Nationalhymnengemetzel


Jetzt geht also wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft los. Und vor jedem Spiel stehen dann die Fußballer da und müssen ihre Nationalhymne über sich ergehen lassen.

Mittlerweile, wo der Nationalismus wieder an Saft und Kraft gewinnt, wird ja auch erwartet, dass sie den Text können und brav mitsingen. Sonst rügt der Moderator.

Dabei sind diese Hymnen meistens nicht nur musikalisch völlig trivial, sondern die Texte sind wirklich eiternde, schleimige Blut- und Fahnenerotik.

In Stichproben durchforsten wir heute alle Kontinente, bis wir letzten Endes eine Hymne gefunden haben, die nicht sofort Würgereiz erregt. Nein, nicht die deutsche – die Frage war jetzt ironisch, oder?


Download der Episode hier.
Musik: Heute inklusive!


Skript zur Sendung

Rund um uns herum und in unserer Mitte erstarkt der Nationalismus. America first, Rossiya pervaya, Vivé la France, Great-Brexit rules the waves und Deutschland über alles.

Es ist zum Heulen, wie dieser Unsinn aus dem 19ten Jahrhundert immer noch in den Köpfen der Leute rumspukt. Da kann man noch so viel schimpfen und viel schreiben, reden oder meinetwegen darüber malen, tanzen oder Cartoons zeichnen – hilft alles nichts.

Schauen wir uns doch stattdessen einfach einmal an, wie Nationen sich so selber darstellen. Und ob die uns mit ihrem selbst gewählten Profilbild noch sympathisch sind. Nach der Profilmusik sozusagen…

Seit der Nationalismus sein fremdenfeindliches Haupt erhob, gehörte es zum guten Ton, dass eine Nation eine Nationalhymne zu haben hat! Irgendwas muss ja die Blaskapelle spielen, wenn wieder einmal Weltmeisterschaft ist oder eine Olympiade.

Und es gehört mittlerweile wieder zum guten Ton, dass man als Sportler ergriffen zu sein hat, wenn man das hört. Dabei ist die Musik meistens höchsten mittelmäßíg und der Text immer schrecklich. Buchstäblich eine Hymne grausiger als die andere.

Ich werde das heute mal ein wenig dokumentieren. In zufälligen Stichproben quer über alle Kontinente.

Fangen wir mit Afrika an: (Clip)

Diese entzückende Melodei ist die sogenannten Kassaman. Das ist Arabisch und heißt: „Wir geloben!“ Sie stammt aus dem Jahr 1963.

Kleiner Textauszug, Strophe 2 und 5:

Oh Frankreich, die Zeit der Unterdrückung ist vorüber
Wir schlossen sie wie ein Buch.
Oh Frankreich, die Zeit der Abrechnung ist gekommen
So bereite dich auf unsere Antwort vor!
Mit unserer Revolution endet das leere Geschwätz
Und wir beschlossen, dass Algerien leben soll –
So sollt ihr bezeugen! So sollt ihr bezeugen! So sollt ihr bezeugen!

Der Ruf des Vaterlandes ertönt von den Schlachtfeldern
Erhöre ihn und folge seinem Ruf!
Lass es mit dem Blut der Märtyrer schreiben!
Und sei bereit für zukünftige Generationen
Oh Ruhm, wir strecken dir unsere Hand entgegen
Und wir beschlossen, dass Algerien leben soll –
So sollt ihr bezeugen! So sollt ihr bezeugen! So sollt ihr bezeugen!

Der Text stammt von Mufdi Zakariah, die Musik komponierte der Ägypter Mohamed Fawzi. So singt man in Algerien also. Soll ich jetzt irgendwas mit dem Blut der Märtyrer schreiben oder einem Ruf folgen. Oder den Ruf schreiben – verwirrend…
So so la la…

Zum zweiten Kontinent: (Clip)

Das war schon alles? Das ist ja eine gute Nachricht! Klar: Das übliche militärische Gedöns, ein Kinderchor und – zack – nach nicht einmal einer Minute ist Schluss!

