Pretty in Pink



In jeder Familie gibt es eine Kiste mit Fotos, die endlich einmal eingeklebt gehören. Aber derweil altern die vor sich hin. Und verändern heimlich ihren Charakter.

Denn die Pigmente, die man zum Beispiel in den Siebzigern verwendet hat, zerfallen. Zuerst verschwindet das Blau, dann geht das Grün, nur das Rot bleibt noch erhalten. Alle Menschen tragen rostrote Kleidung, der Himmel ist weiß, das Gras ist pink und die Gesichtsfarbe ist schweinchenrosa.

Fällt Ashar – unserem heutigen Erzähler – auf, als er das Foto aus dem Kindergarten betrachtet. Alle Kinder sind schweinchenrosa, bloß er nicht. Er, der erste Inder im evangelischen Kindergarten in Weimar an der Lahn.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Ko Ko Korina“ von Ahmed Rushdi
Musik in der Geschichte: „Fucking High School” von Amoride / CC BY-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Ich bin ziemlich genau in der Mitte der alten Bundesrepublik geboren. In Marburg. Gewohnt haben wir aber in Weimar. Aber nicht im Goethe-Weimar, sondern in dem Weimar, dass ein Ortsteil von Marburg ist.

In Weimar war ich der Inder Nummer eins im evangelischen Kindergarten. Die Erzieherinnen hießen damals noch Kindergärtnerinnen und sie gaben sich alle erdenkliche Mühe, uns in einem Mix aus anti-autoritär und Feldwebel zu erziehen.

Ich habe noch ein Foto aus der Kindergartenzeit. 120 Kinder, sechs Erzieherinnen.

Es ist auf jene gespenstische Art verblichen, die so typisch ist für die Bilder aus den Siebzigern. Die blaue Farbschicht der Fotos ist nicht mehr sichtbar, die grüne verschwindet gerade und alles ist in Rostrot, Rosa und Pink getaucht.

Die Kinder auf dem Foto haben alle die Hautfarbe von frisch geborenen Ferkeln. Nur ich nicht. Ich bin das Gebiss, dass vor der Kindergärtnerin schwebt. Die hat ungünstigerweise für die Aufnahme ein Kostüm, passend zu meiner Hautfarbe, gewählt

In diesem Kindergarten war es, dass ich zum ersten Mal meine Liebe erklärt habe. Wir tollten alle im Garten herum. Ich ging zu Anna und erklärte: „Anna, ich liebe Dich!“. Anna musterte mich und meinte lapidar: „Deine Haut hat die Farbe von Kaka!“

Ich brauche es wahrscheinlich nicht zu erklären: Aus unserer Beziehung wurde nichts. Sorry, mein Humor wieder. Aber: Diese Kränkung vergaß ich nie.

Auch in der Grundschule war ich Inder Nummer eins. Denn Inder ist man zum Beispiel auch mit deutschem Pass, falls zuhause statt Peter Kraus eben Ahmed Rushdi läuft.

Es war nicht so, dass ich offen rassistischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen wäre. Ich war bloß immer die Ausnahme. Ich bin immer aufgefallen. Es ging zu oft um mich und die Tatsache, dass ich anders war.

Im Religionsunterricht zum Beispiel: „In dem Land, aus dem der Ashar kommt, haben die Götter Elefantenköpfe und manchmal acht Arme. Stimmt’s, Ashar?“

Inder Nummer eins schweigt aber. Woher sollte ich das auch wissen? Meine Eltern stammen aus dem Punjab und sind Sikhs. Ich hatte in meinem Leben noch nie eine einzige Darstellung hinduistischer Götter gesehen.

In dieser Zeit war mein größter Wunsch, einfach so zu sein wie alle anderen. Einfach auch eine Haut haben, die so komisch schweinchenrosa auf den Fotos ausschauen wird.

Einfach zu Hause Schweinebraten und Klöße essen und an Weihnachten Geschenke bekommen und zu Kindergeburtstagen eingeladen werden und einen Freundeskreis haben. Solche Sachen. Deutsche Menschenrechte, sozusagen.

Mein Gymnasium, das Philippinum, war mit dem Fahrrad zwanzig Minuten von zu Hause weg, also fuhr ich da jeden Tag alleine hin und am Ende des Schultags auch alleine wieder zurück.

In der gesamten Unterstufe hatte ich eigentlich überhaupt keine Freunde. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals jemanden besucht hätte oder jemand mich.

Am Philippinum war ich eben auch Inder Nummer eins. Hier hatte ich aber immerhin schon einen Spitznamen. Meine Mitschüler und Mitschülerinnen hatten sich alle geeinigt, meinen Namen „Arsch A“ auszusprechen. Sehr witzig, oder?

