Noch fünf Minuten

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Frau Doktor Pamuk hat ihre Praxis vor vier Jahren geöffnet. Ihr erster Patient war Max Hengstler. Und ihr regelmäßigster Patient. Und der mit den meisten verschiedenen, vermuteten Krankheitsbildern auch!

Leider ist er von uns gegangen. Wir gedenken heute mit dieser satirischen Sendung dem großartigen Max Hengstler, auf seine Art ein kreatives Genie.


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Download der Sendung hier.

Background: „Elevator Bossanova“ von Bensound

Musiktitel: „Hypochondria“ von Kane Strang

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Erzähler: Frau Doktor Pamuk ist eine engagierte Ärztin, die seit vier Jahren eine Praxis für Allgemeinmedizin betreibt. Ihr allererster Schein war Max Hengstler. Der ist eingebildeter Hypochonder und seit Praxisgründung sehr, sehr regelmäßiger Gast. Darum sagt die Sprechstundenhilfe nur knapp: „Das war’s. Und der Hengstler noch, natürlich.“

P: Na gut, wat mutt, dat mutt. Schick‘ ihn ‚rein, Petra!

M: Hallo, Frau Doktor!

P: Guten Abend, Herr Hengstler. Einen Moment Geduld bitte, es dauert ein bisschen, bis der Rechner ihre Karteikarte geladen hat. Sind schon ein paar Gigabyte geworden mittlerweile.

M: Kein Problem, Frau Doktor. Ich hab‘ ja Zeit. Hab‘ ja eh‘ schon zwei Stunden im Wartezimmer gesessen, da kommt’s auf ein paar Minuten nicht an.

P: Ja, es gab einige dringende Fälle heute.

M: Frau Doktor, ich hab‘ mir da ‚was überlegt, da wollte ich einmal mit Ihnen drüber reden …

P: Haben Sie endlich beschlossen, doch vielleicht den Therapeuten zu besuchen, den ich Ihnen rausgesucht habe?

M: Nein, nein, nein, das meine ich nicht. Was ich meine ist, na ja … nachdem wir uns ja so regelmäßig sehen … Würde es Ihnen viel ausmachen, mich vielleicht ‚Max‘ zu nennen?

P: Wie bitte?

M: Ja, weil wir uns so gut kennen, dachte ich.

P: (Stöhnt) Von mir aus, Herr Hengstler.

M: Max! Und wie soll ich Sie ansprechen?

P: ‚Frau Doktor Pamuk‘ wäre mir am liebsten.

M: Ah. O.k. Gut.

(Pause)

P: So, da wäre die Akte ja! Endlich. Was haben wir denn heute, Herr Hengstler?

M: Max! Ich bin heute beim Duschen ausgerutscht und hingefallen. Als ich mich nach der Seife gebückt habe. Gott sei Dank bin ich nicht im Gefängnis, denn das mit der Seife passiert mir regelmäßig … (Lacht nervös)

(Pause)

P: Und jetzt soll ich Ihnen eine Duschmittel statt der Seife verschreiben, oder was?

M: Nein, nein, nein! Aber: Gute Idee. Warten Sie, das muss ich mir gleich aufschreiben …

P: Können Sie sich das bitte später aufschreiben, Herr Hengstler?

M: Max! Ja, klar, klar, klar. Kein Problem!

P: Wie geht’s denn Ihrem Hautausschlag?

M: Hautausschlag?

P: Wegen dem Sie am Donnerstag da waren? Donnerstag Vormittag, meine ich.

M: Dem geht’s gut, Frau Doktor. Oder eigentlich geht’s ihm schlecht, aber mir geht’s gut. Die Tabletten, die Sie mir verschrieben haben, haben sofort geholfen. Wie hießen die noch einmal?

P: Placebo forte. Die ich Ihnen immer verschreibe.

M: Ja, genau. Vielen Dank dafür, noch einmal!

P: Und was gibt’s heute für Beschwerden?

M: Keine, Ihre Behandlung wirkt immer Wunder bei mir, Frau Doktor!

P: Ich meine, haben Sie irgendwelche Symptome, Herr Hengstler?

