N/Irgendwo


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In der heutigen Sendung geht es um Leben und Tod, um Nirgendwo und Irgendwo und um eine seltsame neue Bekanntschaft aus dem Raum dazwischen. Begleitet von einem alten schwedischen Volkslied, erzählt im Schatten einer riesigen Schwarzpappel.


Download der Sendung hier.
Background: “Hårgalåten” – Schwedisches Volkslied
Musiktitel: „Somewhere, Nowhere“ von JUSTIN GOBIN / CC BY-NC-SA 3.0
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Die Geschichte zum Lesen

„Mitten im Nirgendwo“, so sagt man. Wie hier, in einem Wald mitten in Schweden, drei Tage zu Fuß von der nächsten menschlichen Ansiedlung. Das ist das Nirgendwo. Weil es da kein H&M gibt und keine Tiefkühlerbsen und kein Netflix.

Aber es gibt kein Nirgendwo. Egal, was man macht, man ist immer irgendwo. Solange man Wer ist, ist man Wo.

Aber hier war ein gutes Wo. Seit Tagen hatte mich keiner gefragt, wie es mir geht, das war eine gewisse Erholung. Einfach so mit Rucksack und einem kleinen Zelt loszuziehen, war eine tolle Sache. Schade, dass ich das nicht gemacht habe, als ich noch lebte.

Hier, mitten in Schweden, war es schon Herbst. Zuhause gehen die Leute abends noch in Biergärten, um unter möglichst vielen anderen Menschen zu sein. Hier fallen die Blätter von den Ahornbäumen und es weht ein kühler Wind von den Bergen im Westen.

In sanften Böen schüttelt er an den dickköpfigen Birken, die keinerlei Lust haben, sich von ihrem Laub zu trennen. Es ist wie ein natürliches, weißes Rauschen und seit ich hier unterwegs bin, höre ich meinen Tinnitus nicht mehr.

Ich habe alle meine Medikamente abgesetzt, Heilung gibt es nicht. Nur die Schmerzmittel nehme ich noch. Und dann habe ich noch die große, blaue Pille, wegen der ich hierher mitten ins Nirgendwo gekommen bin.

Ich habe eine Schwarzpappel gefunden, deren Umfang mindestens acht Meter beträgt, wenn nicht sogar neun. Das könnte für die Top Ten aller europäischen Schwarzpappeln reichen, wobei acht davon in Ungarn stehen.

Aber kein Mensch weiß von diesem Baum außer mir. Und ich habe aufgehört Botaniker zu sein, als der Lymphkrebs diagnostiziert wurde. Mein letzter Eintrag auf Monumentaltrees.com stammt aus dem Jahre 2017.

Vor der Schwarzpappel breite ich meine Iso-Matte aus. Mein Blick fällt auf einen der unzähligen kleinen Seen, die den Nationalpark hier ausmachen. Ich horche auf den Wind, trinke ein Schluck von dem Rotwein, den ich mir mitgenommen habe und schlucke damit die blaue Pille runter.

Ein Platz mit Bäumen, Blättern, Wind und vor allem mit Nichts. Beinahe so im Nirgendwo wie Major Tom. Wenn man von dem Geist absieht, der neben mir steht.

Keine Ahnung, wann der aufgetaucht ist, aber es muss gewesen sein, während die blaue Pille mich zum ersten Mal ausgeknockt hat.

„Blöder Platz zum Sterben“, sagt er, als er seine Form aus dem Laub und dem Staub und dem Wind bildet. Alles, was seine Gestalt beschreibt, bleibt und alles Überflüssige weht weiter.

„Kannst Du mir glauben“, ergänzt er noch und das Blattgesicht betrachtet mich neugierig.

„Blöder Platz, um tot zu sein“, sage ich.

„Touché! Was bringt jemanden wie Dich dazu, hierher zum Sterben zu kommen?“

Er schwebte auf mich zu und stand auf einmal neben meiner Isomatte. „So mitten im Nirgendwo?“

„Wir sind natürlich im Irgendwo, ein Nirgendwo gibt es nicht“, sage ich.

„Sehr philosophisch. Dann lass‘ es mich anders formulieren: Warum so weit abgelegen?“

Ich musste ein wenig lachen über die Neugier des toten Mannes. Aber es fiel mir sehr schwer. Da zerrte etwas an mir. Es war, als hätte jemand die Schwerkraft auf 5G hochgedreht.

