Raumpatrouille Orion


Es war nicht so viel Science-Fiction zu haben, als Frau Anders und Herr Wunderlich klein waren. Es gab das Raumschiff Enterprise aus Amerika und die Raumpatrouille Orion aus Deutschland.

Die sollte auch die erfolgreichste und bekannteste Sci-Fi-Serie aus deutschen Landen bleiben. Bis heute. Und sie ist sehr sympathisch gealtert in ihren nostalgischen Schwarz-Weiß-Bildern.

Sehen wir uns dieses Prachtstück von einem Raumkreuzer heute also genauer an. Und die Zeit, in der es konstruiert wurde. Und die kleinen Konstruktionsfehlerchen, die zum Rücksturz zur Erde führten.



Download der Episode hier.
Musik: „UFO“ von The Dada Weathermen / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


„Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen: Es gibt keine Nationalstaaten mehr. Es gibt nur noch die Menschheit und ihre Kolonien im Weltraum. Man siedelt auf fernen Sternen. Der Meeresboden ist als Wohnraum erschlossen. Mit heute noch unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Raumschiffe unser Milchstraßensystem. Eins dieser Raumschiffe ist die ORION, winziger Teil eines gigantischen Sicherheitssystems, das die Erde vor Bedrohungen aus dem All schützt. Begleiten wir die ORION und ihre Besatzung bei ihrem Patrouillendienst am Rande der Unendlichkeit.“

Mit diesem Text beginnt sie. Die erfolgreichste und bekannteste Science-Fiction-Serie aus Deutschland. Und ich würde sogar sagen, es ist die Beste. Obwohl ich „Die Abenteuer der Maus auf dem Mars“ auch sehr gern mag.

Orion ist immer wieder das deutsche „Star Trek“ genannt worden. Das deutsche „Raumschiff Enterprise“. Und viele Verschwörungstheorien gibt es, wer da wohl bei wem was abgekuckt hat.

Aber auch wenn sich die Serien in vielem ähneln, entstanden sind sie völlig unabhängig. Als die Orion bereits abgedreht war, lief in den USA einen Monat später die allererste Pilotfolge von „Star Trek“.

Es lag da wohl etwas in der Luft. Man brauchte ein Raumschiff mit einer internationalen Besatzung und einem schnittigen Kapitän. Mit Außerirdischen, Robotern, Romanzen und moralischen Fragen. In der deutschen Version gerne auch mit vielen, langwierigen Diskussionen.

Beide Produktionen leben auch viel von ihren Special Effects – auch wenn beide die nur spärlich einsetzen. Denn keine verfügte genug Budget.

Wenn es also an der Zeit liegt, dann sollten wir uns erst einmal die Zeit anschauen.

Als die Orion entsteht, heißt der Bundeskanzler in der BRD zum ersten Mal nicht Adenauer. Sondern Ludwig Erhard. Der schon damals legendäre Macher des Wirtschaftswunders versprach die Fortsetzung des Schweigens mit anderen Mitteln.

Es herrschte noch die Generation, die meistens nicht schuldlos aus dem Dritten Reich gekommen war. Aber darüber redet man doch nicht.

Das sieht man schön daran, dass der Rebell im Kabinett Erhard der junge Erich Mende ist. Also jung so wie in 50 Jahre alt. Und Rebell vielleicht, weil er offen sein Eisernes Kreuz trug, dass er im Zweiten Weltkrieg erworben hat.

Im Fernsehen piefte das Wirtschaftswunderdeutschland so vor sich hin. Nur nicht nach links oder rechts kucken, lieber „Der Forellenhof“ oder „Die Hesselbachs“ oder aber „Alle meine Tiere“ kucken.

Das Aufregendste im Deutschen Fernsehen – also ARD und seit zwei Jahren das ZDF – der Straßenfeger schlechthin war „Das Stahlnetz“. Merkte ja keiner, dass das einfach bei der amerikanischen Serie „Dragnet“ geklaut war.

Denn amerikanische Serien findet man im Programm praktisch nicht. Klar, es gibt den Dr. Kimble, der ständig auf der Flucht ist. Und natürlich eine Handvoll Western. Aber Science Fiction gibt es nicht. Das war mittlerweile zwar in Großbritannien, Japan und den USA beliebt. In Deutschland… na, da gab es halt Perry Rhodan. Aber das ist ja ein Romanheftchen für Spinner.

