Orpheus in der Unterwelt



Wenn man älter wird, so hört man, leidet das Kurzzeitgedächtnis, aber die fernen Erinnerungen werden wieder schärfer. Unser Verdacht: Vielleicht zimmert man sich diese Erinnerungen einfach auch im Alter fantasievoller wieder neu zusammen.

Das im Hinterkopf behaltend und jede Zeile prüfend, erzählen wir heute eine nicht übertriebene und völlig faktische Geschichte. Die erschütternde Wahrheit betreffend die Schauspiel-Karriere des Herrn Wunderlich. Die dauerte immerhin von 1974 bis einschließlich 1974.

In unwichtigen Nebenrollen: Zigaretten, Küken, Bettlaken, Heintje, James Dean, Richard Burton und Alec Guiness. Wer immer das auch ist…


Download der Sendung hier.
Musiktitel: Ausschnitt aus „Orpheus in der Unterwelt“ von Jaques Offenbach


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Skript zur Sendung

Nachdem ich ja um ein Haar zu Deutschlands erstem Superhelden geworden wäre, ihr erinnert euch, änderte ich meine Pläne.

Ich ging derweil ins Gymnasium München Moosach, für die geburtenstarken Jahrgänge ganz frisch und neu und modern aus Beton, Press-Span, Resopal und Asbest zusammengeklebt.

Mit dem Gymnasium kam auch die erste Fremdsprache, in meinem Fall Englisch.

„This is Mr. Fog“. Erster Satz im ersten Kapitel des ersten Englischbuchs meines Lebens. Englisch, das war für mich die Sprache, in der Popstars ihre Songs vortrugen, ansonsten fand das im öffentlichen Leben nicht statt.

Die einfache Tatsache, dass die zwei Buchstaben hatten, die für Lispeln standen, verwirrte mich. Ti Äitsch, sagte die Lehrerin, meinte aber „Th“.

Weiters war mir auch völlig rätselhaft, wie sich eine ganze Kultur darauf versteifen konnte, völlig normale und kerngesunde Buchstaben grundsätzlich falsch auszusprechen.

Ich meine, was ist denn an einem „U“ so schlecht, dass man es permanent „A“ aussprechen muss? Erste Lektion: Man sagt „But“ für „Aber“, man schreibt aber B.U.T.
Warum? Und dann lernt man, kaum dass man sich mit diesem britischen Trotz abgefunden hat, dass „butcher“ zwar batcher geschrieben wird, aber ausnahmsweise butcher ausgesprochen wird!

Ein Volk von Irren, diese Engländer! Völlig irrational!

Doch zwei gute Sachen hatte der Englischunterricht. Das war zum einen unsere Lehrerin. Die Frau Schulz. Die schätzten und respektierten wir. Die hatte immer ein aufheiterndes Wort und konnte wirklich ganz, ganz prima lachen. Das konnten nicht viele Lehrer.

Um den Unterricht aufzulockern, spielten wir jedes Kapitel wie einen Sketch vor. Am Anfang meldeten sich nicht viele, aber als wir verstanden hatten, dass das ein Riesenspaß war, änderte sich das.

Denn die Schüler – wir waren nur Jungs – die vor den anderen auftraten, hatten jedes Recht, den Dialog so spaßig und lächerlich wie möglich zu gestalten. Wir alberten uns also durch das Schulbuch.

Und bald kristallierten sich bestimmte Darsteller als besonders lustig heraus. Und andere als besonders textsicher. Die Schüler, die eine Mischform aus beiden Begabungen darstellten, entwickelten sich zu bevorzugten Wahl von Frau Schulz.

Und einer dieser Schüler war ich. Wenn ich den Text am Anfang der Stunde gelesen hatte, hatte ich ihn intus. Und ich lernte schnell, was gut ankam. Extreme Übertreibung. Meist mit dem eher einfachen Stilmittel, völlig bizarre Grimassen zu ziehen. War auf jeden Fall in unserem Klassenverband – 42 Jungs – ein Bringer!

Auch der Frau Schulz entging unsere Leidenschaft nicht. Drei von uns waren besonders intensiv beim Spielen. Das Gymnasium teilte sich das Schulgelände mit der Arthur-Kutscher-Realschule. Die gab es schon ein bisschen länger als uns und wir Gymnasiasten hatten riesigen Respekt. Denn unsere Schule gab es erst im dritten Jahr. Über meinem Jahrgang gab es nur noch zwei andere. In der Realschule gab es aber schon eine zehnte Klasse.

