Rauchen ist cool!



Es gibt eigentlich keine wirklich spannende Geschichte hinter der Überschrift „Wie ich mit dem Rauchen angefangen habe“. Die Gründe sind wahrscheinlich immer ähnlich.

In einer Herr-Wunderlich-Geschichte berichtet selbiger von seinen ersten Erfahrungen mit dem Rauchen und warum er jahrelang nicht aufgehört hat mit Rauchen. Vielleicht, weil Rauchen cool ist?

Aber, keine Angst: Wird nicht zu ernst und nicht zu moralin-sauer! Denn Kriegerdenkmäler, Hobbits, Iren und brennende Jacken kommen auch in der Geschichte vor!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Smoking kills“ von Lugol’s iodine / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Eigentlich geht das Ganze ja so: Man macht etwas und findet es gut. Darum wiederholt man das. Und aus der Wiederholung wird Gewöhnung. Aus Gewöhnung wird ein Ritual. Und wenn das Objekt dieser Gewöhnung ungesund ist, dann nennt man das eine Sucht.

Alkohol oder Zigaretten, Heroin oder zuviel Arbeit: Alles Sucht. Böse. Pfui. Bäh!
Joggen, Meditation, Wassertrinken: Keine Süchte. Gut! Prima! Bussi!

Ich habe jetzt viele Jahre lang geraucht, aber eines ist mir immer noch nicht klar: Zu welchem Zeitpunkt war da dieses positive Erlebnis, dass einen dann letzten Endes bewogen hat, immer wieder eine Zigarette anzuzünden?

Also gehen wir der Geschichte dieser Sucht einfach ‚mal nach. Dazu müssen wir an den Anfang reisen. Und der ist irgendwo in den Siebzigern. Also lange her. In den Siebzigern war es noch so, dass eigentlich ja alle rauchten.

Wir hatten regelmäßig irgendwelche Familienfeste und die gestalteten sich in der Regel so:
Man traf sich in einem Gasthaus und dann gab es Mittagessen, später Kaffee und Kuchen und abends noch eine Brotzeit.

Aber warum erzähle ich das? Weil diese Familientreffen in der Regel in einem Nebenzimmer des Gasthauses stattfanden. Nur für uns. Und schon nach einer Stunde konnte man die Verwandten am anderen Ende der Festtafel nicht mehr erkennen.

Weil jeder rauchte! Und die Luft so voller Rauch war, dass man eben keine vier Meter weit mehr sehen konnte. Kann man sich heute eigentlich nicht mehr vorstellen, oder?
Aber das war wirklich so. Keine Übertreibung!

Alle Erwachsenen rauchten! Und im Falle der Familienfeier wurden auch nicht nur Zigaretten geraucht, die komische Namen hatten und die es heute gar nicht mehr gibt, so wie „Kim“ oder „Eckstein“, „Pall Mall“, „Reval“, „Atika“ oder „Ernte23“ – nein, es durften gerne auch Zigarillos, Virginias, Zigarren oder Pfeifen sein.

Ein unglaublicher Gestank erfüllte den Raum. Und auch, wenn das normal war in den Siebzigern: Für uns Kinder war es völlig unerklärlich!

Aber, so war es nun einmal. Kinder konnten halt noch nicht rauchen. Rauchen, das war etwas für Erwachsene. Das wussten wir nicht nur von unseren eigenen Eltern und Verwandten, das sah man ja auch im Fernsehen.

Nach der Maus kam z.B. der Internationale Frühschoppen. Der war zwar unerträglich langweilig, doch wir kuckten den in unserer Verzweiflung trotzdem. Bis die Eltern sich erinnerten, dass die Maus ja schon aus ist.

Im Internationalen Frühschoppen trafen sich alte Männer aus ganz Europa und rauchten miteinander. Genau wie auch alle Politiker rauchten. Brandt oder Schmidt gleich Kette, Zigarette war auch sozialistisch, Kohl oder Strauß von der Union ließen sich aber auch gerne mit Zigarre abbilden – Kapitalisten eben.

In Fernsehen und Film rauchten die Helden natürlich alle, Rauchen war cool. Übrigens auch die Frauen. Speziell Lauren Bacall kann so sexy rauchen, da möcht‘ ich ja gleich selber wieder anfangen!