So war die Lage in der guten, alten BRD. Es herrschte – Ruhe. Vorbei die Zeiten, als man eine der führenden Nationen in Sachen Film und Fernsehen war. Die UFA-Studios lagen in der „Sowjetisch besetzten Zone“ – war aber auch wurst.

Alle kreativen Köpfe hatte man verjagt oder umgebracht. Es war wohl eher eine Leichenstarre als nur Ruhe.

Das muß aber nicht jedem gefallen.

Einer, dem das besonders nicht gefallen hat, war Rolf Honold. Der saß seit über fünf Jahren in seiner Wohnung in Berlin und konzipierte eine Fernsehserie nach der anderen. Die trugen so Titel wie „Die Parallelwelt, Klima-Control, Unterwasserpatrouille, Unternehmen Einstein oder Die PSI-Gruppe“.

Klingt wie Science-Fiction. Ist Science-Fiction. Und man war interessiert. Besonders bei der Bavaria. Die Bavaria-Film vor den Toren Münchens war im Westen auf einmal das größte Filmstudio geworden.

Und hier ahnte man natürlich, dass es an der Zeit war, auch eine deutsche Science-Fiction-Serie zu drehen. Darum kaufte man dem begabten Autoren auch die Serie „Terra ruft Andromeda“ ab. Und ließ das Skript in irgendeinem Regal verschimmeln.

Als der unermüdliche Honold aber das nächste Mal an das große Studio-Tor klopft, traf er in den Chefetagen auf einmal auf eine neue Energie.

Man wollte bei der Bavaria etwas Großes wagen! Eine Serie machen, die nicht nur in Deutschland lief, sondern auf der ganzen Welt. Man wollte zeigen, dass man wer war.

Nach den USA würde man das verkaufen und danach an die ganze Welt. Was die Amis da hinpfuschen, das können wir auch!

„Hier, haste ’ne Zigarre, Honold! Was haste denn dabei? Was? Raumpatrouille Orion! Fabelhaft! Fabelhaft! Das machen wir! Das wird groß! Das wird ganz groß!“

Und das war dann der Startschuß für die gewagteste, aufwendigste und teuerste Fernsehserie aller Zeiten. Also bisher. Also, in der BRD. Denn so eine Folge Orion würde teuer werden.

Gute Schauspieler, aufwendige Studiobauten, komplizierte Ausstattung aus den neuesten Materialen, spannende Drehbücher, ein cooles Raumschiff und das Beste, was die moderne Special-Effects-Technik leistet!

Gaaanz so ist es dann nicht geworden. Bavaria-Boss Helmut Jedele putzte in allen Anstalten des Deutschen Rundfunks die Klinken, aber selbst als er die Kosten schmelzen ließ, reichte die Kohle der ARD nicht.

Außer dem WDR wollten die anderen Landesanstalten nur spärlich beitragen. Die Orion konnte erst abheben, als Jedele im französischen Sender ORTF auf offene Ohren stieß. Die stiegen mit 20% ein. „Commando Spatial“ wird dort dann die Serie heißen.

Aber 300.000 D-Mark, heute 700.000 Euro pro Folge war trotzdem ein Batzen Geld und es reichte, um den Enthusiasmus aller Beteiligten zu beflügeln. Klar, man musste improvisieren. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch.

An dieser Stelle kann ein Orion-Fan stundenlang von den findigen und beinahe spitzbübischen Tricks der Macher schwärmen.

Die Brücke der Orion ist der aufwendigste Drehort. Und damit die teuerste Kulisse. Trotzdem musste man sparen. Man fertigte die wichtigsten Teile in einem völlig neuen Spritzgussverfahren, man kaufte futuristische Designer-Möbel, aber bei den technischen Details musste man wieder geizen.

Es stimmt. Auf der Kommandobrücke der Orion ist ein Rowenta-Bügeleisen verbaut. Und dreißig Bleistiftspitzer. Und 3000 Glühbirnchen. Und unzählige aufgebogene Bananenstecker. Na, und? Schaut doch toll aus!

Ähnlich bei den Filmtricks. Man kann zwar drei aufwendige Raumschiffmodelle bauen, aber muss auf der anderen Seite für den Start der Orion aus den Tiefen des Ozeans auf Corega-Tabs zurückgreifen, um ein Sprudeln zu simulieren.