In der Mittelstufe liefen die Dinge schon etwas besser. Ab der zehnten Klasse, würde ich sagen. Es fiel ein paar Mitschülern auf, dass ich ziemlich gute Noten hatte und Dinge gut erklären konnte.

So fand ich tatsächlich ein paar Freunde. Alles Außenseiter wie ich. Streber halt. Man kann nicht Mathematik und Informatik lieben und gleichzeitig eine coole Backe sein.

SFX: Clip 01

Mein Platz im Sozialgefüge der Schule war also festgelegt. Für alle war ich der Inder, für die meisten „Arsch A“ und für ein paar wenige „Ashar“. Ich hatte meine Wünsche, einfach so deutsch und so weiß zu sein wie alle anderen, schon vergraben und vergessen.

Das alles änderte sich in der Kollegstufe. Eines Morgens kam ein neues Mädchen in den Mathe-Leistungskurs. Sie war damit eines von drei Mädchen. Jungs waren wir neun.

Sie hieß Beate und kam aus Hamburg. Ihr war die Hackordnung an der Schule nicht nur unbekannt, sondern einfach egal.

Und da sie auch keineswegs wie wir Nerds aussah und eine große Klappe hatte, schlossen wir sie alle sofort ins Herz. Beate wurde sozusagen unser Normalo-Maskottchen.

Unser mathematischer Beweis, dass man, obwohl man integrieren kann, trotzdem integrierbar ist. Sorry, wieder mein komischer Humor.

Schon in der ersten Stunde setzte sie sich einfach neben mich.

„Hallo, bin Beate!“ – „Hallo, ich heiße Ashar!“

Das zu sagen war für diese Stunde die letzte Bewegung meines Körpers. Ich war völlig gelähmt. Neben mir saß eine gutaussehende junge Frau. Und die hatte mich angesprochen!

Aber natürlich entspannte ich mich irgendwann. Nach ein paar Stunden. Vielen Stunden. Eher nach ein paar Wochen. Beate war nicht nur nett, sondern sie fand auch meinen komischen Humor witzig. Noch ein Pluspunkt. Bald waren wir zwei diejenigen, die am meisten wegen Schwätzen gemahnt wurden. Ich war natürlich verliebt.

Allerdings war sie nicht wirklich gut in Mathematik und bald organisierten wir Nachhilfestunden. Zuerst in der Schule, aber als klar wurde, wie sehr sie mit dem Lehrstoff hintendran war, bald auch außerhalb.

Und so kam es, dass Marburgs erster Inder in einen völlig normalen, schweinchenrosanen, deutschen Haushalt eingeladen wurde. Und, wie es sich für deutsche Familien in meiner Vorstellung gehört: Es gab planmäßig um Punkt 19:00 Uhr Abendessen.

Ich war auch eingeladen. „Sie sind unser erster Gast aus Indien“, flötete Beates unverschämt freizügig gekleidete Mutter beim Hinsetzen.

Ich lächelte, statt zu erklären, dass ich aus Weimar komme und in der Baldinger Straße in Marburg entbunden wurde.

Beates großer Bruder war ziemlich cool und wir plauderten über Programmierung. Das klingt jetzt, 2018, wie ein Stereotyp. Dazu muss man wissen, dass es 1988 noch keinerlei „Informatiker=Inder“-Vorurteil gab.

Computer waren noch eine sehr, sehr weiße, amerikanische Sache. Ich vermute, es gab damals im ganzen Punjab vielleicht zehn Stück.

Beates Vater war auch sehr nett, als er mir die ersten Würstchen meines Lebens auf den Teller legte und einen Berg Kartoffelmus daneben. Hatte ich noch nie gegessen.

Ich war bald öfter zu Gast bei den Beates und es drängte sich im Stillen die Frage auf, wann es zum Gegenbesuch kommen würde. Doch den musste ich vermeiden! Um alles in der Welt!

Erstens war unsere Wohnung klein, äußerst bescheiden und meistens im Aggregatszustand „Chaos“, zweitens unterhielten wir uns zu Hause in Indisch und drittens lief immer indische Musik und meine Mutter kann kein Deutsch und es gab immer indisches Essen und es hingen indische Poster an der Wand und meine Eltern waren Inder und meine Geschwister waren Inder und ich wollte das nicht!