Auch heute noch sind es die Coolen, die rauchen. Auf der IMDB gibt es eine Liste der berühmtesten Raucher – Männer also – und das sind einfach die Coolen: Bruce Willis, Clint Eastwood, Mel Gibson, Robert Downey Jr., Brad Pitt, James Dean, Al Pacino, Schwarzenegger, Peter Falk und Mickey Rourke.

Rauchen ist cool. Rauchen war damals auch cool. Und es war erwachsen. Und aus irgendeinem Grund wollten wir erwachsen werden. Vielleicht, um beim Familientreffen nicht mehr Opfer zu sein, sondern Täter.

Sogar mein Großvater rauchte. Zwei Zigaretten am Tag. Zwei HB. War ja Arbeiter, das gehörte sich so. Er erzählte mir, er hätte sich das in der Gefangenschaft angewöhnt, wo Zigaretten einfach die Währung waren. Statt Geld. Und er bald nicht mehr wusste, wohin mit seinen Zigaretten. Hat er sie halt geraucht…

Diese zwei Zigaretten übrigens, die pflegte ich ihm am Kiosk zu holen. Für zwanzig Pfenning. Damals konnte man die einzeln kaufen und anscheinend war das auch nicht besonders unüblich. Der Mann am Kiosk kannte mich also und hatte keine Probleme, einem Elfjährigen Zigaretten zu verkaufen.

Auch nicht an diesem einen Tag, als dieser „Enkel vom Hans Wunderlich“ wieder da war, aber dieses Mal eine ganze Packung HB kaufte. Ich erinnere mich noch genau, dass der Kioskmann irgendetwas zu der ungewöhnlichen Menge an Zigaretten sagte, was mich völlig aus dem Konzept brachte, aber ich glaube, ich konnte darauf so antworten, dass er nicht weiter Notiz von mir nahm.

Hinter dem Kiosk hatte sich mein Spezi versteckt, der Toni. Anton Piesenecker, kennt ihr vielleicht noch von anderen Sendungen. Kaum war ich ausser Sichtentfernung, gesellte er sich zu mir.

Denn wir hatten zusammen gelegt, um heute einmal so richtig das Erwachsensein auszuprobieren. Nicht einfach ‚mal an der Zigarre ziehen beim Familienfest und dann alle lachen, wenn man plötzlich leichenblass wird.

Nein, wir wollten rauchen wie die Coolen eben. Wie James Dean zum Beispiel. Oder wie David Bowie oder überhaupt jeder Musiker, der ‚was auf sich hält. Oder jeder verdammte Cowboy, außer der Streber Little Joe von Bonanza. Oder eben James Bond.

Also begaben wir uns zu dieser einen Verkehrsinsel, direkt beim Bahnübergang. Zum „Kriegerdenkmal“. Für die Gefallenen. Ein hässliches Kreuz. Ziemlich neu gebaut, kleine Bäume, ein paar Büsche. Aber auch eine Mauer, über die man klettern konnte und dann war man weg.

Genau wie der Toni und ich. Und die Packung HB und ein lächerlich großes Feuerzeug, dass er irgendwo bei seinen Eltern geklaut hatte. Die übrigens beide nicht rauchten, aber trotzdem – für die Gäste – stets Aschenbecher, Feuerzeug und ein paar Zigaretten vorrätig hatten.

Und so begannen wir also mit dem Cool-Rauchen. Erst einmal im Stehen. Oder im Lässig-An-der-Mauer-Lehnen. Dann lieber im Sitzen. Wir versuchten den klassischen Scherengriff, den Bogart-Überhand-Griff oder den Gary-Cooper-Windschutz-Griff aus „Wem die Stunde schlägt“.