Die Bluescreen-Effekte auf der Unterwasserstation funktionieren prächtig. Die Hintergrundaufnahmen im Berliner Aquarium passen nahtlos in die Kuppel – leider sind sie halt im Maßstab so was von falsch. So tanzt am Boden des Ozeans die Crew der Orion den futuristischen Tanz „Galaxy“… während über ihnen träge monströse Goldfische treiben.

Die Crew der Orion ist, wie bei der Enterprise, die zeitgleich gedreht wird, natürlich international. Da wäre natürlich Cliff Allister McLane (Kommandant), Mario de Monti (Armierungsoffizier), Atan Shubashi (Astrogator), Hasso Sigbjörnson (Bordingenieur) und Helga Legrelle (Leutnant für Raumüberwachung). Die Gestapo schickt – oh, tschuldigung, der Galaktische Sicherheitsdienste schickt dann noch eine Aufpasserin: Tamara Jagellovsk.

Liest man die Namen der Schauspieler, ist es allerdings mit der Internationalität vorbei. Dietmar Schönherr, Eva Pflug, Claus Holm, Friedrich Beckhaus und Ursula Lillig, das klingt mehr nach Bonn, Bad Godesberg als nach Andromeda.

Macht ja eigentlich auch erst einmal nix. Bislang sind die Deutschen ja auch noch schön unter sich. Zwar war im Vorjahr Armando Rodrigues de Sá noch freundlich am Bahnhof begrüßt worden. Weil er der einmillionste Gastarbeiter war. Aber das waren eben auch nur Arbeiter. Und Gäste. Die hatte man geholt, damit die Wirtschaft weiter wächst. Die würden schon wieder gehen.

Doch es sind nicht nur die deutschen Namen, die in Orion noch stark nach Adenauer-Zeit riechen. Oder vielleicht sogar noch ein bisschen älter.

Es ist auch der Tonfall. Da scheppert es schon sehr deutsch. „Haben wir uns verstanden?“ – „Jawohl, Herr General!“ oder „Ich bitte um Freigabe des Einsatzbefehls!“ – das klingt bei der Enterprise schon salopper. „Dann schießen sie den Klingonen ‚mal eine vor den Bug, Mr. Sulu!“

Alle wichtigen Figuren tragen Uniformen, alles ist in Hierarchien aufgegliedert. Und die wichtigen Entscheidungen trifft dann halt die Wehrmacht und die Gestapo. Verzeihung, ich meine General Winston W. Wamsler, Befehlshaber der terrestrischen Aufklärungsverbände und Oberst Villa, Oberbefehlshaber des Galaktischen Sicherheitsdienstes.

Wenn Zivilpolitiker auftreten, wie z.B. der Minister für außerplanetare Angelegenheiten, dann sind das immer nur Bedenkenträger und Weicheier. Halten den Fortschritt nur auf, diese Demokraten.

Aber da ist ja noch dieser Cliff Allister McClane. Ein Rebell. Strafversetzt auf die Orion, weil er sich nicht an Befehle halten kann.

Jemand, der das mit den Vorgesetzten so gar nicht kann. Jemand, der auf dem Raumschiff den militärischen Ton nicht haben mag. Er und seine Crew, das sind so etwas wie die fünf Freunde des Solarsystems. Selbst die eiskalte Russin, die auf ihn aufpassen soll, kriegt er auf Dauer aufgetaut.

Überhaupt. Die Frauen. Das wird der Serie heute vorgeworfen, dieser sexistische Umgang der männlichen Helden mit den weiblichen Heldinnen. Doch das finde ich übertrieben. Klar, McClane ist der Verführer vom Typ James Bond.

Aber wir sollten bedenken, dass die Serie zwar in der Zukunft spielt, aber doch deutlcih vor der Frauenbewegung geschrieben wurde. Nicht nur Tamara Jagellovsk hat an Bord ein Veto-Recht bei den Eskapaden des schnittigen Majors McClane.

Das Crewmitglied Helga Legrelle hat den gleichen Dienstgrad wie alle anderen an Bord und durchaus ein Mitspracherecht.

Viel entscheidender aber ist, dass der Boss ganz oben eine Frau ist. General Lydia van Dyke, Befehlshaberin der schnellen Kampfverbände. (Übrigens, Partywissen: Gespielt von Charlotte Kerr, der zweite Frau von Friedrich Dürrenmatt.)

Ansonsten ist die Handlung der Serie schnell erzählt. Das friedliche Leben der Menschheit wird durcheinander gewirbelt, als Außerirdische in der Milchstraße aufkreuzen. Und die wollen nicht etwas nach Hause telefonieren, nein, die wollen unsere schöne Erde weghaben.

