Ofnobank



Natürlich hat Robin Hood von den Reichen genommen und den Armen gegeben. Und sich gegen die Regierung von Johann Ohneland aufgelehnt. Und den Sheriff erschossen. (Aber nicht den Hilfs-Sheriff!)

Wenn unsere Medien alle Jahre wieder einen beliebigen Bankräuber oder Einbrecher zum modernen Robin Hood krönen, sind das zwei Aspekte, die bei der Berufsbeschreibung meistens unter den Tisch fallen.

Wie uns heute der Sohn eines dieser modernen Robin-Hood-Modelle berichtet und nebenbei noch vermittelt, was es bedeutet, ein „echter“ Mann zu sein. Wie sein Sohn, nicht wie sein Vater, übrigens…


Download der Sendung hier.
Frei neu erdichtet nach „Real Men Don’t Rob Banks“ von Liel Leibovitz
Musiktitel: „My Bike“ von KILLO KILLO / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Das ist der Klang einer Smith & Wesson, 9 mm. Bloß, dass so ein Schuss noch viel, viel lauter ist. Bei dieser Pistole sind es über 150 Dezibel. Die Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs liegt bei 120 Dezibel. Wenn man den Kopf neben die Mündung der Pistole halten würde, dann ist die Wahrscheinlichkeit danach auf einem Ohr taub zu sein, nicht gerade klein.

Ich weiß das alles, weil ich so eine Pistole zum ersten Mal mit vier Jahren abgeschossen habe. Im Kindergartenalter. Vom Magazin zur Kimme war die Pistole so lang wie mein Unterarm. Mein Vater hat mir das Schießen beigebracht, damit ich ein echter Mann werde.

Das war ihm das Wichtigste an meiner Erziehung. Kaum war ich sechs Jahre alt, brachte er mir das Autofahren bei. Ungefähr jedes zweite Wochenende mietete er uns ein Auto und dann fuhr ich damit durch die Gegend. Es war ihm wichtig, dass ich das Fahren mit möglichst vielen verschiedenen Modellen lerne.

Zum Survival-Training gehörte es auch, dass wir irgendwann anhielten und ich dann einen Reifen wechseln musst. Keine Ahnung warum, anscheinend ist das für einen echten Mann unerlässlich. Natürlich musste ich, bevor wir das Auto zurückgeben konnten, den Reifen wieder zurück wechseln.

Mit 10 Jahren konnte ich also alle möglichen Pistolen und Gewehre laden, abschießen, auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. Und Dutzende von verschiedenen Autos fahren und in nicht einmal drei Minuten einen Reifen wechseln.

Es waren die Achtziger und zur Ausbildung gehörte es auch, dass mein Vater mit mir ins Kino ging. Während andere Kinder in meinem Alter E.T. oder die Goonies oder Ghostbusters kucken durften, verbrachte ich meine Kindheit mit Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger, Chuck Norris, Dolph Lundgren oder Michael Dudikoff.

Alles, damit ich ein richtiger Mann werde. So wie mein Vater, der 1970 Zeitsoldat in der israelischen Armee wurde und bereits 1973 eine Offizierslaufbahn einschlug. Während des Yom-Kippur-Kriegs war er als Logistik-Experte im Süden des Landes im Einsatz.

Er stammte aus einer sehr wohlhabenden Unternehmer-Familie in Israel, aber lehnte es ab, sich gemütlich ins warme Nest zu setzen. Ein echter Mann muss seinen eigenen Weg gehen. Also schlug er das Familienerbe aus und brach den Kontakt mit dreißig komplett ab.

Doch schon damals, als ich noch zehn, elf Jahre alt war, hatte ich andere Helden als mein Vater sich das so vorstellte. Die Muskelmänner aus Hollywood inspirierten mich überhaupt nicht. Das Kunstblut und die übertriebenen Explosionen hatten mich abgestumpft. Ich suchte meine Helden lieber im echten Leben.

