Mythos „Harte Arbeit“


Das Netz ist voller selbsternannter Erfolgs-Gurus. Warum wir zum Beispiel gerne Bücher, wie zum Beispiel „Wie man erfolgreicher Schriftsteller wird“ von Menschen, die selber völlig unbekannt sind, kaufen, das muss man nicht verstehen…

Das eine Erfolgsgeheimnis, dass einem aber alle immer wieder erklären, ist einfach: Hart arbeiten! Nur wer an der Grenze seiner Belastbarkeit ist, der verdient den Erfolg überhaupt. Alle anderen sind faule Versager!

Das ist ein Erbe der protestantischen Arbeitethik, die – untrennbar mit dem Kapitalismus vermischt – ein Re-Import aus den USA ist. Und, nebenbei, auch noch kompletter Bullshit.


Download der Episode hier.
Musik: „HARD WORK“ von MASTER SEE/ CC BY 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


Manchmal, wenn ich so unsere Kontoauszüge ankucke, dann erwächst in mir der leise Wunsch, es wäre eigentlich schon eine tolle Sache, erfolgreich zu sein. So richtig erfolgreich.

So erfolgreich, dass wir nicht nachdenken müssen, ob ich jetzt den stillen Wecker für € 15,- kaufe oder Du den neuen Wasserfilter für’s Aquarium. Das wäre eine tolle Sache.

Und dann, wenn wir dann erfolgreich sind, dann kommen die Reporter und werden uns fragen: „Frau Anders, Herr Wunderlich! Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?“

Und wir werden dann der Journalistin tief in die Augen schauen und sagen: „Harte Arbeit! Wir haben die ganze Zeit an uns geglaubt und ans morgenradio und wir haben hart gearbeitet!“

Die Journalistin schreibt das dann brav auf. Und irgendwelche jungen Persönlichkeitscoaches schneiden das Interview dann in ihre Motivations-Clips auf YouTube und verdienen damit Geld.

Und keiner wird sich gestört fühlen, denn das ist genau das, was man sagt, wenn man erfolgreich ist. „Harte Arbeit“ ist das Geheimnis des Erfolgs!“ Das ist gesellschaftlicher Konsens.

Dabei muss man sich nur drei Minuten hinsetzen und ein bisschen nachdenken, um zu wissen, dass das kompletter Bullshit ist. Das ist der große Mythos der Leistungsgesellschaft. Und der nutzt uns nicht, sondern der schadet uns.

Bei der Recherche zu dieser Sendung habe ich mir viele Interviews angesehen. Von den Erfolgreichen. Denn tatsächlich werden die Alle gefragt, was denn das Geheimnis ihres Erfolgs ist.

Das ist ja an sich schon eine niedliche Frage. Angenommen, Du wüsstest, wo ein Schatz versteckt ist und würdest davon ein bequemes, fettes Leben finanzieren. Weil Du Dir immer das Gold holen kannst, das Du brauchst. Und dann kommt jemand und fragt: „Wo ist eigentlich Dein Schatz?“

„Ja, also. Der ist rechts neben dem Spielplatz, am Maisfeld vorbei, zweihundert Meter bis zu der toten Eiche, dann vierhundert Meter durch’s Unterholz, bis Du auf einen riesigen Busch Brennesseln stößt. Da mittendrinnen liegt das Skelett von Jack Sparrow. Da ist der Schatz!“

Und diese Analogie ist nur soweit in Ordnung, wenn es ein Erfolgsgeheimnis geben würde. Ich will hier ja behaupten, das es das gar nicht gibt.

Wurstegal, was ich eigentlich erzählen wollte, ist die Geschichte mit diesen ganzen Interviews. Sei es Steve Jobs, George Soros, Elon Musk, Will Smith, Celine Dion, Oprah Winfrey, Dirk Novitzki, Pele, Muhammes Ali, Jack Nicholson oder Steven Spielberg: Alles sagen das Eine: Das Geheimnis des Erfolgs ist: Harte Arbeit.

„Du musst 200% mehr arbeiten als Dein Konkurrent!“ Sagt Elon Musk. Heißt, wenn der acht Stunden am Tag arbeitet, dann musst Du 24 Stunden am Tag arbeiten. Alleine dieses Rechenbeispiel erklärt, warum wir in unserer Gesellschaft ein Wort erfinden mussten für das, was wir mittlerweile „Burn-Out“ nennen.