Das waren alles Rocker, Rowdies, Kleinkriminelle, Drogenhändler und Hippies! Bloss aufpassen – die verprügeln Dich beim leisesten Mucks! Wenn einer von denen was will, dann gib’s ihnen ohne Widerspruch! Die haben sogar den Harry verprügelt und der ist schließlich die coolste Backe am Gimmi!

Frau Schulz auf jeden Fall kannte keine Standesdünkel und einen Deutschlehrer dort drüben, der eine Theatergruppe aufgezogen hatte. Und im Plausch mit dem Kollegen kam sie auf ihre drei Oberkasperl zu sprechen, die so eine Leidenschaft für das Theaterspiel entwickelt hätten…

Ob die nicht bei der Theatergruppe mitmachen könnten? Das wäre doch nett, oder? „Ja, die sind noch ein bisschen jung, aber wir drüben am Gymnasium sind momentan zu überfordert für eine eigene Theater-AG und ich glaube, die haben eine echte Begabung.“

Wie sie uns drei Hanswürste dann auch noch überredet hat, in unserer Freizeit freiwillig das Terrain der Junkies, Gewalttäter und Vorbestraften zu betreten, weiß ich nicht mehr. Aber wahrscheinlich fühlten wir uns verpflichtet.

In anderen Klassen hatten sich auch noch Interessierte gefunden und so stellten sich ein Dutzend Sechstklässler in der berühmten Theatergruppe der Artur-Kutscher-Realschule vor.

Stellt euch das so vor: Zwölf kleine Küken, die mit großen Augen und kalten Füßen in einen fremden Stall getrieben werden, wo große Tiere leben. Ziegen, Schweine, Kühe, Stiere.

Wir Küken versuchen durch flinkes Wieseln von niemandem getreten zu werden. Und ja: Kühe. Denn hier waren auch Mädchen. Bei uns am Gymmi war das Zahlenverhältnis ungefähr 8 Jungs auf zwei Mädchen. 1974!

Behaltet das Bild von den 12 Küken im Stall der kleinkriminellen Großtiere im Kopf. Wir brauchen erst einmal ein bisschen Hintergund. Zeitgeschichte.

Denn diese Theatergruppe war wirklich berühmt unter den Münchner Schulen. Einmal im Jahr stellten die ihr aktuelles Stück im Theater der Jugend vor. Und das wurde dann auch in „echten“ Erwachsenen-Zeitungen von echten Kulturjournalisten rezensiert.

In den Räumen der Theatergruppe hingen Zeitungsausschnitte von Süddeutscher, Abendzeitung, tz, Merkur und Bild. Alle Artikel voll des Lobes und voller Begeisterung.

Damals war Theater, vor allem Jugendtheater, wild, bunt, laut und provokant. Im gerade eröffneten Theater der Jugend wurden Stücke gespielt vom Berliner Gripstheater oder von Gruppen, die so Namen trugen wie „Rote Grütze“. Die CDU vermutete damals „kommunistische Kinderverderber“. Originalzitat.

1974 hatte eben alles gesellschaftskritisch zu sein oder zumindestens emanzipatorisch im klassischen Sinne. Auch das Theater für Kinder und Jugendliche.

Aufsehen erregte zum Beispiel ein oder zwei Jahre vor unserem Abenteuer das Stück „Ein Fest bei Papadakis“. In München ausschließlich von griechischen und türkischen Schauspielern aufgeführt. Von damals so genannten „Gastarbeitern“. Lange vor AfD und Pegida sorgte das für ein Raunen im gutbürgerlichen München.

Vor allem war das Theater der Jugend auch ein tolles Gebäude. Das wurde in den Zwanzigern gebaut als Kino. Darum hieß es zuerst auch „Schauburg“. In den Sechzigern wurde daraus Deutschlands erster Beatschuppen. Sagte zumindest der Stern damals. Findet man, wenn man „Blow Up“ googlet. So hieß diese Disco.

Und Beatschuppen war das deutsche Wort für: Gebäude, in dem revolutionäre, junge Musik gespielt wird. Von solch‘ rebellischen Musik-Kapellen wie die Beatles oder die Rolling Stones. Ja, Musik-Kapelle war eine Bezeichnung für Bands damals und ja: „Du schaust ja aus wie ein Beatle!“ hörte man als Vorwurf, wenn die Haupthaare nicht brav stramm deutsch kurzgeschoren waren.