Als ich dann ungefähr dreizehn Jahre alt war, da gab es in den Medien eine regelrechte Hysterie. Es gab da einen Verbrecher, der im ganzen Land für fette Schlagzeilen sorgte.

Die Fotos vom Tatort zeigten einen großgewachsenen Mann mit einem schwarzen Motorradhelm und einer Lederjacke. Der betrat eine Bank, zog eine Pistole, nahm sich so viel Geld, wie er schnell einsacken konnte und war schon wieder weg.

40 Sekunden brauchte dieser Bankräuber, um eine Bank auszurauben. Draußen setzte er sich auf sein Motorrad, gab Gas und verschwand. Keine Spur zu finden von Ofnobank. So hieß er in den Medien. Das ist ein hebräisches Wort, dass sich aus Motorrad „Ofno“ und eben „Bank“ zusammensetzt. In englischen Ausgaben hieß er schlicht „Motorcycle Bandit“.

Es ist schwierig zu erklären, aber Ofnobank wurde im Jahr 1989 zu einem Idol. Zu einem Star. Und zu einem Sexsymbol noch dazu. Er wurde zu einem israelischen Robin Hood. Nicht, dass er sein Geld mit den Armen geteilt hätte. Auch das Geld war spurlos verschwunden, wie Ofnobank selber eben auch.

Ich traute mich nicht, meinem Vater davon zu erzählen, wie toll wir Kinder den Bankräuber fanden. Und dass wir versuchten, so zu sein wie er. Das wir seine Überfälle nachstellten. Bloß, dass es bei uns zu ausgiebigen Schießereien kam, während Ofnobank niemals wirklich einen Schuss abgab.

Die Zeitungen berichteten, dass weibliche Bankangestellte sich Zettelchen mit ihrer Telefonnummer vorbereiteten, um sie, für den Fall, dass Ofnobank sie beraubte, in den Sack mit der Beute zu werfen.

Für mich war also nicht Schwarzenegger oder Stallone das Paradebeispiel für einen echten Mann, sondern Ofnobank. Den gab’s wenigstens im echten Leben.

Gefühlt kam alle zwei oder drei Tage eine neue Bank auf die Liste, niemals schlug er zweimal am gleichen Ort zu. Die gewählten Orte ließen auch kein Muster erkennen und niemand konnte ahnen, wo er als Nächstes zuschlagen würde.

Als er schon über zwanzig Banken auf diese Art überfallen hatte, kam ich eines Tages nach Hause und fand im Wohnzimmer eine Handvoll Polizisten auf mich warten. Sie erklärten meiner Mutter und mir, dass sie meinen Vater verhaftet hätten. Weil er Ofnobank sei.

So ein Unsinn! Ich musste fast lachen! Mein Vater? Mit dem Bierbauch? Und dem schütteren Haar? Ein Mann um die Vierzig, der im Wohnzimmersessel von einem Leben als „echter“ Mann träumte? Der sollte Israels Robin Hood sein? Niemals!

Doch die Beweislast war erdrückend. Mehr noch, kaum gefasst machte mein Vater ein umfangreiches Geständnis. Und zahlte das gestohlene Geld sofort und komplett zurück. Denn wegen des Gelds hatte er seine Einbrüche überhaupt nicht begangen.

Seine Methode war sehr einfach und eigentlich genial. Er stürmte mit der Pistole in die Bank, ließ sich Geld in seine Plastiktüte werfen und rannte wieder weg. Draußen setzte er sich auf sein Motorrad und brauste davon. Aber in Wirklichkeit nur um die Ecke.

Da wartete sein Lieferwagen. Er hatte sich selber eine Rampe gebastelt und versteckte das Bike im Van. Dort zog er die Jeans und die Lederjacke aus, packte das Geld in einen Aktenkoffer und ging schnurstracks in die Bank, die er gerade ausgeraubt hatte.

