Paradiesjob

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Auf der Suche nach der allerersten typischen Morgenradiofolge hat Herr Wunderlich das heutige Hörspiel ausgegraben. Es beginnt damit, dass sein Leben endet. Das Hörspiel endet selber erst nachdem er begriffen hat, wie das so läuft mit dem Leben nach dem Tod. Und es läuft anders als erwartet!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „I’m Gonna Die Someday“ von Eve / CC BY-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Also, gestern ist mir ja ‚was Komisches passiert. Gestern, als ich aufstehen wollte, war ich tot.

Klingt komisch, ist es aber auch. Ich sah‘ auf mich hinab, oder nur auf meinen Körper, wie er da so ausgesprochen unelegant in die Bettdecke verquirlt dalag. Der Mund halboffen. Kein sehr schöner Anblick. Wenigstens schnarchte ich nicht. Aber wie auch, ich war ja tot.

Da stand ich nun so. Oder schwebte ich. Ich konnte mich ja nicht sehen. Existiert also das Bewusstsein doch getrennt vom Körper? Das ist ja auch interessant. Könnte ich drüber podcasten. Ach nee, konnte ich ja auch nicht mehr. Nicht schnarchen und nicht podcasten…

Tja. Nun. Also. Hmm…

Ich schwebte in den ArbeitsWohnEsszimmerKüchenraum rüber. Wollte nur ‚mal schnell checken, ob ich auch die Herdplatte ausgedreht habe. Kleine neurotische Angewohnheit aus meiner Zeit als Lebender. Hab‘ ich jeden Tag ungefähr 10 Mal gemacht. War nervig. Aber irgendwie, finde ich plötzlich, auch ganz nett…

So, was mache ich als nächstes…

Die Möglichkeiten waren nun ja etwas eingeschränkt, nee. So ohne Hände, Füße. Und so. Wenigstens tut nichts mehr weh. Nicht der Rücken, keine Kopfschmerzen und so.

Tscha…

Bin ich jetzt eigentlich ein Geist? Muss ich jetzt den Nachmieter heimsuchen? Ist Kettenrasseln eigentlich noch modern heutzutage? Oder lässt man das Handy vibrieren als moderner Geist?

Gerade also, als ich begann, mich gepflegt zu langweilen, ging die ganze Nachtodesshow los. Wahrscheinlich war es im Himmel aufgrund einer Betriebsstörung zu einer Verspätung gekommen. Vielleicht streiken ja die „Film-des-Lebens“-Vorführer…

Ihr kennt das ja aus unzähligen Berichten. Helles Licht, darauf zu fliegen, den Leben noch einmal als Film sehen. War beim zweiten Mal auch nicht besser oder schlechter. Popcorn wäre nett gewesen. Und dann war ich wohl im Himmel.

Auch das eine kleine Überraschung. Das hätte ich ja nicht wirklich erwartet. Hielt ich ja immer für eine kindische Vorstellung. So ein Trösterchen für existentielle Seelenpein. „Ja, Kleines, wird alles gut. Musst nur erst einmal sterben. Dann gibt’s die Belohnung im Himmel. Also sei brav still und buckel‘ weiter!“

Naja, was soll man sagen. Hier stand ich ja wohl nun. Gab’s kein Zweifeln dran.

Ist wohl ein Warteraum. Ganz normal eingerichtet, wie ein Warteraum eben. Könnte IKEA sein. Aber riesengroß und alles in weiß. Ich war auch nicht alleine, da waren noch ganz viele andere Menschen. Alle Nationen und Hautfarben waren vertreten. Ich nickte ihnen zu, die nächsten nickten zurück. Sichtlich waren alle so verwirrt wie ich. Gespannte Stille. Leider war keine Nadel da, sonst hätte man die fallen hören können.

In der Mitte, auf weißen Lack-Tischen, definitiv Ikea, lagen Zeitschriften ‚rum. Aber sollte ich im Himmel den Spiegel oder den Focus lesen? Das kam mir ziemlich überflüssig vor.

Als ich mich setzte, bemerkte ich erst, dass ich einen Zettel mit einer Nummer in der Hand hielt. 107.602.707.791stand da drauf. Die Leuchtanzeige war noch ca. 4000 Zahlen davon entfernt.

Nehme ich halt doch einen Spiegel. „Mögliches Müller-Wohlfahrt-Comeback“, aha. „So bohrten sich die Diebe in den Tresor“, „Robert Downey Junior verläßt Interview“ – wow. Das war ja schon hirnbetäubend langweilig, als ich noch gelebt hatte. Aber jetzt? Das grenzt ja an Folter!

Mist! War ich vielleicht in die Hölle gekommen? Ich begann über diese Frage nachzugrübeln.