In diesem Gebäude traten unter anderem Jimi Hendrix, Pink Floyd, Sammy Davis Jr. oder Yes auf. Hier waren die Coolen. Zum Beispiel die Größen der Studentenbewegung. Stammgäste waren natürlich Rainer Langhans und Uschi Obermaier, die wohnten ja ums Eck, aber auch Fritz Teufel oder Andreas Baader.

Und weil die Anwohner nach der Pleite dieses Beatclubs namens „Blow Up“ da keinen Supermarkt wollten, sammelten sie Unterschriften. Und die Stadt kaufte das Gebäude und machte das Theater der Jugend draus. 1974.

Und in diesem Riesengebäude würde auch das Stück „Orpheus in der Unterwelt“ aufgeführt werden. Und ich würde da mitspielen, wenn mich der kettenrauchende Regisseur aussuchen würde. (Ja, der rauchte in den Räumen der Schule vor uns Kindern Zigaretten. Und einige der Schüler der höheren Jahrgänge auch.)

Das Theaterstück selber hatte auch jener umtriebige Deutschlehrer geschrieben, dessen Name mit partout nicht mehr einfallen will…

Von heute aus gesehen war das Stück eine recht krude Mischung aus Variete, antiker Komödie mit Chorus und Masken, Musical, Slapstick und eben trotzdem gesellschaftskritischem Unterton. Theater en vogue! Avantgarde für Anfänger.

Gut. Genug Hintergrund. Zurück zu den zwölf Küken, die da unter den wuselnden Realschülern im Weg stehen. Die Theatergruppe war aufgezogen wie ein richtiges Theater. Es gab Beleuchter, Requisiteure, Bühnenbildner, Tonmeister, Kostümbildner und Schauspieler.

Es war die Hölle los. Wir wußten nicht, was tun. Piep, piep! Ich wagte mich irgendwann in die Höhle des Löwen und stand auf einmal auf der Bühne. Vor mir eine Reihe von Kettenrauchern. Mein Verdacht war, dass der Kettenraucher, der älter als 16 wirkte, wahrscheinlich der Wunder-Regisseur war mit den Verbindungen.

Ich erklärte unser Begehr und kann mich nicht mehr genau erinnern, wie dann das Verfahren weiterlief. Auf jeden Fall blieben nur drei Küken vom Gimmi über. Und ich war dabei, wahrscheinlich, weil ich mich alleine auf die Bühne getraut hatte.

Das war alles höchst ungemütlich und eine Herausforderung an mein Anpassungsvermögen. Jenseits jeder comfort zone. Aber es war auch aufregend. Sehr aufregend. Ich hatte Theaterblut gekostet. (Sagt man das so? Sind Schauspieler Vampire, oder was?)

Und als ich wieder zu Hause war, körperlich auf jeden Fall in einem Stück, fantasierte ich schon wieder los. Eine furchtbare Eigenschaft, kann ich euch sagen.

Es war klar, dass ich von allen Küken aus dem Gimmi natürlich besonders brillieren würde. Weil ich meine Rolle so intensiv studieren würde, dass das versammelte Publikum im Theater der Jugend beginnen würde zu schluchzen und dann gleich zu lachen. Wegen meiner Grimassen – denn andere Stilmittel hatte ich nach nur einem Abend noch nicht entwickelt.

Und wahrscheinlich würde jemand vom richtigen Theater im Publikum sitzen und mein Talent erkennen. Und mich sofort engagieren. Bald würde ich der Star einer Fernsehserie sein. Oder im Film. So wie dieser blöde Heintje, bei dem meine Oma immer weinen musste.

Der wurde in diesem einen Film ja auch entdeckt, obwohl er nur ein normaler Junge war. Und zwar vom Peter Alexander. Übrigens die einzige sympathische Figur in dem Film, denn Heintje war so inszeniert, dass wir Kinder genau nichts damit anfangen konnten.

In dem Film sang Heintje dann glockenhell: „Mama, Du sollst doch nicht um Deinen Jungen weinen!“ und bei meiner Oma flossen die Träne. Das war sehr befremdlich für mich als Kind, aber die Erwachsenen fanden das alle toll. Also musste es toll sein.

Nach der Heintje-Phase stand meiner internationalen Karriere natürlich nichts mehr im Weg. Ich würde nach Amerika gehen. Das war in meiner Kindheit immer noch etwas, dass nur die Mutigen machen.

