Noli me tangere!


Wir Deutsche, so heißt es, leben in einer Gesellschaft, in der man sich nicht berührt. Das ist uns zu unhöflich, das gebührt sich nicht, das macht man nicht: Das ist zu intim! Das wäre der erste Teil der These.

Berührung ist uns aber angeboren, sie ist wichtig, sie ist sogar „ein Lebensmittel“! So die Hirnforscher. Glückshormone werden ausgeschüttet, Wunden heilen schneller und Bindungen werden stärker. So der zweite Teil.

Es folgert automatisch: Wir Deutsche müssen uns mehr berühren! Das liest man zur Zeit ja auch in allen denkbaren Medien. Das ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens, ohne dass sich etwas ändern würde.

„Und das ist auch gut so!“ Meint Frau Anders. Die allerdings eine etwas abweichende Meinung hat.


Download der Episode hier.
Musik: „Don’t touch me“ von Patsy Stone / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Wenn wir in einem Film eine emotionale Szene sehen, dann kann uns das sehr nahe gehen. Musik kann so schön sein, dass wir eine Gänsehaut bekommen. Und natürlich können auch schöne Worte sein, Gefühle, und Gedanken mit denen wir uns selbst berühren.

Ein Film, Musik, Geschriebenes, Gedanken: Sie können uns berühren! Schon interessant, das wir für etwas besonders Emotionales dieses Sprachbild verwenden. Denn es ist ja nur ein Bild. Ein Film berührt uns ja nicht wirklich – es sei denn, wir arbeiten im Vorführraum.

Ist das nicht toll? Diese Filmszene hat sich ein anderer Mensch ausgedacht, wieder andere haben sie gespielt, in Szene gesetzt, ausgeleuchtet, gefilmt, geschnitten, mit Musik ausgestattet und dann veröffentlicht. Hunderte von Menschen!

Und dann, wenn wir zuschauen, berührt uns diese Idee dieses Menschen, der sich diese Szene ausgedacht hat. Nur sie oder er und wir.

Fantastisch, oder? Eine Idee fasst uns an. Streichelt uns berührt uns. Das ist ein Wunder, finde ich. Ein richtiges kleines Wunder.

O.k. Nach der Philosophie die Einleitung:

Es ist wichtig für uns Menschen, dass wir angefasst werden. Es ist wichtig, dass wir berührt werden. Sagen alle.

Eine Berührung ist die allerniedrigste Form der Kommunikation. Eine Kommunikation, die völlig ohne Verstand auskommt. Völlig ohne Konzepte oder Strategien. Man berührt eine andere Person: Der Rest passiert von selber!

Im Mutterleib ist der entstehende kleine Mensch ständig Reizen auf seiner Haut ausgesetzt. Ständig auf 37 Grad Celsius gewärmt, dauerhaft warm gebadet, sozusagen. Dauerberührt. Dauerangefasst.

Doch dann folgt die Geburt und vorbei ist das Gefühl, ständig gewärmt und angefasst zu sein. Denn, kaum ist man auf der Welt, fängt die Arbeit an. Mann muss – mit einem Schlag – viele Dinge selber erledigen. Atmen, essen, verdauen, sich auf 37 Grad heizen.

Und, weil das noch nicht genug ist: Aktiv nach Berührung suchen. Instinktiv den Mutterkörper spüren.

Unser erster Impuls als Erwachsener beim Anblick eines ungeschützen Neugeborenen oder eines ungeschützten Babies ist: Berührung. Es in den Arm nehmen. Zu wärmen, zu schützen, ihm Geborgen-Sein zu vermitteln.

Das ist ein zutiefst einprogrammierter Reflex. Wir sind auf Berührung programmiert.

Nach der Einleitung folgt die gesellschaftliche Diagnose:

Wir sind eine Gesellschaft im meistens doch recht frischen Norden. Wir haben als Menschen hier überlebt, weil wir uns in Felle und Stoffe wickelten.