Dirk Novitzki ist oder war einmal wenigstens Europäer. Der räumt immerhin ein, dass Talent und Motivation auch wichtig sind. 20% wäre das, so schätzt er. 80% sind natürlich harte Arbeit. Über die Tatsache, dass er vielleicht auch Basketballer geworden ist, weil sein Körper 2,13 m in der Höhe misst, darüber schweigen wir lieber.

Über Bill Gates oder Steve Jobs müssen wir gar nicht reden. YouTube ist voller Motivationsmusik mit Motivationsbildern und Motivationssprüchen von den beiden, dass man deren Originalzitate kaum noch findet. Und wenn man die ausgegraben hat, dann erzählen die auch von harter Arbeit.

Und so sind auch wir alle harte Arbeiter. Erfolgreich ist jemand, der sich alles Mögliche kaufen kann, aber gar keine Zeit hat, das zu genießen. Erfolgreich ist jemand, der so wenig Zeit hat, dass wir ein schlechtes Gewissen haben, ihn oder sie anzurufen.

Erfolgreich ist man, wenn man gar nicht weiß, wo einem der Kopf steht vor Arbeit. Wenn man immer „gerade eben keine Zeit“ hat. Wenn das Handy alle zwanzig Sekunden eine neue, wichtige Nachricht pusht und man den Kaffee kalt werde läßt, während man schnell eine Mail schreibt.

Egal, was man tut: Man muss nur an sich glauben und hart arbeiten!

Das erzählen einem hunderte und hunderte von Motivationstrainern und Leistungscoaches. Oder, noch besser: Persönlichkeitscoaches!

Das Geheimnis des Erfolgs zu verkaufen, ist mittlerweile eine Branche für sich. Ich habe im Ernst einen 19 Jahre alten YouTuber gefunden, der von seinen Persönlichkeits-Entwicklungs-Videos lebt. Und sein Erfolgsgheimnis weiterempfiehlt gegen Geld: Werde auch Du jemand, der anderen die Persönlichkeit entwickelt! Ist dabei völlig schnurz, dass Du selber keine hast! Weil Du die mit 19 Jahren auch gar nicht haben kannst, Du Pfurz!

Sorry. Macht mich ein bisschen aggressiv. Wirklich. Denn diese protestantische Arbeitsethik macht nicht nur die Leistungsbereiten kaputt, sondern auch die, die eben nicht leistungsbereit sind. Und das sind wir, wenn man die ganze Sache zu Ende denkt, alle nicht.

Siehe Elon Musk und die 24 Stunden harte Arbeit am Tag. Die einfache Tatsache ist die, dass diese erfolgreichen Menschen alle lügen. Nicht bösartig. Nein, sie fallen auf einen Trick der Psyche herein. Dazu später mehr.

Ich wollte zur protestantischen Arbeitsethik zurück. Und warum die so heißt. Denn das ist eine neue Erfindung. Und die ist durch die Industrialisierung leider zu einer Mördermaschine geworden. Unser moderner Kapitalismus ist quasi religiös.

Denn in der Antike gab es diesen Unsinn mit der harten Arbeit noch nicht. Harte Arbeit war das, was Sklaven machten. Und natürlich wurden aus Sklaven keine Kaiser.

Wenn man meinetwegen Julius Caesar gefragt hätte, kurz bevor er perforiert wurde, was sein Erfolgsgeheimnis ist… Na ja, den hätte man als Mensch in der Antike anders fragen müssen…

Welchem Gott oder welcher Göttin er seinen Ruhm verdankt – dann hätte der mit recht hoher Wahrscheinlichkeit die Fortuna genannt. Die Göttin des Glücks.

Die Römer waren nämlich echte Fortuna-Fans. Also nicht Fans der Fortuna Düsseldorf, sondern Anhänger eines Kultes für die Göttin, die ihr Gut so ungerecht und unverständlich auf der Welt verteilt.

Keine andere Zivilisation errichtete dieser Dame oder dieser Vorstellung, dass es im Leben auf Glück ankommt, so viele Tempel wie die Römer.

Und auch im Mittelalter, in einer Ständegesellschaft, wäre die Frage nach dem Erfolg für die meisten Menschen völlig unverständlich gewesen. Die Erfolgreichen waren adelig und das Geheimnis ihres Erfolgs war, dass sie so geboren wurden. Der erstgeborene Sohn eines Königs konnte schwachsinnig oder pervers oder stinkefaul sein: Er wurde der König.

Eine Tatsache, die übrigens ein sehr guter Erklärungsansatz für 2000 Jahre europäische Geschichte ist.