Denn wo würde man einen Bankräuber niemals erwarten? In der Bank, die er gerade ausgeraubt hatte, natürlich! Vor der Bank wurde er meistens von Polizisten abgewimmelt: „Sie können da nicht rein, das ist ein Tatort!“

„Oh, bitte, bitte! Ich muss nur eine kleine Einzahlung machen! Bitte! Meine Frau reißt mir den Kopf ab, wenn ich das wieder vergesse!“

Und meistens wirkte das sofort, manchmal dauerte es ein paar Minuten.

Also schlenderte mein Vater zum Schalter und zahlte auf sein Konto genau das Geld ein, dass er gerade eben gestohlen hatte. Und hatte damit seine Beute gleich gewaschen. Umgerechnet an die 400.000 Dollar hat er so erbeutet und auf sein persönliches Konto eingezahlt.

Heute würde das wahrscheinlich nicht mehr funktionieren, aber damals waren die Banken nicht vernetzt und das Geschäft noch nicht komplett digitalisiert.

Trotz seines Geständnisses wurde er zu 15 Jahren Freiheits-Strafe verurteilt. Er kam ins Gefängnis. Aber in Israel sieht man das ein bisschen lockerer als woanders. Er durfte alle vier Wochen ein Wochenende mit uns verbringen.

Wahrscheinlich, weil man nur einen einzigen internationalen Flughafen überwachen muss. Und, wenn ein Sträfling unbedingt dann Syrien, Ägypten oder in den Libanon fliehen will: Bitteschön, spart den Staat etwas Geld.

Natürlich war ich mit dieser Entlarvung schlagartig kein Fan mehr von Ofnobank. Meine Mutter ließ sich scheiden. Ich war sehr enttäuscht, dass mein Vater von einem Tag auf den anderen aus unserem Leben verschwand. Das waren keine einfachen Jahre für meine Mutter und mich, wir krebsten am Existenzminimum herum.

Aber auf der anderen Seite war es auch eine Erleichterung, nicht jedes Wochenende militärisch gedrillt zu werden. Autoreifen wechseln, davon hatte ich schon damals für mein Leben genug.

Mein Vater saß im Gefängnis und ich fühlte mich dadurch irgendwie befreit. Ich musste nicht mehr so tun, als wären mir Dinge wichtig, die eben einem „echten“ Mann wichtig sind.

Aber diese Freiheit vom Machismo der Achtziger bedeutete auch eine gewisse Orientierungslosigkeit. Ich war noch nicht einmal zwanzig und es kam vor, dass ich durch die Straßen der Stadt irrte und auf ein Zeichen hoffte. Auf irgendetwas, das mir eine neue Richtung in meinem Leben aufzeigte.

Und eines Tages fand ich so ein Zeichen. Es war ein Werbeplakat für eine Aufführung eines japanischen Tanz-Ensembles. Alles Männer und das Plakat versprach: Modernes Ballett. Also kaufte ich mir eine Karte, um mich überraschen zu lassen.

Und ich war völlig hin und weg. Da waren ein Haufen Männer, die sich zum Teil sehr zerbrechlich zeigten und sich grazil bewegten und nicht mit der Wucht eines Stallone oder Schwarzeneggers.

Und die fühlten sich sichtlich dabei in keinster Weise unwohl. Im Gegenteil: Sie wirkten bei ihren Bewegungen und Verrenkungen auf eine sehr körperliche Weise ausgesprochen selbstbewusst.

Diese Vorführung sprengte meinen Horizont dessen, was es bedeuten kann, ein Mann zu sein.

Ich entdeckte, dass man ein Mann sein kann, obwohl man Ballett liebt. Oder, dass man ein Mann sein kann, der Rosé-Wein lieber mag als Bier. Oder, dass man ein Mann sein kann, der im Kino Rotz und Wasser heult. Wenn er endlich andere Filme anschauen darf als Rambo, Predator oder American Ninja.