Aber eines Tages war es dann soweit. Unvermeidlich war der Tag des Gegenbesuchs näher gerückt. Am Abend vorher schärfte ich meiner Familie ein:

„Wenn Beate kommt, dann verhaltet ihr euch ganz normal! Nur einmal, bitte. Nur für mich!“

„Aber, Ashar, was soll das bedeuten? Wir verhalten uns doch immer normal?“

„Das bedeutet: Keine indische Musik! Und nicht indisch reden, wenn sie dabei ist. Und nicht indisch kochen, wenn sie da ist!“

„Ashar, indisch kochen und indische Musik und indisch reden, das ist völlig normal!“

„Ja, aber nur für euch, nicht für Beate! Für die ist die Hitparade und deutsch und Schweinsbratwürstchen normal!“

„Ashar, ich werde keine Würstchen essen, das ist ja nicht normal!“

Ihr seht: Es war zwecklos. Ich gab auf. Möge Beate kommen und erschrecken und mich danach meiden wie einen Leprakranken – ich ließ es einfach geschehen!

Doch Beate war noch viel cooler, als ich das erwartet hatte. Sie verstand sich sehr gut mit meiner Mutter, weil sie richtig gut Englisch sprach. Und sie liebte Papad, Sabji, Naan, Dhal und alles andere, was meine Mutter aufgetischt hatte.

Und, als wir lernten, wippte sie mit dem Fuß mit zu der Musik, die aus der Küche schallte. Und zu der meine Mutter leidenschaftlich, aber sehr falsch, mitsang.

Ich blickte Beate fassungslos an und überlegte mir, ob ich mit siebzehn wirklich schon jemanden einen Heiratsantrag machen sollte. Denn eines war völlig klar: Das hier war meine Traumfrau!

Ich sah uns schon bei der Hochzeit in Chandigaar. Denn meine Eltern ließen sich sicher nicht davon überzeugen, dass wir in Marburg heirateten. Lebten doch alle Verwandten noch im Punjab. Und man könnte es sich sicher nicht leisten, die ganze Gurdwara einfliegen zu lassen!

Drei Tage würden wir in Indien feiern. Und alle Gäste hätten die gleiche Hautfarbe wie ich. Alle hätten eine Hautfarbe wie Kaka. Nur Beate, ihre Eltern und ihr Bruder würden auffallen, weil sie die Haut von frischgeborenen Ferkeln haben.

Aber natürlich kann man die Dinge nicht so überstürzen. Damals gingen zwar meine spät-pubertären Phantasien ziemlich durch – ich verrate keine Details, aber ich war schlau genug, dass alles schön deutsch für mich zu behalten.

Beate und ich waren einfach die besten Freunde. Völlig platonisch und ohne jeglichen sexuellen Hintergedanken! Also, bei Beate zumindest. War auf jeden Fall mein Verdacht.

Es war ein schönes Jahr, aber das Abitur kam in Sichtweite.

An der Schule wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die mit der Gestaltung der Abi-Feierlichkeiten beschäftigt war. Und in diesem Jahr hatte man sich als Thema etwas sehr Amerikanisches überlegt: „High School Prom Night“.

Jeder Schüler, der teilnehmen wollte, musste eine Partnerin oder einen Partner finden. Dann warfen sich alle maximal in Schale. Abendkleid und Anzug war das Mindeste.

Für meinen Mathe-Leistungskurs war natürlich sofort klar, dass das keine Veranstaltung war, die unsereiner besuchen wollen würde. Natürlich nur, weil das so offensichtlich amerikanisch und „igitt“ war und natürlich nicht, weil man es niemals wagen würde, jemanden zu fragen, ob er mit einem dahin gehen würde.

Doch wir hatten die Rechnung ohne unsere Lehrerin gemacht. Die verordnete von oben: „Jeder aus dem Kurs hat zu dieser Party zu gehen!“ Und dann ergänzte sie: „Sonst bekommt ihr mündlich null Punkte!“ Das war wohl nicht ernst gemeint, …aber sicher waren wir uns nicht.

Sie schrieb unsere Namen untereinander an die Tafel. „Heute ist Montag, bis Freitag hat jeder von euch ein Date! Damit das klar ist! Und hier schreiben wir das auf. Sich zu amüsieren, tut nicht weh! Das müsst ihr im Leben auch können!“

Schweigen. Langes, betretenes Schweigen. Schon am Dienstag hatten sich zwei Pärchen aus dem Kurs gebildet – die hatten sich geschickt aus der Affäre gezogen. Blieben, mit mir, noch sieben Jungs und Beate.

Ich brauchte noch bis Donnerstag, bis ich mich traute, sie zu fragen. Die mutigste und tapferste Entscheidung, die ich wahrscheinlich bis dahin getroffen hatte.