Vielleicht wollen sie eine Hyper-Raum-Umgehungsstraße bauen. Wer weiß es? Na, keiner weiß es. Zum Ende der ersten Staffel wissen wir nichts über die Motive der sogenannten Frogs. Zum Ende der ersten Staffel wissen wir noch nicht einmal genau, wie sie aussehen. So flirrende, oszillierende, länglich humanoide Dingsies halt, sieht man aber nur kurz in den ersten zwei Folgen. Zum Ende der ersten Staffel wissen wir nichts.

Und leider gibt es nur eine Staffel. Wir werden es also nie erfahren.

Als am 17. September 1966 die erste Folge der Raumpatrouille Orion lief, da überschlug sich die Presse regelrecht.

Die BZ schrieb, dass sei alles „pseudowissenschaftlicher Quatsch“ und gebäre schlicht eine Utopie ohne Geist. Anderen waren die Dialoge zu kompliziert. Und die TZ schimpfte zur Wiederholung der Serie 1975: „Kein Schwachsinn ist offenbar groß genug, um nicht wiederholt zu werden.“

Der Spiegel konstatierte 1966 eher unaufgeregt: „Mit den phantastischen Abenteuern des Raumschiffes Orion suchten die Sender „Anschluss an die anglo-amerikanischen TV-Fabrikanten, die ihre Heimkinos schon seit Jahren mit zukunfts-fiktiven Schockern füttern.“ Ansonsten befand der Autor nur, dass die Serie schlicht zu teuer sei.

Gute Kritiken sehen anders aus. Besonders schwer lastete der Vorwurf, die Serie sei im Kern faschistoid. Dass alle Beteiligten sich in der Dokumentation über die Orion – vierzig Jahre später – besonders an diesen Vorwurf erinnern, hat einen Grund.

Es ist halt etwas Wahres dran.

Doch wen interessiert es, was Kritiker sagen? Nicht die Zuschauer jedenfalls. Die erste Folge flimmert am Abend über 63% der deutschen Fernsehschirme. Und auch die anderen sechs Folgen erreichen immer mehr als die Hälfte der TV-Nation.

Das sind Quoten, da bekommen heutige Intendanten eine Erektion. Nur zum Vergleich: Das Endspiel der Fußball-WM 2014, als Deutschland Weltmeister wurde, schaffte es gerade so über 50%.

Fairerweise muß man aber dazu sagen, dass die 37% der Deutschen, die den ersten Start der Orion nicht bei der ARD verfolgten, halt ZDF kuckten. Denn mehr Auswahl gab es nicht.

Doch der Erfolg half nichts. Es folgte der Rücksturz zur Erde. Nach den ersten sieben Folgen kam der Raumkreuzer Orion ins Alteisen. Oder Altplastik. Die haben ja noch keinen Müll getrennt, damals.

Zu den Gründen gibt es wieder viele Theorien. Ist es der Faschismus-Vorwurf gewesen? Ist Dietmar Schönherr der Ruhm zu Kopf gestiegen? Fiel den Drehbuchautoren einfach nichts mehr ein?

Die Wahrheit dürfte sein, dass die Orion für ihre Zeit einfach wirklich zu teuer war. Klingt komisch, denn heute kostet ein Tatort laut Auskunft der ARD im Durchschnitt 1,4 Millionen Euro.

Aber der Plan war ja, nach Amerika zu verkaufen. Oder überhaupt ins Ausland. Doch den Amerikanern war die Orion zu schwarz und weiß. Denn die hatten schon Farbfernseher. In Frankreich lief das „Commando Spatial“ eher schwächlich.

Und so wendete sich die Bavaria von weiteren Anstrengungen in Sachen Weltraum ab. Und alle anderen deutschen Produktionsfirmen auch.

Schade. Bei aller Kritik am herrischen Ton und den ganzen Generälen. Bei allem Schmunzeln über die veralteten Tricks. Und bei allem Gekichere, jedes Mal, wenn das Bügeleisen auf dem Raumkreuzer Orion ins Bild kommt.

Man spürt der Serie an, dass sich da endlich einmal jemand etwas getraut hat! Das alle Beteiligten mit Leib und Seele dabei waren. Die Orion hat, bei allen Längen durch überflüssige Diskussionen, sie hatte Herz. Und damals schon ein selbstironisches Schmunzeln.

Hach.