Vor allem versuchten wir vorsichtig, den Rauch zu inhalieren. Erst einmal geht das überhaupt nicht. Man muss sich ziemlich überwinden. Jeder Überlebensinstinkt im Körper sagt: „Tu‘ das nicht! Bist Du bescheuert, oder was? Das ist Rauch! Das ist gefährlich! Willst Du ersticken, Du Volltrottel! Oh, mein Gott, mit diesem Idioten als Boss werde ich armer Körper niemals geschlechtsreif!“

Ich weiß nicht, wie lange wir brauchten, bis die Schachtel aufgeraucht war, aber zwei Stunden waren es wahrscheinlich schon. Auf keinen Fall wollten wir Beweismaterial hinterlassen, also vergruben wir die Kippen und die leere Schachtel in der lockeren Erde.

Und trollten uns wieder nach Hause. Toni musst noch das Feuerzeug verstecken, dann wäre alles wieder so wie vorher. Keine Spuren mehr.

Eigentlich müsste ich jetzt ergänzen, dass mir furchtbar schlecht war. Oder, dass ich furchtbar husten musste. Oder einen schlimmen Durchfall bekommen hätte. So gehen diese Geschichten ja in der Regel.

„Und dann hat mein Vater mich zur Seite genommen und ich musste eine nach der anderen rauchen. Und das war dann so schlimm, dass ich NIE mehr in meinem Leben geraucht habe!“ Hat mir ein Kiffer ‚mal erklärt. Aus irgendeinem Grund zählt ein Joint ja nicht als Rauchen…

Aber so eine Moralerzählung ist das nicht. Das Rauchen mit dem Toni hat mich nicht zutiefst traumatisiert oder hat die neuronalen Netze für meine Sucht gebahnt. Weder noch. Es war ein Ausflug gewesen. Lunge und Hals taten mir weh. Der erste Nikotinflash war sehr unheimlich und anangenehm gewesen. Aber das war alles. Rauchen war wohl nichts für mich…

Das hielt dann wirklich lange. Dank meiner innerlichen Trotzhaltung hielt ich auch die riskanten Jahre durch, als alle anderen anfingen, Zigaretten zu rauchen. Das machte ich dann extra nicht. Zum Trotz. Anders zu sein schafft ja auch Identität.

Das hielt wirklich lange. Bis zum Irlandurlaub. Auch von dem habe ich ja hier schon berichtet. Aber das mit dem Tabak ist ein eigenes Kapitel.

Wie jeder Deutsche damals hatten auch wir den Wunsch, uns möglichst vollständig zu integrieren um nicht mehr als Deutsche erkannt zu werden. Anfang der Achtziger lief man immer noch mit dem Bewusstsein durch Europa, dass noch die eigenen Großväter ihre persönlichen Erfahrungen in den Nachbarländern gemacht haben, während sie selbige Nachbarn erschossen. Kein nachhaltiger Tourismus.

Also assimilierten wir drei jungen Männer alles, was die Iren auch machten. Wir tranken zuviel Bier, wir sangen falsch die Lieder mit und wir kauten Kautabak. Das war nämlich damals durchaus verbreitet in Irland.

Und Kautabak bedeutete nicht, dass wir rauchen mussten. Aber war halt irgendwie echt eklig. Im Prinzip trank man in Minischlückchen den Sabbersaft, den der Speichel rund um den Tabak im Mund bildete.

Das taugte mir auch nicht. Gleichzeitig zum Irland-Urlaub hatte ich übrigens mit der Lektüre des „Herrn der Ringe“ begonnen. Zweiter Durchgang, dieses Mal in Englisch. Und gerade im ersten Kapitel, das noch im Auenland handelt, macht Tolkien ja ein Mordgewese um das Rauchen und um den Tabak.

Am Tag darauf sehe ich im Schaufenster eines Tabakladens eine simple Tonpfeife. Kostet gerade einmal 50 Pence. War natürlich kürzer als die Tonpfeifen von Bilbo oder Gandalf, aber auf jeden Fall einen Versuch wert.

Meine Kumpels fanden das ein bisschen seltsam. Aber einer der Nebeneffekte des Rauchens, abends, IM Zelt – war es, dass alle Stechmücken entweder das Weite suchten oder aber verstarben.

Bald hatten die beiden anderen diese Sitte auch adaptiert. Aber die liessen den Unsinn dann in Irland. Und ich irgendwie nicht.

