Der Nöck



Wenn man die Geschichten der Völker vergleicht, dann ist es besonders spannend zu sehen, welche Muster und Figuren immer wieder und unabhängig voneinander auftauchen.

Der Drache ist so ein sehr altes Beispiel, aber da sind in den meisten Kulturen auch menschenähnliche Wesen, die das Wasser bewohnen.

In unserem Kulturkreis nennt man die Nixen, im Unterschied zu den Meerjungfrauen. Aber wenn man noch weiter gräbt, dann gibt es da den Nöck. Unsere Geschichte versucht so zu klingen wie die vielleicht allererste Geschichte, die man sich wohl über den Nöck erzählt haben mag.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Blue Waters“ von Waterpistol / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Seit Leif lebt, war sein Dorf das wohlhabendste an der ganzen Küstenlinie. In dem kleinen Fleckchen, in dem er aufwuchs, wurden mehr Fische gefangen als in den nächsten drei Dörfern zusammen.

Dieser Reichtum ermöglichte den Fischern den Handel, sogar bis in die Stadt. Alle Boote waren hier in bestem Zustand, alle Häuser hatten echte Türen! Und eigene, vom Wohnhaus abgetrennte Ställe. In den Häusern waren die Fenster mit Pergament abgedichtet und jedes Haus hatte einen richtigen Kamin. Hier musste keiner husten!

Leif war der festen Meinung, er hätte viel zu wenig von der Welt gesehen. Er hatte so viele Fragen, so viel Sehnsucht nach dem Unbekannten. Doch die armen Nachbardörfer kannte er sehr wohl. Hier an der Küste waren irgendwie alle miteinander verwandt oder verschwägert.

Das Leben hier war rau, die Winter waren lang und hart. In den meisten Orten waren im Frühling viele Tote zu beklagen, aber nur selten bei den Familien in seinem Dorf. Wenn jemand einen Fischer fragte, wo dieser Reichtum herrührte, dann war die Antwort immer: „Unser Fjord hat einfach mehr Fische als die anderen!“

Weithin genügte das als Antwort und immer mehr Verwandte und Bekannte zogen in das kleine, reiche Dorf. In das Dorf mit dem fischreichsten Fjord an der ganzen Küste.

Eigentlich also kein Grund, sich um irgendetwas Sorgen zu machen. Doch schon als Junge hatte sich Leif gewundert, wenn die Alten im Winter davon erzählten, wie arm und elendig ihre Existenz hier war. Früher. Als die Alten jung waren.

Warum sollte der Fjord mit einem Schlag so viel mehr Fische hergeben als all‘ die Jahre zuvor? Was war der Grund für die plötzliche Veränderung im Verhalten der Bleka, Kolja, Kummel, Marulken, Lubbs, Vitlinge, Sill und Fjärsing – oder der anderen Fische, die hier gefangen wurden?

Keiner wollte Leif diese Frage beantworten. Sein Vater sprach in Rätseln, sowohl der Gelder als auch die Seider bemühten Gleichnisse und Allegorien aus dem Ackerbau und der Thiudan sagte ihm, er solle gefälligst nicht so neugierig sein und lieber seinen Vater fragen.

Es gab also ein Geheimnis um die Fische. Da war sich Leif völlig sicher! Aber keiner der Erwachsenen war bereit, ihm etwas davon zu erzählen. Alles, was er in Erfahrung brachte, war, dass ein Mann namens Balder mit der Geschichte zu tun hatte. Und das Balder irgendwie ein Weiser war oder, wahlweise, ein Narr.

Trotz aller Fragen wuchs er zu einem jungen Mann heran und bald war die Zeit vorbei, wo er im Hafen warten und endlos Netze flicken musste – immer mit einem Auge auf dem Horizont, um der Erste zu sein, der meldet, dass die Männer vom Fischfang zurückkommen!

Er wurde dem Thing vorgestellt und würde nach seiner ersten Fahrt dort auch einen Sitz bekommen, wenn er sich einigermaßen gut anstellte.

