäre ich mehr als erleichtert, Ihnen lieber ein anderes geschäftliches Angebot zu machen. Alldieweil mir sowieso unklar ist, was so eine attraktive Drachenfrau wie Sie mit so einem Häppchen Königstochter anfangen wollen.“

„Ich bin attraktiv, findest Du?“

„Nun. Ich bin jetzt kein Spezialist für die Schönheit von Drachenfrauen per se. Aber ich muss wirklich nicht lügen, wenn ich sage, Sie sind das beeindruckendste Lebewesen, dem ich jemals begegnet bin! Ich denke nicht, dass ich diesen Moment jemals vergessen werde!“

„Wie drollig! Das ist zum ersten Mal, dass mir mein Nachtisch Komplimente gemacht hat!“

„Noch einmal zu meinem geschäftlichen Angebot. Ich habe da eine Idee, zu der Sie kaum ‚Nein‘ sagen können.“

„Ich gebe Dir dreißig Sekunden, Nachtisch!“

„Sie haben sich ja geschäftlich auf’s Promi-Dinner kapriziert. Sie entführen Prominente und wenn nicht die nötige Summe Gold gezahlt wird, dann werden die zum Dinner, stimmt’s?“

„Zwanzig Sekunden.“

„Leider hat dieses Geschäftsmodell so seine Tücken, haben Sie es doch immer mit Helden zu tun, die versuchen, als Drachentöter berühmt zu werden. Und, auch wenn diese Bemühungen für Sie momentan noch lächerlich wirken, die Technologie nimmt unaufhaltsam ihren Lauf, früher oder später ist Ihr Geschäftsmodell einfach nicht mehr die Schmerzen wert.“

„Zehn Sekunden.“

„Zum Glück verfügen Sie aber über gewisse finanzielle Reserven, so dass wir gemeinsam ein Unternehmen gründen könnten, dessen prinzipielle Idee darin besteht, dass die Menschen freiwillig für uns arbeiten und uns ihr Geld bringen. Ohne jede Mühe, so rein drachentechnisch.“

„Ach. Und wie soll das gehen?“

„Das ist einfach. Wir haben ein gewisses Ungleichgewicht momentan. Sie sitzen auf allen Goldreserven und der König isst Haferbrei. Ihr Geschäftsmodell hat dazu geführt, dass die mittelalterliche Konjunktur eingebrochen ist. Sie müssen also nun nur dem König zu etwas Liquidität verhelfen …“

„Zu was?“

„Sie müssen dem König eine kleine Menge von Ihrem Gold leihen!“

„Ich soll mein Gold verleihen?“

„Natürlich gegen einen Zins.“

„Einen was?“

„Sie geben dem König heute hundert Goldmünzen und er verspricht Ihnen dafür in einem Jahr hundertundfünf Münzen zurückzuzahlen.“

„Warum sollte er das tun?“

„Da gäbe es viele Gründe. Zum einen wäre da der Wunsch, dass es einen Untertanen besser geht und zum anderen gäbe es da den Wunsch, etwas anderes zu essen als Haferbrei, was als Motivation nicht zu unterschätzen ist. Haben Sie den königlichen Haferbrei denn schon einmal probiert?“

„Was habe ich dann aber dafür? Fünf Goldmünzen im Jahr?“

„Fünf Goldmünzen zu verdienen ohne etwas dafür arbeiten zu müssen? Das, meine liebe Drachenkönigin, das nennt man sein Geld für sich arbeiten lassen! Und wir müssen unsere Geschäfte ja nicht auf ein Königreich beschränken. Bei Ihrem finanziellen Spielraum können wir das auf alle Königreiche Europas ausweiten. Und mit höheren Kreditsummen kommen auch höhere Zinsen.“

„Das klingt alles sehr kompliziert.“

„Das kann ich gerne für Sie erledigen, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich bin auch nicht teuer. Ich will gar nicht bezahlt werden! Mir reicht es völlig, wenn wir ausmachen, dass ich während unserer geschäftlichen Beziehung und den Zeitraum danach nicht zu Vorspeise, Hauptgang oder Nachspeise werde oder zu einem Snack zwischendurch UND ich mit 50% an der Rendite beteiligt werde.“

„Rendite?“

„50/50 beim Gewinn.“

„50 für mich oder 50 für Dich?“

„Ach, ich sehe schon, Frau Drache, wir beide werden es noch weit bringen!“

„Ja?“

„Da bin ich mir sicher!“

„Du, eine andere Frage?“

„Ja.“

„Was machen wir mit der Prinzessin?“

„Ach so. Gute Frage. Aber vielleicht können wir die dem König als Prämie bei Unterzeichnung des Vertrags überlassen? Das kommt immer gut, so als Zeichen des Vertrauens. Das signalisiert, dass wir an einer langen Geschäftsbeziehung interessiert sind.“

„Okay. Du machst das schon. Ich kann mich nicht so gut ausdrücken, weißt Du?“

„Klar. Mache ich. Sprache ist Macht. Ich finde übrigens, ein Spitzenhäubchen würde Deinen Look irgendwie abrunden.“

„Ach? Findest Du?“

„Ich bin mir sicher und ich hätte da auch schon eine Idee!“


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