Ich sagte leise: „Ich habe die Natur schon immer geliebt. Nicht wegen der Natur an sich, sondern, weil ich Menschen nicht leiden kann.“

„So so.“

„Es hat sich herausgestellt, dass der kleinzellige Bronchialtumor ein echter Spaßverderber ist.“

„Das ist eine Krankheit?“

„Vielleicht ist es sogar ansteckend. Oder meine Freunde glauben das, denn zu meiner Abschiedsparty ist niemand gekommen, der eingeladen gewesen wäre.“

„Darum hast Du Dir einen eigenen Ausweg gesucht?“

„So etwas in der Art. Ehrlich gesagt, ich bin ein Kontrollfreak. Und mit der ganzen Planung habe ich mich auch gut eine Woche von den Schmerzen abgelenkt. So habe ich das Gefühl, am Ende selber …“

Mir stockte der Atem, ich hatte nicht genug Luft zum Reden. Mittlerweile hatte sich so viel Laub auf den Geist gelegt, dass ich deutlich einen jungen Mann unter den Blättern erkennen konnte. Er setzte sich neben mich auf den Boden.

Ich flüstere: „Ist doch schön hier.“

Mir wurde schwarz vor Augen, aber ich roch den feuchten Wald. Laub, Moder, Pilz – früher der Geruch von Tod, heute der von Lebenwollen.

„Ich würde auch an keinem anderen Ort der Welt gestorben sein. Ich weiß, warum Du wirklich hierhergekommen bist“, stellte der Geist fest.

„Warum?“

„Damit Dich niemand finden muss.“

„Stimmt.“

„Du magst Menschen.“

„Ein paar.“

Wenn ich mir in den Oberschenkel zwicke, dann fühle ich nur einen Druck. Als würde mich jemand sanft berühren. Die Füße kann ich nicht mehr spüren, die Zehen kann ich nicht bewegen.

Ich drehe mich zu meinem Geist und sage:
„Ich wundere mich, dass hier überhaupt jemand außer mir gestorben ist.“

„Ach, mein Freund. Es gibt auf dem ganzen Planeten keinen Platz, an dem noch niemand gestorben ist. Der Tod hält das Leben in einer ewigen Umarmung. Er ist wie der Wind, der um uns herum bläst, nie an irgendeinem Ort, immer überall.“

„Du bist selber ein Philosoph!“

„Danke. Eigentlich war ich nur ein kleiner und sehr einsamer Soldat, vor vielen, vielen Jahren.“

„Und jetzt bist Du hier, um mich in letzter Minute davon zu überzeugen, nicht zu gehen, oder? Und erklärst mir, wie wichtig das Leben ist. Und dass es doch so viel gibt, wofür es sich zu leben lohnt. Und dann fasse ich neuen Mut und heile mich selber.“

„Wie bitte? Nein. Ich bin tot. War Dir das nicht klar?“

„Doch, doch. Tut mir leid, ich habe zu viele amerikanische Filme gekuckt.“

„Abgesehen davon bist Du schon halb tot. Wenn der Tod erst einmal Dein Herz erreicht hast, dann ist es vorbei. Dauert nicht mehr lang, würde ich einmal schätzen.“

Ich atme noch einmal tief durch. Die Beine sind gefühllos und ich habe Angst, dass das Zwerchfell bald auch taub ist. Mittlerweile sind die Gesichtszüge meines Geists zu erkennen. Aus dem Laub und der Erde hat sich ein sensibles Gesicht in den Wind gemalt, mit großen, weit auseinanderstehenden Augen und einem Kindermund.

„Warum bist Du hier?“

„Na ja, wie gesagt, ich war sehr einsam. Ich musste in einem Krieg kämpfen. Das war sehr unschön. Und meine Lieben …“

Mein Geist dreht das Gesicht in die untergehende Sonne und scheint nachzudenken. Mein Herz schlägt keinen gleichmäßigen Puls mehr. Es flackert.

„Ich bin geblieben, damit die Sterbenden nicht so alleine sind, wie ich es war.“
„Das ist aber sehr lieb von Dir.“ – Pause – „Vielen Dank.“
„Und jetzt bin ich ja gerade auch nicht alleine. Das ist auch ganz gut. Kurz auf jeden Fall.“
„Ach, warte es nur ab. Vielleicht hängen wir ja bald zusammen ab.“
„Wir hängen ab?“
„Vielleicht verbringen wir ja bald viel Zeit miteinander.“

„Das wäre schön. Denn, weißt Du …“

„Was?“

„Du irrst Dich. Du hast nicht recht, wenn Du sagst, man ist immer irgendwo. Das Nirgendwo, das gibt es. Das Nirgendwo ist ein wahrer Ort.“

„Gut. Ich glaube, ich verstehe. Dann treffen wir uns gleich dazwischen.“

„Gut. Lebe wohl.“


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