Das macht diese Hymne, die Bayamesa, sofort zu meiner momentanen Lieblingshymne.

Der Text ist:

Auf zum Kampf, eilt herbei, Bayamesen,
denn das Vaterland sieht Euch mit Stolz,
fürchtet nicht einen ruhmreichen Tod,
denn für das Vaterland zu sterben, heißt leben.

Ein Leben in Ketten ist ein Leben
inmitten von Schimpf und Schande.
Höret den Klang der Trompete,
auf zu den Waffen, ihr Tapferen, lauft!

Klar, Trompeten, Vaterland, ruhmreicher Tod – der alte Scheiss. Und für’s Vaterland sterben heißt „leben“ – das glaubte ha wohl schon 1868 keiner, oder?
Da hat nämlich Pedro Figueredo das gedichtet und komponiert.

Liebe Singende dieser Strophen: Ich weiß, in eurer Hymne kriegen die Spanier ordentlich auf die Mütze. Darum hört ihr das vielleicht nicht gerne.

Aber: Nehmt euch ein Beispiel an Spanien! DIE haben für ihre Hymne gar keinen Text! Das tut dann gleich viel weniger weh als euer Liedchen.

Aber, weil der Schmerz so kurz ist, kann man sagen: Danke, Kuba!

Auf zum nächsten Kontient in unserer Blut- und Grusel-Show: (Clip)

Oh. Das ist jetzt ein bisschen blöd. Weil, da krieg‘ ich ja schon ein bisschen so Dings… so Emotionen. Ich muss gestehen, die Marseillaise, die hat ‚was.

In „Casablanca“ gibt es diese Stelle, wo die Nazis in Rick’s Café die „Wacht am Rhein“ anstimmen, bis alle im Café sie mit der Marseillaise übertönen! Gänsehaut!

Das wäre musikalisch eigentlich meine Nummer eins. Allerdings muss man sagen, dass in der Version, die wir gerade gehört haben, schon deutlich der Schmiss fehlt. Das war übrigens das französische Parlament, dass seine Hymne da lieblos runtergeleiert hat.

Zu folgendem Text:

Auf, Kinder des Vaterlandes,
Der Tag des Ruhmes ist gekommen!
Gegen uns ist der Tyrannei
Blutiges Banner erhoben.
Hört ihr auf den Feldern
Diese wilden Soldaten brüllen?
Sie kommen bis in eure Arme,
Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen durchzuschneiden.

Zu den Waffen, Bürger,
Formiert eure Truppen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Unreines Blut
Tränke unsere Furchen!

Tja, tut mir leid, Frankreich… So toll der Sound ist, so scheiße sind dann die Lyrics. Ist mehr so Trash-Goth-Metal rein textlich. Tut mir leid, Claude Joseph Rouget de Lisle.

Danke, Frankreich, dass ihr die Menschenrechte in die Politik gebracht habt. Aber, unter uns, mit eurem blutigen Gereime 1792 fing der ganze Hymnen-Scheiß erst so richtig an, völlig aus dem Ruder zu laufen. Ein Wettrüsten der Komponisten begann…

Machen wir also weiter. Wir hatten bereits Afrika und Amerika und Europa. Vielleicht wird’s ja in Asien ein bisschen besser? (Clip)

Na ja, das ist wenigsten nett in Szene gesetzt. Klingt wie so eine Mischung aus Achtziger-Jahre-Schlager und schlechtem Musical. Könnte der Song von einer Lokomotive in „Starlight Express“ sein. Oder aus dem „Phantom der Oper“. Die Szene, wo das Phantom die Weisheitszähne gezogen bekommt vielleicht.

Aber die Lyrics wieder! Also, wirklich, das kann man doch so nicht schreiben!