Während also die kleine Flotte von Fischerbooten hinaus auf’s Meer segelte, wurde Leif immer aufgeregter. Denn die anderen Männer lächelten sich nur wissend an, wenn er seine Fragen stellte. Fragen wie: „Warum haben wir so viel Bier dabei und so viel Fleisch? Warum haben wir Kraut dabei und was ist in den Kisten?“

Kaum war das Dorf aus dem Blick verschwunden, da machten die Fischer halt und vertäuten die Boote zu einem großen Kreis. Der Gelder sprach irgendwelche Gebete und die Seider warfen irgendwelche Pulver in die schäumende See.

Alle Männer stimmten ein Lied an. Und dann nahmen sie ein Fass nach dem anderen und eine Kiste nach der anderen und warfen sie in das Meer.

Leif schrie in den Wind: „Warum werft ihr das gute Essen weg? Was macht ihr? Was soll das?“ Wieder erntete er nur ein wissendes Lächeln, bis die Männer ihn höchstpersönlich packten und laut riefen: „Ein Geschenk für den Nöck!“

Und dann flog er in hohem Bogen durch die Luft und das Meer verschluckte ihn.

Als er wieder auftauchte, lachten alle über ihn. Er schwamm zurück zum Boot und bekam neue Kleidung, noch bevor er richtig zu frieren begonnen hatte. Und dann, erst dann erfuhr er die ganze Geschichte. Das ganze Geheimnis. Die Wahrheit über Balder und die Wahrheit über den Nöck.

…Nachdem die Götter Midgard den Menschen überlassen hatten, begannen Menschen hier an der Küste zu siedeln. Und schon immer waren die Menschen an der Küste Fischer. Und schon immer sah man im Meer die Wassermenschen schwimmen. Jeder Fjord hatte seinen eigenen Nöck.

Wenn der blasse Leib so eines Meeresmenschen von einem Boot aus gesichtet wurde, dann warfen die Fischer alle Netze nach ihm aus und warfen alle Spieße nach ihm, um ihn entweder zu vertreiben oder zu fangen.

Doch einst, als der Vater Deines Vaters selber ein Junge war, da lebte im Dorf ein besonderer Mann. Der hieß Balder und er war nicht ganz bei Trost. Manchmal tanzte er mitten in der Nacht ganz nackt auf seinem Dach wie von Dämonen besessen! Und dann wieder unterhielt er sich lange und gerne mit den Kühen. Und er aß nie ein Stück Fleisch!

Alle Hunde und Katzen im Dorf folgten ihm auf’s Wort und, weil er auch allen Krähen Befehle geben konnte, war er geachtet. Und wegen seiner Andersartigkeit ein bisschen gefürchtet. Trotzdem war Balder ein liebevoller Mensch und die Fischer nahmen ihn gerne mit hinaus, denn keiner kannte so viele Lieder und Geschichten wie er.

Bei einer der vier großen Fischfahrten des Jahres, damals, als der Vater deines Vater so alt war, wie Du jetzt, da wurde wieder ein Wassermensch gesichtet. Der Nöck ihres Fjord schwamm unter den Booten hindurch. Doch als sich die Männer bereit machten, um ihn zu jagen, erhob Balder seine Stimme und alle hielten inne.

Er war zwar nur der Dorfnarr, aber alle warteten, was er zu sagen hatte. Doch Balder sagte nichts, sondern steckte seinen Kopf ins Wasser und rief den Nöck. Das war so völlig verrückt, dass alle ihre Speere und Spieße sinken ließen, um zu sehen, was als Nächstes geschieht.

Dreimal holte Balder ganz tief Luft und dreimal redete er mit dem mächtigen Nöck. Danach rief er: „Gebt dem Nöck unser Essen!“ Schweigen senkte sich über alle versammelten Boote. Das Essen im Dorf war knapp und die Rationen waren nur dazu da, die Männer während der Fahrt am Leben zu halten.

Aber Balder rief noch einmal: „Gebt dem Nöck unser Essen!“ Und das rief er mit so viel Nachdruck, dass der Thiurdan als erster seine Ration ins Wasser warf. Und bald folgten alle Männer dem Beispiel.