M: Max. Na ja, seit dem ich da also ausgerutscht bin, in der Dusche, wegen der Seife halt – seitdem habe ich heftige Kopfschmerzen!

P: So so so. Na ja, da müssen wir wohl ein Röntgenbild machen lassen. Zur Sicherheit. Ich maile den Kollegen schnell diese Überweisung – Moment – Sie gehen dann runter in die Radiologie – den Weg kennen Sie ja – und kommen mit dem Bild wieder zu mir, okay? Sie sind mein letzter Patient, also kommen Sie auch gleich an die Reihe.

M: Gut, vielen Dank! Bis gleich dann, Frau Doktor Pamuk!

Erzähler: Wir sehen Herrn Hengstler – ich meine ‚Max‘ – die Praxis verlassen und stellen uns vor, dass eine halbe Stunde vergeht. Dann klopft es wieder an die Tür.

P: Herein!

M: Ich bin es wieder, Frau Doktor.
P: Ah ja! Moment, der Rechner holt sich gerade die Bilder vom Server!

M: Die sind nett, in der radiologischen Praxis, gell?

P: Sind die nett zu Ihnen?

M: Sehr nett! Ich habe einen Prosecco bekommen! Und Schnittchen!

P: Na ja, die haben auch gerade an Ihnen vierhundert Euro verdient, Herr Hengstler!

M: Max!

(Pause)

P: (pfeift)

M: Was ist, Frau Doktor? Was sehen Sie?

P: Huiuiuiui…

M: Was bedeutet das?

P: Das bedeutet: Dieses Mal wird Ihnen Placebo forte nicht wirklich helfen, Herr Hengstler!

M: Max. Äh, Wieso nicht, Frau Doktor?

P: Weil es dieses Mal ‚was Ernstes ist!

M: Wie ernst?

P: Sehr ernst!

M: Wieso? Was habe ich, Frau Doktor? Ist es doch die Pest, wie ich immer vermutet habe?

P: Nein, es ist nicht die Pest, Herr Hengstler!

M: Max. Puh, na das ist aber eine Erleichterung!

P: Auch nicht die Pocken oder die Schwindsucht oder Gebärmutterkrebs – das hatten wir ja auch schon einmal alles ausgeschlossen!

M: Hatten wir? Egal! Trotzdem gut, dass zu wissen. Aber das sind doch alles gute Nachrichten, Frau Doktor?

P: Sie haben einen echten Gehirntumor, Herr Hengstler!

M: Max. Oh. Das ist schlimm, oder?

P: Ja, das kann man sagen.

M: Kann man den operieren?

P: Ihr Gehirntumor ist riesengroß. Ich würde sagen: Ungefähr die Größe von fünf Golfbällen. Nein, das reicht nicht. Hm? Drei Tennisbälle? Nein, das ist auch nicht genug. Wie groß ist denn ungefähr ein Bowlingball? Wissen Sie das?

M: Der Tumor ist so groß wie eine Bowlingkugel?

P: (nachdenklich) Die sagen, glaube ich, Ball, die Bowler …

M: Ja, ist da denn noch Platz für mein Gehirn?

P: (abgelenkt) Hm? Ach so. Schon gut, ich erkläre es Ihnen anders: Ihr Tumor ist riesengroß. Terminal!

M: Terminal?

P: Tödlich. So wie in: ‚Kann man absolut nichts mehr machen‘-groß!

M: Wie bitte?

P: Sie sind sehr, sehr krank, Herr Hengstler.

M: Ich hab’s doch immer gewusst! Hah! Da wird meine Frau sich aber ärgern! Die hat mich immer für einen Hypochonder gehalten.

P: (Sarkastisch) Nein? Im Ernst?

M: Aber, aber … Dann muss ich bald sterben?

P: Wir alle müssen sterben, Herr Hengstler. Sie nur ein bisschen balder.

M: Wie bald? Wie viel Zeit bleibt mir noch?

P: Hm. Warten Sie kurz. Also bei der Größe des Tumors … und bei Ihrer Konstitution … ich würde sagen: fünf Minuten – max!