Ein Auszug:

Truppen Vietnams marschieren,
um vereint die Nation zu retten.
Die Schritte auf einem weiten, unwegsamen Pfad.
Die in Blut getränkte Flagge für die Nation.
Die weiten Waffen mischen sich mit dem Lied der Truppen.
Der große Sieg führt über die feindliche Toten.
Mit dem mühevollen Sieg werden Kampfgebiete geschaffen.
Ein unermüdlicher Kampf für das Volk.
Zügig zum Schlachtfeld.
Vorrücken, zusammen vorrücken!
Möge unser junges Vietnam alles überstehen.

Dieses Lied hat sich noch der alte Ho Tschi Minh selber ausgesucht, 1946 und die Vietnamesen kriegen es einfach nicht mehr los!

Die finden das selber so schrecklich, dass das Parlament 1981 beschlossen hat, die Hymne zu ändern. Es wurde ein landesweiter Wettbewerb ausgerufen, aber keine neue Hymne gefunden.

Wirklich? Im Ernst?
Ihr habt nichts gefunden?
Blut getränkte Flagge, feindliche Tote und „Zügig zum Schlachtfeld“?

Also, ich hätte da schon eine Idee: (Clip)

Also, finde ich persönlich um Welten besser. Den Text kann wirklich jeder Sportler in… in… ein paar Monaten lernen und „Say Hello“ wäre ‚mal eine echt positive, andere, neue Message in so einer Hymne!

Und das beste: Nur 30 Sekunden! Überlegt euch das ‚mal, ihr Vietnamesen!
Ich schenke euch die Idee! Die Teletubbies müßt ihr aber selber fragen!

Aber wir sind mit den Kontinenten noch nicht durch. Afrika, Amerika, Europa, Asien – das geht ganz schön schnell. Da fällt mir auf: Amerika ist ja zwei Kontinente.

Und mit Kuba haben wir erst Nordamerika im Wettbewerb. Wir müssen uns aber noch Südamerika anschauen.

Na dann… kann ja nach Frankreich nicht mehr viel schlimmer werden: (Clip)

Also, ich blende hier einmal aus. Ich finde ja, musikalisch hat das durchaus sehr interessant angefangen. Gut gemacht, Herr Blas Parera. Da haben Sie 1813 irgendwie Verdi schon vorausgeahnt, der im gleichen Jahr ja erst geboren wurde.

Aber es ist halt schon seeeehr zäh. Muss man deutlich sagen. Ganz ausgespielt dauert das über sieben Minuten. Das hat ja auch das Parlament eingesehen und die Hymne 1924 gekürzt. Auf die erste von neun Strophen und den Refrain.

Gute Entscheidung, es schleppt sich dann schon etwas seeehr lange hin.
Und der Text… na ja… Das Übliche:

Hört, ihr Sterblichen! Den geheiligten Ruf:
Freiheit, Freiheit, Freiheit!
Hört den Lärm gesprengter Ketten:
Seht auf dem Thron die edle Gleichheit.

Schon zeigten ihren würdevollen Thron
die vereinigten Provinzen des Südens!
Und die Freien der Welt antworten:
Heil dem großen argentinischen Volk!
Und die Freien der Welt antworten:
Heil dem großen argentinischen Volk!

Refrain:

Ewig sei der Lorbeer,
den wir zu erlangen wussten.
den wir zu erlangen wussten.
Mögen wir von Ruhm gekrönt leben …

oder wir schwören ruhmreich zu sterben!
oder wir schwören ruhmreich zu sterben!
oder wir schwören ruhmreich zu sterben!

Muss man das gleich dreimal sagen, dass man plant, sich bei Erfolglosigkeit sterben zu lassen? Gibt’s da nicht diesen Werther-Effekt? Hatten wir doch ’ne Sendung drüber. Hört denn überhaupt irgendjemand hier zu…, oder was?

„Von Ruhm gekrönt leben oder sterben“.

Meine Fresse – also wenn das unsere Maxime wäre Herr Wunderlich… na ok, oder die des restlichen Planeten, dann hätten wir das Problem mit der Überbevölkerung aber sowas von im Griff.