Die Jahre vergingen und ich zog nach dem Bachelor nach New York. In den Staaten machte ich meinen Master in Journalismus und danach einen Doktortitel im Fachgebiet Communications.

Jetzt bin ich ein freier Journalist, der für mehrere Zeitungen schreibt, ein Executive Producer beim Online-Magazin „The Tablet“ und habe sechs Bücher veröffentlicht, die sich nicht schlecht verkaufen.

Mein Lebensweg war es bislang nicht, ein „echter“ Mann zu werden, so wie sich das mein Vater für mich vorgestellt hatte. Auch während meines Wehrdiensts bei der IDF wurde ich nicht Pionier oder Panzerfahrer, sondern Pressesprecher.

Ich habe eine Frau geheiratet, die Kinderbücher lektoriert und Jugendbücher schreibt und führe ein „normal“ männliches Leben mit ihr und meinem Sohn.

Mein Vater kam wegen guter Führung nach acht Jahren aus dem Gefängnis. Er heiratete eine andere Frau und machte sich mit einem kleinen Speditionsbetrieb selbstständig. Nebenbei hält er Vorlesungen darüber, wie man das Gefängnis am besten überlebt.

Ich habe keinen dieser Vorträge gehört, aber ich bin mir sicher, dass können nur „echte“ Männer.

Als mich mein Vater das letzte Mal besuchte, da hatte ich nicht den Eindruck, dass ihm mein verweichlichter New-Yorker-Lebensstil so richtig behagt.

Ich erinnere mich genau an eine Szene, in der wir beide im Wohnzimmer sitzen und nichts reden. Schweigen, das ist auch so eine Sache, die „echte“ Männer so machen. Schweigen ist irgendwie besonders männlich.

Zur Tür herein kommt mein vierjähriger Sohn, um uns sein Halloween-Kostüm vorzuführen. Auf dem Kopf trägt er eine Perücke mit roten Haaren, die zu zwei Zöpfen geflochten sind. Und dazu eine hellblaue Bluse, einen schwarzen, akkurat geschnürten Mieder mit Blümchenstickereien und ein dunkelblaues, langes Kleid. Auch mit Blümchen bestickt.

Er schaut ziemlich genau aus wie sein Idol. Nämlich Anna aus dem Film “Frozen”. Also nicht die Eisprinzessin, die heißt Elsa, sondern deren kleine, lebendige, vorlaute und freche Schwester.

Mein Vater reagiert nicht, aber ich sehe die Fassungslosigkeit in seinem Blick. Sein Enkel verkleidet sich an Halloween als Prinzessin! Das ist für einen Macho wie ihn der Gipfel an Un-Männlichkeit.

Und er schaut mich sehr, sehr verächtlich an. Beinahe strafend. Doch mein Leben ohne ihn und seine vergifteten Ideale hat mich gegenüber seiner Verächtlichkeit absolut immun gemacht.

Ich strahle vor Stolz, als mein Sohn sich vor uns bewegt wie ein Model auf dem Laufsteg und sich dreht, um uns zu zeigen, wie schön sein Kleid fällt.

Nur, weil mein Vater Ofnobank war und in meiner Jugend nicht für mich da, lernte ich, was es wirklich bedeutet, ein „echter“ Mann zu sein. Und ich bin sehr stolz darauf, dass bereits mein vierjähriger Sohn schon weiß, was es wirklich bedeutet, ein „echter“ Mann zu sein. Und nicht, wie ich in seinem Alter, lernen muss, wie man eine Smith&Wesson abfeuert, die so groß ist wie der eigene Unterarm.

Hoffentlich macht sich mein Kleiner noch viele Jahre keine Gedanken darüber, dass man als Junge nicht an Halloween Prinzessin sein darf.

Und, wenn er später einmal einen Reifen wechseln muss, dann kann er ja mich rufen.

Oder einfach den ADAC rufen. Wie ein „echter“ Mann halt.