Und die Haut lernte das schnell. Sie erkennt die Reize eines T-Shirts oder einer Hose und sendet die Berührung nicht mehr ans Gehirn. Sonst wären wir alle ununterbrochen am hysterisch kichern, weil wir dauernd überall am Körper gekitzelt werden würden. Aber durch die ganzen Stoff-Schichten spürt man halt auch Berührung nicht mehr.

Vielleicht haben wir deshalb in Deutschland alle das Gefühl, wir würden zu selten berührt?
Oder ist es etwas anderes?

Wenn man sich überlegt, dass gut 41% der Deutschen alleine in ihren Wohnungen leben, dann kann man sich gut vorstellen, dass diese Menschen auch selten angefasst werden. Und selbst, wenn diese Singles irgendwo in der gleichen Stadt einen Partner oder eine Partnerin haben, dann ist die Berührung trotzdem nicht alltäglich.

Vielleicht geben deswegen die Deutschen bei Umfragen an, am glücklichsten würde sie eine Umarmung machen? Oder ist es etwas anderes?

Unsere Tätigkeiten werden auch immer virtueller. Die meisten von uns berühren hauptberuflich Tastaturen und Mäuse. Und verbringen ihre Freizeit damit, auf Glasscheiben zu tippen. Oder über Glasscheiben zu wischen.

Ganz schön verrückt, wenn man so darüber nachdenkt, oder? Man arbeitet nicht mehr mit einem Stück Holz, man programmiert eine CNC-Fräse. Man walkt nicht mehr den Hefeteig, man hat eine Küchenmaschine und eine Brotbackmaschine oder einen Thermomix zum Kochen.

Vielleicht gibt es deswegen die App Cuddlr. Wo sich wildfremde Menschen zu Kuschelparties verabreden? Oder ist es etwas anderes?

Wenn man frisch verliebt ist, dann kann man nicht die Hände voneinander lassen. Man knutscht durch die spannendsten Filme, hält sich unablässig die schweißnassen Fingerchen und kann sich auch sonst kaum beherrschen.

Dann kommt die Beziehung in die Jahre. Der Sex läßt in den ersten zwei, drei Jahren ständig nach. Und pegelt sich dann – statistisch – auf ein Niveau ein, dass dann auch zwanzig, dreißig Jahre hält.

Aber die Berührung? Die nimmt in einer Beziehung komischerweise ein Leben lang ab.
Je länger man sich kennt, desto weniger berührt man sich, bei uns in Deutschland.

Vielleicht gibt es deswegen Sex-Arbeiterinnen, die sich auf Kuscheln spezialisiert haben. Die nicht Geschlechtsverkehr verkaufen, sondern Berührung. Oder ist es etwas anderes?

Selbst Ärzte fassen einen kaum noch an! Früher noch, in meiner Kindheit, da hat einen dieser seltsame alte Mann richtig durchgewalkt. Den Oberkörper mit Fingern beklopft, in den Unterleib mit seinen Fingern gestochen – eine Untersuchung war Berührung.

Heute macht man stattdessen Ultraschall, EKG, Fiebermessen – der Hausarzt muss einen zur Diagnose kaum noch berühren.

Vielleicht geht auch deshalb dieses Jahr der Wissenschafts-Buchpreis in der Medizin an „Homo hapticus“. An ein Buch, dass sich genau diesem Thema widmet: Der Berührung. Oder ist es etwas anderes?

Die Diagnose der deutschen Gesellschaft ist klar: Wir sind eine Berührungs-verarmt. Wir berühren uns zu wenig. Sagen alle, schreiben alle. Geben die Deutschen in Umfragen an. Dreiviertel aller Deutschen würden gerne öfter berührt werden.