Erst mit dem Handel im späten Mittelalter änderte sich das. Erst als die Pfeffersäcke mehr Geld hatten als die Blaublütigen, begann man sich in den Studierzimmern die Frage zu stellen, was denn Erfolg im Leben ist und wie es zu diesem Erfolg kommt.

Und weil man damals, in der Regel auch noch religiös war, gab es zwei Deutungsansätze. Dieser Reichtum schadet einem beim Jüngsten Gericht oder aber auch nicht.

Ansatz A ist eigentlich verständlich, wenn man das Neue Testament nur ein bisschen kennt. Wenn Jesus mit einem bestimmten Soziotop so seine Probleme hatte, dann waren es die Reichen. Da muss schon erst einmal ein Kamel durch ein Nadelöhr kommen, damit ein Platz für einen Reichen im Himmel frei wird.

Das ist natürlich auch ein lösbares Problem, aber es ist keine Lösung bekannt, die beinhaltet, dass das Kamel, nachdem es durch’s Nadelöhr kommt, auch noch lebt.

Der Himmel war das Problem. Und gleichzeitig auch das Mittel um soziale Unruhen zu vermeiden. Denn hier auf Erden mag der reiche Seidenhändler ein Leben wie im Paradies führen, dafür kommt er aber nachher in die Hölle. Und die dauert erheblich länger.

Im Umkehrschluss war aber für den hungernden Bauern im Leben nach dem Tod alles gerichtet, damit er eine Ewigkeit so leben konnte wie der Seidenhändler noch hinnieden.

Doch da gab es auch eine andere Denkschule. Denn in der Bibel wimmelt es auch von Geschichten, in denen es den Menschen eher mittelmäßig bis richtig schlecht geht, bevor sie dann aber zu Gott finden. Und Gott dankt es ihnen stantepede und sie führen dann fürderhin ein glückliches Leben.

Also, so bemerkte der Scholastiker, kann man den gottgefälligen, frommen Menschen, schon daran erkennen, dass er in DIESEM Leben vom Allgütigen belohnt wird. Mit Glück, Gesundheit und einerm gefüllten Geldbeutel.

Diese Denkschule entstammt dem Protestantismus. Genau genommen sind die Calvinisten auf diese Idee gekommen. Aber auch in der Schweiz kam ein Herr Zwingli zu ähnlichen Ideen.

Und so entstanden viele Freikirchen und Gemeinden und Sekten mit ähnlichen Theorien. Ist ja auch das schönere Modell. Denn das mit dem Leben nach dem Tod klingt zwar echt super, hatte auch ein gutes Marketing. Aber die Beweislage ist doch, nüchtern betrachtet, eher dünn.

Viele dieser Gruppierungen wurden aus Europa rausgeekelt und so kamen diese ganzen Fundis im Laufe von Jahrhunderten in Amerika an. Wo sich dann die Gottgefälligkeit mit einem ordentlichen Schuss Kapitalismus mischte.

Dieser ausgesprochen dämliche Mix schwappt jetzt zu uns zurück. Und ist ein selbstverständlicher Teil von jedem Drehbuch, das in Hollywood gedrechselt wird. Und unsere Generation hat das schon verinnerlicht. Und dann eine Generation von Trotteln erzogen wie diesen 19 Jahre alten YouTube-Schnösel. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Nur durch harte Arbeit.

Alles eine Erfindung, die unsere Gesellschaft trägt. Weil auf diese Art nämlich die Erfolglosen schweigen. Indem wir Hartz-IV-Empfänger als Versager abstempeln, machen wir uns zu besseren Menschen.

Gäbe es nicht den Mythos, dass harte Arbeit das Rezept des Erfolg ist, schon längst hätten wir soziale Unruhen und Rebellionen. Denn die heutige Oberschicht ist winzig klein und sitzt auf dem Großteil der Ressourcen. Gegen das Großkapital sind die Adeligen Europas in Sachen Ausbeutung nämlich Anfänger.

Hier, wissenschaftlich belegbar, das wahre Geheimnis des Erfolgs. In sieben kleinen Schritten. Wer jedem dieser Schritte folgt, wird es zu etwas bringen.

Erfolgsgeheimnis 1: Komm mit einem gesunden, leistungsfähigen Körper auf die Welt! Stephen Hawking hin oder her, wenn Du körperlich behindert bist, hast Du keine Chance reich und berühmt zu werden.

