Nell Shipman


Die frühen Tage des Films waren eigentlich eher wilder Westen als geplante Entwicklung.

Was aber wenige wissen: Das gab auch einigen Frauen, die Möglichkeit, das Medium mitzuprägen.

Eine dieser vergessenen Heldinnen ist Nell Shipman gewesen, die sich mit vollem Recht Drehbuchschreiberin, Regisseurin, Produzentin, Hauptdarstellerin und Tier-Trainerin in ihren Filmen nennen durfte.


Download der Episode hier.
Musik: Chase that Comic von Jay Mann
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


 

Skript zur Sendung


Ein erstaunlicher und wenig bekannter Fakt aus der Frühzeit des Films ist, dass Frauen da eine viel wichtigere und einflussreichere Rolle gespielt haben, als man vermuten mag.

Nicht nur waren die Leading Ladies für den Erfolg eines Studios entscheidender als die Leading Men, denn für die Ladies gingen beide Geschlechter gern ins Kino. So jemand wie Rudolpho Valentino aber lockte vor allem nur die Frauen…

In den Stummfilmtagen gab es um jedes größere Studio sogar eine ganze Reihe von Frauen, die unabhängig Filme produzierten. Deren Namen sagen heute den Meisten gar nichts mehr.

Das waren Anita Loos und Marion Fairfax für die Paramount, June Mathis und Frances Marion für die Metro Goldwyn Meyer, Beta Breuil und Helen Gardner bei der Vitagraph und, die bekannteste Mary Pickford für die United Artists. Die meisten Frauen gab es aber bei Universal, die regelmäßig Schecks an Lois Weber, Ruth Ann Baldwin, Grace Cunard, Cleo Madison und Ruth Stonehouse schickte.

Klar, die Namen vergesst ihr gleich wieder, aber sie sollten wenigsten einmal gesagt werden.

Die meisten dieser unabhängigen Filmemacherinnen hatten sich damals auf Filme mit einer spezifischen sozialen Botschaft spezialisiert oder einfach auf das hoch beliebte Genre der Kostümfilme.

Die Spezialität von Nell Shipman waren aber Abenteuerspielfilme in der freien Natur. Ihr eigenes Genre. Selbst erfunden und selber erlebt. Vor allem letzteres.

Aber fangen wir vorne an, wie es sich gehört. Nell Shipman stammt aus Kanada und war ganze 20 Jahre alt, als sie in Kalifornien ankam. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon einigen Erfolg als Drehbuchschreiberin, sie hatte bei einem Wettbewerb nicht nur den ersten, sondern auch gleich den zweiten Platz ergattert.

Da musste doch was möglich sein, in diesem Hollywood!

Wobei das vielleicht das falsche Bild vermittelt. Hollywood war nicht das, was wir uns heute darunter vorstellen. Nicht einmal Los Angeles war das, was wir heute kennen.

Die Filmemacher waren aus New York geflohen und hatten sich in verschiedenen Vororten der Stadt niedergelassen. Das hatte zwei Gründe: Zum einen drehte man damals nicht in durchgestalteten Studios, sondern in der Regel einfach draussen. Scheinwerfer hatten einfach noch nicht die Leistung wie heute und verlässlicher Sonnenschein war ausgesprochen wichtig.

Und zum anderen floh man vor den Patentrechten von Thomas Alva Edison. Der hatte es geschafft, sich die Technik der Gebrüder Lumiere in den USA patentieren zu lassen. Mit der Motion Picture Patents Company hatte er ein mächtiges Oligopol geschaffen, um an jeder Filmproduktion mitzuverdienen.

Und die Wahl der Mittel war dabei auf der Skala nach unten eher offen. Natürlich überschüttete man unabhängige Filmemacher mit Klagen und Abmahnungen. Aber gerne schickte man auch einmal Schlägertrupps vorbei, um Kameras und Beleuchtung zu demolieren.

Also flohen die Unabhängigen nach Kalifornien. Oder sonstwo hin. In den frühen 10er-Jahren war die Filmindustrie weit über’s Land verstreut. Die Mandarin Film Company saß in San Francisco, Alice Guy Blaché’s Solax Company in New Jersey und Oscar Michaux und Selig hatten sich in Chicago nieder gelassen.

Erst langsam setzte sich Los Angeles durch. Aber ob jetzt Burbank, Pasadena oder Glendale das Rennen machen würde, das war noch nicht ausgewürfelt. Alles menschenleere Vororte von Los Angeles, wo man seine Baracken günstig aufstellen konnte.

So sah also die kleine Filmindustrie aus, als eine gut aussehende kleine Kanadierin begann, ihre Karriere zu verfolgen. Und das ging recht schnell.

Nells erster großer Erfolg hieß „God’s Country and the Women“ aus dem Jahre 1916. Ihr erster abendfüllender Film. Den hatte man am Big Bear Lake, im Big Bear Valley und im San Bernardino National Forest gedreht, denn es handelte sich im weitesten Sinne um einen Naturfilm.