Balder sprang ins Wasser und als er wieder auftauchte, brachte er den größten Lachs, der je gesehen worden war, mit an Bord.

Noch nie hatten die Männer so viele Fische gefangen, wie in diesem Jahr. Der Nöck trieb ihnen die größten Schwärme der Nordsee bequem in ihren Fjord, vor ihre Haustüre.

Und die Bewohner des Dorfes brachten ihm alle zwölf Monde dafür alle jene Speisen zu essen und zu trinken, die es im Reich des Nöck nicht gab. Trockenfleisch und Bier hauptsächlich, aber der eine oder andere hat auch schon Brot oder Kuchen in die Fluten geworfen, die auch ganz schnell in der Tiefe verschwanden…

Das war also das große Geheimnis! Der Reichtum des Dorfes beruhte auf ihrem Bündnis mit dem Nöck! Weil ein Mann verrückt gewesen war, etwas völlig Neues zu probieren! Weil man den Dorfnarren wie einen respektierbaren Fischer behandelte und nicht wie ein Stück Vieh, so wie in den anderen Dörfern.

Die gute Seele des Dorfes hatte sich einen Weg gebahnt und ihr Reichtum war der Dank!

Nach dieser Fahrt fühlte sich Leif tatsächlich wie ein Erwachsener. Wie ein Mann unter Männern, den nun wusste auch er die Wahrheit. Doch für Leif war diese Wahrheit noch lange nicht genug. In Wirklichkeit drängten sich ihm sogar nun noch viel mehr Fragen auf!

Sein Vater meinte: „Wahrscheinlich kommt der Nöck daher, wo die anderen Wassermenschen auch herkommen, frag‘ nicht so dumm!“ Was natürlich keine Antwort war.

Die Seider sagte: „Als die Welt geschaffen wurde, waren alle Elemente voller Leben. Die meisten Lebewesen kennen wir nicht und in jedem Erdteil gibt es völlig verschiedene!“ Auch keine befriedigende Antwort.

Der Thiordan meinte: „Der Frieden mit dem Nöck ist das heiligste Gut nach dem Frieden mit den Göttern und dem Frieden mit den anderen Sippen!“ Sehr wichtige Worte, sicher, aber nichtssagend.

Und so verging Jahr um Jahr und das Dorf wuchs und sein Reichtum wuchs. So berühmt wurde es, dass sogar eines Sommers der Jarl selber kam, um sich nach dem Geheimnis zu erkundigen. Und sein Schreiber fragte jeden Fischer im Dorf einzeln aus.

Aber keiner verriet das Geheimnis, Leif natürlich auch nicht. Doch in ihm gährten die Fragen immer mehr und ließen ihm keine Ruhe mehr. Eines Sommers – er war schon ein erfahrener Fischer mit einem Leib voller Narben und einer Seele voller Erfahrungen – eines Sommerts baute er sich ein eigenes kleines Boot, nahm von seiner Familie Abschied und segelte ganz hinaus auf’s Meer.

Ganz alleine. Ins Ungewisse. Um endlich, endlich nach Antworten zu fischen.

Und so trieb er im Fjord, weit weg vom Dorf und blickte tagelang ins Wasser, um den Nöck zu finden. Woche um Woche starrte er angestrengt in die Wellen, bis er selber wie das Wasser wurde. Aufgewühlt außen und ewig ruhig innen.

Bis er tatsächlich, nach vielen Wochen den Nöck sah. Ganz blass trieb er ohne Anstrengung tief unten durch den Fjord, erkennbar nur an seinen langen, grünen Haaren.

Aufgeregt riess sich Leif alle Kleider vom Leib, schnappte sich den großen Stein, an dem er zum Tauchen ein Seil gebunden hatte, holte tief Luft und sprang in den Fjord.