Liebe Argentinier, nein. Ein entschiedenes Nein. Das gefällt mir nicht. Hoffentlich gewinnt ihr nicht die WM… kann man sich da ja nur wünschen! Ehrlich jetzt oder…

Also. Mir ist ja jetzt schon ein bisschen übel.
Bis jetzt ist das Gemetzel groß.
Kommt mir vor wie im Schlachthaus hier.

Die Textanalyse, Lehrstoff sechste Klasse, ist klar: Nationalismus ist Krieg und Blut und Fahnen und Stolz und Ruhm. So Zeug halt – da können wir alle mittlerweile drauf verzichten!

Es bleibt also nur noch ein Kontinent über. Aber ich bin geneigt, bereits aufzugeben. Oder darf ich eine kurze unkreative Brechpause machen, liebe Regie?

Nicht. – Na dann. Mir schwant nichts Gutes!
Was hätten wir also da so im Angebot? (Clip)

Na, das war einmal wohltuend anders! Das klang so gar nicht nach blut-getränkten Fahnen und Gemetzel und Schlachtfeldern. Eher so chilliger Hawaii-Pop.

Was natürlich an der Sprache liegt – klingt ein bisschen wie Hawaiianisch. Ich kann aber weder das eine noch das andere sprechen, also fragen wir almighty Wikipedia.

Der Text wäre also:

Oh Gott aller Menschen,
erhöre uns, liebe uns,
auf dass das Gute wachse,
damit dein Segen über uns komme,
beschütze Neuseeland.

Menschen jeden Glaubens und jeder Rasse,
Versammeln sich hier vor Deinem Angesicht,
Bitten Dich, diesen Ort zu segnen,
Gott beschütze unser freies Land
vor Zwietracht, Neid, Hass, und Korruption.
Bewache unseren Staat,
Mache unser Land gut,
Gott beschütze Neuseeland.

O.k. Ich bin überzeugt.
„Ellen sucht die Super-Hymne“ ist hiermit entschieden, der Sieger steht zweifelsfrei fest!

Das Schöne an dieser Hymne Neuseelands ist ja, dass offiziell die erste Strophe in Maori ist und die zweite Strophe in Englisch. Darum waren die auch so unterschiedlich in der Übersetzung gerade.

Mein Fazit: Nationalhymnen sind zu 83% voller Gewalt, Leichen, Blut und Krieg.
Das hat unsere voll korrekte Stichproben-Statistik über alle Kontinente hinweg glasklar nachgewiesen.

Nationalismus oder der daraus sich entwickelnde Patriotismus scheint in den Köpfen der Menschen untrennbar mit Leiden verknüpft.
Na ja, da haben sie ja wahrscheinlich auch recht.

Diese ganzen Vaterlands-Schlager können kaum verheimlichen, dass sie eigentlich Marschmusik sind. Oder, das ist der andere Dreh: Kitschoper in quietschig süß.

Die gehören alle modernisiert und angepasst! Und das am besten sehr bald…

Nun gut, hier also mein abschließendes Urteil:

Bronze für Kuba. Der Text ist zwar furchtbar, aber die Musik erträglich. Und das reicht schon, sich über die Konkurrenz zu erheben. Und dann gibt es noch hundert Punkte extra, weil der Schmerz so kurz ist.

Silber für Neuseeland. Nicht zu kitschig, nicht militärich. Blut- und gewaltfrei. Und in der Sprache der Menschen, denen man das Land weggenommen hat! Alles Pluspunkte.

Dann bliebe noch, zum Schluss:
Gold für Vietnam!
Aber natürlich nur, wenn sie meinen Vorschlag annehmen…

Das war’s dann schon. Ich würde mich so freuen, wenn jetzt bei der WM die Fussballer von Vietnam das Teletubby-Lied singen würden!

Wenn sie überhaupt mitspielen würden, meine ich. Machen sie nicht, gell?
Gut. Dann freu‘ ich mich schon auf die Olympiade!

Jetzt brauch‘ ich aber erst einmal die Telefonnummer von diesem Herrn Tschi Minh…