Das erkennt man aus der Beschreibung der Handlung nicht, die da lautet: „Der faule und lebenslustige jüngere Bruder eines kanadischen Sägewerk-Magnaten gerät unter falschem Namen in ein abgelegenes Holzfäller-Camp und verliebt sich dort in die resolute, aber insgeheim für seinen Charme empfängliche Besitzerin der Konkurrenzfirma.“

Viele der Aufnahmen zeigen aber einfach unsere Nell in der freien Natur. Mit Tieren. Denn Tiere, das war ihr Ding. Wie gesagt, ein großer Erfolg 1916, bloß für sie selber blieb nicht gerade viel Geld hängen. Vielleicht, so ihre Theorie, weil sie James Oliver Curwood verärgert hatte.

Der war ein damals sehr erfolgreicher Autor, der eine ganze Literaturgattung erfunden hatte, den sogenannten „Northern“. Das ist im Prinzip so etwas wie ein Western, bloß bei schlechtem Wetter. Oder, literarischer ausgedrückt: Dessen wichtigstes Motiv ist die unberührte Natur und ihre Gewalt über den Menschen.

Er war ein rechter Vielschreiber und in der damaligen Zeit sehr populär. So eine Art Jack London in der Light-Version. Dieser war gerade wahrscheinlich der erfolgreichste Schriftsteller der Welt, lieferte aber im Gegensatz zu Curwood nicht genug Nachschub.

Das Curwood und Nell Shipman nicht miteinander auskamen, ist eine traurige Angelegenheit, denn eigentlich waren die Stoffe des Vielschreibers wie gemacht für das, was sich Nell so an filmischer Arbeit vorstellen konnte.

Weil sich der Erfolg von „God’s Country and the Women“ nicht auf ihrem Konto widerspiegelte, gründete die junge Frau einfach auf die Schnelle ihre eigene Film-Company.

Ihr nächstes Werk wurde in Lake Tahoe geschossen und hieß „The Melody of Love“, eher ein Flöppchen…

Doch schon 1919 nahm sie die Erfolgsspur wieder auf und hatte den nächsten großen Film mit „God’s Country“ im Titel. Der verkaufte sich ganz hübsch, aber der bedeutenden Zeitschrift „Moving Picture World“ fiel damals in der Rezension nicht viel Positives ein. Außer: Noch nie wurde ein Film so weit im Norden gedreht. Und das bedeutet 1919 in Alberta, Kanada.

Zwei Jahre später setzte die Frau hinter dem Megaphon – denn so funktionierte in Zeiten des Stummfilms Regie – noch einmal alles auf eine Karte und produzierte „“The Girl from God’s Country“ – am Titel könnt ihr das Schema erkennen…

Doch dieses Mal hatte sie sich ein zu großes Stück vom Kuchen abgeschnitten. Die Handlung war eigentlich: Mutter Natur gegen Nell Shipman. Und Mutter Natur ließ sich nicht lumpen und versuchte ihr Glück mit Feuer und Erdbeben und viel, viel Schnee. Doch natürlich überlebt unsere Heldin. Mit ihren Tieren.

Die Kosten für dieses Abenteuer ruinierten ihre Firma. Der Co-Regisseur und Geliebter, Bert Van Tuyle, fror sich alle Zehen an einem Fuß ab und der Hauptdarsteller fing sich beim Dreh eine Lungenentzündung ein und verstarb noch vor der Premiere.

Man kann also durchaus behaupten, dass Filmemachen damals ein echtes Abenteuer war. Es gab ja nicht nur keine Computer, um Naturkatastrophen wie bei Roland Emmerich getimt und schön ins Bild zu setzen, es gab im Prinzip keinerlei special effects. What you see is what you get.

Wenn im Film die Erde bebt, dann hatte sie das in echt getan. Und wenn die Hütte brennt, dann hatte man die Hütte eben angezündet. Damit sie brennt. Logisch!

Nells finanzielle Reserven waren erschöpft. Das bedeutete für sie, dass sie umziehen musste mit ihrer Firma. Und mit Kind und Kegel. In die Natur, wo das Leben billiger war. Genau genommen nach Upper Priest Lake in Idaho.

Mit ihr mussten auch ihre Tiere umziehen. Denn als Tier-Rechts-Aktivistin hatte sie ihr Leben lang jedes Tier in Not ohne Umschweife adoptiert. Also musste auch Platz geschaffen werden für ihre stattliche tierische Entourage. Die bestand aus mehreren Bären, Bibern, Pumas, Kojoten, Elchen, Hirschen, Adlern, Murmeltieren, Bisamratten, Stachelschweinen, Hasen, Kaninchen, Waschbären, Stinktieren, Wölfen und über 200 Katzen und Hunde.

Zehn Gebäude musste alleine für ihren tierischen Anhang gebaut werden.

Ihr größter Erfolg sollte aber noch kommen. Ihr ahnt vielleicht schon ungefähr den Titel. Klar „God’s Country“ muss darin vorkommen. Und „Back to“ auch. The Girl from God’s Country war also wieder back in selbigem.

Dieses Mal nahm sie sich bei der Romanvorlage von Curwood jede nur erdenkliche Freiheit heraus. Zum ersten war der Held kein groß gewachsener Mann mit dänischen Wurzeln, sondern eine Frau mit langen schwarzen Locken, eben Nell Shipman.