So stehe ich also vor ihr und frage: „Willst Du mit mir auf die Abifeier gehen?“ Und sie sagt: „Ich hatte schon Angst, Du fragst nie! Das war ganz schön knapp!“

Und dann geht die Handlung weiter wie in „Pretty in Pink“ – wie in diesem Film, der die Abiparty-Arbeitsgruppe erst auf ihre dumme Idee gebracht hatte.

Sie gab mir einen Kuss! Den ersten Kuss meines Lebens! Beate aus Hamburg küsst den Inder Nummer eins des Philippinums.

Am nächsten Tag saß ich so stolz wie noch niemals in meinem Leben im Kurs. Wir waren das Gespräch an der Schule. „Arsch A und Beate“ – „Die Neue geht mit dem Inder!“ – „Ist die nicht zu scharf für so eine Brillenschlange?“

Mein ganzes Leben war nicht mehr schweinchenrosa oder kaka-braun. Sondern nur noch Pink! „Pretty in Pink“. Bloß, dass Beate Blane ist und ich bin Andie. Also ich bin sozusagen Molly Ringwald und sie ist Andrew McCarthy. Versteht ihr?

Die nächsten Wochen blieben Pink. Und ich war zwanzig Zentimeter größer als vor diesem Kuss.

Die Zeit der Abiparty rückte immer näher. Meine Mutter hatte extra einen Anzug meines Vater umgeschneidert und ich stand vor Beates Haustür. Mit einem Strauß Blumen in der Hand. Und ich roch dem Rasierwasser meines Bruders. Die Flasche war auf jeden Fall leer.

Beates Mutter öffnete die Tür:

„Oh, Ashar! Toll schaust Du aus! Das ist ein wirklich toller Anzug! Oh, das tut mir aber leid! Hat’s Dir Beate nicht gesagt? Ashar, es ist so, Beates Großeltern sind extra wegen ihres Abiturs gekommen – alle vier.

Und, wie soll ich sagen, die sind nicht alle so wirklich in den Achtzigern angekommen. Verstehst Du? Die wollen schöne Erinnerungsfotos von ihrer Enkelin haben. Und darum… Die würden sich daran stören, wenn Du… Ich hoffe, Du hast dafür Verständnis! Soll Dich mein Mann nach Hause fahren?“

„Nein, nein. Ich kann schon laufen. Auf Wiedersehen!“. Das habe ich noch rausgebracht, ohne zu weinen. Und dann bin ich nach Hause gegangen.

Es war wirklich wie „Pretty in Pink“. Da hatte sich der feige Blane auch von Andie getrennt, weil die aus einfachen Verhältnissen kam. Aber hier, bei mir, war es schlimmer. Hier ging es nicht um arme Ami-Kinder gegen reiche Ami-Kinder.

Hier ging es um meine Hautfarbe. Es ging um Schweinchenrosa und Kaka-Braun. Hier ging es, das kann man kaum beschönigen, um Rassismus.

Marburgs Inder Nummer eins und Beate aus Hamburg als Paar, das hatte keinen Platz auf Erinnerungsfotos ihrer Großeltern.

In „Pretty in Pink“ sind Andie und Blane dann doch noch auf die Prom-Night gegangen. Jeder für sich. Jeder alleine. Und sie haben sich dort getroffen. Andie war mit Abstand die Hübscheste. Und Blane gesteht ihr, dass er ein Schlappschwanz ist und entschuldigt sich. Aber auf dem Parkplatz versöhnen sie sich und küssen sich. Alles wird wieder Pink.

Im echten Leben habe ich den ganzen Abend „Forbidden Forest“ auf meinem C64 gespielt. Und Beate und ich haben nie wieder miteinander geredet.

Das echte Leben ist halt nicht Pink. Sondern da wird aufgepasst, dass sich Kaka-Braun und Schweinchenrosa nicht mischen. Zumindest war das in den Achtzigern so. Und vielleicht wird das wieder so, auch wenn ich das nicht glauben will.

Das war meine Geschichte. „Pretty in Pink“ ist trotzdem kein schlechter Film. Und mein Leben hatte schon noch pinke Momente.

Während Beates Mutter mich – verkleidet als Deutscher – wieder nach Hause schickte, feierte in Heilbronn ein Mädchen mit dem sehr schweinchenrosa Namen Rosemarie ihr Abi, verkleidet als Indianerin.

Was alleine schon – zumindest in Englisch – eine sehr witzige Geschichte wäre. Ganz mein Humor. Rosemarie und Ashar werden sich im Studium kennenlernen. Und pinke Erlebnisse haben. Und sogar gemeinsam „Pretty in Pink“ ankucken. Auf VHS. Aber das ist eine andere Geschichte!