Wenn die Erwachsenen sagten: „Der ist nach Amerika gegangen“, dann bedeutete das: „Der hat es geschafft!“ Der lebt jetzt im Land, in dem Milch und Honig fließen. Wo Jeans herkommen und Westernhelden, Cowboys, Rock’n’Roll, Astronauten, Kaugummi und so coole Politiker wie John F. Kennedy.

Und ich würde natürlich auch nach Amerika gehen und ein berühmter Filmstar werden. Das musste so sein, das war mir bestimmt in die Wiege gelegt. Ich würde dort der neue James Dean werden. Das war der Schauspieler für den meine Mutter so schmachtete, dass mein Vater immer betonen musste, dass der überhaupt nicht schauspielern kann! Nur kucken wie ein verklemmter Backfisch!

Und Backfisch war damals das Wort für Teenager. Weil, wie oben gesagt: Englisch war nur für Popstars.

Und dann hatte ich noch ein Idol! Das war Richard Burton. Ich hatte im Fernsehen einen Film gesehen, der mich restlos begeistert hatte. Und das war „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor. Und Rex Harrison als Cäsar. Und Richard Burton als Marc Anton. Für den Film hatte man sich die Rede des Marc Anton geklaut, die Shakespeare erdacht hatte.

Und ich hing bei dieser Rede an den Lippen des Schauspielers. „Nein, ich will nichts Schlechtes sagen über Brutus, den Mann, den Caesar an Kindes statt in seine Familie aufgenommen hat. Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann!“ War er natürlich nicht! Ich wußte das! Ich hatte ja gesehen, wie genau dieser Brutus Caesar abgestochen hat! Ich war gebannt!

Das musste also folgerichtig der größte Schauspieler aller Zeiten sein. Richard Burton. Meine Mutter meinte auf Anfrage, dass wäre auf jeden Fall ein sehr gut aussehender Schauspieler. Und mein Vater setzte sich stark für Alec Guiness ein – ich schätze, weil der nicht ganz so gut aussah. Na gut, von mir aus Alec Guiness, wer immer das auch ist.

Da war also mein weiterer Weg durch’s Leben! Ganz klar vor meinen Augen.
So würde es kommen! Ich würde mich da so richtig dolle reinhängen!

In den kommenden Wochen zeichnete sich ab, dass wir Gimmi-Küken alle in der Komparserie landen würden. Ich freute mich sehr, denn ich dachte, das ist etwas besonder Tolles. „Komparse“ Wahrscheinlich etwas zwischen Kumpel, Husar und… Kompass?

Eine unbedeutende Sache gab es da noch zu klären: Eigentlich war in dem Stück keinerlei Komparserie vorgesehen. Es wurde also extra eine Szene geschaffen VOR dem eigentlichen Stück, wo dann wir Küken und noch ein paar Schauspieler in Doppelrollen in Bettlaken herumflanierten und besorgte Athener Bürger geben sollten.

Die Tatsache, dass wir unsere Anweisungen nicht mehr vom Regisseur bekamen, sondern von den Bühnenbildnern, rückte die Bedeutung von „Komparse“ ins richtige Licht. Oder ins falsche. Denn das richtige Licht war für die richtigen Schauspieler war und nicht für uns.

Irgendwie dauerten wir aber den Regisseur und er vergab eine Textzeile an uns. Die bekam ich. Das funktionierte so. Ganz am Anfang des Stücks gaben wir also in Bettlakentogas die noblen Athener.

Die Bühne war noch im Halbdunkel. Wir murmelten: „Wo ist er nur?“. Und: „Wann kommt er nur?“ Ein Scheinwerfer wanderte durch das Publikum. Und wenn sich der Beleuchter ein Gesicht im Publikum ausgesucht hatte, trat ich vor, zeigte auf das beleuchtete Gesicht und rief: „Da ist er!“

Und alle dann: „Wo? Zeig? Das ist er? Nein, das ist er nicht! Das kann er nicht sein!“

Und das wiederholte sich drei Mal. Danach ertönte aus den Lautsprechern Musik von Jaques Offenbach. Der berühmte Can Can aus der Ouvertüre. Und eine Truppe von Schülerinnnen tanzte dazu einen Can Can, während wir nobel die Bühne räumten.

Natürlich war mir nicht die Anspielung klar, die diese Musik bedeutete. Und natürlich wußte ich nicht, dass diese Anfangsnummer mit meinem Sprechpart einfach ein Brechtscher Verfremdungseffekt war. 50 Jahre alt.

