Radikale Ehrlichkeit



Wir wollen heute einmal radikal ehrlich sein: Wir haben keine Ahnung, was wir hier schreiben sollen!

Es ist auf jeden Fall die Geschichte von Marlene, die 2009 einen neuen Selbsthilfe-Trend ausprobieren will: Radikale Ehrlichkeit. Doch das Seminar, das sie besucht, wirkt eher wie der Treffpunkt einer obskuren Sekte.

Puh. Danke für’s Lesen. Jetzt geht’s uns schon deutlich besser!


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Musiktitel: „Just Being Honest“ von Rhett & Link


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Skript zur Sendung

Die ganze Geschichte fängt damit an, dass mein Freund mit mir Schluss gemacht hat. Oder? Nein, eigentlich fängt sie damit an, dass ich ein Buch über Selbsthilfebücher schreiben wollte. Und darum viele Selbsthilfebücher gelesen habe. So viele Selbsthilfebücher, dass ich eigentlich wirklich Hilfe gebraucht hätte.

Bei den ganzen Veranstaltungen und Seminaren und Vorträgen, die ich besucht habe, lernte ich auch meinen Freund kennen. Der hatte natürlich auch Hilfe nötig, so wie ich, uns so taten wir uns zusammen. Beide Fachleute darin, sich selber zu helfen.

Er suchte zum Beispiel jeden Morgen in meiner Wohnung einen Platz, auf den die Sonne schien und setzte sich dort hin und machte gar nichts. Wie eine Katze, würde ein normaler Mensch denken. Ich aber dachte: Genau so, wie Eckhart Tolle das in seinen Büchern empfiehlt.

Tolle geht es darum, dass wir alle nicht genug im Moment leben. Das ist mittlerweile schon Allgemeingut und klingt abgedroschen, doch man kann viele Bücher schreiben, die sich verschieden lesen, aber doch diese eine Botschaft haben.

Und so saß ich mit meinem Tolle-Jünger beim Frühstück. Ich hatte alles sehr schön vorbereitet, denn ich versuchte, in meinem Leben jeden Moment so zu gestalten, dass er eine schöne Erinnerung werden kann. Ein Konzept aus einem anderen Selbsthilfebuch.

Aber es wurde keine schöne Erinnerung, denn mein Freund erklärte mit, dass er mit mir Schluss macht, weil ich nicht genug im Moment leben. Und mehr noch: Weil ich ihn davon abhielt, im Moment zu leben.

Ich wurde sehr, sehr traurig und fing an, zu heulen. Warum war es bloß so, dass alle Beziehungen damit enden, dass ich verlassen werde? Warum machten die Männer alle immer mit mir Schluss? Warum verlassen meine Partner immer zuerst die Beziehung?

Und mein Freund wurde sehr nachdenklich und schaute mich an und meinte: Na ja, das liegt daran, dass Du nicht als Erste die Beziehung verlässt.

Das ist natürlich eine banale Antwort, aber damals kam es mir sehr, sehr weise vor. Ich war durch die ganzen Selbsthilfebücher wohl schon ein bisschen weichgekocht.

Auf jeden Fall empfahl er mir „Radikale Ehrlichkeit“. Das würde er gerade in seinem Leben umsetzen. „Radikale Ehrlichkeit“ ist ein Konzept, dass ein Psychotherapeut namens Bert Brandon entwickelt hat.

Die Idee ist einfach, dass man das schauspielern sein lässt, die Masken ablegt und einfach immer, immer die Wahrheit sagt. Wie ein Kind ungefiltert das sagen, was einem gerade durch den Kopf geht.

Dadurch würden alle möglichen psychosomatischen Krankheiten geheilt, man wird selbstbewusst, man hat besseren Sex, intimere Beziehungen und nie wieder Angst oder Selbstzweifel.

Brandon schreibt: „Wir alle täuschen Gefühle vor und verstecken die Wahrheit. Wir glauben es wäre notwendig um uns und andere zu schützen, doch das Lügen macht uns krank. Es ist ein tragisches und sinnloses Opfer.“

Mir leuchtete das sofort komplett ein. Wenn ich radikal ehrlich gewesen wäre, hätte ich meinem blöden Freund noch mit auf den Weg geben können, dass der Sex mit ihm langweiliger war als die EU-Bestimmung zum Import von gebrauchten Baumwollsocken.