Wieder heimgekommen hörte ich auch mit der komischen Angewohnheit auf. Obwohl meine Eltern gar nicht negativ auf die Nachricht reagierten, dass ich jetzt auch rauchte. Die waren wohl froh, dass sie einen Besserwisser weniger im Haus hatten, der aus dem Stand Referate über Lungenkrebs und Herzinfarkte halten konnte. Denn das hat man auch 1980 schon gewusst.

Aber so eine Tonpfeife hält nicht lange. In der Regel zerbrechen die ganz schnell oder sie nehmen die Feuchtigkeit nicht mehr richtig auf und man zieht dann immer Tabaksoße mit ein. Also waren meine Irlandpfeifen bald hin. Rauchte ich halt nicht. Für Zigaretten war ich mir immer noch zu fein.

Eine meiner Angebeteten wohnte in der Westenrieder Straße. Ums Eck von einem Tabakladen. Und der hatte, eines schönen Tages, Tonpfeifen in der Auslage! Und mit 50 Pfenning das Stück auch noch deutlich billiger als in Irland.

Also legte ich mir wieder eine Pfeife zu. Ich fand, das passte ganz prima zu meinem sonstigen Look. Schulterlanges Haar, zerrissene Jeans, Holzclogs, zu große T-Shirts, kaputte Flanellhemden, eine knallbunte Weste aus Peru und eine Wolljacke aus Guatemala. Bio. Unbehandelt. Grau.

Und in der Westentasche meine Tonpfeife. Aber selbst in diesem Entwicklungszustand war ich noch lange nicht der Sucht-Raucher, der ich dann noch werden sollte. Es fehlte noch die entscheidende Komponente.

In der Schule war ich zwar ein Außenseiter, aber ein einigermaßen tolerierter. Man fand mich befremdlich, aber nachdem Ender Siebziger, Anfang der Achtziger alles in Ordnung war, wenn es nicht spießig war, war ich auch nicht verspottet oder verlacht. Eine Art stiller Respekt.

Mit der Pfeife kam dann noch etwas hinzu. Als Raucher hatte ich das Recht erwirkt, auch bei den Coolen zu stehen, die ihre Zeit in den Pausen VOR dem Kollegstufenzimmer mit Rauchen verbrachten.

Mehr noch als das: Auf meine eigene, verschrobene Art war ich nun selber ein Cooler. Ich hatte eine eigene Art von Respekt verdient. Und das nicht nur bei den Mitschülern, sondern durchaus auch von den Lehrern.

Und das ist dann letzten Endes das gewesen, was kleben geblieben ist. Das war der Suchtfaktor.

Das und vielleicht diese große Leidenschaft für das Verrückte. Und für die Verrückten. Mäßigung oder Selbstdisziplin, das waren immer die Menschen, mit denen ich nichts zu tun haben wollte.

Aber die Süchtigen, die Clowns, die Extremen, die Verrückten: Kurz diejenigen, die es übertrieben. Die, die etwas maximal ausprobierten; die, die an die Grenze gingen: Das waren meine Vorbilder! Weil ich ein Schisser bin, natürlich.

Halten wir also fest: Ich habe jahrelang geraucht, weil ich auf dem Schulhof damit als Cooler gegolten habe. Und dann nicht damit aufgehört, weil ich mich aus Trotz nicht mäßigen wollte. Die dümmste Mini-Revolte der Welt.

Kein besonderes Ruhmesblatt in meiner Biografie, muss ich zugeben. Aber ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Andere haben wahrscheinlich andere Suchtgeschichten zu erzählen. Doch, ich kann mir nicht vorstellen, dass die viel besser sind.

Denn: Seien wir ‚mal ehrlich: Rauchen ist ein bescheuerte Sucht! Kommt beinahe mit einer Krebsgarantie und turnt fast nicht. Klar, Nikotin macht sehr abhängig, aber man geht jetzt wegen einer Zigarette nicht auf einen Trip. Man hat nur so einen kurzen, anregenden und entspannenden Kick. Drei Minuten, würde ich schätzen.

Und weil das so ist, glaube ich, die Sucht-Geschichten der meisten anderen Raucher sind auch nicht viel besser als meine. Immerhin kommen in meiner Hobbits vor und ein Zauberer!