Die Beleuchtung, das ganze Weiß, das völlige Fehlen jeglicher Ablenkung – all‘ das führte bald zu einem tranceähnlichen Halbschlafzustand. Beinahe hätte ich verpasst, wie meine Nummer aufleuchtete. Raum 27355. Der Pfeil zeigte einen langen Gang hinunter. Der Raum zur Rechten war Raum 13, der nächste die 15. Die Richtung stimmt wohl. 17, 19, 21… Das konnte ja dauern…

Ich hatte hier oben ja nicht so ein richtiges Zeitgefühl, aber ich glaube, es hat ca. drei Tage gebraucht, bis ich den Raum erreichte. Zaghaft klopfte ich an die Tür. „Herein“, war die Antwort von der anderen Seite.

Ein stinknormales Behördenzimmer. Auf dem Bürostuhl saß ein Engel! Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt, trug ein T-Shirt und zerrissene Jeans. Er zupfte eine Bluesmelodie auf einer Gitarre.

Ich rief: „Gabi! Der Erzengel Gabriel! Über Dich hab‘ ich schon gepodcastet!“

Der Engel sprach zu mir: „Cool. Setz‘ Dich!“

Er setzte sich auf, holte eine sehr, sehr dicke Akte hervor und zog aus einer Schublade ein Formular.

Er fragte: „Na, wie war Dein Trip?“

„Du meinst, das Leben?“

„Ja. Genau. Oder warst Du auf irgendeinem anderen Trip?“

„Äh, ganz gut, denke ich. Bisschen super, bisschen scheiße, viel dazwischen…“

„O.k. Ist ja auch wurst. Ich muss hier dieses Formular ausfüllen, damit wir wissen, wo wir Dich hinsetzen, o.k.? Du musst also ein paar Fragen beantworten, ja?“

„O.k….“

„Also: Waren Sie religiös?“

„Ja, denke schon. Ziemlich. Konnte irgendwie nicht anders…“

„O.k. Welche Geschmacksrichtung?“

„Welche Religion, oder was? Ich war halt Christ. Das macht man so in Europa. Wär ich woanders auf die Welt gekommen…“

„Ja, passt schon. Christ, o.k.“

„Wie, ist das nicht wichtig?“

„Doch, doch, das ist wichtig. Es geht schließlich um die Inneneinrichtung Deines Büros.“

„Um die Inneneinrichtung meines Büros?“

„Ja, genau. Also, ich sehe hier: Frau, zwei Kinder, freiberuflich, aus der Kirche ausgetreten…“

„Ja, das war, weil ich…“

„Schon gut, schon gut. Ist nicht wichtig. Entspann‘ Dich. Du hast jetzt viel Zeit!“

„Aber geht’s nicht um mein Leben, oder so?“

„Klar. Es geht darum, welchen Job Du hier kriegst.“

„Ja, aber kein jüngstes Gericht? Keine Aufrechnung von guten und schlechten Taten? Sünde und so Zeug?“

„Was? Nee, Quatsch. Das war ja Deine Sache, was Du aus Deinem Leben gemacht hast. Das ist ja vorbei. War sozusagen nur so eine Phase…“

Ich verstummte. Gabriel fuhr fort, aus meiner Akte zu lesen und Häkchen auf das Formular zu setzen. Zwischendurch fragte er mich immer Sachen aus meinem Leben. Alles schien wohl nicht in den Akten zu stehen. Überhaupt: Akten! Hatten die hier keine PCs?

„Äh, Gabriel?“

„Jepp?“

„Habt ihr hier keine PCs? Computer?“

„Nee, wozu?“

„Das geht doch viel schneller!“

„Wir haben hier keine Eile. Wir haben alle Zeit der Welt.“

Hm. Das klingt schlüssig. Er machte weiter mit Blättern und Häkchen setzen. Befremdlich das Ganze. Warum machten wir das Ganze hier?

„Hey, Gabriel?“

„Jepp?“

„Warum machen wir das Ganze hier?“

„Na, wie schon gesagt. Es geht um den Job, den Du hier machst.“

„Eine Art Vorstellungsgespräch?“

„Genau. Bloß ohne den Teil mit dem Gespräch.“

„Aha. Und was wird das für ein Job sein?“

„In Deinem Fall dürfte das auf Formulargestaltung rauslaufen.“

„Formulargestaltung? Job? Ist das hier das Arbeitsamt?“

„Genau.“

„Wie, ich muss hier arbeiten? Gibt’s hier nur Beamte?“

„Ja. Wir sind alle Beamte. Und die Arbeit dauert 24 Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. In alle Ewigkeit.“

„Ich werde ab jetzt ewig Formulare gestalten?“

„Genau.“

„Moment. Ist das hier etwa die Hölle?“

„Hölle? Die gibt’s nicht. Das ist eine Erfindung von euch.“

„Aber das Paradies? Ist das nicht der Himmel? Ist das auch eine Erfindung von uns?“

„Doch, doch. Das Paradies gibt’s. Da kommst Du doch gerade her. Das hier ist die Arbeit. Dein Leben, das war das Paradies.“

Das war ernüchternd. Hätte mir die „Das war Dein Paradies, Explikator“-Filmvorführung beim Sterben vielleicht doch etwas aufmerksamer anschauen sollen. Hab‘ ich eigentlich die Herdplatte im Paradies ausgedreht?


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