Und zum anderen war der weibliche Part damit auch der heldenhaftere – sie rettet ihren Mann aus eine lebensbedrohlichen Situation und eben nicht umgekehrt.

Und dann wurden im Prinzip alle anderen Parts durch ihren kleinen Privatzoo ersetzt. Die Tiere spielten Helden, Bösewichter oder einfach Comic Relief zwischen zwei Szenen.

In einer Szene nimmt sie z.B. nackt ein Bad und ein Bösewicht versucht sich anzuschleichen. Und zack – aus dem Unterholz bricht ein riesiger Bär und verjagt den Perversen.

Aber erzählen wir die Handlung lieber genauer:

In den Wäldern des wunderschönen Kanadas, also in God’s Country, lebt die wunderschöne Dolores LeBeau mit ihrem alten Vater. Sie lebt im Einklang mit der Natur – daher die Nacktbadeszene – und kann praktisch mit den Tieren kommunizieren.

Dann verliebt sich aber der weibliche Tarzan aber, Romantik muss ja sein, in Peter. Der arbeitet irgendwie für die kanadische Regierung, aber ist auch ein Schriftsteller. Ist ein bisschen verwirrend.

Aber natürlich gibt es einen Bösewicht, der heißt Rydal. Richtig echt böse. Nach der Geschichte mit dem Bären heckt er einen anderen Plan aus und verkleidet sich als Mountie, also als einer dieser berittenen kanadischen Polizisten.

Er bricht in die Hütte ein, tötet den Vater und versucht Dolores zu vergewaltigen. Aber ihr und Peter gelingt die Flucht.

Weil es dann im echten Leben Winter wurde, geht die Geschichte dann im Film plötzlich in der Arktis weiter. Peter und Dolores haben geheiratet und verbringen ihre Flitterwochen aus irgend einem kaum erklärbaren Grund mit einer Reise in die Arktis.

Doch wer ist Kapitän des Walfängers mit dem sie reisen? Niemand anders als der üble Rydal, der es immer noch auch Dolores abgesehen hat. Sie kann sich aber einigermaßen wehren, bevor das Schiff fest friert und sie und Peter mit einem Hundeschlitten fliehen.

Rydal verfolgt sie, auch auf einem Hundeschlitten, hat aber den Nachteil zu verbuchen, dass er ein Bösewicht ist. Und seine Hunde schlecht behandelt. Dolores hatte sich schon an Bord mit Wapi befreundet, so heißt einer der Hunde, der dann mit ihr die Hunde von Rydals Schlitten anfällt.

Rydal erfriert dann in einem Eisloch und Peter und Dolores kehren zurück nach God’s Country. Nach Kanada. Wo alle Tiere lieb und zufrieden sind.

Schön, oder?

Man muss nicht erwähnen, dass Herr James Curwood nicht angetan war, was mit seinem Buch da passiert ist. Aber die reichlich fließenden Tantiemen beruhigten den cholerischen Autor dann doch etwas.

Der Film hatte, vor ca. 100 Jahren, in der Produktion 67.000 Dollar gekostet und spielte die damals unglaubliche Summe von 1,5 Millionen ein. Das sind, inflationsangepasst, 20 Millionen Dollar und schon sehr beeindruckend für eine Zeit, in der es gerade einmal über 100 Kinos gab.

Kritiker bemängeln, dass der Erfolg nicht an den schönen Naturaufnahmen liegt und auch nicht an der wirren Handlung, sondern nur der Tatsache geschuldet ist, dass die Miss Shipman da nackt zu sehen ist. Was für die damalige Zeit eine ziemliche Sensation ist.

Da könnte auch etwas dran sein, zeigten doch auch alle Werbeplakate eine Zeichnung der nackten Nell, umgeben von ihren Tieren. Dass da im Werbetext steht: „Mit 16 echten wilden Tieren“ kann aber über die nackte Haut kaum hinweg täuschen.

Back to God’s Country sollte für viele Jahrzehnte der erfolgreichste kanadische Spielfilm bleiben. Allerdings half das Nell nicht mehr viel. Bald waren die wilden Tage Hollywoods vorbei, in denen sich unabhängige Frauen als Regisseurin, Drebuchschreiberin, Produzentin und Hauptdarstellerin in einer Person austoben konnten.

Schon 1925 standen die Vollstrecker auf ihrer Ranch, um alles zu pfänden, was nicht niet- und nagelfest ist. Nachdem sich nach dem Konkurs niemand um die Tier kümmerte, begannen diese in ihren Käfigen zu verhungern. Eine Bank ohne Herz! Wen überrascht es… Bis sich der Zoo von San Diego erbarmte und die überlebenden Tiere aufnahm.

Nell begann später in ihrem Leben wieder mit dem Drehbuchschreiben. Das bekannteste könnte dabei „Wings in the Dark“ sein, mit Myrna Loy und Deinem Cary Grant von gestern. Handelt von einer Stuntpilotin und ihrem blinden Erfinder-Freund. Klingt sehr nach unserer Nell, oder?