Ich erkundigte mich und gleich in meiner Nähe, in Virginia, gab es einwöchige Einführungskurse in radikale Ehrlichkeit. Ich griff zum Telefonhörer und erkundigte mich, ob es noch Plätze gäbe und wann denn der nächste Kurs sei. Beides war auf der Website nicht wirklich zu erkennen.

Die Stimme am anderen Ende erklärte mir, dass man jederzeit so einen Kurs anfangen könnte und das ich als Journalistin sogar einen Rabatt bekommen würde. Statt 2000 Dollar waren es für mich nur 1750. Na, wenn das kein gutes Zeichen ist!

Schon ein paar Wochen später holten mich Jane und Tom am Flugplatz ab und begrüßten mich mit einer Umarmung. Sie freuten sich sehr, mich zu sehen, sagten sie. Und nachdem sie ja radikal ehrlich waren, ließ ich die Umarmung über mich ergehen, auch wenn mir das eigentlich zu schnell zu intim war.

Wir fuhren dann mit dem Auto zwei Stunden, bis wir in ein kleines Nest kamen. Stanley hieß das und hatte laut Google so an die 1200 Einwohner. Danach ging die Fahrt noch ein bisschen weiter, bis wir an ein alleinstehendes Haus mitten im Grünen kamen.

Das war das Haus von Bert, erklärten mir Jane und Tom. Das Hauptquartier von „Radical Honesty“. Ich war etwas überrascht. Hatte ich gerade an eine Organisation $ 1750,- gezahlt, deren Hauptquartier einfach das Wohnhaus von Bert Brandon ist?

Aber genau das war der Fall. Meine Unterkunft war das ehemalige Kinderzimmer. Das Badezimmer benutzten alle gemeinsam. Sieben Zahnbürsten standen da, auf dem Waschbeckenrand lagen benutzte Haargummis, alles war voller fremder Haare.

Die anderen schliefen in Schlafsäcken im Wohnzimmer. Tom hatte sein Zelt dauerhaft im Garten aufgebaut. Zum ersten Mal beschlich mich das Gefühl, in eine Sekte geraten zu sein.

Dann wurde ich von Bert begrüßt, und um radikal ehrlich zu sein: Er war abstoßend. Er hatte den Körper und das Gesicht einer fetten Kröte. Alle liefen immer barfuß herum, also auch Bert. Aber er trug die meiste Zeit nicht einmal ein T-Shirt über seinem kugelrunden Bauch.

Auch er gab mir eine Umarmung und ich ekelte mich richtig. Auch er freute sich sehr, dass ich mit dabei bin. Wenn ich mich frisch gemacht hätte, dann gäbe es das erste Kennenlern-Meeting im Wohnzimmer.

Also ging ich ins Kinderzimmer, packte meine Sachen aus und machte den Fernseher an. In dem Sender, der am besten Empfang hatte, liefen Wiederholungen. Irgendeine Rechtsanwalt-Serie, wo hübsch gepflegte Menschen meistens „Einspruch, Euer Ehren!“ sagten. Das Gegenteil von dem, was sich hier in Stanley, Virginia abspielte.

Ich kam wieder runter und dort hatten sich alle schon versammelt. Mit Bert waren wir sieben Leute. Aber ich war die Neue. Die anderen kannten sich schon, wahrscheinlich schon länger. Ich nahm auf der Couch Platz, auf der, neben mir, noch zwei andere Jünger lümmelten.

Zuerst sollten wir uns vorstellen und ganz ehrlich sagen, wer wir sind, was wir beruflich so machten und wie wir das fanden. Wichtig war Bert auch, dass jeder erzählte, wieviel er verdiente. Denn, so meinte er, darüber reden die meisten Menschen nicht ehrlich. Das wäre ein erster Schritt.

Also erklärten sich alle reihum und ich steuerte meinen Teil bei. Allerdings war es ziemlich deutlich, dass die anderen diese Übung schon öfter mitgemacht hatten und ich die Einzige war, die etwas Neues beizutragen hatte.