Für mich war es aber eine kreative Meisterleistung! Ein Beleg für das Genie unseres Regisseurs! Denn das war natürlich die Möglichkeit für meinen Durchbruch!

Ich sah die Szene schon vor mir. Ich stehe da im Theater der Jugend und der Scheinwerfer richtet sich auf den Mann, der mich gleich entdecken würde und der komischerweise genauso aussah wie Peter Alexander.

Und dann sagte ich mein bedeutungsschwangeres „Da ist er!“ Und das Publikum würde ergriffen die Luft anhalten. Peter Alexander macht sich Notizen und würde dann nach der Aufführung hinter die Bühne kommen. Und in mir den neuen Heintje entdecken. Den neuen James Dean. Den neuen Richard Burton. Oder, von mir aus auch, den neuen Alec Guiness, wer immer das auch ist.

Vor dem großen Auftritt im Theater der Jugend hatten wir noch drei Aufführungen an der Schule. Da konnte ich meinen Genius noch erproben. An der Nummer feilen und arbeiten, bis ich die nötige Ausdrucksgewalt entwickelt hatte.

Klar, bei diesen drei Aufführungen kicherte das Publikum noch. Aber das waren ja auch hauptsächlich nur die Eltern derjenigen Schüler und Schülerinnen, die in dem Stück auftraten. Kein richtiges Theater-Publikum. Banausen!

Dann kam der große Tag. Unsere ganze Truppe war mindestens doppelt so aufgeregt wie während der Schulaufführungen. Ungedulig standen wir Athener Bürger am Bühneneingang, schließlich traten wir als erste auf.

Und bald würdete der Moment folgen, den die Menschen da draussen immer als den aufwühlendsten Moment in Erinnerung behalten würden, den sie je im Theater gesehen haben.

„Wir haben ja den jungen Wunderlich gesehen, als er noch nicht berühmt war. Da war er noch jung. Aber wie er damals gesagt hat: „Da ist er!“ – also schon damals sind wir alle erschauert. Schon damals war klar, dass dieser Mann ein schauspielerisches Genie ist, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte!“

So fantasierte es in meinem Kopf. Es ist ein Fluch, das kann ich euch sagen! Ein Fluch!

Kurz vor dem Auftritt kommt der Regisseur auf uns zu: „Also, das läuft hier anders als bei uns. Die haben hier keinen schwenkbaren Scheinwerfer, den wir ins Publikum richten können. Also lassen wir diese „Da ist er“-Nummer und ihr wandert einfach so auf der Bühne rum, alles klar?“

Plopp! Machte die große Seifenblase in meinem Hirn. Wilhelm-Scream. Im Kopfkino: Große Sterbeszenen für Heintje, James Dean und Richard Burton. Und meinetwegen für Alec Guiness, wer immer das auch ist.

Da lagen die vier Helden. Verraten, erstochen, erschossen, von Pfeilen durchbohrt, vergiftet, erschlagen und im Schützengraben vergessen. Und Zahnschmerzen hatten sie auch noch! So!

Nach unserem Auftritt verließen wir die Bühne. Und warteten zwei Stunden lang hinter der Bühne, während draussen die echten Schauspieler, Tänzer und Sänger bewundert und beklatscht und bejubelt wurden.

Nach dem Ende des Stücks brandete gefühlt stundenlang Applaus auf. Der Regisseur und seine Truppe wurden bejubelt und gefeiert. Immer wieder mussten sie auf die Bühne und sich verbeugen, bis der Applaus abebbte.

Als er dann hinter die Bühne kam, sah er uns da sitzen in unsere Bettlaken-Togas eingewickelt und holte uns auch noch zum Verbeugen auf die Bühne. Aber als wir dann auf den Brettern standen, war der Saal schon fast leer. Kaum einer drehte sich um und bemerkte uns, wie wir uns da verbeugten. Eine einsame Mutter klatschte verzweifelt gegen die erdrückende Leere des großen Raums an.

Das mit dem Schauspieler, das war irgendwie nichts für mich. Das ist nicht so wirklich meines, glaubte ich. Die Bretter, die die Welt bedeuten, waren einfache Holzbohlen. Hatte ich ja gesehen. Und hinter der Bühne roch es nach Schweißfüssen und Bier. Und nach Zigaretten.

Musste ich halt leider doch zu meinem Plan B zurückgreifen.
Und ein größerer Kampfkünstler werden wie Bruce Lee.
Das war ja schließlich auch realistischer!