Schnell sank er auf den Boden der kleinen Bucht und schaute sich um. Und, tatsächlich, der Nöck schwamm auf ihn zu. Aber der weiße Leib, der so kompakt aussah von seinem Boot aus, war in Wirklichkeit lang und dürr. Die Beine und die Arme waren wie Äste und zwischen den spinnenartigen Zehen und Fingern hatte der Wassermann Schwimmhäute wie ein Frosch.

Was die Fischer für seine Haare hielten, waren in Wirklichkeit meterlange Algen, die um seinen Kopf trieben, wie manchmal der Nebel um den Berg.

Leif riss seine Augen auf, um sich nichts entgehen zu lassen. Plötzlich, nach all den Wochen, wurde ihm klar, dass er überhaupt nicht wusste, wie er sich mit diesem Wesen verständigen sollte! Also gestikulierte er mit seinem freien Arm herum und winkte den Nöck zu sich.

Und der schwamm neugierig auf ihn zu. Als er näher kommt wurde Leif himmelangst, so fremd war ihm dieser Wassermensch! Statt Augen hatte er zwei riesige schwarze Halbkugeln mitten im Kopf. In dem totenfahlen Gesicht vor ihm war keine Nase und der Mund war schmallippig und reichte von Ohr zu Ohr – wenn da Ohren gewesen wären.

Und so trieben die beiden völlig schwerelos und geräuschlos nebeneinander und starrten sich gegenseitig an. Bis der Nöck plötzlich seinen Arm nach Leif ausstreckte und seine Hand mit den dürren Spinnengliedern auf die Brust legte.

Leif schrie auf und alle Luft wich ihm mit einem Schlag aus der Lunge. Erschreckt blickte er zur Wasseroberfläche hoch, wo sein kleiner Nachen im Sonnenlicht trieb. So weit weg war die Rettung, das Boot, die Luft das könnte er nicht schaffen! Er würde hier unten ersaufen!

Hektisch versuchte er, seinen linken Arm aus der Schlinge zu lösen, mit der er sich an den Stein gebunden hatte, aber er konnte sie nicht lockern.

Mit großen Augen blickte er noch einmal in die schwarzen Augen des Nöck, bevor er nicht mehr anders konnte und einatmen musste! Als die Kälte des Meerwassers seinen Brustraum füllt, sieht er, wie sich das riesige Maul des Nöck öffnet. Es ist voller kleiner spitzer Zähne und nähert sich ihm unaufhaltsam.

Doch das allerletzte Bild, bevor er das Bewusstsein verliert, ist das von der kleinen Flotte seines Dorfs, von allen Männern, die lachen und ihn dem Nöck als Opfer bringen. „Ein Geschenk für den Nöck!“ Das war er nun tatsächlich! Und dann wird alles schwarz.

Wenn Leif in seinen späteren Lebensjahren an dieses Erlebnis zurückdachte, dann schossen ihm wieder die ganzen Fragen durch den Kopf, die ihn schon damals so umgetrieben hatten. Es war sein Leben lang so gewesen, als ob jede Antwort zwei neue Fragen gebiert. Aber: Die Fragen machten ihn nicht mehr länger so unruhig und so unglücklich.

Am Tag nach der Begegnung mit dem Nöck wurde er auf dem Steg seines Dorfes wieder wach. Und er war nicht nur nicht ertrunken, er war nicht nur völlig unversehrt, sondern er fühlte sich gesund und kräftig. Alle seine Narben waren verschwunden.

Er erzählte allen im Dorf von seiner Begegnung und malte Bilder vom Nöck auf Pergament. Und er wurde der Erste seiner Sippe, sogar seines Stammes, der am Hof des Jarls schreiben und lesen lernte. Nur, um seine Geschichte für Andere zu erhalten.

Als er schon ein alter Mann war und die Söhne seiner Kinder auf ihre erste Fahrt gingen, um ein Geschenk für den Nöck zu werden, da verabschiedete er sich von seiner Frau an deren Grab und holte den kleinen Nachen von damals wieder heraus.

Um ein letztes Mal hinaus zu fahren ins Ungewisse.

Um dem Nöck noch einmal in die tiefschwarzen Augen zu schauen.

Um noch ein letztes Mal nach Antworten zu fischen.