Der nächste Schritt, so erklärte Bert “Kröterich“, wäre es, dass jeder ein Geheimnis von sich erzählt, dass er noch nie jemandem erzählt hatte.

Als Tom an der Reihe war, erzählte er beiläufig, dass er schon einmal jemanden ermordet hatte. Im Ernst: Genau diese Wortwahl. Tom war ein Mörder. Sagte er. Keiner zuckte auch nur mit der Wimper.

Ja, es hätte Streit gegeben im Auto. Und dann hätte er diesem Typen in die Fresse gehauen und aus dem fahrenden Auto geworfen. Wahrscheinlich war er da schon tot, aber der Lastwagen hinter ihm überrollte den Mann auch noch. Spätestens da war er wohl tot.

Er hat den Vorfall nicht gemeldet und wurde auch niemals dafür belangt.

Ein sehr bizarres Erlebnis an und für sich, wenn man einem gewissenlosen Mörder gegenübersitzt. Aber noch bizarrer war, dass niemand auch nur mit der Wimper zuckte.

Während ich noch schockiert auf der Couch erstarrt war, kam die Reihe an Jane. Die meinte: „Ja, es wäre ja für keinen hier mehr wirklich eine Überraschung, aber sie hätte regelmäßig Sex mit ihrer Katze.“

Wenn ich wirklich eine gute Journalistin gewesen wäre, hätte ich speziell hier natürlich nachhaken müssen. Es drängen sich ja schon ein paar Fragen auf. Von wem ging die Initiative aus? Wie oft findet das statt? Ist Erdnussbutter mit im Spiel? Und: Ist Sodomie eigentlich strafbar oder gilt das hier eher als Tierquälerei?

Ich war immer noch nicht ganz bei Sinnen, als die Reihe an mich kam. Ich überlegte kurz und gestand dann, dass ich zu Übersprungs-Einkäufen neigte. Wenn ich so richtig Stress hatte, dann lief ich in irgendein Geschäft und kaufte mir etwas.

Einmal, nach einem stressigen Geschäftstermin und einem stressigen Flug, ließ ich das Taxi anhalten und stürmte in ein Kaufhaus, nur um eine halbe Stunde später wieder mit Tüten beladen weiterzufahren.

Was vor allem deswegen Suchtcharakter hatte, weil ich eigentlich pleite war und damit nur noch mehr Schulden auf meine arme Kreditkarte ablud.

Nach meinem Geständnis wurde es sehr ruhig im Raum. Bert sah mich väterlich an und meinte nur: Marlene, Du hast ein Problem. Ich entgegnete: Ja, ich weiß, aber er meinte: Nein, ich meine nicht Dein Geheimnis. Ich meine, dass Du eine Gefangene in Deinem Kopf bist. Du kannst Dich nicht aufgeben und Du kannst nicht einmal zu Dir selber ehrlich sein.

Während ich noch über diese Beschreibung meiner Persönlichkeit nachgrübelte, holte Bert ein Formular heraus, das ich zu unterschreiben hatte. Wir setzten uns an den Küchentisch und ich las mir das einmal durch. Was wahrscheinlich auch schon ein Fehler war.

Im Prinzip sagte das Formular, dass ich mich verpflichtete, in der kommenden Woche, alles, aber auch wirklich alles, was Bert mir befahl, zu machen. Eine Hörigkeits-Vereinbarung.

Radikal ehrlich sagte ich: Nein, das werde ich nicht unterschreiben. Worauf Bert mich anbrüllte: Du blöde Fotze, ich verabscheue Dich, Marlene! Weil Du das Formular nicht unterschreibst!

Hatte er mich gerade „blöde Fotze“ genannt? Fragte ich ihn auch. „Ja, Du dreckige Schlampe! Ich kann Dich und Dein Lamentieren nicht im Geringsten ausstehen! Und ich werde Dich weiter beschimpfen, bis Du so mitmachst, wie Du sollst! Ich werde den Widerstand in Deinem Kopf schon brechen, Du dumme Kuh!“

Das war zu viel. Ich rannte ins Kinderzimmer und packte meine Sachen. Nichts wie weg! Ich war wütend. Echt wütend.