Erzähler (flüstert): Es wird sehr still in der Praxis. Im Wartezimmer blättert jemand in der „Frau im Spiegel“. Man kann das hören!

M: Ha! Sie haben mich Max genannt!

P: Ich meinte „maximal“, Herr Hengstler. Fünf Minuten maximal.

M: Aber fünf Minuten – das ist ja gar nichts! Da kann man ja überhaupt nichts damit anfangen! Kann man das nicht mit Tabletten verlangsamen?

P: Tja, vielleicht. Aber bis Sie zur Apotheke kommen …

M: Oder eine Not-OP. Sie. Hier. Mit dem Skalpell. Schnell!

P: Ich bin Internistin, nicht Hirnchirurgin. Tut mir leid, Herr Hengstler.

M: (ungeduldig) Max! Aber in fünf Minuten! Da kriege ich ja nicht ‚mal mehr einen ordentlichen Haarschnitt! Und da kriege ich nichts mehr von meiner Bucket List erledigt! Wo hab‘ ich sie nur gleich …

P: Bucket List?

M: Ja, die Liste der Dinge, die ich noch erledigen will, bevor ich sterbe. Ich meine, das ist so unfair! Ich bin ja noch eine männliche Jungfrau, ein Jungmann, ein Junker, Sie wissen, was ich meine!

P: Laut der Karteikarte sind sie verheiratet. Mit einer Frau, Herr Hengstler!

M: (aggressiv) Max! Was hat denn meine Frau damit zu tun! Die ist keine Jungfrau mehr, das kann ich Ihnen aber sagen, so viel ist sicher! Ah, hier ist ja meine Liste!

P: Wow, die ist ja locker zwei Meter lang!

M: Also, also … Was kann man in fünf Minuten …

P: Eher zwei, würde ich sagen.

M: Was? Also in zwei Minuten … Nummer eins: Sex haben!

Erzähler: Max Hengstler blickt zu Frau Doktor Pamuk. Die schüttelt stumm den Kopf.

M: Nummer zwei: Bungee-Jumpen. Das ist eh‘ eine blöde Idee – das wollte ich ja nur wegen meiner Höhenangst. Das ist ja jetzt wurst. Was noch? Kunstgeschichte studieren. Dazu reicht die Zeit sicher nicht mehr. Sich richtig vollaufen lassen. Oh, Mann – selbst das krieg‘ ich nicht mehr hin. Was noch? Nicht sterben. Haha. Sehr witzig – manchmal war ich schon witzig, oder?

P: Das weiß ich nicht, Herr Hengstler…

M: Max! Verdammt noch einmal: Max! Ich verbringe hier die letzten Minuten meines Lebens mit Ihnen! Könnten Sie nicht wenigstens so TUN, als würden Sie mich kennen? Ich meine, ich bin hier wahrscheinlich 2000 Mal gewesen – Sie kennen mich und meinen Körper besser als meine Frau! Soviel ist auf jeden Fall sicher! Ist es da zuviel verlangt, mich Max zu nennen? Statt „Herr Hengstler“? Das sind doch nur Buchstaben! Ich meine – ich habe nur noch zwei Minuten, verdammte Scheiße!

P: Eher nur noch eine … Max!

M: Na danke! Endlich! Also, was ist noch auf der Liste? Mein Gott, mein Gott, mein Gott: Ah, da hab ich’s: Eine echte Frau küssen! Darf ich Sie küssen, Frau Doktor Pamuk?

P: Das kommt überhaupt nicht in Frage, Herr Hengstler!

M: Max! Verdammt noch einmal: Max! Das ist mein letzter Wunsch! In den letzten Sekunden meines Lebens.

P: Also … Na gut. Wenn es UNBEDINGT sein muss … Max. Aber ohne Zunge!

Erzähler: Frau Doktor Pamuk quetscht die Augen zu und spitzt ihre Lippen extraspitz. Max Hengstler wankt auf sie zu. Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte … und fällt tot um.

P: Hoppla! Puh! Na, das ist ja gerade noch einmal gut gegangen!


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