Erfolgsgeheimnis 2: Komme mit einer gesunden, leistungsfähigen Psyche zur Welt! Denn, wenn Du depressiv, schizophren, Borderline, bipolar oder sonstwie nicht durchschnittlich bist, dann hast Du kaum eine Chance. Eine Ausnahme ist hier die narzisstische Persönlichkeits-Störung. Mit der kann man sogar amerikanischer Präsident werden.

Erfolgsgeheimnis 3: Komm in der westlichen Kultur auf die Welt. Denn, wenn Du in Südamerika, Afrika, breiten Gebieten Asiens oder am Nordpol auf die Welt kommst, sind Deine Karten ziemlich schlecht. Wer anderer Meinung ist, soll mir bitte sofort einen berühmten, reichen Mongolen oder Äthiopier nennen, der noch lebt.

Erfolgsgeheimnis 4: Komme intelligent auf die Welt. Viele Menschen glauben ja, Intelligenz wäre vererbbar. Isse aber nicht. Gene setzen ein gewisses Limit nach oben und nach unten. Aber die Eltern von Dirk Novitzki mit 2,13 waren genauso groß wie die Eltern von Lionel Messi und der ist nur 1,69 m. Akademiker bekommen dumme Kinder und Arbeiter intelligente. In den Siebzigern wussten wir das schon einmal, aber heute muss man das immer wieder deutlich sagen.

Erfolgsgeheimnis 5: Komme als Kind erfolgreicher Eltern auf die Welt. Das ist der wichtigste Faktor bisher. Denn Dein Lebensumfeld in Kindheit und Jugend wird Dich prägen. Die erfolgreichen Menschen aus den Favelas kann man an einer Hand abzählen. Aber die erfolgreichen Menschen, die aus amerikanischen Eliteunis kommen, das ist die Mehrheit des Jahrgangs.

Erfolgsgeheimnis 6: Vernetze Dich. Werde sichtbar. Das ist ein neuer Kandidat auf der Liste. Erst ein paar Jahrhunderte alt. Aber heute muss man da sein, wenn sich eine Chance bietet. Es reicht nicht, selber ein attraktives Angebot zu haben oder zu sein – die Menschen müssen das auch erfahren. Das ist so wie die meisten Gesprächen mit meinen Kunden früher. „Klar, ich kann Ihnen einen tollen Flyer layouten. Wenn der aber nur bei Ihnen im Besprechungszimmer liegt, dann hilft das nur mir und nicht Ihnen.“

Erfolgsgeheimnis 7: Arbeite nicht hart. Hart ist ein Arbeit dann, wenn sie an die Grenzen von dem geht, was wir leisten können. Wenn wir eine Arbeit wie von selbst erledigen, dann zählt das nicht als hart. Das ist der versteckte Masochismus in der protestantischen Arbeitethik.

Aber, wenn Dir die Arbeit so richtig hart vorkommt und so richtig schwer fällt, dann musst Du Dich nach etwas Anderem umschauen. Tut mir leid.

Das ist das sichere Rezept für Burn-Out, Depression, Suchtverhalten und ähnlichem. Und: Siehe Punkt Zwei – damit ein Anti-Erfolgs-Garant.

Und nun kommt der entscheidende Punkt:

Erfolgsgeheimnis 8: Habe Glück. Sudel. Fortune, Dussel, Massel, Schwein. Das muss man heute ganz besonders betonen. Aber wenn eines wirklich mies ist für den Erfolg, dann ist es Unglück. Pech. Schwarzer Peter, Unbill, Misfortune.

So. Das war unser Lebenscoaching für heute. Und noch eine Bitte: Solltet ihr mit unseren Tipps dann erfolgreich geworden sein, dann sagt im Interview bitte nicht, dass euer Geheimnis harte Arbeit war.

Das ist eine falsche Schlussfolgerung. Eine kleine, aber feine Selbsttäuschung. So versucht sich die Psyche von erfolgreichen Menschen zu rechtfertigen. Denn die sehen die Armen und Glücklosen, die Dummen und Gehandicappten und müssen sich die Welt innerlich schönreden.

Das ist der umgekehrte Effekt wie bei den Erfolglosen. Die haben alle immer nur Pech gehabt und suchen den Fehler dann meisten nicht bei sich selber.

Unsere Psyche meint es halt gut mit uns. Und darum glauben eben Elon Musk, Steve Jobs, Bill Gates und Dirk Novitzki halt den Scheiss, den sie da reden auch.