Aber schon beim Einpacken begann ich wieder an mir zu zweifeln. Vielleicht war das ja nur eine Übung und vielleicht tut radikal ehrlich sein erst einmal weh? Wollte ich wirklich so viel Geld in den Sand setzen, bevor ich der ganzen Idee eine echte Chance gegeben hätte?

Also blieb ich. Ich unterschrieb die Hörigkeitsvereinbarung nicht. Aber ich blieb.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, meinte Bert nur, ich sollte mich verpissen. Und als ich am nächsten Morgen wieder aus meinem Zimmer kam, sollte ich mich immer noch verpissen. Drei ganze Tage wurde ich nur geschnitten und angepöbelt und beschimpft.

Ich schaute in der Zeit viele, viele Rechtsanwalts-Fernsehsendungen.

Erst am fünften Tag änderte sich das. Als ich am Morgen des fünften Tages ins Wohnzimmer kam, begrüßte mich Bert mit einem breiten Krötenlächeln. Ich habe eine besondere Überraschung für Dich, meinte er.

Normalerweise gäbe es den Nackt-Tag erst am Ende eines Seminars. Als Überraschung. Aber die anderen und er waren der Meinung, weil ich so Schwierigkeiten hatte, radikal ehrlich zu sein, es täte mir gut, wenn wir den Nackt-Tag vorziehen würden.

Nackt-Tag bedeutet, dass alle den ganzen Tag radikal nackt durch die Gegend laufen. Radikal nackt und radikal ehrlich sind nämlich das Gleiche.

Radikal nackt war auch der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Ich erkannte endlich, dass ich hier wirklich in einer Sekte oder einem Kult gelandet war. Und dieses Mal packte ich meine Koffer und hatte nicht eine Sekunde mehr das Gefühl, ich würde etwas falsch machen.

Aber natürlich war es nicht so einfach, von so einer Sekte weg zu kommen. In diesem Fall war das Problem, dass die nächste menschliche Ansiedlung westlich und östlich von hier zwei Meilen weg war.

In Stanley gibt es natürlich kein Taxi-Unternehmen und auch keine Autovermietung. Ich rief im Rathaus an und schilderte mein Problem: Ich war hier in einem Haus und ich sollte mich nackt ausziehen und das wollte ich nicht. Und ich muss schnell weg.

Die Dame am Telefon meinte: Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Das klingt sehr wirr. Aber auch: Wir kümmern uns darum.

Verzweifelt rief ich noch im anderen Ort, östlich von Stanley an und bekam dort tatsächlich einen Taxifahrer ans Handy. Könnte er schon machen, meinte er. Kostete 100 Dollar und würde noch eine Stunde dauern.

Also wartete ich eine Stunde im ehemaligen Kinderzimmer im Haus von Bert Brandon, bis von unten jemand rief: Marlene, Deine Mitfahrt-Gelegenheit ist da!

Es waren die Bullen. Die Dame im Rathaus dachte wohl, ich würde bedroht und hatte zwei stattliche Polizisten geschickt, die mich beruhigten und unbedingt ins nächste Frauenhaus fahren wollten.

Ich redete noch auf die zwei Polizisten ein, dass es sich um einen Irrtum handelte und im Prinzip nichts Gesetzeswidriges geschehen war, als das Taxi ankam.

Obwohl ich die Polizisten wohl noch nicht völlig überzeugt hatte, stieg ich in mein Taxi und fuhr los.

Der Fahrer war durch die Umstände auch sehr verwirrt, aber er war so aufmerksam, nicht mit mir Smalltalk führen zu wollen.

Und wie ich also weg fuhr vom Grundstück von Bert „Kröte“ Brandon, da fiel mir zum ersten Mal auf, wie unfassbar schön diese Ecke von Virginia eigentlich war. Dort ein kleiner Bach, da alte, knorrige Bäume. Und die Sonne schien warm vor einem knallblauen Himmel.

Das, hatte mich $ 1750 gekostet – plus das Taxi – aber jetzt…

…gerade jetzt…

…lebte ich wirklich in genau diesem Moment!