Zum wissenschaftlichen Hintergrund:

Wir untersuchen Berührung noch nicht lange. Der Autor des Buches „Homo hapticus“ von gerade heißt Martin Grunwald. Er arbeitet an der Universität Leipzig im sogenannten „Haptik-Labor“. Wo Berührung im Hirn vermessen wird. Ein Labor, das er selber 2008 gründete – also erst vor zehn Jahren!

Wir wissen, dass Berühren heilen kann. Frühgeborene, die in ihren Brutkästen berührt werden, legen schneller Gewicht zu, als die Nicht-Berührten. In der Altenpflege heilen demente Patienten ihren Decubitus schneller aus, wenn sie vom Pflegepersonal berührt werden.

In seinem Buch nennt Herr Grunwald die Berührung ein Lebensmittel. Er versucht einen Erklärungsansatz für Magersucht, indem er das mit einer Kindheit verbindet, die berührungsarm war.

Zu den Basics zurück: Wir wissen, dass unsere Hände sehr komplizierte und sensible Instrumente sind. Sie bestehen nicht nur aus 27 Knochen, 36 Gelenken, 39 Muskeln und Sehnen. Sondern aus vielen Berührungssensoren. Mit einem superfeinen Nervensystem in den Fingerspitzen. Die eben für das Fingerspitzengefühl zuständig sind.

Auf der anderen Seite der Berührung steht die Haut. Die Signale an das Hirn schickt: Wenn man berührt wird, dann setzt die Hypophyse große Mengen Oxytocin frei. Das Glückshormon, dass für Bindung wichtig ist.

Das Stresshormon Cortisol wird durch dieses Oxytocin gehemmt. Die Durchblutung verbessert sich schlagartig, die Atmung wird weniger flach, man entspannt sich!

Nicht nur das Stresszentrum wird gehemmt, sondern sozusagen auch das „Kritikzentrum“. Liebe macht blind, sagt man: Stimmt! Wen uns jemand berührt, dann sehen wir diese Person sofort in einem positiveren Licht.

Das ist wohl alles so. Ich glaube den Forschern durchaus.

Und wenn ich es so machen würde, wie die Artikel zur Berührung, die ich gefunden habe, dann würde ich jetzt logisch schlussfolgern:

Berührung ist wichtig. Wir berühren uns zu wenig. Berührt euch mehr! Basta.

Aber ich bin ja die Frau Anders. Darum sehe ich das auch anders.

Diese tolle Hormonmaschine von gerade, die mit dem Glückshormon Oxytocin, die gibt es. Das funktioniert wahrscheinlich so.

Wenn – und das ist wichtig – wenn unsere Seele nicht vorher schon auf Alarm gestellt hat! Alles, was ich beschrieben habe, gilt für die Berührung von Menschen, die einem sozusagen „sympathisch“ sind.

Das ist übrigens ein sehr, sehr unpassendes Wort an dieser Stelle. Denn, wenn uns ein Mensch unsympathisch ist, dann aktiviert das Gehirn den Sympathicus.

Das ist ein Nervensystem, das bei tatsächlicher oder gefühlter Belastung hochfährt. Sozusagen das „Fight-or-flight“-System des Körpers.

Und dann passiert bei Berührung das genaue Gegenteil von dem, was gerade beschrieben wurde. Statt Oxytocin auszuschütten, steigt der Cortisol-Level schlagartig. Berührung von Menschen, die man nicht mag, ist der pure Stress!

Vor kurzem saßen wir in einer Runde und es ging um das Thema „Friseur“. Und – siehe da – die Hälfte der Anwesenden fand die Kopfhautmassage, die Haarewaschen beim Friseur bedeutet, unerträglich.

Und die andere Hälfte hielt das für ein tolles Erlebnis. Manche Menschen gehen deswegen sogar zum Friseur. Habe ich gelesen. Kann ich fast nicht glauben. Ich bin contra und Herr Wunderlich pro Kopfhautmassage durch eine vollkommen fremde Person.

Tja, was nun? Sollten wir uns berühren? Oder lieber nicht?

Zum Schluss also meine Meinung:

Wenn es etwas typisch Deutsches gibt, dann die Fähigkeit, alles typisch Deutsche erst einmal kacke zu finden. Wegen dem Bucherfolg von Herrn Grunewald lesen wir wieder ganz viel über „Berühren“.

Überall kann man lesen, wie wenig wir uns berühren. Oder unsere Kinder. Und wie schädlich das ist. Und wie ungesund. Und wie das für alles nur Denkbare verantwortlich ist.

Meine Meinung dazu? Interessiert euch das? Sollten wir uns mehr berühren? O.k. Meine Meinung ist: Bitte nicht! Ähhh, nein!

Ich habe Panik, wenn mich fremde Menschen berühren. In einer vollen U-Bahn zu stehen, ist für mich die schiere Hölle. Irgendein fremder Mensch wird mich gegen meinen Willen anfassen…

Der freundliche Kellner beim Italiener, der mich zu unserem Tisch führen will und mich am Arm nimmt? Iiieeeeeh.

Die Kopfhautmassage bei der Friseurin? Der reine Horror. Ich wünschte, ich könnte das wenn, dann selber machen… naja ich geh ja auch nicht gern zum Friseur!

Früher, als ich die Kirche ging und mir der komische Pfarrer beim Segnen die Hand auf den Kopf tatschte? Pure Panik. Körperlicher Ekel. Würgereflex.

Oder Parties! Da tanzt man verinnerlicht so vor sich hin, dann spielt auf einmal so ein beknackter Schmusesong und schon darf Dich jedes paarungsbereite Männchen auf der Tanzfläche angrapschen! Espringen praktisch! Ohne mich! Sympathikus läuft auf Hochtouren: Reaktion ist die Flucht!

Ich habe in meinem Leben so viel Gewalt erfahren, hauptsächlich von Männern, ich will bitte nicht berührt werden. An meine Haut lasse ich nur Wasser, kein CD, den Herrn Wunderlich, meine Kinder und meine Tiere.

Händeschütteln, wenn man jemanden kennenlernt, ist für mich bereits eine vööööllig ausreichende Herausforderung.

Darum kann ich dem allgemeinen Kanon nicht zustimmen, dass wir Deutsche alle verkorkst sind, weil wir uns nicht berühren. Ich persönlich bin vekorkst, weil ich zuviel berührt wurde. Und mit too much Kilojoule in der Bewegung.

Deutschland ist nicht scheisse. Es gibt Gründe, warum unsere Gesellschaft sich so entwickelt hat, wie sie ist. Warum unsere Eltern ihre Gefühle nicht mit Berührung ausdrücken konnten. Weil sie Opfer von Gewalt waren. Gewalt durch ihre Eltern, Gewalt durch ihre Lehrer, Gewalt durch ihre Altersgenossen. Und zwei Weltkriege obendrauf!

Wir waren über Jahrhunderte eine Gesellschaft der Gewalt. Und wer mir mit Artikelchen kommt, in denen zum Berühren aufgefordert wird, weil das tolle Hormone ausschüttet, der soll mir bitte erst einmal ein Leben voller erfahrener Gewalt nehmen!

Kokke ich versuchs nochmal sorum:

Berührung ist nicht immer zärtlich. Berührung ist nicht immer erotisch. Berührung ist manchmal äußerst schmerzhaft. Und Berührung ist mir in meinem Leben meistens aufgezwungen worden.

Berührung ist nicht nur fucking Oxytocin und Friede, Freude, Eierkuchen. Berührung ist Hashtag Metoo und Hashtag Aufschrei.

Ich persönlich habe in unserer deutschen Kultur genau die richtige Menge Berührung. Nämlich fast keine. Und das ganze Geseier kann ich nicht mehr hören!

Fasst euch an, fasst an wenn ihr wann immer ihr wollt!
Aber nicht mich. Hehe…
Noli me tangere! No tocar! Don’t touch me!